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Vasile V.
Poenaru
bardaspoe [at]
rogers.com
geboren
1969, zweisprachig
aufgewachsen, Studium der
Germanistik in Bukarest,
darauf Verlagsarbeit und
Übersetzungen. Lebt
in Toronto.
Je mehr ich mich bewegte,
desto fester zog sich die
Schlinge. Die Nachricht an
das widersetzliche Rädchen
im Getriebe? Hier geht’s
lang. It's the law.
Anfang März hatte ich mich
zu stellen. Keine weiteren
Angaben. Keine überflüssige
Höflichkeit. Erst an Ort und
Stelle werde man über den
rechtlich angemessenen
Verlauf der Dinge
unterrichtet.
Linktipp
www.youtube.com/
watch?v=V-JPNJutwms
Ein netter Herr lässt mich
erst einmal laufen, ein
anderer, nicht so netter
Herr fängt mich ab, beglei-
tet mich wieder zurück.
Weg? Von wegen! Nur der
Richter darf die Entschei-
dung treffen.
Die Anklage wird verlesen.
First-degree murder. Die
zwei angeklagten Gentle-
men sollen in einem
Lyzeum in Toronto einen
Schüler ermordet haben.
"Danke, dass Sie gekom-
men sind, um Ihrer recht-
lichen Pflicht zu genügen.
Um diejenige, die unserer
Einladung nicht Folge
leisteten, werden wir
uns schon kümmern."
"Unsere Soldaten riskieren
ihren Kragen in Afghanis-
tan", schweift der Untersu-
chungsrichter ab und lässt
es auch gleich mal auf ein
politisches Statement
ankommen, "im Dienste
der Freiheit und Demo-
kratie."
Ist man dazu bereit, unter
Umständen einen Menschen
zu langer Haft zu verurtei-
len, der einen dann leicht
ausfindig machen kann,
werden doch Name, Beruf
und Wohnort aller Geschw-
orenen in aller Öffentlich-
keit vorgelesen ... |
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Ich schrieb dem
Sheriff zurück, gab zu bedenken, dass meine wachsende Familie zur Zeit ein
zusätzliches Engagement meinerseits nicht verkraften würde, gab zu bedenken,
dass ich sowieso nicht ganz bei der Sache war und dass sich möglicherweise
geeignetere Kandidaten dazu finden würden – aber der Mann ließ nicht mit
sich reden (nun gut, Sheriff, das ist heutzutage, wie Magistrat, kein
Mensch, sondern eine Institution).
"Aha! Noch einer, der sich drücken will", dachten sich
die wachsamen Amtsmänner – und warfen das Lasso. Je mehr ich mich bewegte,
desto fester zog sich die Schlinge. Die Nachricht an das widersetzliche
Rädchen im Getriebe? Hier geht’s lang. It's the law. Und
gegebenenfalls könne das System auch anders, ja auf der Einladung (denn eine
Vorladung war es doch hoffentlich nicht) stand sogar etwas von Tausenden
Dollar Strafgeld, und das Wort Gefängnis war da just in case auch zu
lesen. In einer Nussschale ließen sich die impliziten und expliziten
Drohungen an den möglicherweise der Rechtssprechung unwilligen oder
unfähigen Staatsbürger wohl am besten durch die beliebte Phrase der
amerikanischen Ganovenfilme zusammenfassen: "Or else." Mein Name blieb auf
der Liste; irgendwann werde es dann so weit sein.
M onate
vergingen, ohne dass sich was tat. Inzwischen buchte ich in aller
Harmlosigkeit (und ohne auch nur das Geringste gegen den Sheriff im Schilde
zu führen) meinen Familienurlaub im guten, alten Europa, das bekanntlich in
erster Linie aus meinen zwei Heimaten, Österreich und Rumänien, besteht.
Land der Apfelstrudel (und der Sachertorte), Land der Kormorane (und der
Krautwickler). Wenige Tage später kam ein zweiter Brief. Anfang März hatte
ich mich zu stellen. Or else. Keine weiteren Angaben. Keine überflüssige
Höflichkeit. Erst an Ort und Stelle werde man über den rechtlich
angemessenen Verlauf der Dinge unterrichtet. Ob ich die Flugkarten
rübermailen dürfe? Nein. In Person vorstellig werden. Or else. Alles weitere
ergebe sich dann an Ort und Stelle.
Also hingehen. Die Obrigkeit versteht nämlich keinen Spaß
und der vorbildlich fügsame Staatsbürger muss müssen, um mal ausnahmsweise
mit Lessing (und Schiller) zu sprechen ("Kein Mensch muss müssen") – genauer
gesagt, gegen Lessing und Schiller, denn der Mensch, in diesem Falle ich,
muss ja. Es handelt sich immer um eine erhebliche Straftat, wenn die Leut’
dafür eine Jury zusammentrommeln.
