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Wachbleiben im Dunkeln

Auch wenn der Selbstmord das große Thema in Emil Ciorans Büchern ist, entschied
sich der rumänischstämmige Schriftsteller persönlich doch immer gegen den Freitod.
Ein Widerspruch, den ein französischer Dichterkollege mit dem gespielten
Vorwurf quittierte: "Sie haben kein Recht mehr zu leben!".

Von Peter Wegenschimmel
(08. 03. 2009)

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   Im 20. Jahrhundert sprießen die Kommunikationsverneiner, die, die Zweifel an einer möglichen Verständigung aussprechen. E. M. Cioran ist einer von ihnen; seine Wortwahl ist von diesem Zweifel durchdrungen. Er reißt Mauern ein, die, tradiert von der Sprache, aufgerichtet wurden.

"Ich bin kein Schriftsteller, ich finde nicht die Worte, die dem entsprechen, was ich fühle, erdulde. 'Das Talent' ist die Fähigkeit, das Intervall zwischen Heimsuchung und Sprache auszufüllen. Bei mir ist dieser Zwischenraum gähnend, unmöglich ihn zu füllen oder zu umgehen. Ich lebe in einer automatischen Traurigkeit, ich bin ein elegischer Roboter."

Auch wenn Worte keine realen Gegenstände sind, kommt der Sprache doch etwas Sinnliches zu. Jedem Satz unterliegt eine faktische Ich-Erfahrung, er ist fast physiologisch. Diesen Bedingungen, d.h. auch dem Sein in seinen paradoxen, flüchtigen Situationen, fügt sich der Aphorismus Ciorans bevorzugte Stilform perfekt, wie Susan Sontag in ihrem Cioran-Essay "Thinking against oneself" ausführt.

Die Langeweile und die Momente des Erschüttert-Seins sind es, die Cioran das Schreiben aufdrängen. Ganz offensichtlich haben seine Aphorismen den Stellenwert einer Ersatzhandlung.

"Theoretisch glaube ich nicht an die Nutzbarkeit des Schreibens oder daß man einen Namen hat oder nicht. ... Ich bin sicher, daß ich nicht zugrunde gegangen bin, nur weil ich doch geschrieben, mich ausgedrückt habe."

   Cioran ist erstaunt angesichts der Differenz, die Wörter aufzureißen vermögen. Wie schon die Realität nicht Realität ist, hat die Sprache derlei Ambitionen längst abgelegt. Damit wird die Sprache zur Tollwiese, und mit dem Wechsel des Ausdrucks, den der Dichter als 37-Jähriger vollzogen hat, ändern sich auch die Spielformen, d.h. die moyens d’expression.

Um in das Universum, das jede Sprache um sich bildet einzudringen, oder die jeder Sprache eigene Metaphysik nachvollziehen zu können, nimmt Cioran Maß bei den französischen Schriftstellern des 18. Jahrhunderts. Zwischen Elitärem und Vulgärem pendelnd, bekennt er, die französische Sprache ausschließlich von den Huren und den Außenseitern gelernt zu haben. Er reibt sich ein Leben lang an der Klarheit und der strengen Grammatik des Französischen – génie de la langue – eine Erfahrung der Unterdrücktheit, die für Cioran mehr als alles andere Bedingung jeder Produktivität ist. Das Gefühl der Gebundenheit an diese zwiespältige Sprache kommt erst auf, als er bemerkt, dass die französische Sprache eine untergehende Sprache ist. Ihr Korsett beengt ihn zunächst, wie eine schwere Schablone scheint sie sich einzudrücken, später aber wird sie ihn zu Höchstleistungen im Syntax-Zerstören anfeuern.

"Um zu schreiben, ist ein Mindestmaß an Interesse für die Dinge nötig, man muß noch glauben, daß sie mit Worten geschnappt, wenigstens angerissen werden können – mir ist weder das Interesse, noch der Glaube daran geblieben."

Dieser Glaube an die Worte, Identität, Geschichte, Ideen eröffnet den Menschen die Möglichkeit eines handlungstüchtigen Lebens unter der Sonne. Es ist eine Illusion um des Lebens Willen. Solch einem faulen Kompromiss will sich Cioran nicht unterwerfen. Zumindest sollte man wissen, dass diese Dinge falsch sind, er nennt diese wahre Wahrheit auch: Wachbleiben im Dunkeln.

