Über die Aurora

Aktuelle Ausgabe

Frühere Ausgaben

Suche

   Schwerpunkte    Theater     Kulturphilosophie     Belletristik      Literatur     Film     Forschung    Atelier     Musik  

......
Handkes gutmütiges Lächeln
...

Auf der Suche nach der österreichischen Literatur

Was bedeutet es, von einer "österreichischen" Literatur zu sprechen? Auf welche Weise
lernt man sie am ehesten kennen? Über die Seitentür deutscher Dichtung? Über das Gespenst
des Multikulturalismus? Über ein Dutzend Zechlieder? Übers Wochenende? Über die Presse?
Über den Kurier? Über das Gesetz der großen Zahl? Oder gar über das Gesetz einer
großen Erzählung? Eines ist sicher: Um Österreichs schreibender Zunft auf
den Zahn zu fühlen, muss man sich mit allen Wassern waschen.

Von Vasile V. Poenaru
(15. 07. 2009)

...


   Tinte ist bitter. Wer schreibt, geht. Papier kann töten. Davon wusste der Salzburger Historiker, Publizist und Ritter (1) Karl-Markus Gauß, der seit 1991 die Geschicke von Literatur und Kritik leitet, bereits vor gut zwanzig Jahren (genauer gesagt schon 1988) ein Lied zu singen. In der Edition Wortlandstreicher des Wieser Verlags erschienen damals seine Literarischen Porträts aus Barbaropa, ein Denkmal großer Vergessener der österreichischen Literatur, ein Denkmal großer Weggegangener und Totgeschwiegener – stets der bittersüßen Wahrheit über das Verhältnis zwischen einer vielgeliebten Heimat und deren mehr oder weniger geliebten schreibenden Söhnen auf der Spur.

Und weil Wortlandstreicher sich so schön anhört, wollen wir auch gleich verraten, wie es dazu kam: In den lieben alten Achtzigern zogen Lojze Wieser und Ludwig Hartinger nämlich "durchs Land" (das heißt hier durch Österreich), um "neue Worte und andere Sprachbilder" aufzuspüren, so Wieser im Klappentext von Tinte ist bitter. Sie haben offensichtlich viel vorgefunden, und manches Tintenfass, das andernfalls wohl unversehrt geblieben wäre, wurde dank ihres Bestrebens auf mancher Wiesn angezapft.

   Österreich ist eine kleine Republik mit einem großen Fragezeichen – ein keimender Leitgedanke in musikalischer Begleitung hinter einem vielsagenden Gedankenstrich, der bisweilen gleichsam durch die verblichene Rechnung der nur noch touristisch maßgebenden Hofburg zuckt; eine längst halbierte Doppelmonarchie, als mehrfach überholtes europäisches Semikolon getarnt. Das zusammenschrumpfende Reich schleppender Parallelaktion in seiner gewaltigsten PR-Gestalt. Und natürlich vor allem auch ein kleines Land mit ausgedehnten Texten.

Ein Reich der Anschaulichkeit ist Österreich. Ein mitteleuropäischer Mittler hinter der abgelegenen Mitte Europas, ein beständiger, wiewohl diskreter regionaler Klatsch hinter dem überlauten Weltgeschehen, eine anspruchsvolle Fußnote hinter dem langsam abklingenden transkontinentalen Diskurs der Erweiterung und Integrierung, ein tänzelndes Wahrzeichen hinter der Wahrheit, ein rollender Donner hinter dem Blitz. Das Habsburgische hinter den Burgen, das Hochdeutsche hinter der zweiten Lautverschiebung, das Oberdeutsche hinter dem Hochdeutschen.