W as
einer im Vorfeld der Rechtssprechung zu sehen bekommt? Eine lange, eine
sehr, sehr lange Schlange, die von Weitem aussieht wie ein Prozessionszug
der Verurteilten. Ich stutze. Beim näheren Hinschauen wird klar, dass es
sich dabei um meine fellow jurors handelt, das heißt, um Mitglieder des Jury
Panel (der Gruppe der potentiellen Geschworenen, aus denen dann das
Geschworenengericht zusammengestellt wird), von denen ein jeder – so wie ich
– eine Nummer hat. Ich bin Juror #29590 (Panel 46).
Da zur Auswahl der Jury Hunderte Leute angeschrieben
wurden, sind die Räumlichkeiten an der University Avenue in downtown Toronto
unzureichend, weswegen nun die erste Sitzung beim Metro Toronto Convention
Center an der Front Street, in unmittelbarer Nähe des Ontariosees und des
CN-Turms, stattfindet. Ich habe meine Flugkarten mit, zeige sie vor, will
weg. Ein netter Herr lässt mich erst einmal laufen, ein anderer, nicht so
netter Herr fängt mich ab, begleitet mich wieder zurück. Weg? Von wegen! Nur
der Richter darf die Entscheidung treffen. Es geht nach rechts, in ein
Amphitheater. Ich wähle mir einen zentralen Platz, um doch wenigstens alles
mitzubekommen, wenn ich schon mal da bin. Die Zeit vergeht.
W ie
die Menschen in Toronto sowas hinnehmen? Der Mann zu meiner Linken spricht
mit der Frau zu seiner Linken – über einfache Dinge. Ich höre ihm gerne zu.
Er war früher mal Taxifahrer gewesen, hilft jetzt als Rentner freiwillig bei
der Wartung eines Altersheims. Anders als die Dame hinter ihm ("Was erlauben
die sich da? Ist unsere Zeit denn wertlos?") regt er sich nicht auf.
Trotzdem: "There’s got to be a better way to do this." Es muss eine bessere
Art und Weise geben, das zu tun. Recht hat er.
Irgendwann wird der Vorhang gezogen und die gut
beleuchtete Bühne kommt zum Vorschein. Der Richter in der Mitte, ein paar
Staatsanwälte zu unserer Rechten, zwei Verteidigungsanwälte zu unserer
linken Seite, dazu die zwei Angeklagten und ein paar Polizisten. Auf einmal
brüllt die Gerichtsschreiberin, die vor dem Richter sitzt: "Hear ye, hear
ye!" Alles mal herhören! "Whoever has business with Her Majesty the Queen
shall speak now!" Und so weiter.
B usiness
with her Majesty the Queen: sonderlich veraltet. Unzeitgemäß. Theatralisch
inszeniert klingt das – und irgendwie nicht ernsthaft genug, denn
schließlich geht es ja hier um eine Straftat, und nicht um die aus einem
anderen Zeitalter so halb und halb hängengebliebene Etikette am fernen Hof
der britischen Königin, die sowieso offensichtlich mit diesem Prozess nichts
zu tun haben will. Hear ye, hear ye! Dass das auch heute noch so gemacht
wird, wundert mich. Tja, mit der Queen habe ich persönlich nichts zu
schaffen, sage ich mir (obwohl ich ihr als Zugewanderter – wie alle
Eingebürgerten – bei der Staatsbürgerschaftsverleihung Treue schwören
musste), und will schon aufstehen und den Saal verlassen.
Geht nicht. Court in session. Die Anklage wird verlesen.
First-degree murder. Die zwei angeklagten Gentlemen sollen in einem Lyzeum
in Toronto einen Schüler ermordet haben. Der Richter will wissen, wie die
zwei angeklagten Gentlemen dazu stehen: Not guilty. Not guilty. Wir werden
in Gruppen eingeteilt. Nächste Woche soll das Auswahlverfahren des
Geschworenengerichts beginnen. Jedes Mitglied der Jury muss Anklage wie
Verteidigung von seiner Zumutbarkeit überzeugen, was an sich eine heikle
Angelegenheit ausmacht, denn wer will schon in einer solchen Jury sein?
"D anke,
dass Sie gekommen sind, um Ihrer rechtlichen Pflicht zu genügen. Um
diejenige, die unserer Einladung nicht Folge leisteten, werden wir uns schon
kümmern." "Haue?“, frage ich mich. Und weiter geht’s: Rechte der
Angeklagten, Verpflichtungen der Anklage, Aufgabe der Geschworenen:
unvoreingenommen zuhören, den Sachverhalt aufgrund der Beweisführung
nüchtern beurteilen, das Urteil fällen. Guilty or not guilty. Von Mitte März
bis Ende April dürfe der Prozess wohl dauern. Jeden Tag so an die sechs
Stunden – oder eben doch fast jeden Tag. "Unsere Soldaten riskieren ihren
Kragen in Afghanistan", schweift der Untersuchungsrichter ab und lässt es
auch gleich mal auf ein politisches Statement ankommen, "im Dienste der
Freiheit und Demokratie." Und ich frage mich schon: Propaganda für den
verlorenen Krieg? Jetzt? Hier? Doch nein: Die von der zweiten Staatsgewalt
(der ausübenden) in die dritte (die rechtsprechende) eingeschmuggelte und
als Patriotismus verpackte Parteilichkeit in Sachen Kriegsführung und
Rückzugsverschönerung wird nur kurz als Argument gegen den latent spürbaren
Trieb zur Fahnenflucht in den Reihen der Geschworenen in den Raum gestellt.
