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Austrokanadische Team-Wehen aus dem Zeitgeist der Politik

Mir moch'n an Deal für dich!

Oder wir singen ein Lied; und dann heißt es eben aus dem Geiste der Musik, vor allem,
weil The Sound of Music ja in Salzburg gedreht wurde. Und ich hab mal in Salzburg
gewohnt. Und ich hab Salzburg liebgewonnen. Ergo: Landeshymne gefällig? Ja, aber
am besten wohl gleich die
oberösterreichische. Denn das allerbeste Deutsch wird im
Salzkammergut – und im Linzer Becken – gesprochen, darauf kann ich
jederzeit tausend Eide schwören.
Hoamatgsang? Howgh!

Von Vasile V. Poenaru
(06. 12. 2013)

...


   Nur, wer will schon zu dieser späten Stunde singen? Oder gar jodeln? Mir net. Also dann machen wir doch lieber Politik. Nackte Tatsachen: Stronach is back. "Pass auf, ich sage categorically, ich kenne niemand von EADS, ich habe nie verhandelt und ich habe Aufträge abgelehnt für die Fighterjets." Aufpassen: Jo des is categorically imperatively.

Nicht einmal Kant hätte es besser ausdrücken können. Wie war das denn gleich? "Handle immer so, dass man nie von dir sagen kann, dass eine Gegenhandlung stattgefunden habe." Und in der Tat gab es "keine Magna-Gegengeschäfte – sondern nur umgewidmete Deals", wie es Peter Pilz von den Grünen sprachgewandt formuliert. Freilich: Wer dieser Behauptung (oder Gegenbehauptung?) auf den Zahn fühlen will, wird sehr schnell darauf kommen, dass es ja strenggenommen gar nicht die Deals sind, die umgewidmet wurden, sondern die in den Deals festgehaltenen Verfügungen, die … besser gesagt: Was wurde denn umgewidmet? … ja halt die Sprache, which is to say … now wait a minute! Die Sprache kann ebensowenig umgewidmet werden wie die Deals. Die Sprache kann einem allerdings in einem gewissen Maße abhanden kommen, so weiß es der Leumund – besonders wenn einer seinem Land und seiner Sprache eine Zeit lang abhanden kommt. Alles klar?

   Aber jetzt ist Stronach wieder da, und sein Deutsch ist auch wieder da. Mir woin net streitn und gleich rechthaberisch mit dem roten Filzstift in der Kronen-Zeitung herumkritzeln, nur weil sich im Laufe der letzten paar Jahrzehnte ein klein bisschen Englisch in seine Mentalität eingenistet hat. Der Spiegel macht sich dabei allerdings mit pseudo-linguistischer Unerbittlichkeit über ihn her, weil Stronach, so Walter Mayr (DER SPIEGEL 40/2012), "in unvollkommenem Deutsch" spricht, was seinerseits so fürchterlich unfein, ja linkisch (wollen wir "unvollkommen" sagen?) ausgedrückt ist, dass sich einer da lieber raushält; nicht weil sich Frank Stronach als der Milliardär, der er ja ist, jederzeit den Grundwortschatz der deutschen Sprache mitsamt der Zweiten Lautverschiebung und der Hinschwenkung des Hochdeutschen ins Oberdeutsche kaufen und nach Herzenslust umwidmen kann, und auch nicht, weil er jeden Widersacher, ja jeden Diskussionspartner gegebenenfalls ohne weiteres niederbrüllt und dann gerne mundtot liegen lässt; nein, ganz einfach weil Der Spiegel das blöd formuliert hat und wir uns von einem solchen miesen Kriegsgeschrei nicht anfeuern lassen wollen. Die Sprache an sich wäre freilich … o, well … was soll’s? … Also: Back to the old country. Samma wieda guat.

Und schön. Und edel und gerecht. Und sagen wir mal ganz einfach, wie es war. Als ich mich zum Beispiel um die Jahrtausendwende herum auf Einladung des damaligen Honorar-Generalkonsuls der Republik Österreich in Toronto bei Gelegenheit zu "unseren Austrians" zu begeben pflegte, wo einem gewöhnlich mit Kultur, Politik, Musik und anständigen Apfelstrudelkonglomeraten aufgewartet wurde (zugegeben, es gab öfters auch mal einen regelrechten Festschmaus), war Frank Stronach längst eine Berühmtheit rund um den CN-Turm, rund um die Großen Seen, rund um den Erdball.

