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Dämonen der Morgendämmerung

 ... Als Kind saß man zu Füßen der Großen, auf dem Perserteppich, die Großen
dagegen thronten auf schweren Möbeln. Eine Öde stank einen dort förmlich an, es war
niemals lustig. Wir Kinder waren die Zierkinder, Belustigungs- und viel mehr noch Ermahnungsobjekte.
Waren Gäste da, tat die Mutter mit uns nachsichtig, ziemlich schnell wurde mit Blicken, auch mit
Worten abgemahnt, bis sich die Lage wieder beruhigte – Ohrfeigen gab es erst, nachdem die
Gäste weg waren. Lange konnte ein Kind es dort, wenn Gäste da waren, nicht aushalten. Die
Gespräche, die die Großen führten, bezogen die Kinder überhaupt nicht ein, obwohl dann wieder
so getan wurde, als würde sich um die Kinder alles drehen, vor allem um deren Bravheit.
Drei Brüder waren wir, und anfangs mussten wir, wenn Gäste kamen, uns aufreihen
wie die Orgelpfeifen. Wir waren kaum mehr als Ornamente
dieser licht- und luftdurchfluteten Öde ...

Von Peter Hodina
(01. 11. 2009)

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"Jeder hat das Recht, sich die Aszendenz zuzuschreiben,
die ihm genehm ist, die ihn in seinen Augen ERKLÄRT. Wie oft
habe ich nicht meine Vorfahren gewechselt!" (E. M. Cioran)

   Jeden Morgen schon aufwachend – wenn überhaupt aufwachend – mit den Widersprüchen. Wenn ich nicht aufstehen will, dann, weil ich nicht sogleich mit diesen Widersprüchen in mir mich auseinandersetzen möchte. Es ist die tägliche Sisyphos-Arbeit. "Nicht schon wieder!" Aber sie sind da, diese Dämonen der Morgendämmerung. Wäre es doch erst die Morgendämmerung! Den Morgen müsste ich mir schnappen können, erobern, durch den alles verschmutzenden und beschwerenden Gürtel der Widersprüche hindurch!

Es sind nicht nur meine Widersprüche, sondern die Widersprüche unserer Zeit, sich in jenem kleinen Tropfen, der ich bin, spiegelnd. Es sind – wie die Marxisten gerne sag(t)en – die "gesellschaftlichen Widersprüche". Viele andere sind in einem viel ärgeren Elend als ich, auch hier in Berlin. Sie haben nicht einmal den Spielraum für Betrachtungen, für Nachdenklichkeit, Distanznahme, Erwägen.

Heute morgen: saß ich da und wollte, nein konnte kein Buch aus meinen Regalen herausgreifen. Mich hatte die Sinnlosigkeit durchdrungen – nicht gepackt (wie ich zuerst schreiben wollte) –, sondern durchdrungen. Sie ist schon lange in mir. Inzwischen füllt sie mich derart aus, dass ich in der ganzen Streberei, zu der man mich erzogen hatte, innehalten kann, diese stoppen kann. Hiatus, Kluft. Ich kann ihr ins Auge sehen, obwohl sie keine Augen hat – nicht einmal eines, etwa das "Auge Gottes". Ein metallenes Kreuz mit einem goldenen Dreieck, darin ein wachendes sogenanntes "Auge Gottes" stand bei uns im Garten des Elternhauses, ganz unauffällig an die Hauswand gelehnt, umrankt mit Wicken und ähnlichem. Der Vater, dieser Antiquitätensammler, hatte einmal zur Abwechslung auch einmal eine solche Antiquität in den Garten gestellt – oder genauer: zum Garten hin, aus "Auge-Gottes"-Sicht in Blickweite des Gartens. Es war vielleicht keine dezidierte Absicht des Vaters dahinter … Allzu gerne würde mir eine "paranoide Methode" zu Hilfe kommen, die Dinge zu vereinfachen. Meinem Vater etwas anzudichten. Das würde die Sache leichter machen, es mir erleichtern, sie abzutun, sie zu belächeln.