   Von Apfelstudel zu Mozartkugel, von Hundertwasserhaus zu Ars Elektronica, von Gipfel zu Gipfel, von Dom zu Dom: ein Bezeichnetes hinter dem Bezeichnenden. Ein Danke sehr hinter dem Bitte sehr. Ein Küss die Hand nach dem Grüß Gott. Ein Wind nach der Windstille. Eine Eurorepublik nach der zweiten Repulik. Österreich: Weingärten, Stahlindustrie, Aufmarsch, Abmarsch, Heimat, Anti-Heimat, Nibelungenstraßen, Getreidegassen und ein manchmal beinahe unverständliches Vielvölkerverständnis fliegen nur so durcheinander, wenn sich die Feder seiner vielgerühmten Söhne rebellisch, methodologisch und zugleich kapriziös-dichterisch rührt. Alles, was man wahrhaben will, hat sich im zuvorkommend gefälligen oder willkürlichen Akt des Schreibens aus der jeweils abgesegneten Perspektive der Stunde schnellstens bewahrheitet. O, du lieber Augustin, alles ist hin! Ess- und Quatschkultur? Schöpferische Kritzelei? Hin.

Alles ist da: Kaiser und König. Idee und These. Text und Kontext. Pferd und Kutsche. Wort und Klang. Besitz und Bildung. Sinn und Verstand. Jederzeit sozusagen in Hülle und Fülle vorhanden, des metaliterarischen Seins einer neuen zentralisierten Eurolust teilhaft, in beliebigen mehr oder weniger politisch korrekten Kontexten ohne viel Aufhebens integriebar, so durch und durch präsent, hundertprozentig zum Aussagen bereit, hundertprozentig im öffentlichen Bewusstsein aufgehoben, der Vaterlandsverschönerung oder – Verleumdung dienlich, ja auf Anfrage sogar ohne weiteres etwa mit Walzer, Alpen und Donau serviert. Mit hochverehrten Herren und gnädigen Frauen. Und mit Spiegelgeschichten und Mundartdichtungen und Festspielen und Rittern und Tod und Teufeln. Und Burgen und Schlössern und Festungen. Und mit der Europäischen Kulturstadt Linz, um die sogar die Donau eine Piruette macht. Da kann man sich in gemütlicher Besessenheit geistig verbarrikadieren und jahrelang von den sorgfältig aufbewahrten Halbwahrheiten leben, die den Zusammenbruch der Donaumonarchie wie dem Sichverflüchtigen des Ständestaats überlebten und weiterhin das wunderliche Identitätsgefühl rund um ein gleichsam mit unbegrenzt haltbaren Schmetterlingsflügel geflügeltes "Servus in Austria!" prägen.

   Was ist Österreich? Was ist es nicht? Was darf es sein? Was soll es sein? Und vor allem: Wie soll es sein? Mit allen Wassern muss man sich waschen, um zwischen diesen Fragen hindurch zu blicken. Die Ringstraße muss man entlang spazieren, den Stephansdom erklimmen. Lederhosen anziehen. Ein Gulasch essen. Man muss sich das ganze Ding als geistige Landschaft vorstellen. Jede Seite ist die grüne Seite. Jedes Wetter ein Kaiserwetter. Jedes Lied ein Hohelied. Die Heimat eine Donau-Welle, das Vaterland ein Stammlokal, das Wort ein vorbehaltlos gefeierter, allgegenwärtiger Ton-Ort. Wo einer anfangen soll? Herr Ober, noch ein Glas!

Es hat sich noch nie jemand etwas Österreichisches ausgedacht, ohne gleich in kontrastiver Anschaulichkeit die spezifischen Charakteristika hervorzuheben, anhand derer so österreichisch wirkt, was österreichisch ist. Ein Chefkoch würde natürlich gleich sagen, es sei das Wiener Schnitzel, dass uns zu dem macht, was wir sind. Einem Musil hingegen würde schon eher dünken, es seien die Eigenschaften, derer wir entbehren, oder, besser, derer wir uns enthalten, und ein Wittgenstein würde in altlogisch-altphilosophischer Art und Weise möglichst darüber schweigen, worüber er nichts zu sagen hätte.

