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Québec: eine Ausweitung

Ob nun tiefenpsychologisch, historisch, sprachlich, geographisch oder auch ganz
persönlich: Der Zugang zur schönen kanadischen Provinz
(La Belle Province) gelingt jedem
ein wenig anders.
Gemütlich, ja bisweilen gemächlich, kraftvoll und zugleich unwahrscheinlich
besänftigend eröffnet sich jedem Québec-Besucher eine Perspektive auf mehr
als nur ein tüchtiges Stück Landschaft, Kultur und Geschichte.


V
on Vasile V. Poenaru
(26. 04. 2013)

...


Nach und nach werden mir Dinge einfallen, über die ich in
meinem Gedächtnis lange nicht mehr verfügen konnte,
und Dinge, die ich gar nicht erlebt habe und trotzdem zu
den Tatsachen meines Lebens zähle. Getreulich werde
ich bei meinen Erinnerungen bleiben, um mir die Kindheit,
die mich bis ins Alter begleiten soll, zu erfinden.
(Karl-Markus Gauß, Ruhm am Nachmittag)

   Time to put it all on paper: Wer ich bin, wo ich herkommme, warum ich hab, was ich hab (Vorgeschichte, Ideen, Ideale, Familie, Freunde, Fragezeichen, Kreuzer), warum ich will, was ich will – und wer daran schuld ist, dass ich zwar tun kann, was ich will, aber nicht wollen kann, was ich will. Klammer zu. Stimmt, das ist gar nicht von mir, das war der Denker. Ich denke nicht, ich tue, wie mir geheißen. Ich ging den Weg entlang, der einsam lag ... Stimmt schon wieder, das ist auch nicht von mir, das war der Dichter. Dichter machen Gedichte, sie gehen nicht – so wie ich – ins kanadische Dickicht.

Nebenbei: Der ruhmvolle Mann, den ich in meinem erbaulichen Motto zitiere, ist einer der nettesten Menschen weltweit, obwohl er Österreicher ist (das letzte Mal hab ich ihn de facto zu Hause überfallen, und er hat mir trotzdem die Tür aufgemacht – oder vielleicht konnte er sich einfach nicht schnell genug verbarrikadieren, ich werde es wohl nie so genau wissen). War selber mal Österreicher ... Moment, warum wollen Sie das im Präteritum haben? Berichtigung: Bin Österreicher. Once an Austrian, always an Austrian. Weg sein bedeutet in meinem Falle da sein. Fliege nur mit Austrian Airlines. Sag nicht Kaffee, sondern Café – auch zum Getränk. Spaziere auf dem Trottoir, esse Paradeiser, bin noch französischer als der Kaiser ... Aber der Kaiser ist ja gar nicht französisch, er tut nur so, weil er meint, das sei schick. Die Queen spricht kaa französisch, die meint nämlich, das sei net schick. And that’s just not something you would do in the Commonwealth. Rührend. Diese Welt schmerzt. Und ist dabei doch die bestmögliche. Freilich: Hinter dem Ozean eine andere Welt! Auswandern. Identitätswechsel. Robbe töten. Kanadier werden, von Fort zu Fort laufen, bei Second Cup einkehren. Noch einen, bitte! Jetzt bin ich hier, wollte sagen da: drüben. Over there! Da drüben.

   Ein Ahorn, ein Wasserfall, ein Eisbär, ein CN-Turm, ein Chicken Burger, ein Kleinmünchener nicht-bajuwarischen Schlages: What is there more to say? Dass ich Kanadier bin, darf ich in meiner eigenen Sprache sagen. Möglicherweise kann ich aber meine eigene Sprache gar nicht mehr (cause that was way back, in the old country), möglicherweise kann ich kein Englisch und auch kein Französisch – oder jedenfalls kein gutes. Halb so schlimm, im zweisprachichen Land der Großen Seen geht man nicht unter – soweit das Kanu dicht hält, was wir auch hoffen wollen. Mit Seemannskost und Rum (einen tüchtigen Schluck schon früh am Morgen, und dann erst recht am Nachmittag) haben es sich unsere Vorfahren gut gehen lassen, als sie hierhergefahren sind. Sozusagen vorgefahren sind. Also dann: ein Land zum Bleiben? Oder ein Land zum Verweilen. True patriot love, das braucht der Mensch, und ein vielgeliebtes Kaiserreich. Dann sagt der Kaiser: Es reicht!

Comment ça va? Comme ci, comme ci, comme ci, comme ça . . . Ich war zwar öfters in der schönen Provinz, habe aber (in den letzten vierzehn Jahren, genauer gesagt in meiner Kanada-Zeit) nie dort, sondern stets nur in Toronto gewohnt. Warum soll also gerade ich die Autobiographie der Hauptstadt der Provinz Québec schreiben, wo ich doch nicht einmal meine eigene Autobiographie schreiben kann? Und: Soll ich einen wahrheitsgetreuen Bericht erstatten oder lieber was erfinden? Die Stadt selbst kann jedenfalls nicht über sich schreiben, das muss schon einer machen, der, so wie ich, irgendwie weit ausholend empfindet: Ich bin ein Teil von jener Stadt.

