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Die Bilder von Abu Ghraib
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 Philip Gourevitch, Redakteur der Paris Review und Autor des New Yorker hat mit
seinem bei Hanser erschienenen Buch "Die Geschichte von Abu Ghraib" ein erschütterndes
und zutiefst verstörendes Buch vorgelegt, das das Bild einer Armee zeichnet, deren Übergriffe
und Verbrechen all die Werte, für die sie angeblich kämpft, bestenfalls als zynischen
Witz erscheinen lässt. Die Rechtsverletzungen waren brutal, systematisch, von
höchster Stelle abgesegnet und wurden nirgendwo schriftlich festgehalten.

Von Hans Durrer
(22. 07. 2010)

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(c) Blazenka Kostolna

Hans Durrer
contact [at] hansdurrer.com

geboren 1953 in Grabs (Schweiz), studierte Rechts-
wissenschaften (in Basel),
Journalistik (in Cardiff) und
angewandte Linguistik (in
Darwin); ist der Autor von
"Ways of Perception: On
Visual and Intercultural
Communication" (White
Lotus Press, Bangkok
2006).


Homepage

www.hansdurrer.com

Blog

durrer-intercultural.blogspot.com

 

 

 

 

Philip Gourevitch, Errol Morris.
Die Geschichte von
Abu Ghraib
.
Hanser, 2009, 304 S.
ISBN:
3446232958

 

 

 

 

 

"Ich hatte Dutzende Inter-
views und Regierungs-
dokumente – auf diese
Weise konnte ich zeigen,
dass die meisten der
schlimmsten Vorfälle
in Abu Ghraib nicht foto-
grafiert worden waren."
(Philip Gourevitch)

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieses Buch ist nicht
zuletzt deshalb so
überzeugend, weil es
von einer (gelegentlich
geradezu obsessiven)
Detailgenauigkeit ist, die
ihresgleichen sucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Leichenschauhaus
von Al Hilla beugt Sabrina
Harman sich über eine
der geschwärzten Leichen:
"Sie lächelt – ein gezwun-
genes, aber liebliches
Lächeln – und hält ihre
rechte Hand, zur Faust
geballt und mit aufge-
stelltem Daumen, hoch."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Der sichtliche Beweis:
das Dargestellte als Mittel
der Vertuschung".
(Philip Gourevitch)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Fotos können uns
nicht zeigen, dass die
wirklich Verantwortlichen
für die Vorkommnisse in
Abu Ghraib in Washington
saßen. Doch sie können
uns anstiften, Fragen zu
stellen, denn es sind
häufiger Fotos als Worte,
die uns im Gedächtnis
bleiben.

 

 

 

 

   Bei Abu Ghraib, dem dreißig Kilometer von Bagdad entfernt gelegenen und einstmals größten und berüchtigsten von Saddam Husseins Gefängnissen, stellen sich heutzutage bei den meisten wohl unweigerlich die Bilder im Kopf ein, die amerikanische Armeeangehörige im Jahre 2004 von dort gefangen gehaltenen Irakern gemacht haben. Etwa von dem Häftling mit der übers Gesicht gezogenen Kapuze und Elektroden an den Händen, oder von Soldat Charles Graner, der in triumphierender Pose hinter einer Pyramide aufgestapelter nackter Inhaftierter zu sehen ist. Am 29. Mai 2009 veröffentlichte der Zürcher Tages-Anzeiger in seiner Online Ausgabe einen Text von Philip Gourevitch, in dem er sich zu diesen Fotos äußerte:

"Fünf Jahre später sieht sich Amerika erneut mit einer Debatte über die Veröffentlichung von Fotos konfrontiert, die zeigen, wie unsere Soldaten 'Verhörtechniken' der Regierung Bush in Abu Ghraib und anderswo anwenden. Barack Obama, dessen erster Akt als Präsident es war, Folter wieder als kriminell einzustufen, befürwortete anfänglich eine Publikation der Bilder. Dann änderte er seine Meinung. Seine Kritiker sagen nun, damit unterscheide ihn nichts mehr von seinem Vorgänger. Diese Stimmen irren sich. So wie es vor fünf Jahren ein Dienst an der Öffentlichkeit war, die Fotografien zu veröffentlichen, so Recht hat Barack Obama heute, wenn er sagt, wir bräuchten nicht noch mehr solcher Aufnahmen zu sehen. Er argumentiert, dass sie nur unsere Truppen in Afghanistan und im Irak gefährden würden. Dabei gibt es keinen Zweifel: Die Politik, deren Ausdruck diese Fotos sind, haben der Sache Amerikas bereits unermesslich geschadet."

Dass die Veröffentlichung dieser Fotos die amerikanischen Truppen in Irak und Afghanistan gefährden würden, kann als sicher gelten (auch wenn die weit größere Gefährdung für diese Truppen, abgesehen von ihrer Präsenz vor Ort, vermutlich von den sogenannten Kollateralschäden ausgeht), doch galt und gilt dies ja genauso für die Fotos von 2004. Gourevitch führt aus: Er habe, als er sein Buch über diese Soldaten schrieb, viel mehr Fotos gesehen als je veröffentlicht wurden, doch habe er sich entschieden, um "die Geschichte der Bilder am effektivsten zu erzählen … keines im Buch abzudrucken. Ich hatte Dutzende Interviews und Regierungsdokumente auf diese Weise konnte ich zeigen, dass die meisten der schlimmsten Vorfälle in Abu Ghraib nicht fotografiert worden waren."

