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"Man bekommt spontan Lust zu pöbeln"
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Kathrin Rögglas Verhältnis zu Österreich, ihr Dichtungsverständnis, ihre Themen, ihr Arbeits-
prozess und ihre Ansicht über DichterInnen als öffentlich wirkende Intellektuelle

Das Interview führte Kristina Werndl
(23. 12. 2005)

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KW: Die bekanntesten und bekennenden Österreich-HasserInnen hält es in der Heimat. Sie leben nun schon 13 Jahre im Ausland. Wie ist Ihr Verhältnis zur Alpenrepublik?

Röggla: gespalten. die politischen ereignisse der letzten 5 jahre sind ja eher entmutigend, und damit meine ich sowohl den politischen diskurs als auch die politischen entscheidungen, die getroffen werden. die mediensituation ist nahezu unverändert, d.h. im orf weht wohl in vielen bereichen, was ich so höre, ein schärferer wind, der freien meinunsgäußerung entgegen. ich halte es jedoch für wichtig, diesen neoliberalen ruck auch im rahmen internationaler ereignisse im eu-kontext zu begreifen und auch bei aller symbolischen aufladung mehr über politische programme nachzudenken, als über einzelne personen, was angesichts des politischen diskurses in den österreichischen großmedien schwer fällt.

KW: In der Vorrede Ihres Einakters "totficken. totalgespenst. topfit" heißt es: "Das wahre Österreich werdet ihr nie entdecken, das wahre Österreich werdet ihr nie verstehen, das ist tief in uns drinnen, das bleibt da einfach stehen." Konnten Sie Österreich entfliehen?

Röggla: ach, das ist eben die sache mit dem herkunftskomplex. dem entkommt man nicht. aber zu sehr sollte ich nicht an thomas bernhard anschließen, denn ich bin schließlich vertreterin einer anderen generation und das macht einen unterschied, auch wenn sich die dinge durch generationen durchdeklinieren. in "totficken.totalgespenst.topfit." geht es natürlich auch um diese mechanistischen österreich-haß- und patriotismus-dialoge, das gespannte verhältnis deutschland gegenüber. es ist eine farce, die sich mit werner schwab auseinandersetzt, den man ja als eine art negativen volkstheaterschreiber beschreiben kann. der unterschied zu schwab und bernhard und jelinek ist aber sicher der, daß ich mit 21 aus österreich weggezogen bin.

KW: Ihre Texte werden über die Jahre immer politischer. Sie setzen sich mit den Begleiterscheinungen der Globalisierung und deren Auswirkungen auf die Privatsphäre des Menschen auseinander; rastlose Manager, Alkoholiker, Arbeitslose, Schuldner und Schuldnerberater bevölkern die Szene. Würden Sie sich als eine politische Autorin bezeichnen?

Röggla: mich interessieren gesellschaftliche knoten. mischverhältnisse. zusammenhänge. widersprüche. das sind politische fragestellungen, aber, wie gesagt, literatur kann nicht per se politisch oder nicht politisch sein, auch wenn sie in bestimmten historischen situationen politische reaktionen auslösen konnte. kunst scheint mir die aufgabe zu haben, wenn sie überhaupt aufgaben hat, ambivalenzen, widersprüche herauszuarbeiten. und außerdem bin ich beim schreiben zu einem großen teil auch mit mir selbst beschäftigt, also was machen bestimmte diskurse, rhetoriken, sprech- und kräfteverhältnisse mit mir. also die frage nach emotionalen und psychologischen interferenzen, die diese widersprüche und machtverhältnisse auslösen, auch wenn sich das bei meinem schreiben mehr auf der ebene der geste, des ausdrucks äußert.

KW: Stellt sich bei Ihnen während des Arbeitsprozesses ein Glücksgefühl ein? Oder kommt dieses erst, wenn das fertige Ergebnis vorliegt? Oder sind Sie einfach heilfroh, wenn es vollbracht ist?