   Doch frage ich: Hatte der Vater das "Auge Gottes" im Garten platziert, um eventuelle Orgien seiner Söhne zu bannen? Auch auf "Adam und Eva" warf Gott ja seinen gestrengen Blick. Gleichwohl, wir hatten kein Obst im Garten, keinen Apfelbaum. Dazu waren sich die Meinen zu schade – es gab nur Zier-, keine Nutzpflanzen. Die Nachbarn, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten allerdings verhältnismäßig billig diese gerade erst gerodeten Waldgründe erworben hatten – Grundstücke, die heute Raritäten sind und Millionenbeträge erzielen –, pflanzten teilweise noch Obstbäume, Gemüse. Diese sogenannten Nutzgärten waren für mich als Kind nicht langweilig, dort hielt ich mich gerne auf und spielte mit den Kindern der Nachbarschaft. Dort wo es Nutzgärten gab, waren die Spiele halbwegs – ein Kind begnügt sich mit bescheidenen Anregungen und vermag viel daraus zu machen! – abenteuerlich. Während in den Ziergärten Langeweile herrschte, Öde. Eine Gepflegtheit, die nicht weiter, zu nichts Weiterem führte. Ein solcher Hausherr, der um nicht wenig Geld einen Ziergarten angelegt hatte, pflegte mit Gästen auf die Veranda zu treten und die Namen der ziergärtnerischen Neuanschaffungen, womöglich sogar mit den entsprechenden lateinischen Namen, zu nennen. Man blickte hin oder ließ eine Ziergartenführung geduldig über sich ergehen, das gebot die Höflichkeit. Aber weiter war da nichts. Drinnen dann wurden ernstere Dinge verhandelt, die Dinge des Ernstes, die ernsten Dinge, wobei man die Fenster vorsorglich schloss. Es wurden dann Speisen aufgetragen. Bei uns nur von der Frau des Hauses, die offiziell meine Mutter, inoffiziell meine Großmutter, mütterlicherseits, war. Ihre Kreationen, obwohl sie nicht zu bewundern waren, wirklich nicht bewundernswert waren, mussten von den nur wenigen Gästen, die uns besuchen kamen, bestaunt werden, obwohl es da nichts zu bestaunen gab. Damals war das sogenannte Wohnzimmer noch hell, licht- und luftdurchflutet. Als Kind saß man zu Füßen der Großen, auf dem Perserteppich, die Großen dagegen thronten auf schweren Möbeln. Eine Öde stank einen dort förmlich an, es war niemals lustig. Wir Kinder waren die Zierkinder, Belustigungs- und viel mehr noch Ermahnungsobjekte. Waren Gäste da, tat die Mutter mit uns nachsichtig, ziemlich schnell wurde mit Blicken, auch mit Worten abgemahnt, bis sich die Lage wieder beruhigte – Ohrfeigen gab es erst, nachdem die Gäste weg waren. Lange konnte ein Kind es dort, wenn Gäste da waren, nicht aushalten. Die Gespräche, die die Großen führten, bezogen die Kinder überhaupt nicht ein, obwohl dann wieder so getan wurde, als würde sich um die Kinder alles drehen, vor allem um deren Bravheit. Drei Brüder waren wir, und anfangs mussten wir, wenn Gäste kamen, uns aufreihen wie die Orgelpfeifen. Wir waren kaum mehr als Ornamente dieser licht- und luftdurchfluteten Öde.

Es ist nötig, dies alles klar, beschönigungslos zu sehen. Man sagt zwar – gedankenlos, eine Phrase nachplappernd – die Eltern hätten einem "das Leben geschenkt", und "einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul", bekanntlich, aber wenn man selber dieser Gaul ist, kann man doch nicht umhin, ihm gelegentlich ins Maul zu schauen.