"Das von Ihnen geforderte Opfer ist verhältnismäßig gering."
Oder auch nicht. Dass der Richter aber überhaupt so mir
nichts, dir nichts vom auf mehrfacher (und zwar wohlgemerkt u.a. auf
rechtlicher) Ebene ja durchaus umstrittenen Krieg in Afghanistan wie von
einer moralisch und rechtlich einwandfreien, guten Sache zu sprechen kommt,
hört sich in diesem Zusammenhang unbehaglich doktrinär an. Wie dem auch sei,
jetzt weiß ich wenigstens, worum es geht, und vor allem auch, dass ich zu
Beginn des Prozesses im Ausland sein werde. Auf meine Flugkarte will aber
auch jetzt keiner schauen. Nur der Richter darf’s. Aber nicht heute. Nächste
Woche. Privat sprechen? Geht nicht. Wir haben ja hier keine Geheimnisse.
Klar, während der nächsten Sitzung.
Ü bers
Wochenende mache ich mir Gedanken über die großen Themen Gerichtsbarkeit,
Queen, Treue, Untertan, Krieg (und das damit offensichtlich verbundene
absolute politische Engagement der Justiz), Beweisführung, Urteilskraft,
Zumutbarkeit und Mord – und über die Gesichter der mutmaßlichen Mörder,
denen man eigentlich vorbehaltlos entgegenblicken sollte, wenn man’s recht
bedenkt; die Gesichter der mutmaßlichen Mörder, die mich jetzt kennen (ja,
man wird vorgestellt). Ich selber fliege bald. Trotzdem: Die Gewissensfrage
an der Superior Court of Justice beschäftigt mich. Kann man, will man, ja
darf man einen Mitmenschen überhaupt verurteilen? Und die praktische, die
vernünftige Frage: Ist man dazu bereit, unter Umständen einen Menschen zu
langer Haft zu verurteilen, der einen dann leicht ausfindig machen kann,
werden doch Name, Beruf und Wohnort aller Geschworenen in aller
Öffentlichkeit vorgelesen, sodass es in unserem Zeitalter des zügigen
Informationsverkehrs wohl in den meisten Fällen ein Leichtes sein dürfte
dürfte, anhand dieser Daten die Adresse, die Telefonnummer und die
Schuhgröße sowie die Veröffentlichungsliste des Kerls zu ermitteln, der
einen als äußerst gefährlich eingestuften Verdächtigen für lange Zeit ins
Gefängnis schickt – oder eben doch vorsichtshalber mal lieber nicht.
Aber, wie gesagt, ich fliege ja. Nur darf einer nicht
einfach abhauen, sondern man muss rechtmäßig und rechtskräftig veranlassen,
dass der Name von der Jury Panel List entfernt wird. Am Dienstag gehe ich
also wieder brav hin zum Gericht und wende mich an den Untersuchungsrichter,
der jetzt auch gerne mit sich reden lässt – in aller Öffentlichkeit, da es
sonst nicht geht. Ich zeige die Flugkarte vor. Der Richter liest mit lauter
Stimme, was auf der Flugkarte steht. Dann entbindet er mich meiner Pflicht
als Geschworener. Ich bin weg.
H ab
mir auch eine Bescheinigung ausstellen lassen (Certificate of Juror’s
Attendance): "This is to certify that the above-mentioned juror was present
at the sittings of the Superior Court of Justice on the following dates:
March 4th and March 7th, 2011 and will be or has been paid $ _____NIL_____
for these services." (9.3.2011, Sheriff, Toronto Region)
Für mich hörte die Geschichte so auf: Mitte März flog ich
nach Wien. Eine Woche später begannen die Gerichtsverhandlungen in "meinem"
Mordfall und Ende Mai war dann schließlich nach langem Hin und Her alles
vorbei. Die zwei des Mordes bezichtigten Gentlemen wurden freigesprochen, da
es sich die Kronzeugin inzwischen anders überlegt hatte und nun doch nicht
mehr gesehen haben wollte, was sie ursprünglich zu sehen geglaubt hatte.
Plusquamperfekt. Schnee von gestern.
Zuerst erschienen in: Der
Lichtwolf, Nr. 36, Winter 2011/12 |
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