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Post science, post fiction

"Der Mensch ist größer und kleiner als er selbst: Die Vernichtung einer
Großstadt können wir heute durchführen. Aber diesen Effekt vorstellen, ihn
auffassen können wir nur ganz unzulänglich." (Günther Anders)
Strahlten
Hiroshima und Nagasaki auch auf die Science Fiction aus?

 Von Martin A. Hainz
(07. 04. 2008)

...



Mag. Dr. Martin A. Hainz
martin.hainz [at] univie.ac.at

geboren 1974 in Wien,
Literatur- und Kultur-
wissenschaftler, Philosoph.
Lehrbeauftragter am Institut
für Germanistik der Universität
Wien. Mehere Bücher und
zahlreiche Aufsätze zur
deutschen und österreichischen
Literatur; Mitglied des Heraus-
gebergremiums der historisch-
kritischen Rose Ausländer-
Edition (2005ff.). Derzeit mit
einer Habilitation zu F.G.
Klopstock befasst.

 



 

Sciencefiction wäre
etwa Dürrenmatts Stück
Die Physiker. Darin wird
das Scheitern der Verant-
wortung, die für eine
gewisse Technologie zu
übernehmen wäre, aber
nicht übernommen werden
kann, geschildert.

 

 


 

 

Friedrich Dürrenmatt.
Die Physiker.
Diogenes, 1998, 95 S.
ISBN: 3257230478

 
"Dürrenmatt hat versucht,
die paradoxe Situation darzu-
stellen, in die das fortge-
schrittenste Wissen, das der
Kernphysik, geraten ist. Es gilt
uns als Gipfel menschlicher
Erkenntnis. Seine Formulierung
hat auch die Hinrichtung der
Welt möglich gemacht. Was
machen die Entdecker, wenn
sie Verantwortung für die Welt
spüren? Gibt es Bewahrung
der Welt vor dem Wissen?
Bewahrung des Wissens vor
dem Zugriff der Macht? Die
Lösung der Frage führt- auf
das Theater. Zum Versteckspiel,
zur Maskerade. Dürrenmatts
Kernphysiker Möbius, der
Entdecker der furchtbaren
Formel, flüchtet, seine Familie
preisgebend, ins Irrenhaus. Er
spielt Irrsinn, er fingiert die
Heimsuchung durch den Geist
Salomos, um das, was er
entdeckte, als Produkt des
Irrsinns zu diffamieren.
Maskerade wird da zu einem
moralischen Akt." (Frankfurter
Allgemeine Zeitung).

 

 

 


(c) Kurt Strumpf

Friedrich Dürrenmatt
(1921-1990)

 

 

 

Was es heißt, wenn der
Mensch einen bestimmten
Grad an Macht erlangt,
wenn er also sagt: "Es gibt
keine Grenzen mehr, der
Mensch ist Gott geworden" -
um
diese Frage strickt
Konsalik einen Plot, worin
heroisch eben dieser
Konflikt ausgetragen wird.

 


 

 

Heinz G. Konsalik.
Agenten kennen
kein Pardon.
Heyne, 2001, 158 S.
ISBN: 3453003209

 

 

 

 

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   Nimmt man Sciencefiction beim Wort, dann ist es überraschend, wie sehr die meisten Texte dieses Genres von der Zukunft reden, denn eigentlich geböte der Name nur eine Fiktion, die der Wissenschaft ihr Narrativ gibt. Ihr Narrativ, das heißt, daß diese selbst (oder die von ihr gezeitigte Technik) durch dieses erzählt oder visualisiert wird. Im Idealfall zeigt der Plot Folgen einer realen, zukünftigen oder imaginären Technologie an, die wiederum die Art des Erzählens beeinflußt. Also Technikkritik, die sich als Medienkritik aktualisiert, wobei Kritik natürlich ihrem eigentlichen Sinne gemäß Differenzierung meint.

Sciencefiction wäre also etwa Dürrenmatts Stück Die Physiker. Darin wird das Scheitern der Verantwortung, die für eine gewisse Technologie zu übernehmen wäre, aber nicht übernommen werden kann, geschildert – und diese Unangemessenheit spiegelt elegant die Wahl der Komödie, worin nicht nur der Konflikt an dem Punkt "zu Ende gedacht"(1) ist, wo seine Fabel "ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat"(2), sondern eben ein Echo der Hilflosigkeit der Protagonisten in der Form hallt. Was damit gemeint ist, zeigt sich überdeutlich, wo das Problem mittelmäßig gelöst ist, so bei Konsaliks Agenten kennen kein Pardon, einem Roman, der kurz gesagt ungefähr so schlecht wie der Titel ist, der aber hier dialektisch die Qualitäten zeigen soll, die ihm fehlen. Hier nämlich wird die zweite Spiegelung sowieso nicht unternommen, aber auch schon die erste Frage kaum entwickelt: jene der Bedeutung der Technik, hier wiederum: der Waffentechnik.