   Im Ernst. Angenommen, dass literarische Werke an sich essbar (oder doch wenigstens lesbar) seien – im Café, beim Elfmeter, auf dem Campus, am Bahnhof wie sonstwo: Nach was schmeckt Österreich? Die Antwort fällt schwer, denn österreichische Tinte, die will erzählt werden. Eine Menge Löschpapier ist vonnöten, um im schnellen Tempo der Lektüre zu trocknen, was da alles an der geistigen Wäscheleine zwischen der Schweiz und Ungarn hängt. Unmöglich, davon zu schmecken, ohne sich zu bekleckern. Unmöglich, Österreichs schreibender Zunft auf den Zahn zu fühlen, ohne wenigstens zum Teil selber philosophisch-polemisch zu werden. Unmöglich, sich über strapazierte Definitionen hinwegzusetzen, wenn es wieder einmal darum geht, auszumachen, wer "mir" sind.

Auf einen Versuch jedoch soll es ankommen, das volle Herz im gebrechlichen Brustkasten mit begrenzter Haftung, die gängigen Vorurteile und Illusionen des jüngsten Österreich-Bilds trotz besserer Einsichten vorsichtshalber parat, den scharfen Blick auf die eifrig betriebenen und manchmal auch einigermaßen ernst genommenen Literaturhäuser und Forschungsinstitute gerichtet, die Traditionen breit angelegter Standortbestimmung im Sack, die Tage der deutschsprachigen Literatur auf CD; alles gemütlich-verführerisch, ja geradezu schmackhaft-behaglich verpackt: der Skandal eine Inszenierung, die Vergangenheit eine k. und k. Variable, der Weg in die Zukunft bereits wie beiläufig im Rahmen zahlreicher Konferenzen sozusagen auf hypothetischer Ebene eingeschlagen.

   Vienna calling? Austria, here we come! Der alte habsburgische Magnet funktioniert immer noch. Aus aller Welt sausen die Musikfreunde auf die Musikstadt, die Literaturfreunde auf die Literaturstadt, die Kongressfreunde auf die Kongressstadt zu. Seit geraumer Zeit herrscht allerdings Windstille auf dem in der Regel so selbstverständlich dünkenden Gebiet österreichischer Selbstverständlichkeit. Die rotweißrote Flagge des pensionierten Adlers flattert kaum mehr über seine mittlerweile entmythisierte, doch immerhin großzügig-malerische Kulturlandschaft, die einst von Wien und Prag über Budapest und Temeswar bis nach Galizien und in die Bukowina reichte.

Der prächtige Vogel ist längst seiner selbst müde und doch so stolz auf die guten alten Zeiten. Seine Klauen wollten schon mehrere Parteien klauen, seine Erbschaft mehrere Kultureinrichtungen antreten. Ein Ei hat der Adler leider nicht gelegt, aber viele Hühner, die alle zwei Tage selbstbewusst und wichtigtuerisch angeben, auf nichts weniger als dem Gott sei Dank wundersam überlieferten, wahrhaften Ei des Adlers zu sitzen, gackern durchaus fröhlich und lebendig, ja tadellos patriotisch in manch friedlich anmutendem Bauernhof des Vaterlandes, während auf der Hofburg in Wien drei weiße Tauben das ihre tun.

Franz Innerhofer hat eines der Hühnereier aus der staatlich beglaubigten Idylle der Nachkriegszeit herausgeschmuggelt und der Öffentlichkeit zugeworfen. Dafür wurde er berühmt. Dafür wurde er aber auch wieder vergessen.

   Peter Handke machte sich aus Rache prompt daran, das Publikum zu beschimpfen. Die Eier, die man ihm zuwarf, waren jedoch, wie sich später herausstellte, erstaunlicherweise die Sprößlinge des verschollenen kaiserlichen Adlers, der insgeheim eigentlich doch ein paar Eier gelegt hatte. Leider sind sie wegen der allgemeinen Erhitzung nun lediglich eine große überregionale Palatschinke. Und dazu ein freilich etwas angebranntes Spiegelei, das bald aus irgendwelchen Gründen auf die offizielle Seite "Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas" gestellt wurde. Da kann man sich in Anlehnung an Ilse Aichingers Spiegelgeschichte gleich mal eine Spiegeleigeschichte hinzudenken und nebenbei die österreichische Nachkriegsliteratur im nachhinein neu anfangen lassen. Jetzt ist ja sowieso alles anders. Denn "Linz verändert", so das Kulturhauptstadt-Motto. Mit einem riesigen, von Abertausenden beklatschtem "Raketensinfonie"-Feuerwerk beleuchtete übrigens am 1. 1. das neue Ars Electronica Center die Zukunft unserer erweiterten Tintenwelt: mit einer Fackel im Ohr. Das Nest hingegen blieb unbeschmutzt. Heimat bist du großer Söhne – und weiträumiger Tintenfässer. In der leeren Kaiserloge spukt nun ein armer Spielmann, während die voll aufgeblasenen Stände des Ständestaates aus der überwindungsreifen Vergangenheit ihren gemischten Reigen antreten. Alle meine Adler / Fliegen in der Höh’. Oder besser: Mir sein mir / Noi siamo noi. Österreich ist gleichzeitig überall, nur eben nicht ganz zur gleichen Zeit. Und von Bozen bis Bolzano dauert es ja gar nicht so lange.