   Dass die Fotos von Abu Ghraib nicht das Schlimmste zeigen, was in diesem Gefängnis vorgefallen war, demonstriert Gourevitchs Buch eindrücklich, doch kann man die Geschichte dieser Bilder wirklich am effektivsten erzählen, indem man sie nicht zeigt? Gourevitch illustriert sein Argument unter anderem wie folgt: Eines der Fotos zeigt eine über und über mit Blut verschmierte Zelle, es sieht aus wie in einem Schlachthaus. Das Foto als Foto sagt uns nichts anderes, als dass wir eine blutverschmierte Zelle vor Augen haben. Um zu verstehen, was wir sehen, müssen wir die Geschichte hinter dem Bild kennen und diese geht so: Eines Nachts schmuggelte ein irakischer Gefängniswärter eine geladene Pistole in die Zelle eines Gefangenen. Die Militärpolizisten erfuhren davon von einem Informanten. Als sie die Waffe sicherstellen wollten, begann der Gefangene zu schießen. Daraufhin schossen ihm die Soldaten in die Beine. Außer dem Gefangenen wurde niemand verletzt. Wer dieses Bild, ohne die Geschichte dazu, in einer Reihe von Folterbildern sehe, für den sei offensichtlich, so Gourevitch: "Dieses Bild zeigt die unaussprechlichen Folgen."

Nun, wer dieses Fotos sehen will, sagt damit ja nicht, dass er es de-kontextualisiert sehen will, denn es versteht sich: Bilder gehören in dem ihnen entsprechenden Zusammenhang gezeigt. Zudem: Bei Fotos, die als Dokumente (und mithin als Beweismittel) eingesetzt werden, gehört immer die Geschichte, die Auskunft gibt über die Entstehung der Bilder, mit dazu, genauso wie Informationen darüber, was man auf den Bildern nicht sieht, denn Fotos können für sich genommen nun einmal (ganz entgegen landläufiger Auffassungen) keine Geschichten erzählen. Andererseits: Was spricht dagegen, dieses Foto, zusammen mit der dazugehörigen Geschichte, zu veröffentlichen? Sicher, es ließe sich auch andersrum fragen: Braucht es zu dieser Geschichte eigentlich noch ein Foto? Ja, das braucht es, weil, was uns gezeigt wird, uns nachhaltiger beeinflusst als das, was wir uns nur vorstellen. Zudem: Erst wenn wir ein Bild dieser Zelle vor uns sehen, können wir uns gewiss sein, dass wir dieselbe Zelle meinen.

***

   Gourevitch, Redakteur der Paris Review und Autor des New Yorker, hat mit seinem sehr informativen, bei Hanser erschienenen "Die Geschichte von Abu Ghraib", einer enormen Fleißarbeit, die auf Hunderte von Stunden mit Interviews und Tausende von Dokumenten zurückgreifen konnte, die Errol Morris für seinen Film Standard Operating Procedure gesammelt hat, ein eindrückliches Werk vorgelegt.

Übrigens: Standard Operating Procedure: A War Story heißt der englische Originaltitel und trifft weit besser wovon dieser Text handelt als "Die Geschichte von Abu Ghraib", denn eine solche müsste doch eigentlich auch Iraker und nicht nur Amerikaner zu Worte kommen lassen. Doch dies ist in diesem Buch nicht der Fall: Hier beschäftigen sich die Amerikaner, wie wir das auch von unzähligen Büchern über den Vietnamkrieg kennen, bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte mit sich selber. Dabei herausgekommen ist ein erschütterndes und zutiefst verstörendes Buch, das das Bild einer Armee zeichnet, deren Übergriffe und Verbrechen all die Werte, für die sie angeblich kämpft, bestenfalls als zynischen Witz erscheinen lässt. Die Rechtsverletzungen waren brutal, systematisch, von höchster Stelle abgesegnet und wurden nirgendwo schriftlich festgehalten – selten hat man so eindrücklich vorgeführt gekriegt, dass offizielle Verlautbarungen offenbar selten etwas anderes als PRopaganda sind. Zudem: Dieses Buch ist nicht zuletzt deshalb so überzeugend, weil es von einer (gelegentlich geradezu obsessiven) Detailgenauigkeit ist, die ihresgleichen sucht. So erfahren wir etwa von Sabrina Harman, die viele der Fotos gemacht hat, dass sie zur 372. Militärpolizeikompanie, einer Reservereinheit der US-Army aus Cresaptown in Maryland gehörte, am 1. Oktober 2003 in Abu Ghraib eintraf, und zur Militärpolizei gegangen sei, "weil die Armee ihr dafür ein Stipendium anbot und weil sie später einmal zur Polizei gehen wollte. Auch ihr Vater und Bruder dienten bei der Polizei. Ihr Wunschberuf sei Gerichtsfotografin. Fotos hätten sie schon immer fasziniert – das Aufnehmen ebenso wie das Aufgenommenwerden. Sie habe ein Album mit Schnappschüssen von sich selber angelegt: als Baby neben dem Hund auf einem grün karierten Sofa liegend; als Kleinkind in Windeln mit blauer Strickmütze neben einem gelben Telefon sitzend, den Mund vor Wonne weit geöffnet; als Vier- oder Fünfjährige mit ordentlich gekämmtem kurzen Haar, die im eleganten Rüschchenkleidchen mit weißen Strümpfen und Handschuhen auf einem grünen Teppich kniet, dahinter eine Studiokulisse in voller Kirschbaumblüte; als lachendes Mädchen, als Pony reitendes Mädchen, als Mädchen mit Welpe, als Mädchen mit Stofftier, als Mädchen mit Pferd …"
und so geht das noch ein halbe Buchseite weiter.

