Über die Aurora

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Teresa Präauer

Studium der Germanistik in Salzburg und Berlin & Bildende Kunst in der Malereiklasse am Salzburger Mozarteum. Lebt als Bildende Künstlerin in Wien. Ausstellungen, Stipendien (bm:bwk), Ankauf (BKA), Preis (Land Oö.). Publikationen u.a. in: SALZ. Zeitschrift für Literatur. Heft 123, März 2006.

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Mutmaßungen über Puppen
Beim Betrachten des Spiels von Roman Paska
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Puppenleben

Das Gesicht der Puppe trägt ein entgeistertes Lächeln, das vieldeutig wird im Lichtwechsel zwischen Spiel und Schatten. Das Holz ihres Körpers ist hell und elfenbeinfarben lackiert: Sie scheint anwesend und ist doch engelsgleich.

Puppenmensch
Die Figuren besitzen ein Drittel an Menschengröße, ein zweites Drittel machen sie wett durch die Höhe der Bühnenrampe, ein drittes durch das Möbelchen, auf dem sie thronen. So sitzt ihnen im erhöhten Zuschauerraum die Betrachterin auf Augenhöhe gegenüber. Ihr wird innerhalb dieser Konstellation von Puppe, Puppenspieler und Publikum das die anderen überragende Maß an Starrheit abverlangt, im Dunkel regungslos ihrer selbst nicht mehr gewärtig.

Menschenpuppe
Der Puppenspieler arbeitet nicht wie beim Marionettenspiel mit dem Hilfsmittel der unsichtbaren Fäden, sondern führt die Figur in der Berührung von Haut und Holz direkt mit seinen Händen. Die Schnürchen, die die vermeintliche Illusion des Lebenden auf Zug halten, fehlen.
Doch scheint es, während bis zu drei Menschen in schwarzer Kleidung die Bewegungen der Figur lenken und hierbei zur sechshändigen Unperson werden, als erlange da die Figur Eigenständigkeit wie Leichtfüßigkeit, ja Menschennähe. Je lebendiger die Puppe, desto gehilfenhafter wirken die Puppenführer; ja, mehr von den Bewegungen der Puppe geleitet denn umgekehrt.

Mensch, Puppe, Tod, Leben
Des Puppenspielers "Dead Puppet Theatre" (Paska) birgt an der Stelle einer rhetorischen Tautologie tatsächlich – in der Performanz – eine Vielzahl an Varianten zwischen Lebendigkeit und Tod, zwischen Persönlichkeit und Funktionalität: Es gibt Puppen und Puppenteile und zugleich Menschen und Menschenausschnitte, sichtbar als Mechanik aus Einzelteilen: Hände im Licht, Wangen; ein Hut. Plötzlich greift sich eine Puppe einen zweiten, in der Mitte durchtrennten Puppenkörper und spielt mit ihm, als wäre er der verletzte Rest, der von einer Liebe übrig geblieben ist. Später nimmt sie deren lose Beinchen in die Arme und hantiert damit wie mit einer Gerätschaft; puppentotes Menschending.
Erst hier bemerkt die Zuschauerin, wieder einer Illusion aufgesessen zu sein und sich im Gegenüber das Lebende gewünscht zu haben.

Sie ist, indem sie spielt zu sein (ein kleiner Puppengott).
 

Anmerkungen:

"Engel und Puppe: dann ist endlich Schauspiel" schreibt Rilke in der vierten Duineser Elegie. (O. E. sei gedankt für den Hinweis.)

Die Puppe ist nicht, wie der Mensch, lebend, aber lebendig. Sie ist daher nicht wie lebendig, sondern wie lebend.

Zwischen den Extremen von Leben und Tod sind Lebendigkeit und Starre graduell, Varianten. Ist die unbewegte, unbelebte Puppe nun tot (innerhalb eines Puppenlebens)? Oder ist sie ein Gegenstand, ein Ding – oder "nicht mehr" und "noch nicht"?
 

Teresa Präauer, im Februar 2007

 


(c) Schauspielhaus

"Beethoven in Camera"
von
Roman Paska ist eine Koproduktion des Schauspielhauses Wien mit Dead Puppet & Grand Théatre de la Ville Luxembourg. Es wurde vom 20. Jänner bis zum 4. Februar in Wien aufgeführt.

 


 

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