   Der Blick in den Spiegel war lange Jahre unmöglich bzw. sich selbst, mich selbst zu erblicken, war mir so gut wie unmöglich. Mit dem sogenannten Spiegelstadium meinte Lacan wahrscheinlich nicht dieses, wo man sich mit seinem Spiegelbild – wie Narziss – auseinandersetzt. Narziss im Mythos hätte sich ja selber geliebt; es wird nicht davon berichtet, dass Narziss wahre Spiegelfechtereien mit dem Spiegel trieb. Er spiegelte sich ja auch im Wasser, und selten ist solch Wasser gänzlich unbewegt, auch spiegeln sich in ihm die Wolken, auch der Untergrund, etwa Steine am Grund, spielen mit, reden ihr Wörtchen mit. Wellt sich das Wasser im Winde und umspielt dieser Wind zusätzlich das sich betrachtende Gesicht, dann kann es ja sein, dass der Mensch, sofern jung und schön, geneigt ist, diese Wasser-Oberfläche mit einem zarten, andeutenden Kuss zu benetzen. Könnte es aber auch einen Narziss der Selbstentzweiung geben, einen Narziss, der gegen sein Gesicht, das er nicht als eine gelungene Einheit wahrzunehmen vermag, wütet? Anschließend in einem kruden Gedicht es beschreibend – und doch nicht treffend –, wie die Augen auseinanderstreben, die Nase hereinhängt wie eine geschwürige Gurke, der Mund nichts als ein unsinnlicher gerader Strich ist? Wenn es einen solchen negativen Narziss geben kann, dann bin ich einer gewesen – bis in meine Dreißigerjahre hinein.

Wir – Kinder damals, später Jugendliche – wurden niemals schön fotografiert; anfangs waren es diese gezwungenen, in der Reihenfolge ihrer Größe gestellten Orgelpfeifen in Lederhosen und Strickjankern. Es gäbe ja nicht nur den blankpolierten Spiegel, auf dem sich kein Stäubchen gefangen hat, um sich zu gewinnen, ein Bild von sich zu gewinnen, sondern auch die Möglichkeit der Fotografie, des Films, einer Zeichnung, eines Gemäldes. Es war ein eigensinniger Fehler, vom blanken Spiegel sich die Selbsterkenntnis zu erhoffen. Vor dem Spiegel sich, sein Gesicht zusammenzunehmen, ein entsprechend annehmbares Gesicht zu ziehen. "Ich und der Spiegel" – das ist keine intelligente Methode, um sich zu gewinnen, um irgendetwas außer Zerknirschung zu erlernen. Und im wiederholten Anlauf der Zerknirschung wieder nichts anderes sich einzuhandeln als abermalige Zerknirschung. Lediglich die Sorge, nicht dem Vater zu gleichen, der allerdings bei mir schon alt war – und wer möchte einem alten Mann gleichen, wenn man gerade erst zwanzig geworden ist? Einem alten Mann, der, wie sich nachträglich herausstellte, so alt gar nicht war, aber sich alt verhielt. In einer abstoßenden Weise alt, mit sich nichts anfangen könnend, ständig in den Leben der andern herumstänkernd, ständig sich über gewisse Wehwehchen beklagend oder über den Lauf der Welt schimpfend, über den sogenannten Sittenverfall. Diesem Vater nicht gleichen zu wollen, war eine Hauptaufgabe; alles musste getan werden, um der Verwandlung in diesen Vater zu widerstehen, vor allem: alles musste gelesen werden, so dachte ich (ich dachte also nicht: müsste in Bewegung gesetzt, erwandert, erklettert, erfickt, erschwommen usw. werden) – erlesen also, durchs Bücherstudieren die Verwandlung-in-den-Vater unterlaufen, es vereiteln, zu seinem Ebenbild zu gerinnen. Nachträglich, so scheint es, wäre schnellstmögliches Geldverdienen der Weg gewesen, den Eltern als Beeinflussern der Adoleszenz zu entkommen. Aus zwei Gründen: erstens, sich materiell einen eigenen Spielraum zu schaffen; zweitens, infolge der Konzentration, der Ablenkung durch die Arbeit die durchgreifen wollenden, den Wesensgrund erfassen und nicht mehr freigeben wollenden Sätze der Eltern weitgehend unwirksam zu machen, sie zu neutralisieren, sie mit anderen Problemen – und solchen, die einen weiterführen (von den Eltern weg) – zu überlagern. "Man strebt danach, eine Arbeit zu haben, um das Recht zu haben, sich auszuruhen", schrieb überdies Cesare Pavese. Um dann eine Ruhe zu haben, ein Eigengewicht von solcher Schwere und Berechtigung, dass Einsprüche, Ratschläge, Beschimpfungen, das Persuasive nicht mehr so leicht eindringen und die Widersprüche des eigenen Inneren vermehren können.

