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"Ein Buch muss die Axt sein für
das gefrorene Meer in uns"

Vom Wert des Lesens

Bücher sind, entgegen vieler Behauptungen und Polemiken, so uninteressant nicht:
Sie enthalten viel Wertvolles und Bedenkliches. Das zu vermitteln, ist eine
Aufgabe des Intellektuellen bzw. Germanisten.

Von Herwig Gottwald
(01. 11. 2000)

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Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr.
Herwig Gottwald

herwig.gottwald [at] sbg.ac.at

g
eb. 1957 in Bad Ischl (Oö.),
Matura 1976, danach Soldat
des Bundesheeres, Studium
der Germanistik und Geschichte
in
Salzburg (Doktorat 1984),
AHS-Lehrer von 1981 bis Okt.
1994,
anschließend Assistent und nunmehr Professor am Salzburger Institut für Germanistik".

 

 

 

Gleichwertiges Wissen? 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Der Intellektuelle hat
die Aufgabe, Literatur zu
vermitteln und verständlich
zu machen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Lesen verändert die
Sicht auf die Welt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Lesen ist Arbeit und
braucht Zeit und Muße

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


"Ein Leben ohne Bücher
erscheint mir so sinnlos
wie eines ohne Musik"

 

   Für Franz Kafka sollten Bücher ihre Leser "mit einem Faustschlag auf den Schädel" wecken (Brief an Oskar Pollak, 1904), und er war selbst ein exzessiver Leser, der Bücher nicht primär  las, um sich "Bildung" anzueignen, sondern – wie das Eingangs-Zitat verdeutlicht – aus existentiellen Gründen. Seine eigenen Bücher hatten für mich – und viele andere Kafka-Leser – zumeist ähnliche Bedeutung. Kafkas Erzählungen, Romane, Tagebücher oder Briefe haben mich über Jahrzehnte begleitet, ich konnte sie nie ohne das tief empfundene Gefühl lesen, hier rühre jemand überaus subtil an Grundfragen moderner Lebensformen, die uns alle betreffen. Lesen konnte so für mich und andere zur Obsession werden, zur Suche nach "Sinn", "Orientierung", nach Hilfe in einer unübersichtlich gewordenen Welt, in der der Einzelne Wegmarken und Fingerzeige zu finden hoffte, die ihm das eigene Leben annähernd erträglich und verstehbar machen sollten.

Bücher als Identifikationsangebote: So lasen z.B. viele Jugendliche Hermann Hesse, besonders in den amerikanischen Subkulturen, in den Hippie-Bewegungen. So wurde Kafka von den Existentialisten bzw. denen, die deren Lebensgefühl zu teilen glaubten, gelesen. Und so lasen Millionen Jugendliche vor Jahrzehnten Karl Mays Abenteuerromane, in deren phantastischen Welten sich der Drang nach einem anderen, großen Leben in Form der Imagination Befriedigung schaffen konnten, zumindest für die – unvergesslichen! – Stunden der Lektüre.

   Wie anders dagegen scheint die Situation heute: Die Lesekultur insgesamt ist in einem tiefgreifenden Umbruch begriffen. Nicht nur die Verbreitung neuer Medien, sondern auch eine zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den überlieferten Wertesystemen und Bildungsideen macht sich breit. Ein Beispiel: Eine gewisse Ingrid Lebersdorfer (Arge für Englisch an Wiener Berufsschulen) erklärte (Die Presse, 16.12.2000), Berufsschüler seien keine "großen Leser": "Buchstabenfriedhöfe kommen nicht mehr an." Bücher generell als "Buchstabenfriedhöfe" zu bezeichnen, ist ein neuer, zugleich markanter Tiefpunkt in der kulturellen Abwärtsentwicklung der westlichen Gesellschaft. So können nur Leute reden, die mit Büchern nie wirklich etwas anfangen konnten, deren Unfähigkeit, Faulheit oder Gleichgültigkeit ihr Ressentiment Büchern und "Gebildeten" gegenüber nur verstärkt haben. In einer Welt der allgemeinen Unübersichtlichkeit, der Wissenszunahme und "globalen" Verfügbarkeit ungeheurer Datenmengen scheint die Abwertung des Lesens, der Bücher als psychische Entlastung zu dienen: Wo niemand mehr den ständig anwachsenden Bücherberg zu überblicken vermag, wird er einfach für unwichtig erklärt, für uninteressant, veraltet, unzeitgemäß und vor allem unökonomisch.

Diese – neoliberalistische – Entwicklung geht Hand in Hand mit der Verächtlichmachung von Religion, religiösen Werten, von Geschichte bzw. Vergangenheit generell, von "Hochkultur", von "Bildung". Viele Intellektuelle haben sich längst in den Dienst der neuen Spaß-Gesellschaft gestellt, Kritiker werden als "Modernisierungsverlierer" und rückwärtsgewandte Kulturpessimisten gebrandmarkt. Botho Strauß (geb. 1944, meistgespielter deutscher Dramatiker, ebenso umstrittener wie glänzender Essayist) hat viele dieser Entwicklungen schon vor sieben Jahren in seinem glänzenden Essay "Anschwellender Bocksgesang" (wiederabgedruckt in: Aufstand gegen die sekundäre Welt, Hanser Verlag 1999) auf den Punkt gebracht:

"Die Überlieferung verendet vor den Schranken einer hybriden Überschätzung von Zeitgenossenschaft [...]".

   Demgegenüber plädiert Strauß für Bewahrung, Erhaltung und Aneignung des kulturellen Erbes durch eine kleine Elite von Schriftkundigen, angeleitet durch Dichter und Meister-Künstler. Ob das der richtige Weg ist? In Übereinstimmung mit Botho Strauß halte ich Widerstand gegen den Neoliberalismus (in Gestalt des derzeitigen Finanzministers z.B.) für wesentlich, im Unterschied zu ihm trete ich nicht für den Rückzug in kleine, elitäre Zirkel von Schriftgelehrten ein, sondern für Aufklärung im Sinne von möglichst umfassender Volksbildung.