Also nach was schmeckt Österreich: nach Kaffee und Apfelstrudel und Mozartkugeln und Alpenmilch und Jodeln? Nach dem Brenner Sattel, dem Staller Sattel, dem Salzkammergut und dem Wiener Telefonbuch? Nach Menasse und Hackl? Nach Handke, Turrini, Bernhard und Jandl? Von Gott erhaltenes, schönes, vielgeliebtes, nein, leidlich geliebtes Land am Strome: nach Äckern und Domen? Nach Kaiserlichkeit, Reitschulen und Oberdeutsch? Nach Schweigen und Sagen? Nach ewigem Klagen?

   Wenn der Großglockner einen kräftigen Glockenton von sich gibt, wackeln die kleineren Gipfel. So ist es auch im Literaturbetrieb. Es gibt nichts Neues in Österreich, und wenn es etwas gäbe, so würde es schnell altern. Doch wir wollen uns jetzt nicht allzusehr darüber ärgern, sondern die Feiertage so feiern, wie sie im Kalender stehen. Denn heutzutage kommt das Schreiben an und für sich ja ohnehin keineswegs mehr so gut an wie früher. Man muss immerfort den Abgöttern der sogenannten wissenschaftlichen Forschung frönen, wenn man sich zum Wort melden will. Und man muss sich sozialpolitisch engagieren und entsprechend poetologisch und ästhetisch definieren. Als Frühaufsteher in der Kultur muss einer durch diese Szene geistern, um überhaupt erst einmal da zu sein.

Österreich: Wie macht man das? Über die Seitentür deutscher Dichtung? Über das Gespenst des Multikulturalismus? Über ein Dutzend Zechlieder? Übers Wochenende? Über die Presse? Über den Kurier? Über das Gesetz der großen Zahl? Oder gar über das Gesetz einer großen Erzählung? Wenn sich einer so durch die moderne österreichische Literatur umtut, trifft er jedenfalls einen Haufen Schriftsteller an, die sich mehr oder weniger zweckmäßig wie bunte Schwarmfische (nein, wie graue Nörgler-Fische) über alles ausschweigen, was sich je diesseits und jenseits der Wässer getan hat.

   Ransmayr sieht fast grimmig aus, der Mund lässt jedenfalls darauf schließen, dass er es sei, die Augen auch, besser gesagt die Brauen, weil die Augen an sich ja eigentlich gar nicht so grimmig aussehen, sondern eher ein bisschen uneigentlich trüb.

Handke lächelt gutmütig. Es scheint ihn zu freuen, dass in seinen Adern die Stunde der wahren Empfindung schlägt. Noch mehr aber scheint ihn zu freuen, dass ihm Don Juan höchtspersönlich von sich selbst erzählt. Wenn Handke ein Torhüter wäre, dann wäre die Sprache sein Tor. Dann hätte niemand mehr Angst davor, den Mund aufzumachen. Aber Handke ist kein Torhüter.

Gstreins leerer Blick greift tief hinein in das Handwerk des Tötens – und natürlich auch in das Handwerk des Schreibens. Er hat was gesehen. Er hat es aber nicht selbst gesehen, sondern durch die Augen eines erschossenen Stern-Reporters. Das Sterben, über das man nicht schreiben darf: Darüber hat er geschrieben.