   Andere waren viel wirklicher als ich – ich war hingegen einer, über dessen Wirklichkeit man reden, das heißt, sie ihm abstreiten hatte können. Andere setzten sich mit mir an einen Tisch, um mich mir selber wegzuziehen oder mich mir selber abzusprechen; wo blieb ich nachher dann? Ich durfte nicht in die Falle ihrer sogenannten "guten Ratschläge" gehen, denn es waren keine mir angemessenen, für mich nicht brauchbare, gänzlich abstrakte Ratschläge, die mich nur mit mir entzweit zurückließen – kein einziger wäre auch nur für mich befolgbar gewesen.

Sehr brauchbar ist übrigens Spinozas Definition des Leidens als Passivität – als gehemmte Aktion, Aktivität. Und ich füge hinzu: die Widersprüche, in die wir uns verstrickt sehen (Niederschlag gesellschaftlicher Widersprüche), sind Hauptursache jener Hemmung. Die persuasiven Stimmen der andern sind in uns eingedrungen, haben sich in die Tiefe versenkt, die andern haben ihre Anker in uns geworfen, uns in den immer perfekter wandernden, uns immer besser aufspürenden Lichtkegel ihrer Erwartung geraten lassen – und wir sind keineswegs gewillt, ja sperren uns, dieser Erwartung stattzugeben, ohne aber uns gänzlich daraus emanzipieren zu können. Die andern haben Macht über uns; sie haben eine Definitionsgewalt über uns – sie texten uns mit Vorwürfen zu, weil wir ihren Erwartungen nicht entsprechen, und wir versuchen, dagegenzutexten. Es ist ein Wettkampf der Texte. Ein Gewirre der Zeilen. Sie versuchen über meinen Lebenstext darüberzuschreiben, ich schreibe erneut über das von fremden Händen Darübergeschriebene … Auf einmal erkenne ich, dass sie genau genommen ja nicht darübergeschrieben haben, sondern das Meine, sobald es aufkam, durchgestrichen haben. Ich setze an zu schreiben, schon streichen sie es durch, ich schreibe es erneut, kraftvoller, trotziger, sie streichen es noch stärker, noch unerbittlicher durch, in der Hoffnung, einmal würde ich ermüden, es aufgeben, mir die Hörner, wie sie manchmal sagen, an ihnen abstoßen. Sie wissen von vornherein über mich Bescheid, ich erst allmählich, ich erkunde sie erst, ich suche ihnen teilweise gerecht zu werden, obwohl sie ja mir, muss ich jetzt konsterniert sagen, niemals und in keinem Punkt je rechtgegeben haben. Sie gehen von vornherein davon aus, dass sie die Instanz sind, sie hegen diesbezüglich nicht den geringsten Zweifel. Sie sagen zwar den Satz: "Jeder möge nach seiner Façon glücklich werden", aber dieser Satz ist nichts wert, auf ihn kann ich mich gar nicht berufen, er ist ganz leer hingesprochen und wird im nächsten Moment schon wieder von ihnen dementiert, sobald ich ihn auf mich anwenden möchte. Er ist von ihnen gar nicht zu mir gesprochen.

Sie sprechen nicht zu mir. Wie sie auch nicht mit mir schimpfen, sondern mich beschimpfen.