Tell a simple story, weiß der Leumund in den Prärien zu sagen. An den Lagerfeuern lauschen die Trapper. Rechtschreibreform. Deppenapostroph. Geschichtsschreibung, Geschichtenschreiben. Lebenslauf. Ein Leben lang laufen.

   Wo darf ich anfangen? Ach ja, natürlich, mit meiner Kindheit! Delawaren und Irokesen, Fallensteller und Rothäute. Aufgehende Sonne und untergehendes Geschlecht. Amerika, du hast es besser als unser alter Kontinent (auch das hat ursprünglich ein anderer gesagt, doch jetzt gehört der Satz mir: Made in Canada). So beginnt meine Geschichte.

Vieux Québec: der schönste Ort in Kanada – oder doch jedenfalls das schönste städtische Vorzeigestück im Land der Großen Seen, das bis zur Ankunft des weißen Bruders und darüber hinweg ein Land der Wasserwege war. Spaziert man die breit angelegte Terasse Dufferin entlang (nach Lord Dufferin, dem dritten Generalgouverneur von British North America und Vizekönig von Indien, benannt), so reicht der Blick, so greift der Blick weit über den St.-Lorenz-Strom hinweg, bis ans rechte Ufer, wo sich die Region Chaudière-Appalaches befindet, eine der 17 offiziellen Regionen der Provinz Québec, und weiter bis nach Île d'Orléans, der Insel, nach der sich der St. Lorenz wie ein Trichter ausweitet und zunehmend salzig schmeckt, bevor er sich dann Hunderte Kilometer später in den Atlantischen Ozean ergießt, in den Ozean, zu dem seine Wasser, die Wasser der Großen Seen, doch schon längst geworden sind. Talk about a mix.

   Nicht nur die keine 200 km flussabwärts (und somit immer noch Hunderte Kilometer vom Ozean entfernten) zum Entzücken der Reiseveranstalter ungeniert tobenden, ja bei Tadoussac/Fjord Sagenuay zu gewissen Zeiten wie allgegenwärtigen Beluga-Wale, sondern auch die allergrößten Lebewesen unseres mittelgroßen Planeten, die Blauen Wale, nennen den Strom ihr eigen, oder doch jedenfalls ihr Zuhause. An Pracht soll es der schönen Provinz (La Belle Province) folglich kaum fehlen. Gemütlich, nein gemächlich, kraftvoll und zugleich unwahrscheinlich besänftigend eröffnet sich hier eine Perspektive auf mehr als nur ein tüchtiges Stück Landschaft, Kultur und Geschichte.

Die Altstadt von Québec ist immer ein gutes Essen wert, etwa bei den alten Kanadiern, Aux Ancient Canadiens, da man in diesem in einem schon im siebzehnten Jahrhundert errichteten Haus, Maison Jacquet, untergebrachten Restaurant nicht nur ein Drei-Gänge-Special (dazu ein Gläschen Wein) zu einem sogar für den Mann auf der Wasserstraße gerade noch erschwinglichen Preis genießen kann, sondern auch mal in aller Gelassenheit und bei sich zunehmend füllendem Magen in die Vergangenheit zurückblicken darf, um zu sehen, was sich früher hier so alles getan hat und was für eine Bewandtnis es mit all that remembering business hat, um es in der Sprache der Eroberer zu sagen, die immerhin die Sprache fast aller in den Bann der Stadt geratenen Touristen ist. Aux Anciens Canadiens, der Name wurde vom Titel eines Romans abgeleitet: "Les Anciens Canadiens"; dessen Autor, Philippe-Aubert de Gaspé, wohnte im frühen neunzehnten Jahrhundert im Haus.

   Ein bisschen weiter weg, jenseits der alten Stadtmauer, steht General de Gaulle, der nach den erfolgreichen Unabhängigkeitskämpfen der Nordafrikaner und dem Verlust der dortigen französischen Kolonien seine Aufmerksamheit der kanadischen Provinz Québec widmete, die ja einst – ja freilich: vor Jahrhunderten – französisch war und die er, de Gaulle, nun ungern auf der kanadischen Landeskarte sah, sodass er folglich die offizielle Einladung zur Expo 67 (Montreal) missbrauchte, um seinen Vive le Québec libre Speech zum Besten zu geben – worauf er dann freilich prompt ausgeladen wurde. Er kehrt der Grande Allée den Rücken, blickt auf Les Plaines d’Abraham, wo ein anderer französischer General, Montcalm, im 18. Jahrhundert die Schlacht um Québec verlor. Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis.

Die Entertainer vom Aquarium du Québec rächen sich für die Niederlage von Les Plaines d’Abraham. Erst fragen sie, ob es unter den Anwesenden Zuschauer gibt, die nur Englisch können. Dann reißen sie auf Französisch Witze über Leute, die nur Englisch können (die Eintrittskarte aber immerhin mit echten Sous bezahlt haben). Und erst dann darf die Show anfangen.