Röggla: das hängt von dem jeweiligen buch oder stück ab. bei "wir schlafen nicht" war ich heilfroh, als ich es abgegeben habe, weil die schlußphase sich als unendlich anstrengend erwiesen hat. aber im allgemeinen kann ich sagen, daß die arbeit an einem buch oder einem stück ziemlich lang dauert, da gibt es zwischenetappen. obwohl viele dinge bei mir wirken, als wären sie aus einem guß, schreibe ich jedes buch einige male, und irgendwann, nicht erst bei der letzten fassung, stellt sich heraus, ob und wie etwas funktioniert, und das ist schon ziemlich toll, das dann zu erleben.

KW: Haben Sie einen streng geregelten Arbeitsalltag?

Röggla: mein arbeitsalltag ist sehr von den projekten strukturiert, die ich mache, und von der arbeitssituation, in der ich mich gerade befinde, aber im grunde: ja, natürlich ist der arbeitstag geregelt, ob streng weiß ich jetzt nicht – ich würde sagen, daß die sachen, die ich mache, eher arbeitsintensiv sind.

KW: Sie leben seit 1992 in Berlin. Haben Sie nicht bald genug von der Stadt?

Röggla: berlin ist immer noch die stadt, wo man in ruhe gelassen wird. wo man leben kann, wie man will, wo es alternativen gibt. ein gefühl, daß ich in wien nie hatte, welches gerade in der kulturszene viel bürgerlicher funktioniert.

KW: Sie meinten einmal, Berlin sei "keine Literaturstadt wie zum Beispiel Wien". Können Sie dem aus heutiger Perspektive noch zustimmen?

Röggla: ja, auch wenn es mittlerweile ein internationales literaturfestival dort gibt, sind film und theater dort weitaus präsenter. ich würde auch hinzufügen, daß wien keine literaturstadt ist, ja, daß die literaturstädte auf dieser welt sehr spärlich ausfallen, letztlich sind die meisten ja mehr verwaltungs- oder industrie-, allenfalls touristische städte.

KW: Philipp Roth hat in einem FAZ-Interview erklärt, in Amerika könne ein Autor nicht mehr moralische Autorität für sich beanspruchen als ein Klempner. Aus Ihrer Amerika-Erfahrung heraus: Können Sie dem zustimmen?

Röggla: naja, klempner haben dann doch noch weniger öffentlichkeit. es ist auch die frage, was man mit dieser moralischen autorität anfangen möchte? die autoritäre position ist sowieso eine, die ich besonders für autoren nicht interessant finde, sie macht meist kurzsichtig. ich halte es zudem nicht für die primäre aufgabe von literatur, das gewissen der bewohner eines landes jenseits der diktaturen oder fehlender medienkontrolle (wie in österreich) zu repräsentieren. ein autor ist in jedem falle nicht politischer als ein klempner. wenn literatur in den dienst der politik gerät, sieht es meist nicht gut für sie aus.

KW: Sollen AutorInnen als öffentlich wirkende Intellektuelle auftreten?

Röggla: wie gesagt, der imperativ hinge von den medienbedingungen eines landes ab. ich möchte mich nicht in die position begeben zu sagen, was autoren sollen oder nicht sollen. dazu ist mir die literatur zu viel wert.

KW: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang Günther Grass’ Wahlkampfinitiative für die nunmehr abgewählte Regierung Schröders, der sich SchriftstellerInnen so verschiedener Generationen wie Peter Rühmkorf, Michael Kupfmüller oder Juli Zeh angeschlossen haben?

Röggla: ich verstehe das als ohnmachtsgeste – jetzt mobilisiert man diese miniöffentlichkeiten noch bzw. vielleicht ist es der letzte versuch, an spd-traditionen anzuknüpfen, wenn sie im programm schon fehlen.

KW: Sie haben den literarischen Anspruch formuliert, "vollsynchron mit der Gegenwart" zu sein. Wie sichern Sie sich diese Gegenwärtigkeit? Durch die Wahl ihres Wohnsitzes, die tägliche Zeitungslektüre?