   Haman ist auch im Irak auf Fotos zu sehen: im Leichenschauhaus von Al Hilla zum Beispiel, über eine der geschwärzten Leichen gebeugt: "Sie lächelt – ein gezwungenes, aber liebliches Lächeln – und hält ihre rechte Hand, zur Faust geballt und mit aufgestelltem Daumen, hoch."

"Die Fotos betrügen uns", hat Ko-Autor Morris am 14. Mai 2009 der Online-Ausgabe der Süddeutschen zu Protokoll gegeben: "Wir schauen sie an und glauben zu wissen, was sich in Abu Ghraib abgespielt hat. Doch wir wissen nichts … Wir wissen nicht, wie es zu diesen Fotos kam, wer die Häftlinge misshandelt hat, wer es befohlen hat. Wir wissen nicht einmal, ob die Bilder überhaupt die signifikanten Vorgänge zeigen. Vielleicht zeigen sie die schlimmsten Szenen, vielleicht zeigen sie aber nur die Spitze eines Eisberges. Die Bilder erwecken die Illusion, dass nur die paar Leute, die mit auf den Bildern sind, die Täter sind
was sicherlich nicht die Wahrheit ist."

Morris irrt, denn wer sich beim Betrachten dieser Fotos solche (und ähnliche) Gedanken macht, den können diese Fotos nicht betrügen. Und auch, wenn viele von uns über Fotos nicht in dem Maße nachdenken, wie sie es tun sollten, wenn sie nicht zu Foto-Opfern werden wollen, so ist es doch wenig wahrscheinlich, dass man sich zu solchen Fotos überhaupt keine Fragen stellt. Zudem: Ob diese Bilder wirklich die von Morris behauptete Illusion erwecken, nun ja, wer kann das schon wissen (nicht jeder fällt auf die Standard-Rechtfertigung der politisch Verantwortlichen, dass es halt immer ein paar faule Äpfel gebe, herein), doch dass wir nur die Namen etwa von Korporal Charles Graner "Der sichtliche Beweis: das Dargestellte als Mittel der Vertuschung" kennen, formuliert Gourevitch treffend.

   Sicher, Gourevitch hat Recht, die Fotos können uns nicht zeigen, dass die wirklich Verantwortlichen für die Vorkommnisse in Abu Ghraib in Washington saßen. Doch sie können uns anstiften, Fragen zu stellen, denn es sind häufiger Fotos als Worte, die uns im Gedächtnis bleiben und die dafür sorgen, dass wir nicht einfach wieder schnell zur Tagesordnung übergehen können, denn Fotos setzen Emotionen in einem Maße frei wie das Worte nicht vermögen. Das wissen sowohl Militärs als auch Politiker, die ihnen nicht genehme Bilder bekanntlich ganz grundsätzlich fürchten – und selten aus den offiziell geäußerten Gründen.

PS: Im Jahr 2004, in einer Rede vor der American Civil Liberties Union über die Abu Ghraib-Fotos, rang Seymour Hersh, der wie Gourevitch für den New Yorker schreibt, sichtlich um Worte ob des Grauenhaften, das er zu berichten hatte: Auf einigen Videos seien Frauen zu sehen. "The women were passing messages out saying 'Please come and kill me, because of what's happened' and basically what happened is that those women who were arrested with young boys, children in cases that have been recorded. The boys were sodomized with the cameras rolling. And the worst above all of that is the soundtrack of the boys shrieking that your government has."

   Will das wirklich jemand sehen und hören? Ich für meinen Teil will es nicht. Zugänglich gemacht werden muss dieses Bildmaterial trotzdem (und zwar noch zu Lebzeiten der direkt und indirekt Schuldigen), denn dass die damals dafür Verantwortlichen von den heute Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, ist ohne solch öffentlichen Druck mehr als unwahrscheinlich.


Eine redaktionell bearbeitete Fassung erschien
unter dem Titel "Es war noch viel schlimmer" in
Die Gazette, München, am 15. September 2009

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