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Die Kronenmaschine
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Studiert, aber nicht zu Ende, weder die so genannte germanische Philologie noch die
Musikwissenschaft. Gearbeitet, aber selten lange am selben Ort. Unter anderem auf Erdbeer-
feldern in einem recht angenehmen Winkel Deutschlands unweit der französischen Grenze.
Später, während die Kommilitonen mit Beiträgen zur Stereoptypenforschung ihren Magister bosselten,
bei einer Spedition in der Nähe von Stuttgart. Und gegenwärtig, da die alten Kommilitonen
Visitenkarten mit Doktortitel aushändigen, Betreiber eines Kopierkabuffs, dem die
Verwaltung der Universitätsbibliothek einmal im Quartal mit Kündigung droht, um
den Vertrag dann gnädig zu verlängern. Aber eigentlich? Was war ich eigentlich?
Existierte ich eigentlichlos? War das ein Glück? Ein Fluch? Wie sollte man
den Plunderhaufen Halbheiten denn nennen?

.
V
on Lothar Quinkenstein
(01. 04. 2007)

...


"Indessen, ich fahre fort."
Fjodor Dostojewskij, Der Idiot
 

   Verrückt, sag ich dir, verrückt, was ich hier gefunden habe. Janinas Stimme klang aufgeregt.
Das musst du sehen, sonst glaubst du es mir wieder nicht.
Und alles Deutsch. Ich versteh kein Wort davon. Schaus dir an, dann haben wir es wenigstens beide geträumt.

Die gute Janina, vor Freude weithin Strahlende. Seit ich einmal Zweifel geäußert hatte an den nächtlichen Spaziergängen eines Herrn mit Reitstiefeln und mottenzerfressenen Jabots, den sie von ihrer Gaube aus auf den Dächern gegenüber beobachtet haben will, verdächtigt sie mich bei jeder Gelegenheit haltloser Zweifelsucht. Dabei bin ich keineswegs übertrieben skeptisch, ich suche lediglich einen Mittelweg zwischen Agnostizismus und Lourdes-Wasser in Muttergottespuppen mit abschraubbarem Kopf. Wo auf dieser Skala melancholisch anmutende Herren auf nächtlichen Dachfirsten anzusiedeln wären, weiß ich aus dem Stegreif nicht zu sagen. Daher meine Zurückhaltung, fern jeder bösen Absicht, doch kann sich Janina seitdem manch kleine Spitze nicht verkneifen.

Da ich mir ohnehin noch die Beine hatte vertreten wollen, kam ihr Anruf gerade recht. Ich schlüpfte in die Jacke und verließ die Wohnung.

   Eigentlich ist Janina Malerin. Gezwungen jedoch von der ökonomischen Not, die derlei Eigentlichkeit häufig mit sich bringt, musste sie eine regelmäßiger entlohnte Arbeit sich suchen, die sie als Bedienung im Lokal "Zur Krone" fand, einem Treffpunkt gerade von solcher Eigentlichkeit geplagter Menschen, die dort Erholung suchen von den Fährnissen des Daseins. Und in diesem Lokal – genauer gesagt: im Vertiko in der Chambre séparée – hatte Janina, die weithin Strahlende, einen Packen Bierdeckel gefunden, die sie eben, da alle reichlich mitgenommen und nicht mehr zu verwenden waren, in den Abfalleimer befördern wollte, als sie stutzig wurde. Was sich dann im helleren Licht der Thekenlampen zeigte, veranlasste sie, zum Hörer zu greifen und mich anzurufen.

Während ich vor mich hin schritt durch den ruhiger werdenden Feierabend unseres beschaulichen Städtchens, fragte ich mich (und bass überrascht, dass mir das hier und jetzt zum ersten Mal in den Sinn kam), ob ich denn auch befugt sei, ein solches Eigentlich als Schlüssel meines Lebens zu verwenden?

   Studiert, aber nicht zu Ende, weder die so genannte germanische Philologie noch die Musikwissenschaft. Gearbeitet, aber selten lange am selben Ort. Unter anderem auf Erdbeerfeldern in einem recht angenehmen Winkel Deutschlands unweit der französischen Grenze. Später, während die Kommilitonen mit Beiträgen zur Stereoptypenforschung ihren Magister bosselten, bei einer Spedition in der Nähe von Stuttgart. Und gegenwärtig, da die alten Kommilitonen Visitenkarten mit Doktortitel aushändigen, Betreiber eines Kopierkabuffs, dem die Universitätsbibliothek einmal im Quartal mit Kündigung droht, um den Vertrag dann gnädig zu verlängern. Aber eigentlich? Was war ich eigentlich? Existierte ich eigentlichlos? War das ein Glück? Ein Fluch? Wie sollte man den Plunderhaufen Halbheiten denn nennen? Alles Abgetragene, Schicht um Schicht, zu welchem Urgestein hinunter?

Sanftmütige Geister erachten den aller Titel und Ämter Ledigen als besonders geadelt. Menschsein als Eigentliches. Das Scheitern in allen Disziplinen als Gipfel der Humanität? Hehre Verdunkelung des Unvermögens. Dann lieber Faulpelz und Tagedieb. Das wenigstens verpflichtet zu nichts.
 

   Janina fächerte die Pappscheiben auf die Theke.
Deutsch, wahrhaftig. Dazwischen Zeichnungen, Gekritzeltes. Manches sah aus wie Schemaskizzen, anderes schien Augenblicken gedankenverlorener Abwesenheit geschuldet. Schraffurfiguren, Fluchtpunktfächer, verdichtet bis zur Tilgung der bedruckten Oberfläche.

Gott (K), las ich.

Ist Gott nicht Bóg? fragte Janina.

Ich nickte.

Und das hier?

Barmherzigkeit … Grund … Majestät ...

Was soll das heißen? Aber guck dir das erst an!

Janina gab mir einen Bierdeckel, auf dem – jedem regelmäßigen Gast der "Krone" bestens vertraut, denn nächtliche Debatten am Thekeneck stießen sich die Ellbogen daran – der seltsame Kasten erkennbar war, der hinter uns an der Wand hing. Ich drehte mich um, warf einen Blick auf das Gebilde unklarer Herkunft, das irgendwann sein Plätzchen als Dekorstück gefunden hatte.

Janina bestätigte es.

Das komische Dingens hier, ich wollte es auch nicht glauben. Und da steht noch etwas …

Sefiroth, las ich und wusste nichts damit anzufangen.

Schriftrollen, Wasserspeier, Motorenzylinder … entzifferte ich auf dem nächsten Stückchen Pappe. So fragmentarisch es mich anwehte, das wenigstens leuchtete auf Anhieb ein, denn die zehn in mattem Messingschimmer glänzenden Schnutenschnäbel, Schnabelschnuten – je nach Gusto – die den Kasten zierten, konnten an alles Mögliche erinnern.

   Als nächstes sah ich ein Gebilde aus Kreisen, die in symmetrischer Anordnung verteilt waren, von Strichen zu einer Art Atommodell verbunden. Zehn Kronen, stand daneben. En-Sof/mystischer Anthropos – Urmensch, Urtage, Licht … Zeit das Glas getrübt ... das Rätsel versiegelt ...

Was immer die Stichworte bedeuten mochten, die letzten entsprachen abermals dem, was wir sahen, denn die kleinen Fensterchen über den Schnuten waren blind. Von Staub, von Zeit – das soll dann jeder halten, wie er will.

Siehst du, dass ich es nicht erfunden habe, fasste Janina, der mein ratloses Grimassieren sichtlich gut tat, ihren Triumph in Worte. Und während ich noch an einer Antwort nuschelte, strahlte sie kometenhaft auf.

Eustachy!

