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Die Eiskönigin und Wolfgang Schäuble
...

Ein Kurzbesuch bei Berliner Literaturagenten

Das grelle Licht des Internets scheuen sie wie Fledermäuse den Tag. Ihr oberstes
Prinzip ist die Diskretion, ihre Chiffre das &-Zeichen. Für literarische
Agenturen gilt: je unsichtbarer, desto besser.

Von Kristina Werndl
(01. 03. 2007)

...



Kristina Werndl
...
kristina.werndl [at] gmail.com
ist Redakteurin des
Aurora-Magazins.


 

Bereits 1873 hatte der
Urvater der Literaturagen-
ten, der Engländer Alex-
ander Pollok Watts, in
London seine Literary
Acency gegründet.

 

Linktipp

www.apwatt.co.uk

 

Buchtipp

Sandra Uschtrin,
Michael J. Küspert (Hg.)
Handbuch für Autorin-
nen und Autoren.
Uschtrin, 2005, 701 S.
ISBN: 3932522060

 

Eine Literaturagenten-Karriere


(c) buecher-macher.de

Uwe Heldt,
aufgewachsen in Stuttgart,
Studium der Germanistik,
Philosophie und Rhetorik in
Tübingen, Dissertation über
die Idylle bei Wilhelm Raabe.
Von 1980 bis 1984 im bel-
letristischen Lektorat bei Klett-
Kotta, von 1985 bis 1996 Lektor
für deutschsprachige Literatur
im Piper Verlag. Bis Ende
1999 Cheflektor der Hard-
coververlage Ullstein, Propyläen
und Quadriga. Herausgeber der
Literaturzeitschrift "Litfaß".
Seit April 2000 Leiter der
deutschen Niederlassung der
Zürcher Literaturagentur
Mohrbooks AG in Berlin.

 

Buchtipp

Ulrich Janetzki; Christina Böde.
Preise und Stipendien
Handbuch für Autoren -
Deutschland, Österreich,
Schweiz.
Quadriga Verlag, 2000, 247 S. ISBN: 3886793427


 

Literaturagenturen
(Auswahl)


Mohrbooks Berlin

Literaturagentur
Am Zirkus 5
10117 Berlin
Tel.: 030-28 87 94 74
mohrberlin@mohrbooks.com
www.mohrbooks.com

***

Graf & Graf
Literaturagentur- und Medienagentur GmbH
Mommsenstraße 11
10629 Berlin
Tel.: 030/315 19 10
graf@agenturgraf.de
www.agenturgraf.de

***

Eggers & Landwehr
Rosa-Luxemburg-Straße 17
10178 Berlin
Tel. 030/3101030
www.eggers-landwehr.de

***

Keil & Keil
Literatur-Agentur
Schulterblatt 58
20357 Hamburg
Tel.: 040/27 16 68 92
anfrage@keil-keil.com
www.keil-keil.com

***

Thomas Schlück GmbH
Hinter der Worth 12
30827 Garbsen
Tel.: 05131/49 75 60
t.schlueck@schlueckagent.com
www.schlueckagent.com

 

Web-Tipps

www.medienhandbuch.de
www.punktumverlagsservice.de

 

 

 

 

   Auf einem ausladenden steinernen Rondeau, umgeben von drei glänzenden Granitsäulen, sitzt überlebensgroß Bert Brecht. Die Hände sind im Schoß gefaltet, der Blick hinter den pupillenlosen Augenwülsten richtet sich nach Innen. Derart unbewegt und stumm empfängt der Vater des epischen Theaters die Theaterbesucher, die am Abend ins Berliner Ensemble strömen. Nur wenige Meter von dieser geschichtsträchtigen Stelle entfernt, Am Zirkus 5, hat die Deutschland-Filiale der Mohrbooks AG ihr Quartier.

