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Junge Dramatik aus Polen
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Autorenwochenende im Hundsturm: Ein Team von jungen Schauspielern und
Regisseuren beweist, dass der Humor keine Schengengrenzen kennt.

Von Kristina Werndl
(01. 02. 2007)

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   Dass Polen womöglich Interessanteres zu exportieren hat als die Images von Päpsten und Polit-Zwillingsbrüdern, zeigte sich am Samstag Abend (20. Jänner) bei einer Veranstaltung des Volkstheaters und des Polnischen Instituts Wien.

In szenischer Lesung zu sehen waren zwei von Doreen Daume ins Deutsche übersetzte Theaterstücke. Zunächst das Stück "Puzzle" von Szymon Wroblewski, für das er 2005 den 1. Preis des wichtigsten polnischen Festivals für zeitgenössische Dramatik, "baz@art", erhielt. In diesem von penetrantem Handygeklingel untermalten Gesellschaftsporträt stellt Wroblewski die Uniformität heutiger Städte und Lebensentwürfe aus; der Klingelton erlaubt keinen Rückschluss mehr auf den Ort, an dem man sich befindet. Sprachlich mitunter ganz witzig, lässt das Stück in der präsentierten eingedampften, dennoch wirren Form (Regie: Michal Zadara) eine dramatische Struktur vermissen; man tappt den durch ihr Leben taumelnden Figuren blind hinterher – so wie es die Figuren im nächtlichen Wald in Shakespeares "Sommernachtstraum" tun, worauf, wie es scheint, in einer Diskoszene angespielt wird. Die häufigen Ortswechsel, die feinen Nuancen legen eine Verfilmung des Textes nahe.

   Das zweite Stück, Michal Walczaks preisgekröntes Kammerspiel "Das erste Mal", fand in den beiden Schauspielern Jennifer Frank (Sie), Peter Becker (Er) und der Regisseurin Esther Muschol kongeniale Interpreten. Das komödiantische Verwirrspiel gewinnt gerade durch das nicht Festlegende und Provisorische einer Regie, die die Vorstellungskraft des Zuschauers in die Pflicht nimmt. Wlaczaks Geschichte, die von einem Hörfunkentwurf den Ausgang nahm, besticht durch ihre Einfachheit und Stringenz, sie ist auf einer wörtlichen Ebene ebenso lesbar wie auf einer übertragenen. "Darf ich rein?", fragt der noch unerfahrene Liebhaber seine Auserwählte doppeldeutig und bleibt noch minutenlang an der Türschwelle stehen. Der Schwellenübertritt ist mit einem Strauß roter Rosen nicht zu erkaufen, eine genau choreographierte Romantik-Strategie soll den Boden bereiten für das Wonnebad, das sich die beiden erwarten.

Was dann an Anziehung und Abstoßung, Spannung und Abbruch folgt, ist nicht nur lustig mitanzusehen. Es sagt viel aus über die Handlungs- und Denkmuster, in denen wir gefangen sind, über den Drang nach Perfektion und die Unentrinnbarkeit der massenmedialen Wirklichkeit, von der sich die junge Frau ihre Seifenoper-Zicken-Attitüde abgeschaut hat. In Walczaks Stück ist die Absurdität des Alltags beim Wort genommen. Wie er die Dinge allmählich dramatisiert, in einem bizarren Zeitraffer der Frau einen Bauch wachsen, das Kind schlüpfen, entlaufen, das Paar altern lässt – und wie der Zuseher dabei in die Imaginationsfallen der Bühnenfiguren purzelt –, das steht in der Traditionslinie des absurden polnischen Theaters und ist doch heutig und – wiewohl der denkbar privateste Akt gezeigt bzw. verhandelt wird – auch politisch. Denn: Ein gewisser Hang zur Idealisierung, ein Streben nach Romantik und traditionelle, katholische Reflexe sind auch Teil der polnischen Psyche und (politischen) Realität.

  Wie gewohnt endete die Veranstaltung mit nationalen Spezialitäten und Musik. Man darf sich auf das dritte Autorenwochenende am 24. März zur französischen Gegenwartsdramatik freuen. 
 




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