   Natürlich, Eustachy! Dass ich nicht selbst auf ihn gekommen war! Niemand anderer als er wäre in der Lage, obskure Splitter zum Brennspiegel zu fügen, auf dass ein Funke zünde, sie zu erhellen. Eustachy, ebenfalls Maler und kein seltener Gast in der "Krone" – jenseits des Eigentlichen, wohlgemerkt, denn sowohl das eine wie das andere war er mit Haut und Haar – verfügte über ein unschätzbares Wissen, gleich ob es sich um ästhetische Fragen handelte, um die Aufzucht aus dem Nest gefallener Jungvögel oder um Grenzgebiete des Denkens, welch letztere hier womöglich mehr als nur gestreift wurden. Allerdings wussten wir auch, dass Gespräche mit Eustachy Fingerspitzengefühl erforderten. Es gibt Tage, an denen eine an ihn gerichtete Frage der sicherste Weg ist, keinen Deut zu erfahren. An anderen Tagen wird man durch ein halbes Dutzend europäischer Museen geschleift, dass man nicht weiß, wie einem geschieht.

Einen erstaunlich guten Draht zu Eustachy, und das trotz des Altersunterschiedes, hat Jarek, der wiederum Maler im Sinne des Eigentlichen ist, und außerdem mit Janina liiert. Dass Eustachy, (der Jareks Bilder durchaus in Grund und Boden kritisieren kann), nächtelang mit ihm am Tisch sitzt, muss mit ihrer beider Herkunft zusammenhängen. Beide nämlich stammen aus dem Osten. Nun liegen zwar zwischen Krasnystaw und Velyki Mosty noch gute hundertdreißig Kilometer, doch rechnet man im Osten Entfernungen bekanntlich anders. Dort zählt man nicht mit schnöden Meilensteinen, dort vermisst man das Land mit dem Herzen.

   Bedauerlicherweise hatte die Zweisamkeit von Jarek und Janina eine empfindliche Quetschung erfahren, und ich wusste nicht, in welchem Stadium der Heilung sie sich befand. Ob Jarek vermittelnd tätig werden könnte oder nicht – das wusste im Augenblick allein Janina.

Auslöser der Missstimmung war, so weit sich das verfolgen ließ, ein Musikus gewesen, der, eigentlich (da ist es wieder, das quicklebendige Wörtchen …) auf der Durchreise, infolge eines verpassten Busses auf einer Vernissage auftauchte, wo er sich erstaunlich ausdauernd (für einen Durchreisenden zumal) mit Janina unterhalten hatte. So ausdauernd, dass von Durchreise plötzlich keine Rede mehr war. Er kroch bei einem Bekannten unter, trieb sich Abend für Abend in zahllosen Kneipen herum, und als er Janina das zweite Lied widmete, ersuchte Jarek seine Freunde um Rat.

Dagegenhalten, meinten die einen. Wäre doch gelacht, wenn du nicht schneller malst als dieser Hansel komponiert. Ab die Post, sagten die anderen, ohne Abschied, ohne Zettel, ahoi! Und in drei Tagen spätestens wird sie Plakate kleben lassen: Jareczku, komm zurück!

   Da die einen wie die anderen Ratschläge in der "Krone" erteilt wurden, ging es mit dem Malen nicht ganz so zügig, und auch das Ahoi wollte nicht gelingen. Einen Frühzug, der alles Hadern einer langen Nacht in Entschlossenheit verwandeln sollte, verschlief Jareczek in der Chambre séparée.

Schließlich setzte der Musikus die unterbrochene Reise fort, doch gab es noch allerlei E-Mails und eine CD mit Balladen im Briefkasten, (die Jarek mit dem Korkenzieher ruinierte) – genug an Misshelligkeiten also, und dass Janina jetzt von ihm schwieg, mochte einiges heißen.

Trinkst du ein Bier?

Ein Kleines.

Janina zapfte es, und ich ließ mich auf meinem Lieblingsplatz nieder, dem Sünderbänkchen am Windfang, mit Blick auf die Abendgasse.

   Während ich das Bier trank, fielen mir die Handwerker wieder ein, die ich vergessen hatte anzurufen wegen der Terminabsprache für morgen. Es ging um einen Wasserzähler, den ich installieren lassen wollte, da mir die Pauschalabrechnungen der Hausverwalterin in den letzten Monaten zunehmend undurchsichtig erschienen waren. Ein sprunghafter Anstieg des Wasserverbrauchs, zu erreichen allein durch ein geplatztes Rohr oder Badeorgien rund um die Uhr, wurde von ihr auf erhöhten Gießwasserbedarf infolge des trockenen Sommers zurückgeführt. Angesichts der welk vor sich hin kümmernden zweieinhalb Quadratmeter Blumentrauer im Hinterhof eine zweifelhafte Erklärung. Als ich dann die Hausverwalterin über mein Vorhaben informierte, wurde ich scharf zurechtgewiesen, dass eine solche Installation ausgeschlossen sei, beziehungsweise ungerecht gegenüber den übrigen Mietparteien. Und überhaupt habe der Hausbesitzer – wohnhaft seit Jahren in Chicago und demnach unerreichbar – weitere Wasseruhren kategorisch verboten. Im Erdgeschoss seien seinerzeit in zwei Wohnungen Wasseruhren angebracht worden, und es sei ein einziger Ärger damit. So blieb mir nichts anderes übrig, als vollendete Tatsachen zu schaffen, die ohne weiteres nicht mehr rückgängig zu machen waren, und von Chicago aus schon gar nicht.

Ich fragte Janina nach einem Telefonbuch. Leider besaß die "Krone" keins. Ob Eustachy überhaupt im Telefonbuch steht? Sie sah mich zweifelnd an. Außerdem würde er sich bedanken, wenn man ihn einfach so anruft.

Nicht wegen Eustachy, erklärte ich, wegen der Handwerker morgen ...

Das Seufzen der Tür, vom Windfang gedämpft, das Kratzen der Innentür, die ein Stück über den Boden schabt, wir sehen auf, und wie aufs Stichwort steht er da, das weiße Haar im Dämmerschein gleich einer Mütze aus Licht auf dem von kräftigen Händen modellierten Schädel. Er geht zur Thekenecke, juckt sich die Schläfe, schnickt gegen einen der Schnutenschnäbel, tüpfelt einen Rhythmus aufs Tresenholz. Janina sieht ihn wie eine Erscheinung an. Aber da ist alles wie sonst. Und ganz wie sonst sagt er:

Ein Großes.

Während es ins Glas läuft, blickt er sich im Gastraum um. Am Tisch der Kunststudenten verstummt das Gelächter. Jemand zeigt verstohlen in seine Richtung. Eustachy drohte mit dem Finger.

Er nahm sein Glas entgegen, ging in die Chambre séparée, ließ sich auf dem Sofa nieder, auf dem Jarek den Zug nach Krakau verschlafen hatte. Zog ein Buch aus der Jackentasche, schlug es auf. Sog Schaum. Strich die Seiten glatt, die sich wölben wollten. Trank einen Dreiklangschluck. Lehnte sich zurück, begann zu lesen.

Man hätte ihn malen können, wie er dort saß im warmen Schimmer – Blick durch zwei Türen, über den Flur hinweg, gleichsam im Doppelrahmen, der das Kanapee anschnitt, das Vertiko halbierte, und noch der Besen, links an der ersten Tür postiert, stand, als gehöre er zum Bild.

Janina lugte um die Ecke. Lebhaft ging ihr Mienenspiel. Was machen wir jetzt?

Ich hob die Schultern, hielt in den Händen Luft ratlosen Wägens für und wider. Sie deutete auf die Uhr über der Kredenz, gab mit den Fingern Zeichen, die ich nicht entschlüsseln konnte.

 

   Der Klingelton, ein scharfer Schnitt, dem mit Verzögerung der Schmerz erst folgt, ein zweites Mal, ein drittes, ich stolperte über hingeworfene Kleider, der Hörer der Sprechanlage glitt mir aus der Hand, federte wie ein Bungeespringer, ließ sich endlich einfangen. Die Installateure! krachte es mir mit einer Woge Straßenlärm entgegen. Ich drückte den Türöffner.