So jung und anglophil der Name klingt, so alt ist das Unternehmen. In den 1930er Jahren war Lothar Mohrenwitz vor den Nationalsozialisten nach London geflüchtet; er arbeitete dort als Lizenzverwalter in Verlagen und vertrat unter anderem die deutschen Verlagsrechte für Agatha Christie. In der britischen Metropole, wie im angloamerikanischen Sprachraum überhaupt, waren Literaturagenten damals keine Seltenheit. Bereits 1873 hatte der Urvater der Literaturagenten, der Engländer Alexander Pollock Watt, in London seine Literary Acency gegründet und Joseph Rudyard Kipling ("Das Dschungelbuch") betreut. Auch in der Weimarer Republik gab es Literaturagenten. Da sie zumeist Juden waren, mussten sie bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten fliehen. Hartnäckig hält sich bis heute der Irrglaube, Literaturagenten seien in Festlandeuropa ein sehr junges Phänomen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ließ sich Mohrenwitz in Zürich nieder und gründete mithilfe des in der Emigration erworbenen Wissens seine eigene Literaturagentur. Aus zwei Gründen fiel die Wahl auf Zürich: Zum einen war die Stadt neutral, zum anderen empfahl sie sich als Parkett für die unproblematische Abwicklung des internationalen Zahlungsverkehrs. An Letzteres war im besetzten Deutschland nicht zu denken.

    Was machen Literaturagenturen? Sie vermitteln, kurz gesagt, zwischen Autoren und Verlagen. Ihren Hauptarbeitsgebieten nach lassen sie sich, so Sandra Uschtrin in ihrem "Handbuch für Autorinnen und Autoren", drei Typen zuteilen: "Import-"/"Exportagenturen" (diese tätigen primär Lizenzgeschäfte), "Verlagsagenturen" (diese arbeiten in der Regel nur mit Verlagen zusammen und erstellen in deren Auftrag Programme) und "Autorenagenturen" (diese werden für Autoren tätig und bieten deren Manuskripte Verlagen an).

Agenten in Autorenagenturen handeln möglichst günstige Verträge und Vorschüsse aus, überwachen Zahlungen, Abrechnungen, Erscheinungstermine, sorgen für Presse- und Medienkontakte, vergeben Übersetzungs- und Nebenrechte, leisten agenturabhängig auch redaktionelle Arbeit und kümmern sich gelegentlich um die seelischen Nöte ihrer Klienten. Deutschlands Literaturagenten sind überwiegend selbstständig tätig, sie arbeiten zum Beispiel als Ich-AG. Neben fachlicher Qualifikation müssen sie über psychologisches Geschick und Einfühlungsvermögen verfügen. Wen wundert es da, dass es überwiegend Agentinnen gibt?

    Mohrbooks Berlin wird gegenwärtig von einem Mann geleitet, dem langjährigen Verlagslektor und Programmleiter Uwe Heldt. Anders als die Mutteragentur am Zürichsee, die sich auf die Vermittlung von Verlagsrechten aus dem englischsprachigen Ausland an deutschsprachige Verlage spezialisiert hat, vertritt Mohrbooks Berlin seit der Gründung im Jahr 2000 exklusiv deutschsprachige Autoren. Den Bedarf nach einer Agentur ausschließlich für anspruchsvolle deutschsprachige Literatur erkannte als Erste die Germanistin und Übersetzerin Karin Graf. Sie gründete im Aufbruchsklima der Nachwende und der Hauptstadtwerdung Berlins 1995 ihre Agentur Graf & Graf, in deren Namen sie sich doppelt verewigte. Vom gutbürgerlichen Charlottenburg aus führt sie ihr Fünf-Personen-Regiment und betreut heute rund 120 Autoren zwischen 20 und 80. "Ich schätze den direkten Kontakt mit unserer handverlesenen Klientel", so Graf. Sie gilt als Instanz im Berliner Literaturleben.

Der Goldgräberstimmung folgend, zog es ab Mitte der 1990er Jahre Massen an Kulturschaffenden in die Stadt an der Spree. Es war dies auch die Geburtsstunde der Literaturagenturen Herbach & Haase sowie Eggers & Landwehr, die über ein ähnliches Renommee wie die beiden zuvor erwähnten Agenturen verfügen. Selbst im digitalen Zeitalter spricht eben vieles dafür, sich einen repräsentativen Sitz im Metropolenleben zu suchen.