Röggla: man kann nicht vollsynchron mit der gegenwart sein. bzw. drückt der begriff schon aus, daß man es nicht sein kann, er ist ein oxymoron. und zudem bin ich sicher keine aktualitätstante, die alles, was gerade in den medien thema ist, mitmacht, sondern arbeite an größeren zusammenhängenden fragestellungen. also wenn ich zum thema geld und verschuldung arbeite wie jetzt, dann dauert das 2-3 jahre. das zieht eine menge verfahrensweisen wie interviews, gespräche, lektüre, also journalistische praktiken, nach sich.

KW: Sie bemerkten einmal, Ziel Ihrer Arbeit sei die Konfrontation. Sehen Sie sich im Traditionszusammenhang eines aufklärerischen Theaters? Oder ist ein solcher Anspruch per se Fiktion?

Röggla: konfrontation findet von mir zuerstmal mit meinen widersprüchen, konflikten im rahmen größerer gesellschaftlicher widersprüche oder knoten statt. ich setze mich sozusagen als münze ein. das ist mein egozentrismus, den ich aber durch viele dialogische situationen konterkariere. außerdem bin ich einfach neugierig. wie gesagt, behagt mir dieser moralische anspruch nicht, denn er ist immer eine autoritätsgeste, eine position, die ich als autorin, wenn möglich, immer vermeiden möchte.

KW: Der Gehalt des Textes "Wir schlafen nicht" manifestiert sich auf kunstvolle Weise in seiner Struktur: Wie die Figuren wartet auch der Leser auf nicht eintretende Ereignisse, spürt er die Fadesse des Messehallendaseins am eigenen Leib. Haben Sie üblicherweise schon vor Beginn der Niederschrift eine klare Vorstellung von der Textgestalt? Oder schält sich diese erst allmählich heraus?

Röggla: die textgestalt kann sich natürlich erst im arbeitsprozess langsam herausschälen. in der konfrontation mit dem "stoff", den man langsam erstellt, der selber schon eine ästhetische oberfläche hat. das ist ein dialogisches prinzip. und dann ist es ganz einfach: wenn ich vorher wüßte, wie der text aussieht, dann bräuchte ich ihn gar nicht erst zu schreiben. der prozeß ist das spannende.

KW: In "Wir schlafen nicht" erhält der Leser über verfremdete Interview-Ausschnitte Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt von New-Economy-Typen, welche in einer ortlosen Messehalle ohne Schlaf und Tageslicht dahinvegetieren. Zeigen sich in diesem Porträt der Wirtschaftsbranche gesamtgesellschaftliche Züge?

Röggla: ich sehe in den logiken, prinzipien und programmen dieser branche ein durchaus hegemoniales prinzip. d.h. die verfahrensformen, logiken oder rationalitäten, handlungsanweisungen sind die gesellschaftlich gesehen maßgeblichen. so hat die politik und auch die kultur sich diesen efffizienzkriterien der unternehmensberatungen immer mehr zu unterordnen, oder ist ein gewisser ökonomismus mittlerweile vorherrschend. diese rationalität beruht aber wiederum auf einer gesamtgesellschaftlichen neoliberalen entwicklung, es sind nicht die unternehmensberater, die das alleine erfunden haben.

KW: Als ein Thema des Textes könnte man die Ökonomisierung der Sprache ausmachen. Wie weit ist diese fortgeschritten?

Röggla: ich würde eher von effizienz sprechen. am besten geht man in print- oder radioredaktionen – da wird man dann hören, wie hauptsätze strukturiert und fremdwörter dezimiert werden sollen, damit man einer schnellen verständlichkeit entspricht, die die einschaltquote angeblich oben hält.

