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Kontinent Kraus
...

Wie Literatur und Kritik "Die Fackel" davor einblendet.

Von Vasile V. Poenaru
(22. 02. 2011)

...



Vasile V. Poenaru
bardaspoe [at] rogers.com

geboren 1969, zweisprachig
aufgewachsen, Studium der
Germanistik in Bukarest,
darauf Verlagsarbeit und
Übersetzungen. Derzeit
Doktorand an der
Universität Toronto.


 

 

 

 

Die Fackel
(Dezember 1914)

 

 

 


Ein wenigstens zum Teil
geglückter Versuch, Karl
Kraus wieder zurück nach
Wien, zurück zu den
Wienern und im weitesten
Sinne zu den Europäern
zu bringen?

 

 

 

 

Karl Kraus
(1874-1936)

 

 

 

 

"Es wäre schön, wenn
Sie das Wort Menetekel
vermeiden könnten."

 

 

 

 

"Literatur und Kritik"
(gegründet 1966, heraus-
gegeben seit 1991 von
Karl-Markus Gauß)

 

 

 

 

Karl-Markus Gauß
behauptet, einer der
wenigen Menschen zu
sein, die Karl Kraus’ Fackel
auch wirklich gelesen
und exzerpiert haben.

 


 

 

 


(c) wikipedia

Karl-Markus Gauß,
geboren 1954 in Salzburg,
studierte Geschichte und
Germanistik. Er ist als Litera-
turkritiker, Essayist und
Herausgeber der Zeitschrift
"Literatur und Kritik" tätig.
Von ihm sind zahlreiche
Bücher erschienen, unter
anderem "Der Mann, der ins
Gefrierfach wollte" (1999),
"Die sterbenden Europäer"
(2001), "Die Hundeesser
von Svinia" (2004) oder
"Zu früh, zu spät" (2007).

 

 

 

 

 

 

"Man soll ja um Himmels
Willen nicht versuchen,
einen Kurzgeschichten-
Schluss wie Hemingway
zu schreiben. Das ist abso-
lut unmöglich. Das ist
etwas, das gar nicht da ist.
Man kann das immer
wieder nur ansehen und
lesen. Das kann nur er."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwischen "Menetekel"
und "Trottel" den Kontinent
für alle häuslich einrichten:
die geheime Intention der
Kraus-Nummer, eine sprach-
kritisch wie gesellschafts-
kritisch verstandene Beru-
fung an unserer schönen
Donau, an unserer versalz-
ten Salzach, am enten-
freundlichen Pichlinger-
see, an der dunklen
Narva und sonstwo.

   Davor, das heißt, vor geraumer Zeit, von der Jahrhundertwende bis 1936 – als unser Elias Canetti, dem später der Nobelpreis und sogar ein Gipfel in der Antarktis zuteil werden sollten, noch ganz jung und ganz Ohr war. Und – wie die Leserschaft seiner mehrbändigen Lebensgeschichte weiß – geradezu hypnotisiert von dem einen (nicht gebürtigen, doch sehr wohl waschechten) Wiener, dessen oft genug zurecht maßregelnde Sprachgewalt nie unterging, nie untergehen konnte, nie untergehen sollte. "Kontinent Kraus", so der Titel von LuK 445/446.

Dem großen Alleinkämpfer deutschsprachiger Ausdrucksweise (der aber anders als manche seiner Zeitgenossen nicht nur das Deutsche, sondern auch andere Sprachen vor dem Jüngsten Gericht gelten lassen wollte), dem monumentalen "Unbestechlichen" (LuK-Dossier, S. 53), dem Mann, der "das größte Gerichtsprotokoll der Weltliteratur" (ebd.) bzw. ein "großes Epos" , einen "zusammenhängenden Großroman" (Riess, LuK-Dossier, S. 66 – wohlgemerkt beides mit Fragezeichen und dem Multiplikationsfaktor Zehn versehen) erstellte, ist eine Nummer gewidmet, in der es "wie am Schnürchen, manchmal aber auch wie am Strick" geht, um ein Wort aus den einschlägigen "Erkenntnissen zu Karl Kraus" zu gebrauchen, die Erwin Riess anhand seines unheimlich kultivierten Herrn Groll dem möglicherweise ebenso kultivierten Lesepublikum zumutet.