   Berlin hat sich als der bedeutendste Ort der Literatur in Deutschlands etabliert. Es versammelt mehr Schriftsteller als jede andere deutsche Stadt und weist mit 500 Verlagen nach München die zweitgrößte Verlagsdichte auf. Ob noch Raum sei für weitere Literaturagenturen? Da zeigt sich Karin Graf unisono mit den anderen Agenturleitern skeptisch: "Die Branche hat einen Sättigungsgrad erreicht." Man darf sich fragen, ob diese Bewertung ohne geschäftliche Hintergedanken auskommt. Es mangelt ganz offensichtlich nicht an potentiellen Kunden. So bekommt Uwe Heldt rund 50 unverlangte Einsendungen pro Woche. Das qualitativ hochwertige literarische Frischfleisch am Markt ist aber rar und jede Agentur möchte es für sich haben.

In der Welt der Literatur-Scouts, in der es um die sensiblen Materien Geld, Kreativität und Vitamin B (wie Beziehungen) geht, ist so manches in Nebel gehüllt. Man wird den Eindruck nicht los, dass die Agenten das Opake zu einem gewissen Grade wünschen, ja provozieren. So halten sie die Sub-Agenturen geheim, die sie in jenen Bereichen konsultieren, die von ihnen selbst nicht abgedeckt werden. Das gilt oft für den Kinderbuchbereich, der, wie behauptet wird, nach ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert. Auch Fantasy und Science Fiction werden meist ausgelagert oder gar nicht gemacht. Fände sich hier entgegen der Sättigungsthese nicht doch eine Nische für Spezialagenturen?

Das elitäre Sich-Entziehen hat jedenfalls einen handfesten Grund: Den arrivierten Agenturen der Branche muss paradoxerweise daran gelegen sein, nicht allzu bekannt zu werden. Denn die finanziellen und personellen Mittel sind beschränkt. Um nicht mit Manuskripten zugeschüttet zu werden, stellen sie kaum mehr als ihre Adresse ins Netz. Interessante Autoren werden den Agenten sowieso meist via Mundpropaganda gesteckt.

    Wie hat man sich Literatur-Scouts vorzustellen? Sitzen sie mit Hut, Zigarre, Lupe und Bleistift in Kneipen und stickigen Hinterzimmern? Diese Beschreibung passt weder auf Uwe Heldt noch auf Axel Haase oder Karin Graf. Heldt arbeitet in einem hellen, großzügigen und sympathisch angeräumten Büro. Auf dem Schreibtisch stapeln sich die Einsendungen. Sein blau-weiß kariertes Hemd lässt alle Film-noir-Agentenklischees abperlen. Äußerlich erinnert er entfernt an Wolfgang Schäuble. Er ist ein hellwacher, sprachgewandter Mann in den besten Jahren, der auf eine lange Karriere bei namhaften Verlagen zurückblicken kann.

Diesen Erfahrungskontext teilt er mit Karin Graf, die die frostige, alterslose Erscheinung einer Eiskönigin hat; eine Frau an der Spitze eines Unternehmens, die sich beim Interview kein Lächeln abringt und in männlicher Imponierpose weit entfernt an der Stirnseite des langen Glastisches Platz nimmt.

Dagegen ist Axel Haase ganz Gentleman. Er logiert am Kurfürstendamm, im Umkreis jener Lokalszene, wo sich um 1900 und in den darauffolgenden Jahren die Berliner Boheme traf. Bis zum Tod seines Partners Klaus-Peter Herbach im Jahr 2004 war er für die Rechts- und Lizenzgeschäfte der Agentur verantwortlich. Nunmehr kümmert er sich auch um die Literaturagenden. Außerdem organisiert er das Programm des Buchhändlerkellers, einer traditionsreichen Lesestätte für zeitgenössische Literatur.

   Welche Menschen wenden sich an eine Literaturagentur? Die Klientel ist völlig gemischt, so Uwe Heldt, No-names ebenso wie arrivierte Schriftsteller, die sich die Vermarktung ihrer neuen Werke gern abnehmen lassen. Und da anders als bei Verlagen kein inhaltlich verbindliches Profil existiere, gelte der Grundsatz: "Wir machen, was gut und was gut verkäuflich ist, Belletristik ebenso wie Sachbücher." Über einzelne anvisierte Bestseller werden kostspielige Nischenprodukte querfinanziert. Ist der Beschluss gefallen, einen Autor zu unterstützen, ist die Zusammenarbeit zunächst unentgeltlich. Erst später wird die Agentur mit einem Prozentsatz von 15 % an dessen Honoraren beteiligt. Das gilt für alle seriösen Agenturen.