   Und sie denken noch, dass ich sie lieben müsste, ihnen dankbar sein müsste. Sie meinen, es gäbe eine Pflicht zu Gefühlen (wie z.B. die Pflicht, "vaterländisch" zu fühlen) – sie fassen das Gefühl also ganz mechanisch auf, ihre Gefühle sind mechanisch verankert, einstudiert, anerzogen – sie nennen es übrigens auch gar nicht gerne "Gefühl", weil sie ahnen, dass Gefühle etwas Individuelles, Spontanes sind. Sie kommen sich sogar edler als andere Menschen vor, wenn sie es ihr "Empfinden" nennen. In ihrem "Empfinden" fühlen sie sich von der Äußerung meiner Gefühle verletzt … Nicht sie sind verletzt, sondern ihr Empfinden, nein das Empfinden, das jeder "anständige Mensch" haben müsste. Nie sagt ein solcher frontal: "Du hast mich verletzt!" Und gänzlich unbekümmert darum, wie oft, ja nachgerade ständig sie mich verletzt haben und verletzen, fühlen sie sich in ihrem betucht-beschissenen "Empfinden" angegriffen, wenn ich es einmal hinausplatze, wie sie mich jahrelang verletzt haben und weiter verletzen, wie sie mich fortwährend negieren – also nicht lieben. Lieblos sind sie. Unfähig zu lieben. Total normiert, Prägehämmer abstrakter Normen, Vollstrecker der Vorurteile, Verfolger alles Abweichenden, Verleugner der Differenz, des Unterschiedes zwischen Dir und Mir. Ich habe ihr "Empfinden" gar nicht – genau das ist der Skandal für sie. Stattdessen individualisierte Gefühle, Fühler, die entweder sich vorwärtstasten oder zurückzucken. Eine vielleicht sogar extreme Verletzlichkeit. Gerade, dass sie nicht gleich sagen: "Du verletzt das 'gesunde Volksempfinden'!" (Bei diesem Empfinden empfindet jeder gleich – oder sollte ihrer Ansicht nach gleich empfinden. – Normiertes steht gegen Individuelles, Individuelles gegen Normiertes.)

Sie sind immer glücklich gewesen damit, wie sie sind (obwohl sie ein Bild des Unglücks bieten, jeder unbefangene Beobachter sogleich sagen muss: "Es sind unglückliche Leute!"), ich bin fast immer unglücklich mit mir, aber auch mit diesen unglücklichen Leuten gewesen (und hauptsächlich deswegen unglücklich, weil ich mein Leben in das ihre als hineinverstrickt erkennen muss), ich stelle mich ja durchaus in Frage, sie niemals. Deshalb nenne ich sie Selbstgerechte.

   Wir sind mit lauter Innereien beschäftigt, mit Eltern und Geschwistern, die man einmal im Jahr sieht, sogar mit Toten, mit Vergangenem. Anstatt endlich die Leere leer sein zu lassen, füllen wir sie aus einem seltsamen "horror vacui" lückenlos mit dem Staub der Toten an, der uns in die Augen beißt und uns die Sicht aufs Leere benimmt. Die, die da in uns mitsprechen, sprechen ja gar nicht mehr oder sind inzwischen weit weg. Was wissen wir denn aus der zeitlichen wie räumlichen Ferne, was sie genau sprechen – und ob überhaupt im Moment sie über uns sprechen? Sie dichten sich etwas über mich zusammen, wie auch ich über sie etwas mir zusammendichte. Sie kennen mich gar nicht, wie ich heute bin, aber auch ich will sie gar nicht näher kennen. Sie haben mich immer hauptsächlich gelangweilt. Doch sind sie da. Es ist beunruhigend, beschämend, dass sie da sind, auch und gerade, wenn sie in Wirklichkeit gar nicht da sind. Und nach ihrem Tod – werden sie so weiterleben? Ist das das berühmte "Weiterleben nach dem Tode"? Dass das Familientheater imaginär fortgesetzt wird, ja bis zur inneren Stupidität? Und das ist nicht eine individuelle Schrulle von mir. Wenn Urenkel etwa auf die Straße gehen und für die im Krieg gefallenen Urgroßväter demonstrieren, dass deren "Ehre" durch Aufklärung der damaligen Kriegsgräuel "beschmutzt" worden wäre, was ist es anderes als ein Ausagieren eines solchen imaginären Familientheaters? Sie haben diejenigen ja gar nicht gekannt, für die sie auf die Straße gehen … Und wer könnte ihnen garantieren, dass es nettere Menschen als ihre eigenen Eltern waren, für die sie sich da – und ganz vergeblich, selbst wenn sie manchmal nette Menschen gewesen wären – einsetzen? Hätten jene Gefallenen, denen in vielen Fällen wahrscheinlich noch ein Licht aufgegangen war über die Unfähigkeit der Heeresleitung, die den Krieg inzwischen schon verfluchten, überhaupt gestattet, dass da diese jungen Tröpfe in ihrem Namen sprechen? Kann überhaupt irgendjemand in irgendjemandes Namen sprechen?