   Karl Kraus (der Kritiker, der Redner, der Verführer, dem sich im Rahmen seiner legendären Vorträge ohne Weiteres je viertausend Ohren öffneten) wird im dritten Jahrtausend in Karl-Markus Gauß’ Literaturzeitschrift festgenagelt, die alle zwei Monate auf viertausend Regalen in Salzburg, Linz, Wien, Bukarest, Berlin, Toronto und bestimmt auch auf dem vierhundert Meter hohen Canetti Peak in der guten, alten Antarktis landet: eine kleine, von Kraus’ Jünger Gauß (der aber kein Jünger sein will) inszenierte Ehrung vermittels indirekter Groll-Dialoge im Zeichen des altösterreichischen Vermächtnisses und des neuen Wienerischen Lebensgefühls, ein wenigstens zum Teil geglückter Versuch, Karl Kraus wieder zurück nach Wien (und nach Tschechien), zurück zu den Wienern und im weitesten Sinne zu den Europäern zu bringen, eine jedenfalls anregende und inhaltlich wie stilistisch bereichernde Aktualisierung der Kraus-Frage (besser: der Kraus-Fragestellung) im Kontext: Wie macht man das? Wie kommt so eine Vergegenwärtigung mittlerweile katalogierter, ja digitalisierter Schreibwut, wie kommt so eine fast unsagbar sublimierte Blendung dessen, was war, mit dem, was wird, zustande? Indem man Kraus zum Erdteil "ernennt"? Oder zum Richter? Oder zum Revolutionär?

Hintergrundinformation im Kraus-Gauß-Zusammenhang: Der "japanische Österreicher" Leopold Federmair, der übrigens den ersten Kulturbrief des Heftes stellt, spricht die Namen Fritz Mauthner, Karl Kraus, Ludwig Wittgenstein, Robert Musil und Karl-Markus Gauß in einem Zug aus (kolik 12/2000, S. 150). "Seine" LuK will Gauß aber nicht in eine Fackel umwandeln (Gauß, "Ins fünfzehnte Jahr" in Literatur und Kritik 391/392, 03/2005). Die Fackel, das war vorher. Die war einmalig. Denn Kraus ist Kraus.

   Lassen wir es auf ein paar zusätzliche zeitgemäße Überlegungen zum (erweiterten) Kraus-Gauß-Riess-Dreieck ankommen: In der allerersten Nummer der Fackel schreibt Kraus vom "Mene Tekel" seiner Zeit und warnt u.a. vor dem Gespenst des Nationalismus, der sprachlichen Ausartung, der politischen Anmaßung und der allzu gefügigen "journalistischen Rotationsmaschine". In LuK 425/426 (07/2008) heißt Gauß’ Editorial "Die Zukunft Europas, ein Menetekel". Darin geht es vor allem um die gerade jetzt wieder einmal im Kontext hochaktuelle Problematik der Verfolgung der Roma durch die italienische Regierung und die Gefahren, die eine diesbezüglich passive Haltung der Öffentlichkeit birgt, als habe Gauß auf den damaligen Mauern bzw. auf dem Bildschirm der italienischen Telekratie das jetzt, gute zwei Jahre später, offensichtlich unter Missachtung europäischer Werte formulierte Mobilitätsprinzip Sarkozys "gelesen". Und in LuK 445/446 sagt Herr Groll zu seinem wissbegierigen Gesprächspartner, dem Dozenten, der diesen (im schlechten Sinne) verheißungsvollen Begriff gerade fallen lassen will: "Es wäre schön, wenn Sie das Wort Menetekel vermeiden könnten." (S. 70) Ja, schön wär’s.

Ende gut, alles gut. Das Dossier von LuK 445/446 beginnt mit dem letzten Wort der Fackel: "Trottel" – eine Schlussbemerkung der 20.000 Seiten unter dem (literarischen) Speer, mit dem der unerbittlichste aller Kritiker wider so manchen Zeitgenossen zog, die sich ansonsten recht gut im Sattel hielten und als unbescholten galten (einige waren es ja auch). Kraus mit runter gelassenem Visier? Auf dem Umschlag seine Handschrift, und das irgendwie kitschig anmutende Erscheinungsdatum von LuK 445/446, Juli 2010, einfach draufgeklebt: wie ein Fremdkörper, schwarz auf weiß, genauer gesagt, ausnahmsweise mal schwarz auf einem weißen Streifen – und das Ganze dann sozusagen intertextuell auf den fast unleserlichen, dafür aber umso stimmungsvolleren Fackel-Manuskript-Auszug geschmissen; in den Seiten eine Karikatur, nein, ein Portrait von ihm, Kraus, und auf der Nebenseite ein Bild von Riess, dessen Groll uns erzählt, was da alles bei Kraus drin steht – dazu noch ein bisschen Rilke und dessen Malte und ein bisschen Musil und sein Land ohne Eigenschaften und dessen Möglichlichkeitsmensch Ulrich, der abstrakt Denkende, im Auftakt ewiger Wahrheiten (siehe Musils "Richtbilder") mit der großen Parallelaktion Beauftragte.

