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Vergessene Inseln der Literatur

"In Bessarabia those that think go mad"
(Vasile Gârneţ im Gedicht bez pokoya bespokoyu?)

Von Irina Wolf
(28. 10. 2011)

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   Das vom moldauischen Cartier Verlag veröffentlichte Buch Archipel ermöglicht auf über 360 Seiten einen einmaligen Einblick in die Literatur der Republik Moldau. Nicht weniger als 31 Autorinnen und Autoren verschiedener Generationen und unterschiedlicher Berufsgruppen haben an der dreisprachigen Anthologie mitgewirkt. Die von Vitalie Ciobanu ausgesuchten Schriftsteller laden auf eine literarische Reise durch die geschichtlichen Wandlungen der im östlichsten Teil Europas liegenden Republik ein. Dabei sind im Almanach alle Literaturgattungen vertreten, von Lyrik, Prosa und Essay über publizistische Analysen bis hin zu Ragtime-Poetry, Drama und Interview. Die Auswahl behauptet weder Vollständigkeit, noch folgt sie einer Chronologie. Es werden traurige Geschichten, heitere Alltagssituationen beschrieben, verwoben mit poetischen Elementen oder grausamen Schicksalen. Dazwischen treten immer wieder Texte vornehmlich lyrischer Natur, manchmal auf Deutsch, vielfach auch auf Englisch oder Französisch.

Trotz der Fülle gelingt es, ein paar Hauptthemen zu identifizieren: Deportationen während des "Infernos" des Zweiten Weltkriegs, ideologische Wunden in der postsowjetischen Republik sowie stetige Identitätssuche. So verweist auch der Titel des Bandes "aus berechtigt historischen Gründen" auf den Archipel Gulag, das bekannteste Werk des russischen Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn. Und man gewinnt in der Tat eine Vorstellung von dem erlittenen politischen Terror, aber auch von der heutigen Lebenseinstellung.

   Wie erstaunlich es für Ausländer erscheinen mag, dass die rumänische Bevölkerungsmehrheit in der öffentlichen Sprachverwendung eine Minderheit bleibt, beschreibt Nicolae Negru treffend in The Future of the Republic of Moldova: The Need for Balance. Dass die Rückkehr zur rumänischen Sprache und zum lateinischen Alphabet "our most important national treasure" ein andauernder Kampf ist, zeigt auf ausgesprochen mutige Weise Mihai Cimpoi in einem Interview, geführt von Ioana Revnic. Auf den zentralen Punkt der europäischen Verständigung weist Vitalie Ciobanu bereits im Vorwort hin: "Wir schreiben und sprechen eine der siebenundzwanzig offiziellen Sprachen der Europäischen Union die rumänische Sprache und möchten mit dieser Ausgabe klar unsere kulturellen und geopolitischen Bestrebungen zum Ausdruck bringen". Dabei ist nur das Vorwort viersprachig, also auch im rumänischen Original zu lesen.

Das Besondere an diesem Buch ist die große Abwechslung, die es bietet. In keinem anderen Band lässt sich eine solche Vielfalt an "vergessenen Inseln" entdecken, vereint in dem gemeinsamen Wunsch nach Wiederherstellung der Einheit des "Kontinents der rumänischen Kultur". Einige Beiträge werfen neue Fragen auf, andere wiederum regen zum Nachdenken an. Vor allem aber geben viele der beteiligten Stimmen Anstoß zu weiterer Lektüre. Und das ist ein Beweis für eine Literatur, die lebt!
 


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