   Was es heiße, wenn der Mensch einen bestimmten Grad an Macht erlangt, wenn er also sagt: "Es gibt keine Grenzen mehr, […] der Mensch ist Gott geworden." (3) Um diese Frage strickt Konsalik einen Plot, worin heroisch eben dieser Konflikt ausgetragen wird, Prometheus sich – ungeahnte Möglichkeiten entdeckend – als Epimetheus erkennen muß, der nun nicht mehr hinter das Wissen zurück gelangt, das man ihm freilich sofort abkaufen oder rauben will, qua militärischer Nutzung, die der Held nie im Sinne hatte:

"Ich hätte der Menschheit nicht zeigen sollen, was sie vermag. Ich habe gesündigt in dem Augenblick, indem [sic!] ich zeigte, daß der menschliche Geist größer ist als die Natur. […] 'Die Grenze des Menschen', so sagte einmal Rousseau, 'ist der Himmel.' Habe ich aus ihm nicht einen lächerlichen Gaukler gemacht? […] Wir werden zugrunde gehen an unserer eigenen Größe."(4)

Die Potentiale, um die es gehe, erschließt Konsalik, indem er dem Rausch der Zehnerpotenz erliegt und eben dies auch vom Leser erhofft, der mit dem Erzähler stammeln möge, beispielsweise: "100000000 … 150000000 … 200000000 … 225000000 Volt."(5)

   Die Faszination der Zahl macht, daß auch nicht von einem Meter mehr die Rede sein kann, sondern: "von 100 Zentimetern" (6), mit einer rührend kindlichen Freunde an all den Nullen, zu der sich eine Lust am Superlativ ("vollsten")(7) gesellt. Diesen Mächten, ob nun mit oder ohne Null ausgedrückt, stellt sich jener, der sie entdeckte, und lebt nun Verantwortung vor, wobei als Folie ein Soldat dient:

"Es werden hundertausend Mütter mit Kindern im Arm verbrennen, ohne auch nur einen einzigen Laut des Entsetzens ausstoßen zu können […]. Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht?"(8)

Die Replik lautet: "Nein! Ich bin Soldat."(9)

Verkneifen wir uns die Frage, inwiefern sich etwas änderte, wenn besagte Mütter doch Gelegenheit hätten, einen einzigen Laut des Entsetzens auszustoßen – ob dieses Schweigen nicht nur für die Täter eine Differenz bedeutet, denen es hülfe, zu wissen, daß die Opfer sie doch "zu verfluchen"(10) in der Lage waren. An die Opfer denkend müßte man hier mit Lyotard noch von einem derartigen Fluch ("Körper der schreienden Gestalt": "bloße[n] Hülle um den leeren Mund")(11) wie von einem Schweigen handeln und eingestehen: "'Wir' sind recht weit davon entfernt, dieses Schweigen im Satz eines Resultats zu bedeuten, und halten es für gefährlicher, es zum Sprechen zu bringen, als es zu respektieren." (12) Und würdigen wir kurz, daß die pax romana mit der Insignie der Atombombe (die also sagt: "Wer die Gemeinschaft stört, der muß fallen … im Interesse der Völker, die den Frieden wollen!")(13), von Konsalik als totalitär gebrandmarkt wird: "Das gleiche hat einmal Hitler gesagt"(14), so heißt es bei ihm – ähnlich Serres' angesichts der Waffenarsenale und ihres Implikats eines Zerstörungswillens gefallener Bemerkung, "daß wir unter dem geistigen Erbe Hitlers gelebt haben und immer noch leben"(15)

   Jedenfalls kommt dann die Verantwortung, die ergriffen wird, im Narrativ zum Tragen. Günstig ist hierbei, daß der Held zwar mit unglaublichem Aufwand werkte und experimentierte, aber bei ihm "die einzigen schriftlichen Aufzeichnungen"(16) liegen – logisch, daß sich der wahre Held schließlich tötet und das Werk vernichtet, dramaturgisch logisch, daß er dazu seine Erfindung gleich nutzt. Abschiedsbrief ("weint nicht, sondern lebt")(17) und Gebet, er ist nun auch – wieder – "klar mit seinem Gott"(18), dann: "eine riesenhafte Explosion": "Eine ungeheure Feuersäule schoß zwischen den Felsen hervor in den Nachthimmel, ein langer Strahl weißen Qualms stieß in das Dunkel und verbreiterte sich oben zu einem weiten Pilz."(19)

Damit ist der Konflikt völlig ausgeräumt, zu einem hohen Preis zwar, aber: immerhin. Prometheus hat seine Ehre und die Welt gerettet, freundlicherweise sogar ohne Strahlungsrückstände: "Die Geigerzähler schwiegen."(20)

Das offensichtlich Verlogene der Geschichte ist das, worin sie – unfreiwillig – gelingt. Denn die Banalität des Konflikts, der dann doch nur bedingt einer ist, weil sich alles zurücknehmen läßt, ist unrealistisch, und dies so sehr, daß damit schon wieder etwas berührt wird. Jedenfalls in der Lektüre, denn für sich ist das "Banale […] nicht banal genug, um die Banalität dessen, was auszusagen ist, auch auszusagen."(21) Hier aber zeigt sich dem Leser, und das mag die intentio operis sein:

