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Verschwindet das Land?

Der schleichende Tod des ländlichen Raums

Sommer 2005

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(c) Reinhard Winkler

 

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   Zum Bemerkenswertesten unserer Zeit gehört mit Sicherheit, dass sie trotz gewaltiger Produktionsmengen auf viele Ressourcen verzichten kann. Noch vor zwei, drei Generationen schien dies völlig undenkbar. Niemand konnte sich vorstellen, dass es einmal möglich sein würde, für immer noch vollere Regale zu sorgen und gleichzeitig Böden – und schlimmer: Menschen "stillzulegen".

Wie auch? Die goldenen Nachkriegsjahrzehnte gewöhnten an den Gedanken, dass sich die Prinzipien der Industriegesellschaft unendlich fortschreiben ließen. Vielleicht, so versichern die Ökonomen, würde dieser Prozess nicht immer ganz reibungslos verlaufen, die Umstrukturierungen könnten einige Augenblicke lang schmerzvoll sein; aufs Gesamte gesehen wären sie jedoch notwendig und hätten die Konsum- und Wohlstandsgesellschaft erst möglich gemacht. - Tatsächlich war man materiell besser gestellt als jemals zuvor. Man konnte sich Dinge leisten, von denen Menschen früher nur geträumt hatten. Und man konnte sie sich leisten, weil die nicht-konkurrenzfähigen Branchen und Produktionsweisen durch produktivere Mitbewerber geschädigt und schließlich in andere Bereiche verdrängt worden waren. Anders ausgedrückt: Weil immer weniger Landwirte die benötigten Lebensmittel immer billiger erzeugen konnten, blieben der Gesellschaft immer mehr Geld für den Kauf von Kohle und Stahl und immer mehr Arbeitskräfte, um diese zu produzieren; weil immer weniger Arbeiter Kohle und Stahl immer billiger lieferten, blieben immer mehr Geld für den Kauf von Radios und Autos und immer mehr Arbeitskräfte zu deren Herstellung. Und so fort.

     Alles in allem war die Geschichte der Industriegesellschaft eine fortlaufende Erfolgsgeschichte. Und nichts schien es bis dato zu rechtfertigen, sie nicht weiterzuerzählen. Die Wachstumszahlen stimmten ja und der Blick zurück konnte optimistisch machen.


(c) Hermann Maier

Die Blumenwiese ist ein bäuerliches Kulturprodukt, das die Artenvielfalt von "Naturlandschaften" in der Regel weit überragt. Durch die zunehmende Intensivierung der Wiesennutzung, d.h. durch höhere Düngegaben und die Zunahme der Schnitthäufigkeit, geht die Artenvielfalt der Wiese aber stark zurück, weil nur noch die fünf bis acht produktivsten und schnellwüchsigsten Futterpflanzen übrig bleiben.

     Doch dann kamen die 70er und die Industriegesellschaft schlitterte in die Krise. - Nicht dass die Wirtschaftsleistung seitdem jemals geschrumpft wäre (das BIP steigt ja nach wie vor an, wenn auch nicht mehr so steil wie zu Wirtschaftswunderzeiten) – nein, die Krise zeigt sich vielmehr dadurch, dass die Wegmechanisierung menschlicher Arbeitskraft, die Auslagerungen in Billiglohnländer und die Konzentration der Produktion auf weniger Hände nunmehr in einem Tempo erfolgt, dem man mit der Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten nicht mehr folgen kann. (Was, fragt man sich, soll überhaupt noch produziert werden?)