Die Renaissance der Literaturagenturen in den 1990er Jahren verdankt sich einer Nachfrage, die sich aus zwei ineinander greifenden Entwicklungen speist: einer fundamentalen Veränderung innerhalb der Verlagsstrukturen und einer Neudefinition der Rolle des Verlagslektors. Hier lohnt ein Blick zurück in die jüngere deutsche Geschichte.

In den Nachkriegsjahrzehnten wurden viele Verlagshäuser von patriarchalisch agierenden Verlegern geleitet, die unternehmerisches Ethos mit ihrer Rolle als Freund und Helfer des Autors verbanden. Ein typisches Beispiel hierfür ist der 2002 verstorbene Siegfried Unseld, der den unter einer Schreibblockade leidenden Uwe Johnson jahrelang großzügig finanziell unterstützte. Dieser Verlegertypus mutet heute geradezu antiquiert an. In Konzernverlagen sind Verleger und Programmchefs oft nur noch leitende Angestellte unter dem Diktat strikter Gewinnmargen. Sie kümmern sich um die Marktgängigkeit ihrer Produkte, was umso leichter fällt, je klarer und eindimensionaler das Programmprofil ihres Hauses ist.

Doch nicht nur die Verlegerrolle, auch die des Verlagslektors hat sich entscheidend verändert. Er hat im Extremfall gar keine Zeit mehr für die Suche, Akquise und Pflege von Autoren, sondern agiert rein als Produktmanager.

    In Zeiten umfassender Konzentrationsprozesse verabschieden sich statische Strukturen und Voraussagbarkeit im Verlag, die Fluktuation wächst. "Was heute ein Haus für Belletristik ist, kann morgen zum Verlag für Gartenbauer mutiert sein", exemplifiziert Uwe Heldt. Hat ein Autor seinen Stall gefunden, kann er schon morgen wieder auf der Straße stehen. Der Schreibende ist verstärkt auf sich allein gestellt. In dieser Situation treten die Literaturagenten auf den Plan. Sie übernehmen Aspekte der traditionellen Rolle von Verlagslektoren. Vor allem agieren sie als positive Filter, die eine Vorauswahl leisten. Bei jährlich 90.000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt ist das eine Erleichterung. Von Agenturen eingesandte Manuskripte werden von Verlagen daher bevorzugt geprüft.

Der moderne Literaturbetrieb kommt ohne Literaturagenturen heute nicht mehr aus. Branchenschätzungen zufolge werden 60 % aller Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt von Agenten vermittelt. In den USA sind es über 80 %. Deutschland hat folglich noch Platz nach oben. Literaturagenturen vom Rang der vorgestellten Agenturen in Berlin oder der Agence Hofmann in München, der vermutlich zweitgrößten Literaturagentur Europas, gibt es in Österreich nicht. Kultur und Wirtschaft funktionieren eben nach anderen Gesetzen: Mögen internationale Konzerne als Zentrale für ihr Osteuropageschäft Wien Berlin vorziehen – in puncto Verlags- und Agenturwesen hinkt das kleine Österreich dem großen Bruder Deutschland hinterher.

   Für Axel Haases tägliche Arbeit ist das deutsch-österreichische Ländermatch kein Thema; er spricht von "deutschsprachiger" Literatur. Gleiches gilt für Uwe Heldt. Dieser hat den österreichischen Schriftsteller Heinrich Steinfest unter Vertrag, der mit literarischen Krimis hervorgetreten ist, zuletzt mit "Ein dickes Fell" (Piper). Sein vorletztes Werk, das beim Deutschen Krimipreis 2006 punkten konnte, lautete: "Der Umfang der Hölle". Man darf hoffen, dass er bei der Titelwahl nicht an die Betreuung durch seinen Agenten gedacht hat.
 

Ich danke Karin Graf, Axel Haase und Uwe Heldt für das Interview.

Ausdrucken?

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