"Der Mensch ist größer und kleiner als er selbst [...]: Die Vernichtung einer Großstadt können wir heute […] durchführen. Aber diesen Effekt vorstellen, ihn auffassen können wir nur ganz unzulänglich."(22)

   Zuletzt ist der Mensch nicht Gott und nicht einmal Mensch, und das zeigt sich, wo Konsalik dagegen eine forcierte Humanität setzt. Er ist nicht in der Lage, dem eine Form zu geben, was einmal eingesetzt unfaßbar ist … und beläßt es bei einer Andeutung der Gewalt, die – selbst zum deus ex machina werdend – sich und ihren Entdecker aus dem Spiel nimmt. Eine Utopie, die darüber hinausginge, erläge dem, was bei Anders der Dinge "negative Protzerei"(23) geheißen wird.

Nein, richtiger: Konsalik erliegt ihr, weil die Möglichkeit des schon Gedachten scheinbar zurückgenommen wird, aus dem ausgestiegen wird, was konstruiert ward. Die Souveränität, die hier aufschimmern will, ist verzweifelt und lächerlich, wenn zuvor der finanzielle und wissenschaftliche Aufwand doch deutlich gemacht ist: "'Zwei Milliarden Dollar!'"(24), und die sind noch inflationsbereinigt zu denken. Ohne Mittäter agierte der Mensch Konsaliks, dessen Roman ignoriert, was Anders präzise auf den Punkt bringt: "Die Mittel heiligen die Zwecke"(25) – und der "Zweck von Zwecken besteht heute darin, Mittel für Mittel zu sein."(26)

   Aber vielleicht ist die unfreiwillige Fast-Komik Konsaliks, die an einem Abschluß scheitert, darin düsterer, als es das andeutungsvolle Offene ist, das Dürrenmatt gestaltet, der intelligentere Dichter, der darum auch intelligenter kaschiert, daß natürlich auch bei ihm alles Euphemismus und Behübschung ist. "Nobody was prepared when it came" (27), dieser Satz ist – und zwar noch unter Anwendung auf sich selbst – der letzte, der von beiden Büchern und ihrem Problem vielleicht zu formulieren ist. Wir sind hier jenseits der Technik, die den Rahmen der Kunstfertigkeit und des Werkzeugs sprengt; und wir sind nicht nur post technics, sondern geradezu post science – und gewiß, wie der Titel verhieß: post fiction.


Anmerkungen

(1) Friedrich Dürrenmatt: Werkausgabe in siebenunddreißig Bänden, hrsg.v. Thomas Bodmer et al. Bd 7: Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten. Neufassung 1980. Zürich: Diogenes Verlag 1998 (detebe 23047), S.91

(2) ebda

(3) Heinz G. Konsalik: Agenten kennen kein Pardon. Roman. München: Wilhelm Heyne Verlag 231988 (=Heyne Allgemeine Reihe, Nr 01/999), S. 109

(4) a.a.O., S. 151

(5) a.a.O., S. 107

(6) a.a.O., S. 8

(7) a.a.O., S. 157

(8) a.a.O., S. 134

(9) ebda

(10) ebda

(11) Peter von Matt: Die verdächtige Pracht. Über Dichter und Gedichte. München, Wien: Carl Hanser Verlag 1998, S. 318

(12) Jean-François Lyotard: Der Widerstreit, übers.v. Joseph Vogl. München: Wilhelm Fink Verlag 21989 (=Supplemente Bd 6), S.179, Nr 160

(13) Konsalik: Agenten kennen kein Pardon, S. 135

(14) ebda

(15) Michel Serres: Hermes, übers.v. Michael Bischoff, hrsg.v. Günther Rösch. Bd III: Übersetzung Berlin: Merve Verlag 1992, S. 98

(16) Konsalik: Agenten kennen kein Pardon, S. 156

(17) a.a.O., S. 154

(18) a.a.O., S. 157

(19) ebda

(20) a.a.O., S. 158

(21) Wendelin Schmidt-Dengler: Bruchlinien. Vorlesungen zur österreichischen Literatur 1945 bis 1990. Salzburg, Wien: Residenz Verlag 21996, S. 451

(22) Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Bd 1: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München: C.H. Beck 71988 (=Beck’sche Reihe 319), S. 267; cf. a.a.O., S. 347 (Anm.)

(23) Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Bd 2: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München: C.H. Beck 41988 (=Beck’sche Reihe 320), S. 35

(24) Konsalik: Agenten kennen kein Pardon, S. 137

(25) Anders: Die Antiquiertheit des Menschen, Bd 1, S. 251

(26) a.a.O., S. 252

(
27) Rose Ausländer: The Forbidden Tree. Englische Gedichte, hrsg.v. Helmut Braun Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1995 (=Fischer Taschenbuch 11153), S. 9

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in:
"Kakanien revisited", November 2007. Internet:
www.kakanien.ac.at/beitr/konf/emerg/MHainz1.pdf

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