"Kanada ist ein wunderbares Land, tolerant und großzügig", erklärte der österreichische Generalkonsul und Magna-Magnat etwa am 30. Oktober 1999 in der Roy Thomson Hall in Toronto, wo der österreichische Nationalfeiertag (natürlich unter musikalischer Begleitung des Österreichischen Alpenchors) mit vollem österreichisch-kanadischen Schwung begangen wurde. "Wir Kanadier österreichischer Abstammung können stolz darauf sein, auch durch unsere Herkunft einen Beitrag zur Kunst, Kultur und Wirtschaft in Kanada geleistet zu haben." (Kanada Kurier, 18.11.1999)

   Demenstprechend stolz stolzierte ich durch den Saal und dachte an die Hofburg Wien, wo jeder Wahlkampf ein kaiserlicher und jedes Team ein Winning Team ist, an den SkyDome in Toronto, wo nur die Sprache des Baseball gilt, an die ... Ja woran dachte ich denn noch? An die Kunst, Kultur und Wirtschaft. Dass es hinter dem Stronach einen Frank gibt, dass jenseits des Teams ein Team Spirit blüht, glüht, ein Teamgeist durch die liebe weite Welt geistert, ja das konnte man damals wohl, ein Gösser in der Linken, eine Handvoll Mozartkugeln in der Rechten, bei bestem Wissen und Gewissen nur ahnen.

Ich war ein Greenhorn, ein Neuling im Ahornland, und ließ mich gerne in allerlei austrokanadische (das kommt: kaiserlich-königliche) Angelegenheiten einweihen, um nicht zu viele offene Türen einzurennen. Gott sei Dank darf man als Journalist die blödesten Fragen stellen – besonders wenn man auch eine Kamera mit sich herumschleppt. Bald wusste ich alles. Bald war alles drin in meiner Kolumne: "Rund um den CN-Turm".

Stimmt, wir hatten bei Stronach angefangen und sind bei mir gelandet (na wenn das nicht Politik ist!) Wie sagte der berühmteste Austrokanadier aller Zeiten denn gleich? "Ordnung reinbringen". Jawohl … Durchaus angesagt. Zurück zur Tagesordnung. Zurück nach Österreich. Denn wenn die Autoteile durcheinander sind, kann man nicht Auto fahren. Unser Team gibt Gas. Jetzt kommt Frank – Unsinn, Frank kam ja schon viel früher. Aber jetzt kommt er so richtig in Schwung.

   Wir aber schleichen uns mal kurz weg von der Stronach-Thematik, springen raus aus dem Ontariosee, rein in die Salzach, runter vom CN-Turm, rauf auf die Festung Hohensalzburg! Jetzt heißt es nur noch so schnell wie möglich ein Geschäft abschließen, zum Beispiel ein Spekulationsgeschäft. Und eine Vollmacht für Handelsgeschäfte mit Firmen und Institutionen brauchen wir. Und ein Land, dass uns so eine Vollmacht erteilt – sagen wir mal das Land Salzburg.

Auf gut Austrokanadisch: Mir moch'n an Deal. Mit anderthalb Prozent ist es nämlich nicht getan, reden die Finanzberater auf ihre Opfer ein – ob diese nun Landesregierungen oder Privatpersonen sind. "Sechs, sieben, ja acht Prozent Rendite und sogar mehr dürfen Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit erwarten, wenn Sie das Fingerspitzengefühl unserer Fachleute wahrnehmen und diesen sehr schönen und gescheiten Fonds Ihr Vertrauen schenken, auf die neuerdings alle so scharf sind ... aber natürlich haben wir – nur für Sie, cause only you, wenn mal ein Intermezzo erlaubt ist, only you can make my dreams come true, wie es schon der Dichter einst vollkommen richtig formulierte, wie bitte? Nein, die deutsche Übersetzung hamma net, machens schon, aber ganz schnell, bitte bitte bitte, sonst laufen die Fonds davon, die haben nämlich Beine, und die Träume erst recht, was die für Beine haben, und wie die davonlaufen, also hier, hier und hier unterschreiben – noch immer jede Menge auf Lager!" Schee! Salzkammergutverbriefungen (ja, stimmt, Briefe aus dem schönen Salzkammergut, aus drei Bundesländern, nur, die sind auch was wert), Großglockner-Fonds, Großvenediger-Bonds, Dachsteinblick-Fonds, Untersberg-Bonds – und zur Abwechslung auch mal Fonds aus Worms. Kaufen! Kaufen! Kaufen!