In Zeiten der "Telekratie", der Herrschaft des Fernsehens, ist Widerstand gegen die Einheits-Halb- und Viertel-Bildung gefordert, die sich wöchentlich in den lächerlichen Quizsendungen manifestiert, in denen die Skandalgeschichten von Pop-Stars als prinzipiell gleichwertiges "Wissen" den Kenntnissen der abendländischen Kulturtradition gegenübergestellt werden, wo Typen wie Slatko mit prononciert zur Schau gestellter Unwissenheit zu Identifikationsfiguren umfunktioniert werden.

   Volksbildung mittels Büchern: Das bedeutet für viele Intellektuelle auch, vom hohen Podest des Gelehrtenjargons herunterzusteigen, sich in die (vermeintlichen) Niederungen der Jugendlichen, der Schüler, der Leute "von der Straße", des "Volks" zu begeben und die Vermittlungsaufgaben wahrzunehmen zwischen der unübersehbaren Menge von Büchern und dem davor verzweifelt verharrenden Einzelnen. So sind Lesehinweise, Leselisten, Lesetipps und entsprechende Lesehilfen (Kommentare, Erläuterungen) für schwierige oder umfangreiche Bücher heute notwendiger denn je (ich verweise auf die durchaus brauchbare Leseliste des Reclam Verlages, UB 8900) . Neben den klassischen (kanonischen) Texten muss verstärkt auf "vergessene" Texte aufmerksam gemacht werden, z.B. auf Texte des Dichters Hans Henny Jahnn (1894-1959), dessen Hauptwerk, der große Roman "Fluss ohne Ufer" (Neuauflage im Suhrkamp Verlag 2000), für mich, einen relativ "abgebrühten" Leser, eines der großartigsten Leseerlebnisse der letzten Jahre war: Immer noch kann man auch heutzutage durch einen großen Text völlig in seinen Bann gezogen werden. In diesem Sinne schrieb Thomas Mann über seine erste Schopenhauer-Lektüre von einer "für immer nachzitternden geistigen Beglückung". Texte dieser Bedeutung wieder einem breiteren Publikum nahezubringen, für sie zu werben, Lesehilfen anzubieten, das habe ich immer als meine Hauptaufgabe als Berufsgermanist gesehen.

Selbst dem erfahrenen Leser widerfahren nicht selten geradezu umwerfende Erlebnisse mit großen Texten: Thomas Manns Josephs-Roman etwa gehört – wie auch Joyces "Ulysses" oder Peter Weiss’ "Ästhetik des Widerstands" – zu denjenigen Büchern (für mich wahre "Jahrhundert-Bücher"), die wie eine Axt das "gefrorene Meer in uns" aufspalten können. Nach der Lektüre solcher Werke ist man verändert, sieht die Welt mit neuen Augen, empfindet vieles tiefer, richtet den Blick unter gänzlich anderen Vorzeichen auf Gegenwart und Vergangenheit. Lesen bedeutet Veränderung der Wahrnehmung der Wirklichkeit, bewirkt das Aufbrechen starrer Denk-Muster, führt auch zur Erschütterung von Gewissheiten, von festgefügten Ideologien und Glaubenssätzen, kann verunsichern, öffnet aber zugleich die Augen für das Fremde, das Andere, auch für das Fremde, weil Unbewusste, Verdrängte, Verschüttete in uns selber.

   Lesen ist nicht nur "Abenteuer im Kopf", es ist auch Arbeit, erfordert Disziplin, geistige Sammlung, Konzentration, Zeit. Die Schaffung der richtigen Lese-Atmosphäre, wie sie etwa Italo Calvino in seinem Roman "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" schildert, ist dabei immer Voraussetzung: Große Werke sollte man immer mit dem nötigen Zeitpolster im Gepäck zur Hand nehmen, mögliche Irritationen (durch Mit-Menschen, technische Apparaturen, Lärm aller Art..) dabei von vornherein weitgehend ausschalten, sich in die Stille und Friedlichkeit einer Umgebung zurückziehen, in der das völlige Versinken in die Welt des Buches möglich ist. Kontinuierliches Lesen, ständiges Kontakhalten zur Welt von Büchern kann den Boden bereiten für exzessives Lesen, für Lese-Nächte, Lese-Wochenenden, Lese-Urlaube, in denen die Lesenden vollständig in große Texte eintauchen, die Außenwelt ausblenden und so des – immer wieder schwer fassbaren – Glückes teilhaftig werden, das diese Werke für uns bereit halten. So las ich Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse", Thomas Manns "Doktor Faustus", Marlen Haushofers "Die Wand", Karl Philipp Moritz’ "Anton Reiser", Thomas Bernhards "Kalkwerk", Eichendorffs "Ahnung und Gegenwart", Christoph Heins "Horns Ende", Lichtenbergs "Sudelbücher" und Canettis "Aufzeichnungen".

Ein Leben ohne Bücher erscheint mir so sinnlos wie eines ohne Musik. Wenn die Internet-Generationen, die Bildschirm-Süchtigen und "matt Bestrahlten" (Strauß) enttäuscht aus der flimmernden und ungreifbaren Welt der bewegten Bilder einst tatsächlich zurückkehren wollen in die Labyrinthe der Bibliotheken, der Bücherschränke, sollte ihnen diese Heimkehr leichter gemacht werden, sollten sie keine verschlossenen Tore finden. Sich dafür einzusetzen, hielte ich für eine lohnende Aufgabe.

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