Drei Stockwerke steile Altbautreppen. Gerade Zeit genug, sich anzuziehen.

Panie, Panie, Panie, sagte der ältere der beiden und schabte sich die Wangen. Das wird ne Mörderei, das sag ich Ihnen. Allein im Bad zwei Steigleitungen, das schon mal vorneweg, und in der Küche vielleicht ne dritte. Was meinst du, Stachu, wo hängt der Thron mit dran? Am Ende an der Spüle, quer durch die Wand, oder ham die das mit der Wanne verwurstelt?

Stach krümmte sich in die Ecke, in der die Toilette unter die Dachschräge gequetscht war, rüttelte an dem Kachelimitat aus Pressspan, das keinen nennenswerten Widerstand leistete, tauchte bis zum Gürtel in den sich öffnenden Hohlraum hinab, beklopfte, was er dort vorfand, tauchte auf und schüttelte den Kopf: Weiß der Deibel.

   Folgender Vorschlag, ergriff wieder der ältere das Wort. Wir fangen mit der Wanne an, da ham wir dann wahrscheinlich auch die Waschmaschine mit drin, wursteln den ersten Zähler dran, und dann stochern wir mal am Waschbecken, ob wir da was finden. Bisschen Dreck wirds leider geben, das is nich zu vermeiden, aber keine Angst, so wild wirds schon nich werden. Die Küche lassen wir noch in Ruhe, bevor wir nich wissen, wies hier im Bad aussieht. Wenn das Waschbecken ne eigene Leitung hat, hängt der Thron wahrscheinlich an der Spüle. Wenn nich, zerwursteln wir uns morgen den Kopf darüber.

Gerne hätte ich noch meine Blase entleert, doch öffneten die beiden schon ihre Werkzeugkisten, legten Utensilien zurecht. Stach wurde noch einmal hinunter zum Wagen geschickt, den Schlagbohrer zu holen und einen Satz Rohrknie. So wollte ich die Arbeit nicht unnötig verzögern.

Moment noch, Panie, der Haupthahn! Der Haupthahn, natürlich! Daran hatte ich, blutiger Laie, der ich war, überhaupt nicht gedacht. Irgendwo im Keller. Aber wo? Vermutlich in jenem verriegelten Gelass, in dem die Hausverwalterin von ihrem ominösen Zentralzähler den infolge der Sommerhitze gestiegenen Gießwasserverbrauch ablas.

Die Künstlerfamilie, deren Untermieter ich war, hatte mir nicht nur einige imposante Möbelstücke zur Nutzung hinterlassen, sondern in diesen auch noch jenen Trödelmarkt eines Künstlerlebens, der eben dort, in den Schubladen schlachtschiffgroßer Kommoden, am besten aufgehoben ist. Das Bild eines Schlüsselbundes vor Augen, der einem Gerwazy alle Ehre gemacht hätte, zog ich die unterste Lade auf. Wer sagt es denn!

Und einer der Schlüssel passte.

Wir stiegen hinunter ins modrige Schummerlicht. Der Meister, den Spürsinn geschärft in Hunderten solcher Keller, fand auf Anhieb den Hahn. Vom Zahn der Zeit beknabbert, doch ließ er sich knarzend drehen, und als er zugedreht war, lief unterm Dach kein Wasser mehr.

Bis 16 Uhr, so meinten sie, wären sie mindestens beschäftigt. Ich versprach, rechtzeitig zurück zu sein, und eilte auf den Altmarkt, mir den Luxus eines Café-Frühstücks zu gönnen, vor allem auch, den Blasendruck loszuwerden, der dringend wurde.

Während ich, entsprechend erleichtert, ein Speck-Baguette aß und einen Milchkaffee trank, kehrten meine Gedanken zum gestrigen Abend zurück.

   Dass Jarek zu später Stunde noch aufgetaucht war, hatte hinsichtlich meiner vagen Vermittlungsidee nicht im Geringsten genutzt. Mit Freunden war er eingelaufen, nach einer Tour durch mehrere Lokale, und seine Stimmung entsprach dem seelischen Landunter, welches allein die Wendung „kurewska melancholia" annähernd zu bezeichnen vermag. In rascher Folge stürzte er mehrere Portionen Wodka hinunter, gab bittere Sentenzen zum Besten, die einem Handbuch der Misogynie entnommen waren, und Janina, die weithin Strahlende, tat mir von Herzen leid.

Eustachy, von dem berauschten Treiben in seiner Lektüre gestört, schloss sich demonstrativ in der Chambre séparée ein.

In einem Anfall wüster Zerknirschung wollte Jarek dann partout unter vier Augen mit ihr sprechen, was erstens an der Theke und zweitens bei dem lebhaften Betrieb denkbar ungünstig vonstatten ging. Die Einsicht in das Misslingen dieses Unterfangens schlug wiederum heikel zu Buche, denn befeuert von männerbündlerischen Genien im Chorus seiner Trunkenheit, mühte er sich eifrig, mich als Komplizen zu gewinnen, und meine Befangenheit beflügelte ihn nur umso prekärer.

Als Eustachy sein Kabinett verließ, um den Heimweg anzutreten, saß Jarek allein am Tisch, las stieren Auges aus der Neige.

Jareczku, Jareczku, Dummheit frisst, Intelligenz säuft, und klüger wird keiner davon. Lasciate ogni speranza … Er winkte dem hilflos Brummenden zum Abschied mit dem Buch.

Janina packte die Bierdeckel in eine Tüte.

Nimmst du sie mit? Nicht dass sie morgen jemand von der Mittagsschicht wegwirft.

Sie sah mich an, versuchte ein Lächeln.

Dann komm gut heim.

Ihr auch, wollte ich sagen, Macht der Gewohnheit, und als ich zögerte, tat es mir doppelt leid.  

   Verlassen der Altmarkt. Gassen und Fenster und Giebel. Über den Dächern das alte Spiel – die Schiefertafel, ein Wolkenschwamm, die Tüpfelchen ohne i – und nun, im Morgenrauch eines Cafés, saß ich vor Krümeln auf dem Teller und geleerter Tasse, und ein Zampano im lokalen Radiosender sagte die Lieder an, als gelte es sein Leben.

Ich zahlte, setzte meinen Weg fort Richtung Arbeitsplatz.

Auf der Paderewski-Straße war ein Streit mit den Parklotsen im Gange. Ein Herr, eben einer importierten Limousine entstiegen, weigerte sich, den Obolus zu entrichten, der nach umsichtiger Zuweisung der Lücke üblich war. Lautstark ging es zu, denn er entfernte sich, taub gegen alles Bitten, beschimpfte gar die dienstfertigen Mannen in einer Weise, die in keinem Verhältnis stand zu seinem Anzug und den ziegenledernen Galanschuhen. Die Freunde und Geschäftsteilhaber, die auf den Stufen des Antiquariates gelagert hatten, rappelten sich solidarisch hoch, schüttelten die Fäuste, er winkte nur unwillig ab, und das Klappern seiner Absätze entfernte sich auf dem Pflaster.

Es ist doch immer wieder traurig zu sehen, wie rasch die Erfolgreichen, einmal Höhenluft atmend, die Mühsal des Aufstiegs vergessen. Kaum ein paar Jahre ist es her, dass sie selbst gestolpert sind auf den tückischen Pfaden des freien Marktes – und heute solcher Hochmut gegenüber den tapferen Anfängen privater Initiativen.