Auf solche Tricks sind schon viele reingefallen – aber sie wirken immer noch erstaunlich gut. Im Nachhinein würde freilich keiner von sich annehmen, dass er selber gegebenenfalls so blöd gewesen wäre. Und doch. Sogar gescheite Menschen können einen blöden Fehler machen. Sogar das Land Salzburg musste infolge des Ende 2012 bekannt gewordenen Salzburger Spekulationsskandals 340 Millionen Euro an Verlusten hinnehmen, weil Spekulationen an der Börse nicht mehr und nicht weniger sind als das, was schon der Name andeutet: Spekulationen.

   Aus der guten alten Steiermark, das heißt aus Stronachs Heimat, wo man nur die Hand ausstrecken muss, um in den vielen Seen des Salzkammerguts zu schwimmen, zog ein weiterer weltberühmter Österreicher (genauer gesagt, einer, der ebenfalls mal weltberühmt werden sollte) nach Nordamerika, ein anderes Originalgenie der neueren Sorte, ein anderer zeitgenössischer Kraftkerl, der seinerseits schon eher mit dem vereinfachenden rechtskonservativen Gedankengut vorlieb nahm: der Terminator Arnold Schwarzenegger. "I will terminate the economy". Anführungszeichen weg. Fingiertes Zitat.

Und einen Dritten verschlug es von Oberösterreich nach Upper Canada. Dort machte er sich daran zu schreiben, was er sah. Er schaute sich den CN-Turm an und stellte fest: "A leidlicher Turm." Er kletterte bis an die Spitze und sah rundherum Hochhäuser. Rundumadum, wie er damals noch meinte. Doch wie gesagt geht es ja nicht um den Dritten, wie sehr ich auch immer in erster Linie (nicht ungleich Handkes Don Juan) von mir selbst und meiner Toronto-Zeit erzählen möchte. Nein, es geht um die ganz Großen, ja es geht um das Gesetz der Großen Zahl.

It’s the economy, stupid! wusste ein Bill Clinton es vor Jahren auf den Punkt zu bringen. Back in the day, als er noch das Sagen hatte – das heißt irgendwie hat er’s ja auch jetzt noch. Zum Beispiel auf dem Parteitag der US-Demokraten. Oder wenn er mal nur so, als Werbung für Team Stronach, bekundet, dass er auf seine Freundschaft mit Frank stolz sei. Und es ist nach wie vor die Wirtschaft, um die sich alles dreht. Und der Finanzsektor. Und die Politik. Und die Ideologie. Und die Verhältnisse. Und Bills Freund Frank hat viele Jobs geschaffen.

  Weit ausgeholt? I woaß, i woaß ... Noch viel zu sogn? Und ob! Doch meine kurze Rede (galante Verbeugung in Richtung hochgeehrte Wählerschaft) neigt sich ihrem glorreichen Ende zu. I kriag von dia net gnua, schreit mir, dem flinken Kanulenker austrokanadischer Ausdrucksweise, so stelle ich es mir gerne vor, die Hofburg entgegen. Jetzt komme ich. Bitte? Kein Gösser mehr? Dann komm ich nicht. Dann bleib ich hier – und schlafe ein.

Ach so ... A Kaiser! ... Well, that’s even better. Die meisten Politiker sind inzwischen wieder aufgewacht und machen – ja, was sonst? – Politik. Tausende Fußgänger, Fiaker, Autofahrer, Landeshauptmänner und Premiers werden sich noch viele Jahre lang an den Rhythmus dieser austrokanadischen Überlegungen zum Zeitgeist der Politik erinnern, an die innere Melodie meiner heimbringenden Entäußerung aus dem Land der Skydome (aus dem Land am Ontariosee), an das kraftvolle Drum und Dran rund um die wohl freilich nie so richtig angekommenen Bedeutungskonstellationen österreichisch-nordamerikanischer Kraftkerle, an die geheime Botschaft dieser klangvollen Team-Wehen-Dokumentation, wenn man so sagen darf, dieser leisetreterisch verbrieften k. und k. Standortbestimmung mit freilich äußerst beschränkter Haftung, an den standfesten Governor der Republic of California, an den gewaltigen Honorar-Generalkonsul der Republik Österreich in Toronto, an den letzten schreibkräftigen Paparazzo einer untergegangenen deutschsprachigen Zeitung im Land der Großen Seen, an die Apfelstrudel, an die Linzer, an die Politik, an das ... Moment: A Team Leader im Fernsehen. Mal sehn, was er sagt. Hoamat? Categorically! Count me in!
 


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