Freilich, was sich in Massenarbeitslosigkeit, dem forcierten Bauernsterben oder einfach der Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, so dramatisch äußert, wird im öffentlichen Raum kaum einmal als grundsätzliches Problem oder als Fehlentwicklung der Industriegesellschaft angesehen, sondern schlicht und einfach als falscher Umgang mit ihr und den sich verändernden ökonomischen Gegebenheiten. So nimmt man es einem Unternehmen dann auch nicht übel, wenn es noch größer oder noch "effizienter" werden will. Und selbstverständlich müssen Löhne, Umsätze und Gewinne jährlich steigen – natürlich auf Kosten anderer... - Beklagt wird dagegen die geringe Innovationskraft eines Landes, die mangelnde Flexibilität der Arbeitskräfte (und deren Verfestigung durch die, wie man meint, großzügigen Sozialhilfen) oder das fehlende politische Geschick, die "Wirtschaft anzukurbeln" und damit die Wachstumszahlen entsprechend zu erhöhen, kurzum: die unzureichende Anpassung an die "notwendigen" wirtschaftlichen Abläufe.
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 (c) Hermann Maier

Im kroatischen Opatija, hat mir kürzlich jemand erzählt, können die Frauen aus der Umgebung ihr Gemüse nicht mehr verkaufen, weil sie neuerdings Gebühren für den Standplatz zahlen müssen. Das erinnert mich an die Hygiene- und Sozialversicherungsverordnungen, mit denen man hier den Klein-Klein-Produzenten von Wurst oder Käse das Leben schwer macht. Wenn das so weitergeht, wird es bald das Natürliche nicht mehr geben, dass einer von seinem Baum die Äpfel pflückt und sie irgendwo am Straßenrand verkauft!


     Aber muss eine Entwicklung in jedem Fall richtig sein, nur weil sie den Mustern folgt, die den gegenwärtigen Wohlstand hervorgebracht haben? Oder kann sich ein erfolgreiches Konzept irgendwann so verkehren, dass es zum Fluch wird und ein Richtungswechsel unumgänglich erscheint? Ich erinnere mich daran, wie meine Großmutter von uns Jungen dafür belächelt wurde, dass sie stundenlang am Feld den Rechen zog wegen, wie wir meinten, "der paar Büschel Heu". Das Bewusstsein der Knappheit, das sich in ihrer Arbeit ausdrückte, ist uns längst fremd geworden. Zwar bestaunen wir nach wie vor, wie sparsam etwa die alten Städtebauer mit dem Bauland umgingen und wir sind fasziniert von der Tatsache, dass das Land bis in die schwindelerregenden alpinen Steilhänge hinauf bewirtschaftet wird, aber "notwendig" – notwendig erscheint uns das schon lang nicht mehr. Wir sind mit Traktoren und den verbesserten landwirtschaftlichen Methoden aufgewachsen und eigentlich ganz froh darüber, dass wir nicht mehr wie vor 50 oder 100 Jahren wirtschaften müssen.

 
(c) Hermann Maier

Franz Innerhofer: "Der Werfer musste Fuder um Fuder dem Stadler vor die Füße schmeißen, musste die Werfergabel in das Heu stoßen, anreißen, sich mit seiner ganzen Kraft an den Gabelstiel klammern, sich mit seinem ganzen Gewicht hineinhängen, stemmen, sich recken und sofort wieder nieder, hinein in das Heu und hinauf damit auf den Stock, kaum die Wagenbretter unter den Füßen, stand schon wieder das nächste Fuder da."


     Gleichzeitig breitet sich ein Unbehagen über die von der Marktgesellschaft hervorgerufenen Entwicklungen aus. Gerade in den so genannten strukturschwachen Regionen. Gerade auf dem Land. Eben haben wir noch über die Alten den Kopf geschüttelt, weil ihnen jedes Zipfelchen Land nutzvoll war, jetzt schütteln wir selbst den Kopf, wenn die herrlichsten Ackerflächen stillgelegt oder schlimmer: zubetoniert und zu großzügigen Parkplätzen irgendeines Supermarktes werden. Wir sehen, wie durch die Zurichtungen für den Markt vieles von dem verschwindet, was wir an der traditionellen Landbewirtschaftung so geschätzt haben, sei es nun die Zurückhaltung im Umgang mit der Natur, die abwechslungsreichen Kulturlandschaften oder ihr Hang zur Eigenversorgung. (Und wir sehen auch, wie die durch Produktivitätssteigerungen "freigesetzten" Arbeitskräfte sich entgegen der Theorie nicht daran machen, weitere Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen, sondern zu Arbeitslosen werden, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind – wenn sie Glück haben.)