   Gauß wirkt ein bisschen verstimmt. Ihn hat ein Tintenfisch gebissen. Ein richtiger Biss war es freilich kaum, und auch kein richtiger Tintenfisch. Doch durch die Verletzung hat sich der Salzburger Buchstabenexperte eine Erbitterung zugefügt, für deren Stillung fünfzehn Bücher nötig waren, darunter seine Journale, die er nicht wie die meisten Menschen, die ein Tagebuch führen, angemessen privat hielt, sondern kurzerhand veröffentlichte und dabei sogar Erfolg erntete. Ob man sowas darf?

Menasse scheint sich sehr zu wundern. Aber er scheint nicht sagen zu wollen, worüber genau er sich wundert. Wegen seiner verhältnismäßigen Berühmtheit reißt ihm die Kanonisierungsindustrie buchtäblich jedes Wort aus dem Mund: Buchstabe um Buchstabe. Stirnrunze um Stirnrunze. Bevor sich jedoch der allfällig wissenslüstern-feuertrunken herumtaumelnde Literaturfreund ewas von ihm erklären lassen kann, wird er aus der Hölle der Interpretation vertrieben und in das Paradies des wieder hergestellten Mythos versetzt. War das Österreich?

   Ein Rundgang durch die Vergangenheit hat wenig Sinn. Ein Rundgang durch die Gegenwart ist kein Rundgang, sondern ein Stillstand. Ein Rundgang durch die Zukunft erweist sich als schlecht möglich. Manuskripte zeigen, was morgen gedruckt wird. Und Graz war übrigens schon mal Europäische Kulturstadt. Was sonst? Im Stadtpark ein Forum einrichten, das wäre schon was – nur eben leider nichts Neues.

Immerhin könnte man im Park Schmetterlingen nachjagen. Und sich in vollen Zügen der Freundschaft hingeben. So wie Andrea Grill, deren Text "Freunde" 2007 während der Tage der deutschsprachigen Literatur allerdings von der unbarmherzigen Jury zerfetzt wurde – vor allem weil nicht hinreichend klar war, worum es darin ging. "Ein endloses Therapiegeschwätz zwischen zwei Leuten, die sich gegenseitig psychologisieren", so etwa Jurymitglied Iris Radisch. Man möchte da gleich in Anlehnung an Thomas Bernhards Große Meister weiter schießen solange nur genug Munition vorliegt. Ein endloses Geschwätz. Ist das Österreich? Oder: Wird es das sein?

   Am besten, man folgt einfach den konsequent fragenden, durchdringend ernsthaften, ja fast gewissenhaften Blicken, mit denen Wolfgang Hermann um sich schmeißt. Sie liegen freilich ein paar tausend Kilometer weit zerstreut. Von Bregenz über Paris Berlin New York bis nach Tokyo reichen seine Fährten. Hermann verreist nämlich gerne. Und er sieht oft, was man nicht sieht, etwa die schöne Arbeit des Windes. Oder dass das Leben anderswo ist. Wenn es um das Sichausschreiben der inwendigen Kleinwelt geht, ist dieser "japanische" Österreicher wie ein Fisch im Wasser. Und er schläft in einem Bett aus Papier. Sowas verträgt viel Tinte.

Jetzt einmal wieder zurück nach Österreich. Und das heißt wohl hier in erster Linie weiter nach Japan. Leopold Federmair ist wie ein Fisch, der an Land geht. In Hiroshima nimmt er den Puls seiner eigenen Schrift wie den Puls derjenigen, die vor ihm da waren; einfach so, auf einmal da, wie unsichtbare Gäste in einem durchsichtigen Aquarium, den Mund geschlossen, die Hände in den Hosentaschen seines Mantels gesteckt. Er will sich gelassen geben, scheint sich aber doch über irgendetwas Sorgen zu machen. Ob ihm womöglich die Heimat davonsegelt? Ob vielleicht ein bisschen Zucker am Platz sei? Er hat es auf kleinste Größen abgesehen. Keineswegs etwa als Bemängler aller Kunst, sondern als Hüter des Je-ne-sais-quoi und des Presque-rien. Als Verräter des Unbestimmbaren und des Beinahe-Nichts. So Federmair über sich selbst.