KW: Die einzelnen Stimmen analysieren im Szene-Jargon, dem "BWL-er Deutsch", die Ihnen eigene Lebensform kritisch; den Arbeitsoverflow, die Zeitknappheit, das fehlende Privatleben. Dennoch befreien sie sich nicht aus den als beengend empfundenen Zuständen. Steckt dahinter fehlende Courage, Masochismus oder haben wir es mit Heuchlern zu tun? Hatten Sie das Gefühl, die Interviewten genössen ihre Zwänge?

Röggla: zu einem teil genießen sie es natürlich. vor allem darüber zu sprechen in einer leistungs- und überwindungsrhetorik, die auch mit einem faschistoiden körperbild zusammenhängt, das den verletzlichen körper als einen zu überwindenden, zu besiegenden denkt. und dann bekommt man ja genügend entlohnung dafür, bzw. geld oder eine gewisse entscheidungsmacht. sicher habe ich einige meiner gesprächspartner mit meinen fragen auch in diese richtung getrieben, schon die gespräche waren ja keine eins-zu-eins-abbildungen einer vermeintlichen so-ist-es-realität, sondern eben ein dialog. ein dialog, der auch in einem ästhetischen rahmen stattfand.

KW: Noch vor 50 Jahren war das Wort "Stress" quasi unbekannt. Ist Stress eine Modeerscheinung? Eine imaginäre Krankheitskategorie, die reale Symptome zeitigt – so wie die Hysterie um 1900?

Röggla: ja, genauso wie workaholics relativ neu sind, überhaupt die ganzen nicht-stofflichen süchte, die erst in den letzten jahren als solche beschrieben wurden. aber als mode würde ich das nicht wirklich bezeichnen. wer wirklich streß hat, findet das auf dauer nicht chic. aber krankheiten, bzw. deren interpretation, denn darum geht es ja, sind eben auch zeitbezogen. das finde ich immer wieder faszinierend.

KW: Im Juli 2005 erhielten Sie den Internationalen Preis für Kunst und Kultur aus dem Kulturfonds der Stadt Salzburg. Wie wichtig sind für Sie Literatur-Stipendien und -preise?

Röggla: das hängt von den preisen ab.

KW: Wie stehen Sie zu den Salzburger Festspielen?

Röggla: das ist halt ein repräsentationsspektakel, das mich nie interessiert hat. allerdings durch später eingeführte spielstätten wie den stadtkinosaal und noch später die perner insel bekam ich eine menge spannender sachen zu sehen, und ich denke, die inszenierungen sind insgesamt interessanter geworden. aber das publikum! eben ein ort, in dem reiche menschen in frack und abendrobe hingehen, um sich zu zeigen und unter sich zu bleiben. man bekommt spontan lust zu pöbeln.

KW: René Polleschs "Cappuccetto Rosso" wurde bei den diesjährigen (2005) Salzburger Festspielen bejubelt. Seine Stücke sind Angriffe auf das sogenannte Repräsentationstheater, in dem Schauspieler noch immer behaupten, sie seien etwas, was sie gar nicht sind. Finden Sie Polleschs Ansatz fruchtbringend, wirkt er inspirativ auf Ihre Arbeit?

Röggla: ich mochte polleschs arbeiten im berliner prater sehr. er hat eine gute energie da reingebracht, die man schon lange nicht mehr erleben konnte – also diese negation des einverständnisses, daß theater repräsentation auf die eine oder andere weise bedeutet: psychologisches spiel oder naturalismus oder angenehmes design, das sich mehr auf klassische filmische narrationsverfahren bezieht. das wort "fruchtbringend" würde ich allerdings nicht verwenden – es ist ja mehr diese geste und natürlich auch die diskursanbindung, die sehr spannungsgeladene freude am theoretischen, an der komik der abstraktion, die ich mit ihm teile.

KW: Zum Abschluss: Hatten Sie als Kind eigentlich einen Lieblingsautor, ein Lieblingsbuch?

Röggla: ja, aber hallo! tove jansson "komet im mumintal" – ich war eben schon immer sehr am katastrophischen interessiert.

KW: Frau Röggla, vielen Dank für das Interview.




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