Allen Bedenken zum Trotz versuchen wir dann aber doch mitzuschwimmen. Immerhin ist man heute vom Markt abhängig und nicht mehr vom Boden. (Die Subventionspraxis hat diese Zurichtung im Übrigen viel zu lange gefördert.) Das Bewahren, heißt es, können wir uns bei Bräuchen und Dirndkleidern leisten, aber nicht in Wirtschaftsfragen. ("Mit Laptop und Lederhose!", Edmund Stoiber) - So intensivieren wir also; haben 10 000-Liter-Kühe in der Herde. Wir spezialisieren uns; lassen das Getreide, den Garten und die Hühner sein. Und wir warten darauf, dass wieder einer seine Stalltür schließt, um seinen Grund zu pachten.

     Den Letzten beißen die Hunde, das wissen wir. Und irgendwann sind wir vielleicht selbst die Letzten, weil wir nicht mehr mithalten können mit den Preisen in den Supermarktregalen. Wir leben beispielsweise in den Alpen und werden feststellen müssen, dass das Einrichtungshaus, das dort am Ortseingang entstanden ist, sich unser Holz für seine Möbel "nicht mehr leisten kann". Oder wir erkennen, dass wir den Emmentaler – so sehr wir uns bemühen –, nicht so billig wie die Konkurrenz erzeugen können, weil uns dafür Klima und die Grundstücksgrößen fehlen...

 (c) Hermann Maier

Für die traditionellen Gesellschaften war es so selbstverständlich wie notwendig, die regionalen Ressourcen zu nutzen. Wer heute in ein Geschäft geht, findet dort nichts Regionales mehr, es sei denn, dieses Regionale ist "konkurrenzfähig" und in den nötigen Quantitäten herstellbar.


     Die Industriegesellschaft hat uns in der Tat von vielen Zwängen befreit.Wir müssen heute nicht mehr alles selbst herstellen und auch nicht mehr den allerärgsten Steilhang nützen. Die Industriegesellschaft hat uns gleichzeitig genötigt, die Produktion zu spezialisieren und in die Gunstlagen zu verlagern; so hat sich die Produktion auf die ebenen und fruchtbaren Flächen konzentriert. Und allmählich wird klar, dass der "Rückzug aus der Fläche", d.h. die Konzentration der Produktion auf immer weniger Plätze, ganze Regionen überflüssig machen kann. Ja mehr noch: Eric Hobsbawm, der renommierte Historiker meint, es gebe heute "für die Vertreter des Wirtschaftsliberalismus keinen ökonomischen Grund [mehr], weshalb Frankreich nicht seine Landwirtschaft schließen und seine gesamten Nahrungsmittel importieren sollte."

So verschwinden das Land und seine Leute.

Die in diesem Schwerpunkt gesammelten Beiträge beschäftigen sich mit sehr verschiedenen Aspekten des Verschwindens von Land. Wobei die Autoren in der Regel nicht stehenbleiben beim bloßen Feststellen eines Prozesses, sondern darüber hinaus in aller Deutlichkeit aufzeigen, dass es auf dem Land durchaus etwas Bewahrenswertes, etwas "Konservierenswertes" gibt. Viele werden darin ein Nachhutgefecht, sehen, wir aber glauben, dass es sich lohnt, dafür einzutreten, dass das Land als eigenständiger Lebens- und Wirtschaftsraum erhalten bleibt und man seine dezentral-flächenhafte Nutzung beibehält!

     Freilich sollen dem Leser hier keine Einsichten aufgezwungen werden, vielmehr hat diese Artikelsammlung den Zweck, über gewisse Dinge, die unser Leben ganz entscheidend beeinflussen, neu nachzudenken: sie wieder zu debattieren. Manche Beiträge sind lang und komplex, es bedarf einiger Anstrengung, sie zu fassen. Trotzdem erscheinen sie uns als lesenswert, um nicht zu sagen lesensnötig.

Hermann Maier

 

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