Mit welchem Recht ist in der Kronen-Zeitung die Rubrik der Todesfälle mit "Unsere Toten" überschrieben? Wem gehören die Toten? Der Krone? Mir und dir? Der sogenannten Gemeinschaft? Heißt Sterben Eingemeindetwerden? Schließt sich über den Toten, die sich dagegen nicht mehr zur Wehr setzen können – selbst wenn sie die größten Außenseiter gewesen wären und Opponenten gegen die sogenannte "Gemeinschaft", die ihnen auch regelmäßig übel mitspielte –, die alles "befriedende" und ruhigstellende, sie zum Schweigen bringende Gruftplatte der Gemeinschaft? Hat die Gesellschaft (oder Gemeinschaft, nennen wir es, wie wir wollen) ein Recht auf die Toten, ja auf unseren Tod (wie im Kriegsfall die Pflicht, zu kämpfen bis zum Tod)? Erlischt mit dem Tod das Recht auf Individualität? Werden wir mit unserem Tod endgültig sozialisiert?

   Professor Greif hatte in seiner uns vorgetragenen Philosophie einige konstante Bügelfalten, die aber irrational angebracht waren, nicht auf dem Wege eines vernünftigen, lockeren Diskurses mitteilbar, sondern nur durch Vor-den-Kopf-Stoßen, Mit-dem-Kopf-Hinstoßen. Er, der immer so tolerant und studierendenfreundlich tat, der jede Form von Wahrheitserkenntnis leugnete, verkündete gleichwohl einige Dogmen. Und zwar mit einer Schroffheit ohnegleichen, es waren seine Privat-Wahrheiten, die er uns aufzwingen wollte, Dinge, die nicht zur Diskussion gestellt werden durften, Tabus. Aber statt dass das Tabu sich verhüllen würde, sein Gesicht sozusagen in der Toga verbergen, wurde es uns als unverdaulicher Brocken vorgeworfen, den wir anstandslos zu schlucken gehabt hätten. Einer dieser von Zeit zu Zeit – und auch über die Jahre wiederkehrenden – Brocken war, dass der Tod vom Sterbenden nicht erlebt werden könne. Dass es folglich auch keinen eigenen Tod geben könne. Ich dachte aber an die verschiedenen Todeskämpfe von Sterbenden, von denen ich gehört hatte. Interessanterweise war der betreffende Professor ein rigoroser Verfechter des sogenannten Freitodes – er verbot uns, von Selbstmord oder Suizid zu sprechen, wie es ansonsten ja alle Welt tat; wir mussten "Freitod" dazu sagen, obwohl wir Zweifel hatten, ob ein solcher Freitod in allen Fällen wirklich frei und nicht durch unerträgliche Umstände erzwungen war. Der akademische Lehrer ließ darüber keine Diskussion zu, er fuhr über jeden Einwand drüber. Es gibt kein "Erleben" des Todes – er musste es uns einhämmern. Und die meisten nahmen diese Doktrin gleichwohl nicht an. Ich sehe übrigens keinen Grund, in solchen Fragen derart brutal – und noch dazu als Philosoph – vorgehen zu müssen. Bis heute leuchtet mir dieses Vorgehen keineswegs ein.

Es handelt sich um irrationale Bügelfalten, wie ich sagte, etwas in seiner Heftigkeit Wahnsinniges kam da zum Vorschein. Auch zwang uns dieser Mensch bzw. Unmensch, statt von Leichnam von Kadaver zu sprechen; er zwang eine Dissertantin dazu, dieses abstoßende Wort in ihre Doktorarbeit über den Tod als soziologisches Problem hineinzuschreiben, als würde es sich bei "Kadaver" um einen wissenschaftlichen Ausdruck handeln.

Er klagte manchmal darüber, seinerzeit im humanistischen Gymnasium von Lehrern schikaniert worden zu sein, die vormals Angehörige der Waffen-SS gewesen waren. Gab Greif da etwas weiter an uns? Es war nicht nur tief problematisch, sondern ganz nachhaltig verletzend. Er hatte seine dummen Bügelfalten in uns weiter hineingebügelt. Ein autoritärer Trottel.
 


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