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Aschenbrödel ohne Happy End
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Einmal pro Saison hat das Wiener Volkstheater einen Horváth auf dem Programm: Diese
Saison ist es sein vielleicht bestes, jedenfalls reduziertestes Stück: "Glaube Liebe
Hoffnung. Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern".

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V
on Kristina Werndl
(01. 04. 2007)

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   Wie in allem meinen Stücken versuche ich auch diesmal, möglichst rücksichtslos gegen Dummheit und Lüge zu sein, denn diese Rücksichtslosigkeit dürfte wohl die vornehmste Aufgabe eines schöngeistigen Schriftstellers darstellen, der es sich manchmal einbildet, nur deshalb zu schreiben, damit die Leut’ sich selbst erkennen", schrieb 1932 der Autor über das Werk.

In diesen Worten kommt ein gewaltiger gesellschaftskritischer Wille zum Ausdruck, den die vorliegende Inszenierung durch den Niederländer Antoine Uitdehaag nicht einzulösen vermag.

Die Parallelen zwischen dem krisengeschüttelten Proletariat und Kleinbürgertum vor 1933 und unserer Zeit mit ihren prekären Arbeitsverhältnissen liegen auf der Hand, der Kampf des Individuums gegen die bürokratische, scheinheilige Gesellschaft hat nichts an Aktualität verloren, und doch hat man bei Uitdehaag nie das Gefühl, man sei im Heute angelangt. Daran sind die uninspirierten Kostüme (Erika Landertingers), die zauberhaft klingelnde Musik (Het Palais van Boem) und die Guckkasten-Bühne (Tom Schenk) nicht unschuldig. Man hätte bedeutend mehr wagen müssen, um die Zuschauer zu erreichen.

   Alles ist brav eingemittelt, wirkt hölzern und starr. Nur die Schauspieler reißen den Karren noch herum. Etwa Patrycia Ziolkowska: Sie ist der Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung; das Widerständige und Selbstbestimmte, das in der Figur der Elisabeth liegt, verkörpert sie gut. Elisabeth ist eine unglücklich in die Tretmühlen der Justiz geratene, moralisch schuldlose Frau, die aus Geldnot ihren Körper der Anatomie verkaufen möchte und im Verlauf des Stückes Glaube, Liebe, Hoffnung – und Leben verliert. Horváth zeigt an ihr mit bestrickender Stringenz, wohin die bürokratisch-verantwortungslose Anwendung kleiner Paragraphen führt, und spricht zugleich auch vom Kampf des Individuums gegen eine ontologisch böse Gesellschaft.

Ziolkowska findet einen im besten Sinn eigenartigen Ausdrucksstil: Sie spricht überdeutlich und artifiziell. Noch eigentlicher aber spricht sie mit ihrem Körper: Ihr Spiel ist das verschiedener Körperhaltungen. Der Kurzhaarschnitt passt ins Bild dieser auf ihre Selbstständigkeit pochenden Frau. In erschütternden, sie bedrohenden Situationen lacht sie – ein von Horváth vorgeschriebenes Lachen, aber sie lacht es ohne Ton, mit ganz verkrampftem Körper. Man kann hier an den "Dogma"-Film "Festen" denken, wo Regisseur Thomas Vinterberg seinen Hauptdarsteller anhielt, konträr zum Seelenzustand der Figur zu agieren: So gab dieser die schreckliche Wahrheit um seinen sexuellen Missbrauch mit lachendem Gesicht kund.

   Überzeugend sind auch Paul Matić als buckelnder Vizepräparator, Alexander Strobele als Oberinspektor und Vera Borek als derbe, berechnende Geschäftsfrau. Beatrice Frey findet als Frau Amtsgerichtsrat bei allem komödiantischem Talent zu durchaus differenzierten Tönen; die Freude an der Sensation, an der Begegnung mit der "Delinquentin", ist ihr überdeutlich ins Gesicht geschrieben.

Andere Schauspieler jedoch, wie Gerd Rigauer als Oberpräparator, spielen nicht ganz untypisch fürs Volkstheater so, dass sie weder richtig in ihrer Rolle aufgehen noch nach Brecht’scher Forderung die Figur ausstellen. Stattdessen gefallen Sie sich in einer exaltierten Manier, die selbstgefällig ausstellt, dass man nun auf der Bühne ist.

   Wie so oft bei Horváth reden die Figuren von Güte und ihrem großen Herzen – und suhlen sich in einem unappetitlichen Sumpf aus Wehleidigkeit und verkitschten Gefühlen. Zum Beispiel der Präparator, der, anfangs hilfreich, Elisabeth schließlich hinter Gitter bringt. Seine Fürsorge gilt weniger den Menschen als den Tieren – bei dieser Inszenierung sind das echte Tauben. Oder Elisabeths Lebensretter, der sich damit brüstet, die Lebensüberdrüssige aus den Fluten geholt zu haben und dafür in die Zeitung zu kommen. Derweil liegt sie als nacktes, ängstlich zuckendes Stück Fleisch auf einem Tisch hinter ihm.

Elisabeth überlebt nicht. Am Ende liegt ihr Körper aufgebahrt unter einem Leichentuch, das Stück kehrt an den Anfang zurück. Ein aussagekräftiger Schluss ist das, legt er doch nahe, sich zu fragen, welch anderes Mädchen zu Stückbeginn dagelegen hat. Elisabeths Schicksal ist nicht exzeptionell.
 




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