Unschöne Stüber unschöner Szenen. Glücklicherweise hält mein Weg auch Linderung bereit. Zwei Ecken weiter nämlich befindet sich die Buchhandlung "Zum Heiligen Adalbert", und gleich daneben liegt die Milchbar "Caritas". Und sowohl die bärtigen Gesichter der Pröpste, Päpste und Propheten, die von Buchdeckeln herab den Vorübergehenden Trost und Zuversicht spenden, als auch die Güte der gleichfalls bärtigen Gesichter, die hinter der nächsten Scheibe Pfannkuchen mümmeln, bestärken mich tagtäglich in meinem Glauben, zwar wiederum nicht an Lourdes-Wasser in Madonnenflaschen, sondern vielmehr in einem Glauben an das Unberechenbare, das stets von neuem Funken schlägt aus der stupenden Nachbarschaft von Güte und Gemeinheit.

Wahrscheinlich verhält es sich auch hier nicht anders als auf dem freien Markt – wenn die Mildbärtigen erst einmal Bücher über die caritas proximi schreiben, wollen sie von Milchbars nichts mehr wissen und speisen mit ihren Verlegern in Edelpinten. Doch sei es, wie es sei, für Momente tröstet es trotzdem.

Und solcherart getröstet, kehren meine Gedanken immer wieder zu Eustachy zurück, der im 16. Stock eines Hochhauses wohnt, umgeben von Hochhäusern, die wiederum umgeben sind von weiteren Hochhausumgebungen, und dass dieses betongraue Wohnpferchlabyrinth Eustachys Bilder enthält, ist eines der wenigen Wunder, die der Funken-Glaube bereit wäre anzuerkennen.

   In einem Lebensmittelladen besorgte ich mir eine Flasche Mineralwasser und betrat den wuchtigen, seinerzeit von einem gewissen Karl Hinckeldeyn entworfenen Bombastizismus-Schuppen in der Ratajczak-Straße, grüßte den Pförtner, erklomm die Treppen. Bibliotheca caput omnium. Soll mir recht sein. Und ich kopiere, was man mir bringt.

Heute zuerst ein Schwung Gesetzestexte. Offenbar stand eine Juraprüfung bevor. Später seitenweise Lexika. Germanistikstudentinnen schleppten sie an, vollendetere Engel in Paillettenblusen, flamboyantes Gold auf rosenfarbenen Hosen, und während ich die Seiten wendete und das Licht blitzen ließ, klagten sie über einen Stundenplan, der jedes menschliche Maß überstieg.

Nach der üblichen Mittagsflaute hatte ich einen netten Plausch mit einem alten Herrn, der bröselnde Zeitungen entfaltete und vergilbte Polemiken von Anno Tobak kopiert haben wollte, die schon im Original kaum noch zu lesen waren. Solche Käuze können mir den Tag versilbern. Unverwüstliches Schuhwerk, mehrfach gerissene und wieder verknotete Schnürbänder, eine Hornbrille, durch die der Herr vermutlich schon Gomułkas Leitartikel missbilligt hat, mit zittriger Schrift bedeckte Zettel, aus den Taschen eines priemfarbenen Jacketts geklaubt.

Mit dem Kopieren ist es dann auch selten getan. Ich werde auf wichtige Literatur hingewiesen, auf bahnbrechende Publikationen, die bis heute kein Mensch wahrgenommen hat, auf Publikationen, die zu Unrecht (da von Fehlern wimmelnd) zu Ehren kamen. Erfahre, was nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten zu wissen vergönnt ist, höre von Glanz und Elend großer Gelehrter, von Intrigen, die zu Rang und Namen verhalfen, von Intrigen, an denen eine Karriere zerbrach.

Ich höre die faltige Stimme, sehe die dürren Hände, die aus zerfransten Manschetten ragen, die gelb gerauchten Fingerkuppen, bläuliche Adern unter pergamentener Haut. Sehe ihn an der Garderobe einen verschossenen Mantel entgegennehmen, seine Papiere in einer Plastiktüte verstauen, deren einst grelle Werbefarben bis zur Unleserlichkeit zerrieben sind. Sehe ihn die Bibliothek verlassen, um in der Milchbar "Caritas" ein bescheidenes Abendmahl einzunehmen. Und könnte den Menschen in die Arme schließen.

Da das schlecht möglich ist bei einem Fremden, biete ich dem Herrn einen Tee an. Und wir plaudern, bis es Zeit wird, mein Kabuff zu schließen.


   Eine Spur weißer Stapfen führte hinaus in den Hof. Auf halber Treppe kam mir Stach mit einem Eimer Mörtelputz entgegen.

Panie, Panie, keuchte er schwitzend, der Deibel soll den Künstler holen, der hier die Installation gemacht hat.

Von bösen Ahnungen gedrückt wie von einem schlecht gepackten Rucksack, betrat ich die Wohnung.

Mehlfeiner Staub bedeckte jeden Quadratzentimeter. Die Wanne stand im Flur, im Bad klafften drei Löcher in der Wand. Das eine, eine Elle unter den Armaturen, enthielt nur Mauerwerk, im zweiten, einen geschätzten Meter daneben, schimmerte ein waagrechtes Stück Rohr, im dritten führte eine Biegung – die Fortsetzung des Rohres wohl – in die Senkrechte, und eine Abzweigung setzte sich Richtung Waschmaschine fort. Kurz vor der Biegung glänzte eine fabrikneue Wasseruhr.

Auf dem Boden Zangen, Klemmen, Sägen, Schraubenschlüssel. Kupferfarbene Späne, Büschel von Hanfwolle, es roch nach erhitztem Metall.

Das also ham wer, sagte der Meister und deutete auf den installierten Zähler. Aber jetzt kuckense sich mal an, wie die die Rohre gelegt haben. Die müssen voll gewesen sein wie tausend Mann. Nochn Riesenglück, dass wir das überhaupt so schnell gefunden haben.

Ich nickte sorgenvoll.

Dauert jetzt natürlich alles länger als geplant. Morgen wursteln wir Ihnen das erstmal zu, bisschen Schaum rein, Gipsplatte drüber, verspachteln, is ja nur Optik, und dann …

Stach, der um die Ecke schnaufte, schob mir die Tür ins Kreuz.

Oh, `tschulljung, wusst nich, dass Sie da stehen … Tja, hats der Meister Ihnen erzählt?

Ich nickte abermals.

Deibel, Deibel, so was ham wir auch noch nich gesehn.

… und dann ran an den nächsten Speck. Müssen aber morgen n bisschen früher loslegen, sonst kommn wer mit der Zeit ganz bös in die Bredullje. So um sieben, wär das recht?

   Nachdem sie eingepackt hatten und gegangen waren, befiel mich eine Müdigkeit, die nicht allein von der kurzen Nacht herrührte. Ich trug das Plumeau auf den Balkon, schüttelte es leidlich aus und legte mich in Kleidern, wie ich war, ins Bett. Ein halbes Stündchen nur, dann würde ich in der Lage sein, den Staub in Angriff zu nehmen.

Als ich nach drei halben Stündchen, einigermaßen wieder bei Kräften, eben den Wischmopp ins Wasser senken wollte, klingelte das Telefon.

Janina sprach so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte.

Ob etwas passiert sei? fragte ich beunruhigt.

Nein, nein, passiert ist nichts ...

Warum sie denn …?

Geht jetzt nicht lauter. Sie sitzen hier.

In der Krone?

Ja. Komm schnell und bring die Bierdeckel mit.

 

   Die Disputation war in herrlichster Blüte. Jarek hatte die gestrige Krise überwunden, brach flammende Lanzen für Utrillo. Eustachy stärkte Soutine den Rücken.

Transzendenz ist Menschenleere, rief Jarek und breitete die Arme aus. Die verlassenen Asyle der Kultur, Barmherzigkeit brüchiger Mühlen, Barmherzigkeit brüchiger Kirchen!

Transzendenz ist nicht am Arsch der Welt, parierte Eustachy, Transzendenz ist im Porträt.

Metaphysik verwehender Spuren, reckte Jarek umso kühner sich ins Grenzenlose, Requiem des Staubs, Agnus Dei verlassener Plätze im ewigen Vorstadtlicht … (Requiem des Staubs. Der hatte gut reden.) Geh mir weg mit verlassenen Plätzen! brauste Eustachy erneut dazwischen, da scheißt doch kein lahmer Hund mehr hin! Den Menschen gepackt und hingestellt! Verratzt, wie er ist, und trotzdem groß!

