|
Für Franz
Kafka sollten Bücher ihre Leser "mit einem Faustschlag auf den Schädel"
wecken (Brief an Oskar Pollak, 1904), und er war selbst ein exzessiver
Leser, der Bücher nicht primär las, um sich "Bildung" anzueignen,
sondern – wie das Eingangs-Zitat verdeutlicht – aus existentiellen Gründen.
Seine eigenen Bücher hatten für mich – und viele andere Kafka-Leser –
zumeist ähnliche Bedeutung. Kafkas Erzählungen, Romane, Tagebücher oder
Briefe haben mich über Jahrzehnte begleitet, ich konnte sie nie ohne das
tief empfundene Gefühl lesen, hier rühre jemand überaus subtil an
Grundfragen moderner Lebensformen, die uns alle betreffen. Lesen konnte so
für mich und andere zur Obsession werden, zur Suche nach "Sinn",
"Orientierung", nach Hilfe in einer unübersichtlich gewordenen Welt, in der
der Einzelne Wegmarken und Fingerzeige zu finden hoffte, die ihm das eigene
Leben annähernd erträglich und verstehbar machen sollten.
Bücher als
Identifikationsangebote: So lasen z.B. viele Jugendliche Hermann Hesse,
besonders in den amerikanischen Subkulturen, in den Hippie-Bewegungen. So
wurde Kafka von den Existentialisten bzw. denen, die deren Lebensgefühl zu
teilen glaubten, gelesen. Und so lasen Millionen Jugendliche vor Jahrzehnten
Karl Mays Abenteuerromane, in deren phantastischen Welten sich der Drang
nach einem anderen, großen Leben in Form der Imagination Befriedigung
schaffen konnten, zumindest für die – unvergesslichen! – Stunden der Lektüre.
Wie anders dagegen scheint
die Situation heute: Die Lesekultur insgesamt ist in einem tiefgreifenden
Umbruch begriffen. Nicht nur die Verbreitung neuer Medien, sondern auch eine
zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber den überlieferten Wertesystemen und
Bildungsideen macht sich breit. Ein Beispiel: Eine gewisse Ingrid
Lebersdorfer (Arge für Englisch an Wiener Berufsschulen) erklärte
(Die Presse, 16.12.2000), Berufsschüler seien keine "großen Leser": "Buchstabenfriedhöfe
kommen nicht mehr an." Bücher generell als "Buchstabenfriedhöfe" zu
bezeichnen, ist ein neuer, zugleich markanter Tiefpunkt in der kulturellen
Abwärtsentwicklung der westlichen Gesellschaft. So können nur Leute reden,
die mit Büchern nie wirklich etwas anfangen konnten, deren Unfähigkeit,
Faulheit oder Gleichgültigkeit ihr Ressentiment Büchern und "Gebildeten"
gegenüber nur verstärkt haben. In einer Welt der allgemeinen
Unübersichtlichkeit, der Wissenszunahme und "globalen" Verfügbarkeit
ungeheurer Datenmengen scheint die Abwertung des Lesens, der Bücher als
psychische Entlastung zu dienen: Wo niemand mehr den ständig anwachsenden
Bücherberg zu überblicken vermag, wird er einfach für unwichtig erklärt, für
uninteressant, veraltet, unzeitgemäß und vor allem unökonomisch.
Diese – neoliberalistische
– Entwicklung geht Hand in Hand mit der Verächtlichmachung von Religion,
religiösen Werten, von Geschichte bzw. Vergangenheit generell, von
"Hochkultur", von "Bildung". Viele Intellektuelle haben sich längst in den
Dienst der neuen Spaß-Gesellschaft gestellt, Kritiker werden als
"Modernisierungsverlierer" und rückwärtsgewandte Kulturpessimisten
gebrandmarkt. Botho Strauß (geb. 1944, meistgespielter deutscher Dramatiker,
ebenso umstrittener wie glänzender Essayist) hat viele dieser Entwicklungen
schon vor sieben Jahren in seinem glänzenden Essay "Anschwellender
Bocksgesang" (wiederabgedruckt in: Aufstand gegen die sekundäre Welt, Hanser
Verlag 1999) auf den Punkt gebracht:
"Die Überlieferung
verendet vor den Schranken einer hybriden Überschätzung von
Zeitgenossenschaft [...]".
Demgegenüber plädiert
Strauß für Bewahrung, Erhaltung und Aneignung des kulturellen Erbes durch
eine kleine Elite von Schriftkundigen, angeleitet durch Dichter und
Meister-Künstler. Ob das der richtige Weg ist? In Übereinstimmung mit Botho
Strauß halte ich Widerstand gegen den Neoliberalismus (in Gestalt des
derzeitigen Finanzministers z.B.) für wesentlich, im Unterschied zu ihm
trete ich nicht für den Rückzug in kleine, elitäre Zirkel von
Schriftgelehrten ein, sondern für Aufklärung im Sinne von möglichst
umfassender Volksbildung.
In Zeiten der
"Telekratie", der Herrschaft des Fernsehens, ist
Widerstand
gegen die Einheits-Halb- und Viertel-Bildung gefordert, die sich wöchentlich
in den lächerlichen Quizsendungen manifestiert, in denen die
Skandalgeschichten von Pop-Stars als prinzipiell gleichwertiges "Wissen" den
Kenntnissen der abendländischen Kulturtradition gegenübergestellt werden, wo
Typen wie Slatko mit prononciert zur Schau gestellter Unwissenheit zu
Identifikationsfiguren umfunktioniert werden.