   Österreich. Im Land der untergehenden Tinte gilt die Urteilskraft nach wie vor als Geschmackssache. Es streicht sich ein jeder aufs Brot, was er will: von Musils Richtbildern, den ewigen Wahrheiten, die weder ewig noch wahr sind, bis zu Ludwig Lahers x-beliebigen Wahr-Zeichen. Ließe sich dieses Land in seiner schreibenden Form als Wirtshausobjekt vorstellen, so würde einem das Wasser im Munde zusammenlaufen, ohne dass man genau wissen würde, warum.

Eigentlich sollte es ja nun mit der Parade schmackhafter Bleistift-Österreicher weitergehen, aber Erwin Riess steht im aufgeknöpften Hemd mit verschränkten Armen vor der Kamera und hält den Gedankenzug an, der sich gerade auf dem Salzburger Hauptbahnhof unweit der Literatur und Kritik genannten Werkstätte für Aufzeichnungen gebildet hat; blickt voller Groll aus Seite 86 der Septemberausgabe (427/428) hervor, über die niedergerutschte Brille hinweg, direkt auf Elisabeth Reicharts Unsichtbare Fotografin, die zufälligerweise in unmittelbarerer Nähe (d.h. auf Seite 87) von Helmut Gollner rezensiert wird, schreibt weiter, hinter ihm das Regal, vor ihm eine unsichtbare Zukunft, die ihn von ihrem rückblickenden Erwartungshorizont her fotografiert. Deshalb das Foto auf Seite 86.

   "Unglaublich, was Riess alles weiß". So macht Karl-Markus Gauß auf dessen Neuerscheinung Herr Groll auf Reisen scharf. Was Riess weiß, ist, dass der Voralberger Wolfgang Hermann schon 2006 einen Roman mit dem Titel Herr Faustini verreist publizierte. Im Jahre 2008 folgte dann Herr Faustini und der Mann im Hund, ein Roman, den Cornelius Hell freilich wohl aus Versehen in seiner Buchkritik auf Seite 99 (linke Spalte unten) Herr Faustini und der Mann im Mond nennt. Und im Inhaltsverzeichnis des 43. Jahrgangs (2008) von Literatur und Kritik heißt es kurzum Herr Faustini und der Hund im Mann. Wenn sich Fehler an Fehler reiht, fallen Hund, Mann und Mond verhängnisvollerweise ineinander. Freud hätte sowas bestimmt nicht liegen lassen.

Ebenfalls voller Groll blickt Riess aus Seite 40 der Novemberausgabe (429/430) von Literatur und Kritik hervor, dieses Mal auf das Dossier Orte der Literatur, in dem es sich unter anderem natürlich um die Alpen dreht, denn die sind sehr hoch: bei Albrecht von Haller, der allerdings nicht einmal Österreicher war, wie etwa beim waschechten Dachstein-Dichter Julian Schutting. Solche Orte bringen Worte. Anders gesagt, das österreichische Alphabet fängt eben im Gebirge an. Da gibt es noch (abgesehen von Sylt) die allerbeste Luft des deutschen Sprachraums und umweltfreundlich frische, schmackhafte Kräuter für Peterles Ziegen. Klassische wie moderne Mythen stehen auf allen Gipfeln zur Verfügung. Ein Stereotyp wird geschmiedet, ein Bild aufgenommen, ein ästhetisches Urteil verabschiedet. Kann man da was machen? Von Anfang an klar: Österreich schmeckt nach Eigenschaften, die es noch gibt, und nach solchen, die es noch nicht gibt. Mancher Biss ist es wert.


Anmerkung

(1) "Es gibt nur wenige unerschrockene Ritter, die sich darin, so wie er, wider verschiedene Anfechtungen und Verführungen im Denken als gewapnet erweisen". (Wendelin Schmidt-Dengler. "Die Macht und die Mittel", in: Die Presse, 24.12.1994)


Zurück zur Übersicht