Den Menschen? Jarek will es nicht fassen. Und trotzdem groß? Mit einer Galerie von Chorbuben und Ministrantenmuckern?

Hört, hört! Der Anticlericus zum Spartarif. So ein Allerseelenbajazzo hat ja bestenfalls Glück oder Schwein gehabt, aber von Gnade noch nie was läuten hören.

Und mehr als einmal läuten hören! Die Glocken von Picpus! Wo die Irren die Strippen ziehen und nicht irgendwelche halbgaren Apostel.

Deine Gesundheit, Jareczku! Dass du nicht eines Tages läuten helfen musst!

Und deine erst!

Und eine Maulschelle mit Rückschein für die halbgaren Apostel!

Ausgetrunken!

Ausgetrunken!

Janina schob mich näher an den Tisch. Setz dich dazu, flüsterte sie, das ist die Gelegenheit …

Ehe ich etwas erwidern konnte, war Jarek aufgesprungen, hatte mich umarmt, wir sanken gemeinsam auf den Sitz.

Bajkarz, alter Trauerkloß, lass dich ans Herz drücken, ich geb einen aus!

Ich befreite mich, rückte auf den Stuhl daneben. Eustachy musterte mich unter seiner Mütze aus Licht.

Dich kenn ich auch irgendwoher.

Den Bajkarz, klar kennste den, der hängt doch jeden zweiten Abend hier rum und schielt den Musen unter die Wäsche.

Will ich meinen, sagte Eustachy und prostete mir zu.

Auf den Knien hielt ich die Tüte mit den Bierdeckeln. Janina brachte mir ein Kleines.

Janinchen, Zeit für den Wodka, beschied Eustachy sotto voce.

Ein Wooodka uuund ein Gürk-chen dazu ... hei-len verstauchte Seee-len im Nu! intonierte Jarek und klatschte den Takt. Ich legte wie von ungefähr die Tüte auf den Tisch. Jetzt galt es, höchste Vorsicht walten zu lassen. Der kleinste Fehltritt, und alles war verpatzt.

Ein Journalist hatte einmal wochenlang Eustachys Aquatintablätter studiert, die kauernden Häuser unter düsteren Himmeln, in denen Fische und Menschen schweben. Richtstätten mit Leiter, Rad und Raben. Mann und Frau, nackt vor brennenden Gesetzestafeln. Kindheitsbeschwörungen? fragte er dann im Interview, nickte sich selbst die Antwort, da Eustachy schwieg, und präsentierte seine mutigste Notiz: postdiskursiver Chagall. Eustachy bekam einen Wutausbruch. Ihr Rotztrottel im Dummharnisch der Windelhose! Bloß weil man herkommt, wo man herkommt? Als müsste man gefickt haben, um zu begreifen, was Liebe ist!

Als er seine späteren Bilder zeigte, Hiob und Satan, Noah in der Arche mit einer Ziege nach der Sintflut, in tiefem Blau gehalten, schrieb der Kritiker einen Artikel, der um den heißen Brei herumschlich, dass es eine Art hatte. Ein paar Tage nach der Ausstellungseröffnung saßen sie in der "Krone", nicht am selben Tisch, versteht sich, doch zwangsläufig in Rufweite. Prost, Schlotterarsch! ließ Eustachy sich vernehmen und hob sein Gläschen Premium in Richtung der Journalistenrunde. Auf den pflaumenweichen Dünnpfiff, den du dir da vom Hintern gewischt hast!

Höchste Vorsicht also.

Valadon! rief Jarek von einem kühn eröffneten Nebenschauplatz aus.

Vallotton! übertönte ihn Eustachy, und sie kippten den Wodka, bissen unisono in die Gurken.

   Das Kratzen der Innentür ließ mich aufsehen. Ein Mann kam herein, auf eine Krücke gestützt, steuerte unseren Tisch an. Eine Hose, die Schauerliches erlebt haben musste, ein schmutzstarrendes Hemd, eine speckige Baseballmütze. Er reckte mir eine flachovale, etikettlose Konserve unter die Nase. Raunzte:

Hering in Tomatensoße. Nur 50 Groschen. Haltbar bis nächsten Winter.

Er drehte die Konserve um, zeigte das gestanzte Datum.

Ich runzelte die Stirn.

Oder das hier?

Er hob sein Hemd hoch, zeigte mir ein Gerät zum Abknipsen von Finger- oder Fußnägeln, das mit einem Kettchen an einer Gürtelschlaufe befestigt war.

Komm, er beugte sich vertraulich herab, 50 Groschen fehlen zu ner Pulle. Sei ein Mensch.

Ich gab ihm einen Złoty. Nun wusste er nicht recht. Is schon gut, sagte ich, nimm den Fisch wieder mit und lass dirs schmecken.

Im Überschwang der Dankbarkeit rückte er uns umso näher auf die Pelle, wollte Hände schütteln, Namen wissen. Wir sind incognito hier, sagte Jarek, an dessen Stuhllehne er ruckte, weil es mit dem Gleichgewicht nicht zum Besten stand.

Versündige dich nicht, mahnte der Unglücksrabe.

Wie kämen wir dazu, beruhigte ihn Eustachy. Nun nimm auch diesen Zehrpfennig noch, er kramte ebenfalls eine Münze aus der Hosentasche, drückte sie dem Schwankenden in die Hand, und geh mit Gottes Segen deiner Wege.

Vom ungewohnten Klang solch archaischer Rede überrumpelt, vielleicht, wer weiß, auch eingeschüchtert, ließ er die Stuhllehne los, deutete eine letzte Verbeugung an und humpelte zur Tür.

Vallotton, griff Eustachy unverzüglich den Faden auf, schau dir seine Frauen an, bis dir die Tränen kommen. Und schau sie dir an, bis dir die Tränen wieder trocknen … Janinchen, noch einmal für alle! Eustachy winkte zur Theke. Auf die Nabisten! rief Jarek und nahm es mit den Fronten offenbar nicht mehr so genau. Prompt erhielt er einen Rüffel. So ists recht, die Herren Scharlatane! Krakeelen von Propheten, wie der Wind grad weht. Vallotton war Protestant, vergiss das nicht, mein Freund und Kupferstecher!

Ich knautschte die Tüte. Wie das um alles in der Welt jetzt an den Mann bringen? Unterschieben? Einflechten? Auftrumpfen?

Und Hélène Chatenay hatte er auch einiges zu verdanken, wandte Janina zaghaft strahlend ein, als sie die Gläschen vom Tablett hob und vor uns niedersetzte.

Hörst dus wohl? bedeutete Eustachy und wiegte den Kopf. Zwirbelte eine Strähne Weißhaar. Um unversehens auf mich einzufahren: Sag du was, Bajkarz! Sitzt da wie an Karfreitag vor der Beichte. Deine Gesundheit! In Worten und Taten!

Wir tranken, und mit der Schärfe des Gebrannten in der Kehle, krächzte ich aufs Geratewohl: Sefiroth!

Eustachy blitzte schmalen Blick.

Wo haben wir das denn aufgeschnappt?

Gefunden, gab ich kleinlaut zu und schob die Tüte über den Tisch. Er nahm den erstbesten Bierdeckel, betrachtete das wunderliche Atommodell.

Ja, da schau an, Kabbala ...

Kabbala?

Hast du die Ohren grad im Pfandhaus? herrschte er mich an und wandte sich, ungleich milder, abermals zur Theke: Janinchen, Herzkaninchen, die Gläser sind schon wieder eitle Form. Kannst du ein wenig Inhalt ... per favor?

Zeig mal, beugte sich Jarek herüber, griff die Tüte, schüttelte die Bierdeckel auf den Tisch.