   Rüber zu Ludwig dem Vierzehnten, der in der Place Royale (in Vieux Québec) nach dem Rechten schaut, wo es natürlich auch eine Kirche gibt: Notre Dame des Victoires. Den Kleinen Champlain runter, das Vorzeigeviertel der Vorzeigestadt: Le Petit Champlain, Kanadas Getreidegasse (wie so vieles hier nach Samuel de Champlain, dem Gründer der Stadt – wie im weitesten Sinne der gesamten Nouvelle France, benannt). Auch dies der schönste Ort in Kanada. Kann das, darf das sein? Das Ewigfranzösische zieht uns hinan.

Im Land der Kanus, im Land des letzten Mohikaners, im Land der Fallensteller gewöhnt man sich an den Umgang mit Aporien. Manchmal irren wir uns in der Ausmessung der Welt, in der Erfassung der Ereignisse, die unser Schicksal, die uns selber ausmachen. Wir erinnern uns an die Schlachten, an die Siege, die unserer kanadischen Nation (What’s that?) sozusagen den Weg ins Begriffliche ebneten, die unsere kanadische Identität stifteten: an den 1812 gegen die Amerikaner erzielten Sieg (wird südlich der Großen Seen anders gesehen), an den gegen die Franzosen erzielten Sieg (wird in der Belle Province anders gesehen), an den Sieg in Afghanistan (wird in Europa anders gesehen). Manche Autobahn, die früher anders hieß, heißt seit ein paar Jahren Autobahn der Helden. Ein Gleichnis des Vergänglichen?

   Wir erinnern uns an vieles. Und auf den Autoschildern in der Provinz Québec steht Je me souviens. Aber damit ist ja schon wieder etwas anderes gemeint. Calling to mind: Das kollektive Erinnerungsvermögen ist eben a tricky thing, denn woran sich der Einzelne besinnt, ist wohl kaum gesagt – besonders wenn Ideologen und/oder Propagandisten mitmischen. Und das millionenfache Je me souviens auf Québecs Straßen reicht weit über das eigene Leben der Fahrer (und Insassen) hinweg, greift tief hinein in die Ursprünge – und das heißt hier buchstäblich auch: tief in den Urwald hinein – wo unser städtisches Lebensgefühl einst geformt wurde, ja immer noch geformt wird.

Sich erinnern können, darauf kommt es immer an – jeder auf eigene Faust oder eben alle im Chor – als streamlining der Vergangenheit, als Selbstsetzung der Identität (Es. Ich. Über-Ich. Dickicht.), als .... Über was? Oder: Über wen? Say it in English, dude! Over-I! Over-I? ... Halt! Irgendwas ist morsch in diesem Kanu, das klingt ja ganz und ganz nicht tiefenpsychologisch, das klingt auch nicht nach kollektivem Unbewusstsein, das klingt einfach blöd. Wir sind nicht blöd. Wir wollen ja strenggenommen nur mal ganz kurz ... also darf ich mal einen Augenblick lang verschnaufen? Bin ins Keuchen geraten. Es ist ein ausgedehntes Land.

No English! No English? Nun gut, dann eben auf gut Deutsch – oder am allerbesten auf gut Deitsch, denn schließlich ist ja wenigstens der östliche Teil Kanadas (das Ostreich der Großen Seen) ein Land am Strome. Ein zugegebenerweise subjektiv formulierter Wahlspruch? Mir san Kanadier! Auch große Länder waren einmal klein. Kanada: eine junge Nation, an deren Zukunft man sich in vielen Sprachen erinnert. Collective memory. Oder: the politics of memory.

   Wo wir herkommen. Wo wir hingehen. Was soll’s? In Wildtöters Laufschritt vernimmt der Chronist die Genealogie des Geschlechts der Schildkröte, in Achilles’ Ferse das Schulterblatt des Drachentöters, in Marshall McLuhans kaiserlicher Nachricht den unentwegten Schlachtruf, den unentwegten Todesschrei im globalen Indianerdorf. Frisch ausgedrückt: In unserem tüchtigen Stück Autobiographie stecken viele andere mit drin, genauer gesagt die anderen, von denen jeder seine eigene Geschichte im Sack hat, die aber nicht nur seine Geschichte ist, sondern in erster Linie eben auch unsere Geschichte – und manches von dem, was mal war, müssen wir uns halt einfallen lassen, auf dass es so richtig sei und uns auch bis ins Alter begleite, wie der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß, ein weiser Oberhäuptling der schreibenden Spezies, sagen würde, der selber zwar kein Kanadier ist, es aber jederzeit ungeniert sein könnte. Und dann wäre es seine Geschichte, die ich hier zum besten gebe. Aus dem Konjunktiv entwendet: Und dann ist es seine Geschichte. Und ich merke schon, sie ist gut.


Zuerst erschienen in: Der Lichtwolf, Nr. 38, Sommer 2012.
 


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