   Kann man aber wirklich "nur" durch Lesen wissen, wie es früher mal war? Darf man Erkenntnisse anderer Zeiten mit Hinblick auf die heutige Problematik des Kontinents ungeniert wiederverwenden? Riess und Kraus blicken einander an, sozusagen jeder auf seiner Seite eingeschanzt, treffen sich allerhöchstwahrscheinlich irgendwo auf dem ausgedehnten semantischen Feld zwischen Seite 52 und Seite 53, liefern sich aber keine Schlacht; ganz im Gegenteil. Es geht wie am Schnürchen. Kraus aktuell könnte man so etwas nennen – besprochen an einem Kanal, der früher mal der Hauptarm der Donau war.

Quite continental: Darf man das zu dieser Nummer sagen? Karl-Markus Gauß behauptet, einer der wenigen Menschen zu sein, die Karl Kraus’ Fackel auch wirklich gelesen und exzerpiert haben (siehe Tanzers Gauß-Monographie, S. 21). So richtig gelesen. Hineinspähen, herumblättern, die CD mal "aufschlagen", sich probeweise einen Auszug aus Canettis Die Fackel im Ohr vornehmen (in der freilich keineswegs etwa Die Fackel selbst, dafür jedoch umso mehr die von ihr entfachte Begeisterung aufleuchtet)? Gilt nicht.

   Doch auch Herr Groll scheint sich in Sachen Kraus fürchterlich gut auszukennen, wie etwa in Riess’ "Geschichte vom Wiener Donaukanal" ersichtlich ist. Groll ist dabei kein "wirklicher" Mensch, sondern ein erfundener, das soll heißen: ein möglicher. Der Frage, ob Groll schlauer als sein Autor sei, wollen wir jetzt nicht näher nachgehen, da sie ja zu tief in den literaturwisschenschaftlichen Betrachtungen der Phänomenologie des Textes verankert ist.

Wenn Herr Groll sich über den "Einfluss der Donauregulierung in Kraus’ Werk" oder über Kraus’ Haltung zum Thema Minderheiten oder über das Spannungsfeld zwischen Sprachkritik und Kritikersprache auslässt, kommt einem fast unwillkürlich ein weiterer skurriler Herr in den Sinn, der sich dieser Tage anhand einer keineswegs behinderlichen, sondern durchaus potenzierenden Verlangsamung der "Story" in mehr als nur räumlichem Sinne durch Österreich und das Österreichische herumtut: Wolfgang Hermanns stillen Gesetzmäßigkeiten nachspurender Herr Faustini. "Wer ruft mir?" würde der Kontinent-Geist fragen, wenn er jetzt zufälligerweise da wäre. Doch der ist ja im Moment auf der Suche nach der Mitte Europas – in Begleitung seines ritterlichen Seismographen Karl-Markus Gauß, der nicht nur als Ritter, sonder gerne mal auch als Retter sein Wesen treibt.

   Im zweiten Beitrag des Kraus-Dossiers trifft der Leser den großen Meister des Totalitätsromans an. "Goethe lässt uns nicht im Stich", so beginnt Hansjörg Graf seinen Bericht über die 2002 gegründete, mit der CD-ROM-Edition der Fackel eröffnete Bibliothek Janowitz, 70 Kilometer südlich von Prag. Zitate aus erhaben anmutenden Zeiten wollen über den ahnungslosen LuK-Konsumenten herfallen. Zusammenhänge wollen erläutert, Kulturkreise wollen erfasst, Parallelen wollen aufgestellt werden.

Räumlich umgesetzt: dem Mainstream entlang, die Donau runter. Kraus drüben? Oder ist das immer noch hier? Oder müssen wir immerfort zwischen Mitte und Zentrum hin und her pendeln? Rilke. Sidonie. Briefe. Ein gutes Stück Altösterreich. Stimmung. Information. Wiederum neue Erkenntnisse. "Insel Janowitz". Ein Wort von früher.