Is ja irre … Heh, ich wird verrückt, das is das Dingens hier!

Er hielt das Papprund hoch, warf prüfende Blicke auf den Kasten an der Wand. Dann sah er Eustachy an: Sag mal, hast du nicht auch mal so was gemalt?

Was gemalt?

So was mit Kabbala oder so …

Mein lieber Freund und Zwetschgenröster, Eustachy trank den Wodka vom Tablett weg, ehe Janinchen ihn auf den Tisch stellen konnte. Sein Kehlkopf hüpfte. Das leere Gläschen verschwand in der Faust. Erstens male ich nicht so was mit, zweitens nicht oder so. Und drittens lässt sich Kabbala nicht malen.

Sorry, war nicht so gemeint, entschuldigte sich Jarek kleinlaut, der den Fauxpas im selben Augenblick schon eingesehen hatte. Und: Frieden, legte er nach, und Janinchen eilte erneut hinter die Theke, Versöhnung einzuschenken, ehe es zu spät war.

 

   Und siehe, es kam ein Wind von Mitternacht, der blähte die Kronenmaschine, dass sie mit Donnerkrachen von der Wand sprang, zu Rädern schlangen gleißend sich die Schnuten, an jeder Ecke zwei, und zwei in ihrer Mitte. Die Tür flog auf, torweit, Tische und Stühle wirbelten, als sauge sie ein Schlund, hoch über die Dächer in tosende Himmel davon.

Eustachy hieß uns einsteigen.

Wer aber blöde und verzagt ist, der kehre um!

Und tausendäugig Funken schlagend, brausten wir fort in die Nacht.

Einen Klumpen Eisen haut mir aufs Grab, wenns so weit ist! rief Eustachy in die wilde Fahrt.

Eisen? fragte Jarek, der Janinchen an sich presste und seine andere Hand in meinen Rücken krallte.

Eisenhimmelarsch! bestätigte Eustachy, und sein Weißhaar loderte.

Warum denn Eisen? wimmerte Janinchen.

Damits verrostet, Scheißenocheins! Warum denn sonst?

Wir schlugen an Häusermauern an, rumpelten gegen Prellsteine, Hydranten, knirschten, schrammten mit schrillem Kreischen, Schrillemeischen, schrillemei schrilleischrillei …

Wir sinds! rief Stach in die Sprechanlage. Mir wurde schwarz vor Augen, mein Magen krampfte, am Türstock ging ich in die Knie.

Oj, Panie, Panie! Auf ner Hochzeit gewesen, mitten in der Woche? Schlimmer Leichtsinn, aber wissense, was da hilft? N Gläschen Gurkenbrühe ex, n kaltes Bier, Viertelstündchen warten. Wenns drin bleibt, Rührei mit Blutwurst hinterher, scharf gebraten, orndlich Pfeffer dran.

Ich dankte für den Therapiehinweis, und sie waren taktvoll genug, mir noch ein Weilchen im Bad zu gönnen, ehe sie zu Werke schritten.

Mit einer Tasse Tee und einer Scheibe Weißbrot kehrte ich ins Bett zurück, dämmerte zwischen Herzrasen und Schlagbohrer dahin, bis es Zeit wurde für mein Kabuff.

   Der Schweiß floss mir in Strömen. Drehschwindel plagte mich. Erstickungsangst. Ich wählte aus meinem Sortiment den Zettel "Technischer Defekt", pappte ihn an die Tür und ging an die frische Luft.

Anstelle von Gurkenbrühe und Bier versuchte ich es mit Zitronenlimonade, überstand auf einer Parkbank die Krise, kehrte in die Bibliothek zurück. Doch war an längeres Stehen immer noch nicht zu denken. Ich rettete mich in den kühleren Lesesaal.

Kabbala, hatte Eustachy gesagt.

Ich nahm mir das Jüdische Lexikon. Blätterte unter "S".

Sefira, im Plural Sefiroth – die zehn mystischen Qualitäten Gottes, göttliche Potenzen, Emanationen, auch "mystische Kronen" oder "Gesichter des heiligen Königs" genannt … Die Schrift verschwamm, die Schläfen pochten. Taub lag mir die pelzige Zunge im Mund. Ich schloss die Augen, wischte die Bilder der Nacht von der Stirn. Tastete mich in die Zeilen zurück.

Las vom Ursprung der theosophischen Lehre der Sefiroth. Vom Buch Sohar, dem "Buch des Glanzes", geschrieben Ende des 13. Jahrhunderts in Kastilien. Las von Moses de Leon, der möglicherweise sein Verfasser war.

Isaak ben Samuel aus Akko berichtet von einem längeren Gespräch mit ihm. Wie glaubhaft aber ist dieser Bericht? Vor allem: Was hat Moses de Leon ihm damals in Valladolid wirklich erzählt? War die Geschichte von dem "uralten Buch" des Rabbi Simon ben Jochai, das er angeblich besitze, Erfindung? Wollte Moses de Leon mit einer Legende seine Autorschaft verschleiern, damit ihm niemand vorwerfen könne, er habe sich alle Weisheit des Buches nur ausgedacht?

Von Verweisen kreuz und quer durchs Alphabet gescheucht, vergaß ich Zeit und Herzklabastern. Was für eine Welt tat sich hier auf, mir bislang kaum das dürftigste Hörensagen! Kether Eloj, die höchste Krone der Gottheit … Rachamim, Barmherzigkeit, die sechste… Hod, Majestät, die achte … Malchuth, mystisches Urbild der Gemeinde Israels, die zehnte … Meine Gedanken überschlugen sich. "Gott (K)" – Kether Eloj! Und was konnte Idee (K) anderes sein als der Übergang zwischen Kether und En-Sof, dem Unendlichen des reinen Geistes jenseits der Sefiroth, jene rätselvolle Schwelle, an der der frei von aller Bedingung ruhende Bezirk Gottes die erste Bewegung vollzieht, die ihr Echo fortsetzt bis hinab in die Materie unserer Gefilde?!

Nun hieß es, Detail für Detail zu entschlüsseln! Ich stellte die Bände ins Regal zurück, eilte ins Erdgeschoss, rief vom Münztelefon aus Janina an.

Niemand hob ab. Um diese Zeit war sie wahrscheinlich im Atelier.

Ich machte mich sofort auf den Weg.

   Janinas Atelier, früher ein Kebab-Imbiss, befindet sich zu ebener Erde im Arkadengang neben der Erlöserkirche. In den Scheiben, hinter denen sich früher der Bratspieß gedreht hatte, kleben jetzt Illustriertenfotos, die Janina bei der Arbeit vor neugierigen Blicken schützen.

Es brannte kein Licht, die Tür war verschlossen. Jeanne Moreau und Agnieszka Osiecka sahen mich an.

Ich klopfte, ratlos eher, denn auf Antwort hoffend. Zu meinem Erstaunen hörte ich Rumoren im Innern, ein Schlüssel wurde gedreht, und eine völlig verschlafene Janina spähte durch den Türspalt.

Du bists ... Komm rein ... hier is noch totales Chaos …

Während ich behutsame Schritte machte zwischen Bildern, Malutensilien, Büchern, Kleidungsstücken und Gurkengläsern mit schwefligem Pinselwasser, tauchte über dem Harmonium (Geschenk eines stadtbekannten Mäzens, der seit Jahren rührend um Janinas seelisches Gleichgewicht besorgt ist) Jareks verknitterter Kopf auf, um mit einem Seufzen wieder zu verschwinden. Janina bot mir die Reisekiste an, selbst nahm sie auf dem Hocker vor der Staffelei Platz. Ein furchterregendes Gähnen ertönte. Jarek erschien ein zweites Mal, auf allen Vieren, in eine Decke verwickelt, aus der er sich unbeholfen zu befreien versuchte.

Ich hab was gefunden, verkündete ich nicht ohne Stolz. Eustachy hatte recht. Kabbala.

