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Und es gibt sie doch: Nashörner in Rumänien!

Es war die absolute Krönung der diesjährigen Theatersaison. Zum ersten
Mal inszenierte Robert Wilson, einer der bedeutendsten zeitgenössischen
Theatermacher, ein Stück von Eugène Ionesco, und das sogar im
Geburtsland des französisch-rumänischen Autors.

Von Irina Wolf
(28. 07. 2014)

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   "Die Premiere von Die Nashörner stellt zweifellos einen absoluten Meilenstein in der Geschichte des Nationaltheaters 'Marin Sorescu' aus Craiova dar", so dessen Generaldirektor Mircea Cornişteanu. Als Mitglied der Europäischen Theatervereinigung ist die 1850 gegründete Institution keine Unbekannte im deutschsprachigen Raum, zumal sie bereits in den 90er Jahren mit zwei Produktionen bei den Wiener Festwochen gastierte. Des Weiteren bereichert das seit 1994 alle zwei Jahre stattfindende Shakespeare-Festival mit hochkarätigen Inszenierungen das Kulturangebot der rund 200 km südwestlich der rumänischen Hauptstadt gelegenen Industriestadt Craiova. So etwa auch mit von Robert Wilson 2008 und 2012 im Rahmen des Festivals gezeigten Produktionen. "Es ist Mircea Cornişteanu zu verdanken, dass er eine dieser Gelegenheiten ergriff und den amerikanischen Künstler überzeugte, in Craiova Regie zu führen", sagt der Schauspieler Ilie Gheorghe, der eine Sonderrolle in Wilsons Inszenierung einnimmt.

Auch für den "größten amerikanischen Regisseur", wie ihn Ionesco selbst nannte, war dies im doppelten Sinne eine Premiere. Bereits 1971, während des ersten Treffens der beiden Künstler in Paris, begann der Dramatiker Pläne für eine Inszenierung zu schmieden. Bis zur Umsetzung sollten jedoch 43 weitere Jahre vergehen. Denn erst 2014 traute sich Wilson, Regisseur, Bühnenbildner und Lichtdesigner zugleich, Ionescos Herausforderung anzunehmen. "Für mich zeichnen sich seine Werke durch folgende Merkmale aus: ganz gewiss das Absurde, aber auch ein unglaublicher Sinn für Humor", sagt der Amerikaner über den rumänischstämmigen Dramatiker.

   Als einer der Begründer des absurden Theaters widmet sich Ionesco auch in Die Nashörner der Darstellung des orientierungslosen Menschen in einer sinnfreien Welt. Immer mehr Personen verwandeln sich in einer erfundenen Gesellschaft plötzlich zu Nashörnern. Bis auf den gelangweilten und alkoholsüchtigen Protagonisten namens Behringer, wird jeder allmählich von der "Rhinozeritis" infiziert. Letztendlich nimmt Behringer, als einziger Überlebender, den Kampf als Verteidiger der Menschheit auf.

Seit seiner Entstehung gab es zahlreiche Interpretationen des Stückes: sowohl als Kritik an sämtlichen totalitären Regimen (wie Nationalsozialismus und Stalinismus) als auch an Massenbewegungen, die unreflektiert den jeweiligen Trends folgen. Gerade in der heutigen Zeit sind solche Themen wie Entindividualisierung und Verantwortungslosigkeit besonders spürbar. Jedoch lassen sowohl Ionesco als auch Wilson alle Deutungsmöglichkeiten offen, wie es auch Letzterer immer wieder in seinen Interviews unterstreicht: "Die Aufgabe des Künstlers ist es, Interpretationen zu vermeiden. Seine Verantwortung ist es, Fragen zu stellen. Ich mache Kunst". So ist auch in seiner neuesten Inszenierung die Sinndeutung dem Zuschauer überlassen.

   Wie jede Robert-Wilson-Bühnenfassung rückt auch Die Nashörner das Visuelle in den Vordergrund. Jede einzelne Szene besticht durch ein ebenso schlichtes wie eindrucksvolles Bühnenbild. Ein paar Sessel, fünf Tische und gleich viele Glühbirnen bilden das Straßencafé; riesige Papierstapel und stehende, umgefallene, ja sogar hängende Stühle in verschiedenen Formen und Größen das Büro. Ein Stuhl mit einer markanten Lehne, angedeutete winzige Türen oder riesengroße Fensterflächen auf der ansonsten leeren Bühne die Wohnungen. Eine Flut surrealistischer Bilder wie von René Magritte. Dazu im Hintergrund eine gewaltige Projektionswand und eine fein durchdachte Geräuschkulisse. Auf Knopfdruck gehen Lichter an und aus, ausgeklügelte Farben, Muster oder Bilder entstehen auf der Projektionsfläche. Ein durch den Wald marschierendes Nashorn fällt die ohnehin toten Baumstämme, einen nach dem anderen. Kitsch oder Kunst? Und überdies die großartigen, statuenhaft agierenden Schauspieler mit clownesk geschminkten Gesichtern. Stummfilmästhetik ohnegleichen, in der sich vervielfachte Buster Keatons zeitlupenartig bewegen. Dies alles sind Wilsons symbolträchtige Markenzeichen. Alles in allem komisch-burlesk, sonderbar-grotesk, dennoch poetisch.

Obgleich Worte nur Nebenrollen in Wilsons Inszenierungen spielen, wird in Die Nashörner überraschenderweise viel Text gesprochen. Ilie Gheorghe gebührt nicht nur die Sonderrolle des Logikers, des Repräsentanten der rational denkenden Figuren aus Ionescos Stück. Ja, er liest sogar den gesamten Text des Werkes vor. Die Darstellung des Absurden verdoppelt durch das Absurde selbst, als Monolog. Eine frische, betörende und provozierende Inszenierung.

   Die dem Stück jahrzehntelang zugewiesene politische Interpretation wird von Wilson zur Gänze beseitigt. Stattdessen widmet sich der Regisseur eher Ionescos Humor, und das auf originelle Art und Weise. Vor allem in Erinnerung bleiben aber die Bilder einer fremden, berührenden Schönheit. Nicht zuletzt die lächelnden Köpfe, die bis zum Hals in der Rampe stecken und als Erheiterung zum Auftakt sowie als Entreacts agieren. "Unglaublich, unglaublich", murmeln sie ab und zu.


Dieser Bericht war nur dank der großzügigen Unterstützung
des Rumänischen Kulturinstituts Bukarest und Wien möglich.

 


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