   Im gewissen Sinne wird jetzt ganz Europa aus dem Bett gerissen, umgeleitet, reguliert. Das aufblitzende Sprachereignis rund um die Wahrhaftigkeit einer Stellungnahme und den Zusammenbruch von Werten, die gerade noch so stabil waren, dürfte diesem Kontinent, dem Kraus-Kontinent, auch heutzutage durchaus stehen. Freilich müsste dazu verstärkt gegen die journalistische Rotationsmaschine angekämpft werden – brauchbare Schlachtfelder bietet u.a. LuK. Das kritische Potential unbestechlicher Essayistik könnte dabei möglicherweise Europas Ausweg aus den Schlingen des Konjunktivs zeitigen.

Zielstrebigkeit der linguistischen Umsetzung: Lässt Riess als Motto seiner Grollschen Kraus-Überlegungen Musils Möglichkeitsmenschen zur Sprache kommen, der bekanntlich dem conjunctivus potentialis frönt und sich immer denkt, dass es wahrscheinlich auch anders sein könnte, so geht es Simon Hadler in der Rubrik Buchkritik um die Möglichkeitsprosa in Ronald Pohls Trippelroman Die Spindelstürmer. Hadlers treffender Rezensionstitel? "Die konjunktivistische Zumutung." Ein denkbarer Einstieg in die Irrealität des Faktischen.

"Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?" hieß es noch recht antagonistisch zur Zeit des Sturm und Drang. Doch LuK hat jetzt vor, die Flammenbildung entschieden zu bejahen, zu nutzen, auf gut Europäisch in einen Prozess einzublenden, von dem wir hoffen, dass er wo hinführt. Quite continental! würde jeder "reisende Engländer" gerne bestätigen – um gleich mal einen Begriff aus der klassischen Goethezeit mit reinzuschmuggeln.

   Die Faustische Frage an den hierin zweckmäßig Fackel genannten Kontinent-Geist sei schlicht (wenn schon nicht treffend) ins Amerikanische übertragen: Wem Die Fackel schlägt ... Von Karl Kraus bis zu Ernest Hemingway ist es nämlich in LuK nur ein Schritt; ein sanfter Gedankensprung; ein kleiner Ozean. Geboren wurde Hemingway im selben Jahr wie Die Fackel. "Wer Kraus schätzt, spricht nicht wie er", bekundet Herr Groll (S. 63). Und Andreas Weber zitiert in seinem Hemingway-Essay auf Seite 50 den österreichischen Autor Fritz Habeck: "Man soll ja um Himmels Willen nicht versuchen, einen Kurzgeschichten-Schluss wie Hemingway zu schreiben. Das ist absolut unmöglich. Das ist etwas, das gar nicht da ist. Man kann das immer wieder nur ansehen und lesen. Das kann nur er." Andreas Weber berichtet von seinem sehr persönlichen Verhältnis zu Hemingway, den er Ernest nennt, ohne ihn freilich je in Person kennengelernt zu haben. Am Ende seines LuK-Beitrags ein Zitat seiner "absoluten Hemingway-Lieblingsszene" aus Indian Camp: "In the early morning on the lake sitting in the stern of the boat with his father rowing, he felt quite sure that he would never die."

Weber schreibt am Pichlingersee (oder doch jedenfalls in unmittelbarer nähe, genauer: in Pichling bei Linz), wo bekanntlich alle meine Entchen schwimmen. Er stellt unter Beweis, dass Hemingway nicht nur ganz gut in Österreich ankommt, sonder dass sich da ganze Generationen an seinem Stil geschult haben – im guten, alten Imperium Kraus, wenn man so sagen darf.

Zwischen "Menetekel" und "Trottel" den Kontinent für alle häuslich einrichten: die geheime Intention der Kraus-Nummer, eine sprachkritisch wie gesellschaftskritisch verstandene Berufung an unserer schönen Donau, an unserer versalzten Salzach, am entenfreundlichen Pichlingersee, an der dunklen Narva und sonstwo. Kraus’ Wahrheiten (und Gauß’ Zeitschriften-Stapel) gelten wohl noch für einige Zeit, damit sie, die Zeit (und das heißt hier: unsere Zeit) sich nach etwas richten kann. Solche Wahrheiten, in denen auch mal eine Einkaufsliste eingeblendet wird, um es weiter mit Herrn Groll zu halten, sind bis tief ins dritte Jahrtausend hinein haltbar. Auf derzeit noch frischgebackenen CDs konserviert und zum Entzücken der Fachleute wie all derer, die sich gerne "nur so" reinklicken, um der Lichtung, dem Sichwiederfinden, der Offenbarung, dem Fürwahrhalten in der ohrenbetäubenden Dynamik von Worten näher zu kommen, großzügigerweise (mit Suchfunktion) ins Netz gestellt. Doch Richtbilder sind ja, so Musil, weder ewig noch wahr.

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