Eustachy wollte uns umbringen, ächzte Jarek, krabbelte näher und sank Janina zu Füßen.

Habt ihr die Bierdeckel mitgenommen?

Hast du die nicht mitgenommen?

Ich dachte, ihr?

Janina schüttelte den Kopf.

Jareks Rucksack ist auch weg. Den müssen wir irgendwo vergessen haben.

Ich traute meinen Ohren nicht.

Im "Irrtum", tönte Jarek dumpf an Janinas Bein, oder im "Fleischcafé", weiß der Henker …

Im Fleischcafé?

Du hattest wohl auch nen Filmriss, sagte Janina mitfühlend. Weißt du nicht mehr, wo wir noch überall waren?

Ich dachte, Eustachy hätte uns gleich aus der Krone nach Hause … ich meine, wir wären da alle gleich …

Schön wärs gewesen, seufzte Jarek.

Die Rekonstruktion, an der wir uns versuchten, maßgeblich geleistet von Janina, die wie üblich die verlässlichsten Reste von Umsicht bewahrt hatte, war nichts anderes als erschreckend.

Verbarg sich unter der Pracht der Gärten, von deren Blühen die trockenen Lexikonblätter mir, dem gänzlich Unwissenden, einen winzigen Funken nur vermitteln konnten, der Morast solcher Nacht? Oder lag in Wahrheit dem Morast die Ordnung der Gärten zugrunde? Was aber war Ordnung, Wahrheit, Garten, Nacht?

Gedanken, die mir durch den Kopf kollerten und schmerzhaft zu verstehen gaben, wo sie an seine Grenzen stießen.

Ich such den Rucksack, raffte ich mich auf, weil von den beiden im Augenblick kaum Unterstützung zu erwarten war.

Danke, sagte Janina. Und sei nicht böse, bitte. War alles ein bisschen viel letztens.

Lass mal, ist schon in Ordnung, beruhigte ich sie.

Maladjetz, ächzte Jarek und kroch zurück aufs Lager.

   Zerschlagen kam ich nach Hause. In keinem der Lokale auch nur die Spur eines Rucksacks, in dem, vage Hoffnung, vielleicht die Bierdeckel gewesen wären. Nicht im "Irrtum" und nicht im "Fleischcafé". Im "Vorwand" nicht und nicht in der "Hypokrisie". (So weit Janinas Rekonstruktion.) Auf gut Glück klapperte ich außerdem "Cherub" und "Chimäre" ab. Das "Chamäleon" hatte noch geschlossen, aber dort verkehrten wir ohnehin nur im Notfall. Ob derselbe eingetreten war am gestrigen Abend? Einiges sprach dafür. Andererseits – was Janina und Jarek betraf, schien eher sein Gegenteil geschehen. Und angesichts dessen war der Verlust von zwei Dutzend bekritzelten Pappscheiben womöglich kaum der Mühe des Chronisten wert. Zu schweigen ganz von meinem Wandern kreuz und quer durch die Stadt.

Auf der Treppe traf ich wieder Stach mit einem Eimer.

Gehnse da am besten gar nich erst rein. Den Meister hat schon drei Mal fast der Schlag getroffen.

Im Bad fand ich die gestrigen Löcher strahlend weiß verspachtelt, dafür zwei weitere Öffnungen in der Wand. In der einen glänzte, unweit des Waschbeckens, die nächste Wasseruhr. Durch die zweite sah ich den Meister in der Küche knien.

Das ging hier plötzlich rein wie in Butter, und ich sach noch, Stachu, lass mal mit dem Böller, das is Mörtel aus Piłsudskis Zeiten, der reinste Mürbekuchen, das machen wir ma schön von Hand und sachte, sachte. Und kaum sach ichs, hols der Butz – kucken wir schon in die Küche. Und die olle Steigleitung hamwer immer noch nich. Die dösige Wurst muss da irgendwo nochn Knick machen. Der Künstler, der das hier aufm Gewissen hat – wennse die Deutlichkeit verzeihn – n gesalzner Arschtritt wär das Mindeste.

Vor solchen Staubwüsten musste ich kapitulieren.

Ich duschte, immerhin mit der Gewissheit, dieses Wasser jetzt auf eigene Rechnung zu verbrauchen, schüttelte das Bettzeug aus und fiel in steinernen Schlaf.

Im Traum sah ich Eustachy in der Chambre séparée, doppelt gerahmt, mit der Mütze aus Licht, und er winkte, ich möge kommen. Auf dem Tisch lagen die Bierdeckel ausgebreitet. Eustachy schob sie hin und her, sprach tonlose Worte, deutete, nahm Maß mit Spanne und Daumensprung. Nicht hier, wollte ich sagen, als er mir den Korkenzieher reichte, nicht hier, bei mir zu Hause, doch er nickte nur, wies mir eine Stelle an der Wand. Und kaum hatte ich sie berührt, lag schimmerndes Kupfer blank, und als flösse ein Strom, fuhr es mir heiß in die Glieder, stieg eine Flut, die die Sinne benahm.

 

   Am nächsten Morgen erwachte ich ausgeruht wie schon lange nicht mehr.

Stach und der Meister waren gerührt, als sie die Rosinenbrötchen sahen. Aber nicht doch, wehrten sie verlegen ab. Aber gewiss doch, ermunterte ich sie zuzugreifen und dachte an Jarek und Janina, die nun hoffentlich auch wieder gemeinsam beim Frühstück saßen.

Was wäre denn, wenn wir es ganz einfach gut sein ließen, fragte ich in einem Anflug von Übermut, dass ich mich selbst wunderte über meine Chuzpe.

No, das müssen Sie wissen, meinte der Meister und stippte sein Brötchen in den Kaffee.

Eigentlich … wenn mans genau überlegt, bemerkte Stach, kommt doch wahrscheinlich nichmal n Kubik im Monat bei raus. Und das bleibt eh hinterm Komma, so gesehn.

So gesehn, schon, nickte der Meister, nur gehts halt so rund nich immer auf.

Nachdem wir der Form halber noch diese und jene Eventualität erwogen hatten, kamen wir überein, dass selbst auf lange Sicht der kleine Betrug der geringere Schaden wäre. Und die beiden, sichtlich erleichtert, die fruchtlosen Abbrucharbeiten beenden zu dürfen, machten sich nach dem Frühstück gleich daran, das Loch zu verblenden.

Mit bewundernswertem Geschick tilgten sie die Spuren der Destruktion, ich entlohnte sie, gab einen Aufschlag für die zusätzlich entstandenen Mühen, sie dankten von Herzen, empfahlen sich für zukünftige Projekte, und wir schieden im besten Einvernehmen.

   Abends in der "Krone" durfte ich mich erleichtert davon überzeugen, dass die Versöhnung hinter dem Harmonium keine Laune des Augenblicks gewesen war. Janina und Jarek planten nämlich, den Rest des Sommers in Czarnoziem bei Krasnystaw zu verbringen, im Haus von Jareks Großeltern.

Von dem verlorenen Rucksack war nicht mehr die Rede, und meine Erwähnung der Bierdeckel überhörten sie. Stattdessen fragte Janina, ob ich sie nicht in dieser Zeit vertreten könne? Adaś, den Kronenpächter, der ihr gegenüber immer sehr großzügig gewesen war, einfach hängen zu lassen – das brächte sie nicht fertig.

Bis sie so weit waren, sich verabschieden zu können, vergingen noch ein paar Tage. Dann standen wir unwiderruflich auf der Kramarska.

Wir umarmten und beklopften uns, drückten ein letztes Mal die Hände, und ich sah ihnen nach, wie sie in der Sommerdämmerung davongingen, die Wroniecka überquerten, um Arm in Arm in der Żydowska zu verschwinden.

