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Synapse und Synthese
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Zur Dichtung und insbesondere Seele III von Marietta Böning.
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V
on Martin A. Hainz
(01. 06. 2007)

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Mag. Dr. Martin A. Hainz
martin.hainz@univie.ac.at

geboren 1974, arbeitet am Institut für Germanistik der Universität Wien.

Homepage
http://homepage.univie.
ac.at/martin.hainz/

 

 


Buchtipp

Marietta Böning.
raumweise.
Edition Das Fröhliche
Wohnzimmer
, 1998. 50 S.
ISBN:
3-900956-41-3

 

Marietta Böning,
Jahrgang 1971, Studium der
Philosophie, Psychologie und
Literaturwissenschaft sowie
Kulturmanagement-Studium,
lebt in Wien. Sie schreibt Lyrik,
Essays, Kritiken, Erzählungen
und Dramen. Für ihre Arbeit
erhielt sie u. a. 1998 den Lyrik-
Preis der Akademie Graz und
2006 den Theodor-Körner-
Förderpreis.


 

Seele III

Nach, der Krise jetzt

Spürendes Mich unter
Massen anderer.
Bin, Einfädeln,
Garn für die nächste Nadel.

Sticht sticht wen

Menschen, einen,
immer, einen,

– Nur eine Nadel.
Ich löchre.
Er spürt Lücken.

Sticht nur,

– nur einen Namen

Name, Nervenverkettung
Name, gedacht, gemacht im Gedächtnis

auch meine synaptische Seele, löchrige Landschaft,
umgarnt tags und nachts (1)


   Marietta Bönings Gedicht Seele III, das ihren ersten Gedichtband mit dem Titel raumweise eröffnet, ist eine stringente Engführung von Eros – man könnte auch sagen: Sorge – und Aggression.

Beide verbindet der Text, der zum einen benennend verfährt, also festlegend, dann aber auch schon den Polylog herausfordert, worin das Festgelegte selbst fortleben mag; Barthes schreibt, Lesen heiße, "das Werk begehren, […] sich weigern, das Werk außerhalb seiner Sprache durch eine andere Sprache zu verdoppeln"(2); aber auch: "das Werk zurückverweisen an das Begehren des Schreibens, aus dem es hervorgegangen ist."(3)

Das beschreibt und tut zugleich der Text von Böning; ihre Dichtung arbeitet mit dem Bild der Textur, das ja zweierlei evoziert: zum einen die Verflechtung, das implizit Intertextuelle, den Schritt weg von der klassischen Hermeneutik hin zu einem neuen Begriff von Intention … zum anderen aber ist das Verknüpfen-Können auch ein Verweis darauf, daß kein literarisches Gewebe für sich tragend ist, ein Text im Lesen stattfindet, sonst eine "löchrige Landschaft" ist. Text ist ein synaptisches Etwas, die darin überspringenden Verbindungen aber sind eine Interaktion der objektivierten Provokation der Schrift und der Lektüre.

Krise ist hier ein doch auffallendes und auch gleich zu Beginn des Textes fallendes Wort: Etymologisch ist das ein Scheiden, und zwar sowohl das Unter- als auch das Entscheiden. Mit Herbert J. Wimmer: "doch wo krisen sind, sind auch optionen"(4)… Noch der Übergang vom Bild der Kette zu dem der Synapse (dem Überspringen qua Leerstelle) ist da signifikant.

Die Löcher sind aber auch Verweis auf die Verfeinerung und Suspendierung der Grausamkeit des Denkens, einer Grausamkeit, die zugleich hier besteht … "(a)ls könnte nur das bleistiftgespitzte Wort erreichen/auf was der Schreiber spitzt"(5) – dieser Vers ist so doppeldeutig wie die Pointierung, die er thematisiert. Das Ich ist darin Täter wie Opfer, "Mich […] Bin", partizipiert am Erlittenen. Hier wie auch sonst ist diese Dichtung am ehesten als präziser Gefrierschnitt durch die Begrifflichkeit des Emotionalen zu verstehen, als Sorge, die sich auf die Aggression bezieht, welche zugleich Anstoß noch der wie immer destillierten Behutsamkeit und Sorge ums Andere sei: "deine/allerdings falsch buchstabierte Sorge"(6)

Die Formel "gedacht, gemacht" verknüpft eigentümlich diesen scheinbaren Rekurs des Denkens auf einen Ordo, den es zugleich aktualisiert, also findet und erfindet. Gerade der Gang zu den Quellen zeigt dies, also: seine Unmöglichkeit; die Dichterin schreibt in einem anderen Band: "Die Fußnoten […] treten die Wörter nicht fest"(7)… Eine solche Poetologie der Fußnote hat Benjamin skizziert, er heißt seine "Zitate […] Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen"(8); diese Referenzen sind eben nicht der Versuch, eine These zu untermauern, vielmehr ersteht diese aus dem Material – und desgleichen eine irritierende Gegenläufigkeit, da die Ambivalenz der Indizien erhalten ist. Das Zitat – so ließe sich in Anlehnung an Foucaults Skizze des Kalligramms sagen – hat "die Souveränität, die zur Erscheinung bringt"(9), "eröffnet ein Spiel von Übertragungen, die […] einander antworten, ohne etwas zu affirmieren oder zu repräsentieren."(10)

Dazwischen ist jenes Handeln und Sein, das stringent und doch das eines fragilen Selbst (darum: "Mich unter/Massen anderer") ist. Der Text beschwört nicht, sondern konstituiert so eine Seele, die nicht metaphysisch und stabil erscheint, sondern: wie die Summe der so gezeitigten Effekte, die sie aber – darin dies doch transzendierend – als Gesamtheit zeitigt, deutet und erleidet. Er ist darin wie vieles im Werk der Dichterin Gegenwartsliteratur im besten Sinne.


Anmerkungen

(1) Marietta Böning: raumweise
Wien: Das fröhliche Wohnzimmer – Edition 1998, [S.4]

(2) Roland Barthes: Kritik und Wahrheit, übers. v. Helmut Scheffel
Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag, 1967 (=edition suhrkamp 218), S.91

(3) ibid.

(4) Herbert J. Wimmer: roman artigkeiten (teil 1).
In: kolik, Nr 17, Dezember 2001, S.34-51, S.39

(5) Marietta Böning: Rückzug ist eine Trennung vom Ort
Wien: Das fröhliche Wohnzimmer – Edition [2006], S.34

(6) Böning: raumweise, [S.17]

(7) Böning: Rückzug ist eine Trennung vom Ort, S.41

(8) Walter Benjamin: Einbahnstraße
Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 121992 (=Bibliothek Suhrkamp, Bd 27), S.108

(9) Michel Foucault: Dies ist keine Pfeife. Mit zwei Briefen und vier Zeichnungen von René Magritte, übers. v. Walter Seitter Frankfurt/M., Berlin, Wien: Ullstein 1983(=Ullstein Buch Nr 36073 · Ullstein KunstBuch), S.43

(10) ibid., S.46

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