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Tod hinter der Sonnenbrille
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Lee Hazlewood sieht das Ende der Straße und singt noch einmal wundervoll.
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V
on Bernhard Flieher
(01. 04. 2007)

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    Opa singt mit seiner Enkelin. Das Lied heißt "Some Velvet Morning" und gehört zu den schönsten Songs, die Opa je geschrieben hat. Berührend klingt das – und zugleich todtraurig. Tränen kommen. Wir wissen, warum Opa einmal noch singen will. Lee Hazlewood, "einer der großen Schattenfiguren der Popgeschichte" (New York Times), hat sein letztes Album aufgenommen.

Noch ist er nicht tot. Noch verströmt seine brüchige, verrauchte Stimme jene hinter Harmlosigkeit versteckte Zweideutigkeit, die diesen Mann unverwechselbar und unverzichtbar macht. Er lebt noch, aber er ahnt, dass es nicht mehr lange dauern wird. Den Nieren geht's schlecht und der Krebs frisst sich immer weiter in den Körper. "Cake Or Death" heißt das Album, das er "meinen Schwanengesang" nennt.

   Der 77-Jährige schwelgt noch einmal in meist schön traurigen Arrangements. Unterstützt wird er dabei von Gitarrist Duane Eddy, der ihn seit Jahrzehnten begleitet, von Chören und Kollegen wie der Jazzsängerin Ann-Kristin Hedmark. Zu hören ist auch Bela B. von der deutschen Spaßpunkband Die Ärzte. Damit könnte (endlich und gerechterweise) eine breitere und ganz neue Publikumsschicht erschlossen werden, die sich von allein niemals in die dunklen Gassen trauen würde, die Hazlewood seit Mitte der 60er Jahre beschreitet.

Mit Bela B. sinniert Hazlewood über "The First Song Of The Day", der ungefragt aus dem Radio kommt und einem leicht den Tag verdirbt. Was durchaus als Kulturkritik am Verfall der Medien und besonders der dort gebotenen Billigpopmusikware gedeutet werden kann, entpuppt sich als tiefes Bekenntnis zur eigenen Schrägheit. Nein, um einen Tag anzufangen, taugen die Songs von "Cake Or Death" nicht: "Hoffen wir, dass dieses Lied nie für irgendwen das erste des Tages sein wird", scherzen Bela und Lee. Songs dieser Art zeichnen die gesamte rätselhafte Karriere Hazlewoods aus.

   Öffentlich wahrgenommene Höhepunkte erlebte er bei der Zusammenarbeit mit Nancy Sinatra. "Summerwine" oder "These Boots (Are Made For Walking)" haben längst Eingang gefunden in das Ewigkeitsbuch des Pop. Es gab aber auch lustlose Totalaussetzer. Keiner außer Hazlewood schaffte es im New Musical Express mit einer Ein-Wort-Rezension vernichtet zu werden. Als 1973 "Poet, Fool or Burn" veröffentlicht wurde, kommentierte die englische Musikbibel das mit einem Wort: "Burn."

Nun brennt das Herz in Erinnerung, und Hazlewood verschafft sich – ohne Pathos zwar, aber nicht, ohne uns wehmütig zurückzulassen – einen großen Abgang. Am Ende einer großen Karriere reitet er in den Sonnenuntergang. Im Song "The Old Man" erzählt er die Geschichte von einem eigenartigen Ort namens "Forever". "What will 'Forever' bring?", singt die unvergleichliche Stimme und fragt weiter: "Will there be any songs to sing?" Die Antwort heben wir uns auf für den Nachruf, der trotz aller schlechter Prognosen doch bitte noch ein bisschen auf sich warten lassen möchte.


 

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