   Als ich mich gegen Ende der Woche noch einmal in den Lesesaal begab, die jüngst ausfindig gemachten Spuren weiter zu verfolgen, fand ich den Regalplatz leer. Das Jüdische Lexikon war in der Buchbinderei. Auf meine Frage, wann es voraussichtlich zurückkehre, zuckte die Aufsicht mit den Schultern.

Mehrfach nahm ich mir vor, andere Bibliotheken aufzusuchen, doch war ich derart erschöpft vom zusätzlichen Kronendienst, dass ich nach geleisteter Kopierarbeit ein mageres Stündchen Schlaf jeder weiteren Anstrengung vorzog. Das mag, wer will, kleinmütig nennen – mea culpa, ich gebe es zu.

Eine besonders anstrengende Nacht bescherte mir übrigens Eustachy, der eines Abends mit einem Dutzend Freunde auftauchte und Sliwowitz auftischen ließ.

Aber nicht das Konvertitenweihwasser, wenn ich bitten darf! Den 70-Prozentigen! Damit euch wenigstens vom Schnaps die Tränen kommen, ihr Heuchler!

Auch hier ging es, wie ich bald erfuhr, um einen Abschied. Ein Sammler hatte vom Fleck weg eine halbe Ausstellung gekauft, und nun wollte Eustachy sich einen alten Traum erfüllen: noch einmal Toledo sehen, den Himmel El Grecos. Kastilien.

Unter großem Hallo wurde die erste Runde verzehrt, ich schmierte Schmalzbrote, brachte saure Gurken.

Eins noch! bremste Eustachy mit wie zum Segen erhobenen Armen den aufsiedenden Festestaumel. Solange wir noch wissen, wie wir heißen … Falls ich da unten verrecken sollte, macht bloß kein Gedöns von wegen Überführung. Der erstbeste Dorffriedhof, nen Klumpen Eisen drauf, und fertig ist der Lack.

Eisen? fragte jemand aus der Runde.

Eisen, bestätigte Eustachy.

Warum denn Eisen?

Damits verrostet, Scheißenocheins, warum denn sonst, sprach ich in Gedanken seine Worte mit und entkorkte die nächste Flasche.

In einer Pause des Hantierens fiel mein Blick auf das Sammelsurium an den Wänden. Die alten Postkarten, die alten Fotografien. Das Bockgehörn, die Kuckucksuhr. Vergilbte Plakate und Plattenhüllen. Verbeulte Reklameschilder. Welcher Schelm war es gewesen, der hier gesessen, getrunken, gesonnen hatte – um eines Abends den Schnabelkasten zu zeichnen als Zaubermöbel? Zu welchem Zweck? Mit welchem Ziel? Im Rausch der vertriebenen Zeit – war das des Rätsels Lösung?

Aber das Lexikon wusste die Begriffe! War der Schelm am Ende der Nacht also doch auf höhere Bahnen geraten? Oder hatte er die Segel nur gesetzt, um mit Jucheirassa sein Schifflein in den Grund der Narretei zu steuern? Damit, wer nach ihm käme, die Wrackteile hervorzöge und sich den Kopf zerbräche, wo der Rausch sei, wo das Höhere?

Eustachy rief nach der nächsten Runde, verlangte weitere Zukost. 

Während ich das Tablett richtete, dachte ich, die wirren Gedanken zu beruhigen, an Janina und Jarek, die vielleicht gerade am Katenfenster saßen und Sterne zählten. Um morgen und an jedem weiteren Tag, den der unendliche Himmel des Ostens über Felder und Wiesen breitet, mit Vorkriegsfahrrädern an das Flüsschen Uherka zu fahren. Dort lägen sie unter Trauerweiden, sähen dem trägen Kreiseln zu, ein Zuckelzossen zöge die Fuhre der Stunden durchs wehende Gras, und während sie einschlummerten, schläfrig von der Hitze und dem Schrillen der Heupferdchen, flöße das Kreiseln fort in den Wieprz, in die Weichsel, in die Ostsee, und ich würde unterdessen das Kopierlicht blitzen lassen und das Wasserwerk beschummeln mit einem zählerlosen Spülklosett.

   Wenige Tage nach diesem Abend tauchte ein junger Mann auf, der Jareks Rucksack auf die Theke stellte.

Er arbeite in der Kneipe "Hinter den Kulissen", erklärte er, und den Rucksack habe er morgens beim Aufräumen unter einer der Bänke entdeckt. Habe sich erlaubt ihn zu öffnen, zwar keine Adresse gefunden, dafür einige Porträtskizzen, in denen er die Frau wiedererkannt habe, die seit einiger Zeit hier in der "Krone" arbeite. Entschuldigen wolle er sich vor allem, dass er nicht früher gekommen sei, aber wie das halt manchmal so gehe – für die nächsten Wege brauche man am längsten.

Ich bedankte mich in Jareks Namen, fragte, ob er denn auch Maler sei. Student an der Kunstakademie, sagte er, und ein wenig verlegen fügte er hinzu: gerade angefangen, das erste Jahr vorbei. Ich sagte ihm, er solle doch in zwei Monaten einmal wiederkommen, dann könne er sie kennen lernen, die Paten des Rucksacks sozusagen. Das wolle er gerne machen, erwiderte er. Ich bot ihm noch etwas zu trinken an, doch er musste zu seiner Theke.

Dann einen schönen Abend. Und irgendwann auch Feierabend.

Allerdings, nickte er. Vielleicht mal ausnahmsweise, ehe es hell wird ...

Da hielt ich sie also wieder in der Hand, die Worte und Zeichen, und ich hätte mir das scharfe Auge des Studenten wünschen wollen, um ihr Geheimnis zu entschlüsseln. Dass er auf Jareks Porträtskizzen Janina erkannt hat – Hut ab, kann ich nur sagen. (Witkacy sieht daneben wie Fotorealismus aus.)

Ich ging ich in die Chambre séparée, verstaute die Tüte im Vertiko. Vielleicht, dass sich noch einmal eine Gelegenheit böte, Eustachy zu fragen, nach seiner Rückkehr irgendwann. Bis dahin sollte das Päckchen liegen, wo es zuvor gelegen hatte. Das war wohl der sicherste Platz.

   Nun fehlte noch der Musikus. Auf ihn musste ich etwas länger warten.

Er kam an einem Samstagabend, als die Tage schon merklich kürzer waren. Ich sagte ihm, dass Janina nicht da sei.

Wann kommt sie denn wieder? fragte er.

Ende September, Anfang Oktober.

Aha, dann ist sie also richtig weggefahren? Ins Ausland?

So könnte man sagen.

Ist sie irgendwie erreichbar, mailmäßig oder so?

Das wohl nicht.

Und Telefon?

Er spreizte Daumen und kleinen Finger der Rechten, wackelte mit der gehörnten Faust in Höhe des Ohres. Offenbar hielt er mich für begriffsstutzig und wollte mir das Verständnis erleichtern.

Ich schüttelte den Kopf.

Er schürzte die Lippen. Kann man nix machen. Grüß sie mal, wenn sie wiederkommt. Vom Barden. Sie weiß dann schon Bescheid.

Da er durchaus ernst blieb, verzog auch ich keine Miene.

   Durch die Scheibe sah ich ihn die Straße überqueren und in der Tür des Lebensmittelladens verschwinden. Mit einer Dose "Tatra" in der Hand kam er wieder heraus. Er knackte sie, trank lange, die Augen geschlossen. Setzte ab. Schob die Dose in die Brusttasche seiner Jacke. Ein Aufstoßen blähte die Backen. Er schritt aus meinem Blickfeld.

Ich zapfte mir ein Kleines, setzte mich auf meinen Lieblingsplatz. Pulte den ertrunkenen Kerzendocht frei. Das Flämmchen knisterte, spritzte winzige Funken. Wuchs in die Höhe, bauchte die blaue Mitte. Spann einen brüchigen Faden.

Ich hörte das Seufzen der Tür, Stimmen und Gelächter. Der Abend begann.


 

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