Volksbildung
mittels Büchern: Das bedeutet für viele Intellektuelle auch, vom hohen
Podest des Gelehrtenjargons herunterzusteigen, sich in die (vermeintlichen)
Niederungen der Jugendlichen, der Schüler, der Leute "von der Straße", des
"Volks" zu begeben und die Vermittlungsaufgaben wahrzunehmen zwischen der
unübersehbaren Menge von Büchern und dem davor verzweifelt verharrenden
Einzelnen. So sind Lesehinweise, Leselisten, Lesetipps und entsprechende
Lesehilfen (Kommentare, Erläuterungen) für schwierige oder umfangreiche
Bücher heute notwendiger denn je (ich verweise auf die durchaus brauchbare
Leseliste des Reclam Verlages, UB 8900) . Neben den klassischen
(kanonischen) Texten muss verstärkt auf "vergessene" Texte aufmerksam gemacht
werden, z.B. auf Texte des Dichters Hans Henny Jahnn (1894-1959), dessen
Hauptwerk, der große Roman "Fluss ohne Ufer" (Neuauflage im Suhrkamp Verlag
2000), für mich, einen relativ "abgebrühten" Leser, eines der großartigsten
Leseerlebnisse der letzten Jahre war: Immer noch kann man auch heutzutage
durch einen großen Text völlig in seinen Bann gezogen werden. In diesem
Sinne schrieb Thomas Mann über seine erste Schopenhauer-Lektüre von einer
"für immer nachzitternden geistigen Beglückung". Texte dieser Bedeutung
wieder einem breiteren Publikum nahezubringen, für sie zu werben, Lesehilfen
anzubieten, das habe ich immer als meine Hauptaufgabe als Berufsgermanist
gesehen.
Selbst dem erfahrenen
Leser widerfahren nicht selten geradezu umwerfende Erlebnisse mit großen
Texten: Thomas Manns Josephs-Roman etwa gehört – wie auch Joyces "Ulysses"
oder Peter Weiss’ "Ästhetik des Widerstands" – zu denjenigen Büchern (für
mich wahre "Jahrhundert-Bücher"), die wie eine Axt das "gefrorene Meer in
uns" aufspalten können. Nach der Lektüre solcher Werke ist man verändert,
sieht die Welt mit neuen Augen, empfindet vieles tiefer, richtet den Blick
unter gänzlich anderen Vorzeichen auf Gegenwart und Vergangenheit. Lesen
bedeutet Veränderung der Wahrnehmung der Wirklichkeit, bewirkt das
Aufbrechen starrer Denk-Muster, führt auch zur Erschütterung von
Gewissheiten, von festgefügten Ideologien und Glaubenssätzen, kann
verunsichern, öffnet aber zugleich die Augen für das Fremde, das Andere,
auch für das Fremde, weil Unbewusste, Verdrängte, Verschüttete in uns selber.
Lesen ist nicht nur
"Abenteuer im Kopf", es ist auch Arbeit, erfordert Disziplin, geistige
Sammlung, Konzentration, Zeit. Die Schaffung der richtigen Lese-Atmosphäre,
wie sie etwa Italo Calvino in seinem Roman "Wenn ein Reisender in einer
Winternacht" schildert, ist dabei immer Voraussetzung: Große Werke sollte
man immer mit dem nötigen Zeitpolster im Gepäck zur Hand nehmen, mögliche
Irritationen (durch Mit-Menschen, technische Apparaturen, Lärm aller Art..)
dabei von vornherein weitgehend ausschalten, sich in die Stille und
Friedlichkeit einer Umgebung zurückziehen, in der das völlige Versinken in
die Welt des Buches möglich ist. Kontinuierliches Lesen, ständiges
Kontakhalten zur Welt von Büchern kann den Boden bereiten für exzessives
Lesen, für Lese-Nächte, Lese-Wochenenden, Lese-Urlaube, in denen die
Lesenden vollständig in große Texte eintauchen, die Außenwelt ausblenden und
so des – immer wieder schwer fassbaren – Glückes teilhaftig werden, das diese
Werke für uns bereit halten. So las ich Nietzsches "Jenseits von Gut und
Böse", Thomas Manns "Doktor Faustus", Marlen Haushofers "Die Wand", Karl
Philipp Moritz’ "Anton Reiser", Thomas Bernhards "Kalkwerk", Eichendorffs
"Ahnung und Gegenwart", Christoph Heins "Horns Ende", Lichtenbergs
"Sudelbücher" und Canettis "Aufzeichnungen".
Ein Leben ohne Bücher
erscheint mir so sinnlos wie eines ohne Musik. Wenn die
Internet-Generationen, die Bildschirm-Süchtigen und "matt Bestrahlten"
(Strauß) enttäuscht aus der flimmernden und ungreifbaren Welt der bewegten
Bilder einst tatsächlich zurückkehren wollen in die Labyrinthe der
Bibliotheken, der Bücherschränke, sollte ihnen diese Heimkehr leichter
gemacht werden, sollten sie keine verschlossenen Tore finden. Sich dafür
einzusetzen, hielte ich für eine lohnende Aufgabe. |