   Die Sprache als Tollwiese mit verschiedensten Spielformen Cioran hätte dem nicht einwandlos zugestimmt. Der Sprache scheint die Aufgabe zuzukommen, mit den Illusionen des Lebens aufzuräumen, diese umzukehren und in die Nacht zu ziehen. Die abstrakte Idee wird als leeres Gefüge entlarvt. Sie steht dem Physiologischen der Cioran'schen Sprache gegenüber. Sprache ist vielleicht das krasse Gegenteil zu diesen Illusionen, aber nicht im Sinne von Wirklichkeit, sondern als schwarzes Loch gedacht.

Der große Bruch mit den Illusionen ist immer der Tod, der das Schreiben Ciorans von den Anfängen beherrscht. Sie haben kein Recht mehr zu leben, so schrieb der französischsprachige Schriftsteller Alain Bosquet in einem imaginären Brief an Cioran. Der ausgebliebene Selbstmord wird Cioran gerne in aller Kurzsichtigkeit vorgeworfen.

Gerade weil der Selbstmord das große Thema in Ciorans Büchern ist, gerade weil er sich eben dort als fixe Idee manifestieren kann –ausdrücken sozusagen , ist er gerettet. Es ist eine positive, stimulierende Idee, ohne die ich das Leben nicht ertragen hätte. Das Schreiben folgt nach Cioran nämlich der Profanisierungskunst, die auch Wunden heilen kann. Wie schon bei Nietzsche stellt alles Geschriebene einen Kadaver zur Schau. Ein interessanter Protest gegen Heidegger, denn der hat zuviel an Wörter geglaubt. Bei Heidegger ist die Sprache eine Etwas generierende Paste, aus der die Dinge scheinbar herauskriechen.

   Cioran empfiehlt diese Idee sogar den Selbstmordgefährdeten, denn wie schon bei ihm könne es eine lebenssichernde Idee sein, da sie die persönliche Freiheit erfahrbar mache.

Man könnte das Ausbleiben des Selbstmords auch anders lesen. Als eingestandenes Scheitern am Gröbsten, weil Cioran das Scheitern liebt und sich selbst genüsslich als den Inbegriff des Scheiternden betrachtet. Umso mehr ist seine Sprache eine Sprache des Scheiterns.

Seine nihilistische Grundhaltung (ich will nicht darüber spekulieren, ob diese Bezeichnung zutrifft) radikal ausgelebt, hätte er sich an der buddhistischen Madhyamaka-Lehre festkrallen müssen, die die Zerstörung aller Begriffe als Weg ins Nirwana beschreibt. Das Leben als alles auflösende Meditation unter ewigem Schweigegebot. Er war aber zuviel Literat, zuviel von der Sprache besessen, um diesem Ideal entsprechen zu können. Er brauchte die Sprache, um das Leben auszuhalten, gleichzeitig driftete er so ab in ein Leben, das ihn selbst als Scheiternden in einem falschen Leben vorführt.

Warum nicht im Stillen leiden wie die Tiere?

Einem Freund warf er denselben Fehler vor: Er würde durch seine Bücher das Schweigen schänden.

   Mit seinen Fehlern und Schwächen zieht Cioran durch seine Werke, die er im Übrigen, wie er meint, auch einfach nach Zahlen hätte benennen können. Wer traute sich Ähnliches bemerken:

Da nichts ohne Gefühl geschieht, denkt man, sobald man etwas hervorbringt, man würde ... Talent besitzen. Niemand glaubt an die Nichtigkeit dessen, was er tut. Jede Art von Schöpfung erfordert eine Mitwirkung unseres Wesens. Und wir können uns nicht vorstellen, dass etwas, was aus uns hervorgeht, überhaupt nichts wert ist.

Ciorans einziger Ehrgeiz nach Susan Sontag war es: Mit dem Unheilbaren Schritt halten zu können. Er ruft gewisse Begriffe wie cafard, die Langeweile oder Leere aus, um mit ihnen Sätze zu formen, die das Leid trockenlegen können. Seine Themenreihe ist schmal, auf acht Aphorismen (nach Benns acht Gedichten) hätte er sein Programm reduzieren können, hätte er nicht versucht, dem Menschenunwürdigen des Lebens in jeder Situation ein neues Gesicht zu verpassen. Dass das Beschriebene überhaupt beschreibbar ist, wundert man sich manchmal. Cioran erreicht radikale Konfrontationen dadurch, dass er nicht beschreibt, sondern eine nüchterne Sprache sucht, die durch die Langeweile gedehnt worden ist und zuweilen recht monoton wirkt. Die Sprache eines ruhigen alten Mannes, der, den Mund zum erstickten Schrei geöffnet, durch eine leere Welt zieht.

 


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