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Feder, Geige und Dirigentenstab

Eine Wolke aus Musik schwebte im September über der rumänischen Hauptstadt.
Vier Wochen lang feierten die Bukarester das Vermächtnis eines ihrer
größten musikalischen Dichter: George Enescu.

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Von Irina Wolf
(08. 10. 2009)

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   Mit Brahms, Symphonie Nr. 2, endete am 26. September die 19. Ausgabe der Enescu Musikfestspiele im Bukarester Palastsaal. Das im Jahre 1958 ins Leben gerufene Festival, das alle zwei Jahre in der Hauptstadt Rumäniens stattfindet, ist seitdem ein Treffen weltberühmter Orchester und Musiker geworden.

George Enescu, Komponist, Geiger, Pianist, Dirigent und Lehrer, ist der wichtigste rumänische zeitgenössische Musiker, vor allem bekannt durch seine von der rumänischen Volksmusik inspirierten Stücke, das 1897 entstandene "Rumänische Poème" und die beiden "Rumänischen Rhapsodien" (1901 und 1902). Die bezaubernde Stimmung, die von diesen Werken ausgeht, entspringt seinen heimatlichen moldawischen Wurzeln. Schon als Kind war Enescu vom Zigeunerdorforchester, das im Hof seines Elternhauses die Hora (ein rumänischer Volksrundtanz) an den Festtagen spielte und von der in der Abenddämmerung gesungenen Doina (ein lyrisches rumänisches bäuerliches Lied) zutiefst beeindruckt. Sein Leben lang erweiterte der Musiker die stilistischen Motive seiner Werke, die obwohl nicht sehr zahlreich außerhalb seines Heimatlandes leider relativ unbekannt blieben.

"Jungen Rumänen eine Chance!"

   Enescus Hauptwerk ist die Oper "Oedipe", mit der 2009 die Bukarester Festspiele eröffnet wurden, eine Koproduktion des Théâtre du Capitole de Toulouse und der Bukarester Nationaloper. Vier Wochen lang standen auf dem Festivalprogramm Oper und Ballett, berühmte Weltorchester, klassische Themen in moderner Überarbeitung und ein sechstägiger Wettbewerb in zwei verschiedenen Sparten, Violine und Klavier. Das Royal Concertgebow Orchestra Amsterdam und das Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons, das Royal Philharmonic Orchestra London (Dirigent Horia Andreescu und Solist Joshua Bell) oder das Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino unter der Leitung von Roberto Abbado sind nur einige der bedeutendsten internationalen Orchester und Musiker, die in Bukarest konzertierten.

Der Palastsaal, wo die meisten Veranstaltungen stattfanden, wurde zu diesem Zweck auf 3000 Plätze (statt den ursprünglichen 4000) verkleinert und erhielt so eine bessere Akustik. In der eindrucksvollen Rotunde des Rumänischen Atheneums waren hauptsächlich Kammermusik- und Mitternachtskonzerte (wie zum Beispiel Academy of Saint Martin in the Fields, Dirigent und Solist Murray Perahia) zu hören. Fast eine Woche war im selben prächtigen Ambiente dem rumänischen zeitgenössischen Musikschaffen gewidmet. Die Entscheidung ist dem künstlerischen Direktor des Festivals, Ioan Holender (noch amtierender Direktor der Wiener Staatsoper) zu verdanken, der dadurch Enescus Bestreben, jüngere Kollegen zu fördern, weiterführt.

   Zu den Höhepunkten des Programms zählte die erste rumänische community dance Aufführung, ein soziokulturelles Projekt für benachteiligte rumänische Kinder. Hundert Jugendliche aus Bukarest, Kronstadt und Hermannstadt, im Alter von 11 bis 22 Jahren befanden sich zum ersten Mal auf einer Bühne, und nicht auf irgendeiner, sondern auf der ersten Bühne des Landes im Nationaltheater Bukarest, wo sie Igor Stravinskis "Feuervogel" unter der Leitung der Choreographen Royston Maldoom und Josef Eder verwirklichten (eine zweite Vorführung fand in Hermannstadt statt). Die Jungendlichen, die aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten stammten von Körperbehinderten über Waisenkindern bis hin zu wohlhabenden Familien und ursprünglich keinerlei Tanzerfahrung mitbrachten, beeindruckten nach nur sechs Wochen intensivster Arbeit durch eine wunderschöne und professionelle Aufführung. Monique Gruber, Ehefrau des ehemaligen deutschen Botschafters in Bukarest und Gründerin des Vereins "Jungen Rumänen eine Chance!", ist die Initiatorin dieses Projekts.

Auch die dem deutschsprachigen bukowinischen Dichters Paul Celan gewidmete gleichnamige Oper von Peter Ruzicka nach einem Libretto von Peter Mussbach, die in der Bukarester Nationaloper erstaufgeführt wurde, gehörte zweifellos zu den größten Attraktionen der Festspiele. Ein internationales Symposium unter dem Motto "Der Dichter Paul Celan und der Europäische Kulturraum" ergänzte das wissenschaftliche Angebot des Festivals.

Hommage an Enescu

   Darüber hinaus haben zahlreiche ausländische und rumänische Musikologen vier Tage lang am internationalen Symposium mit dem Thema "George Enescu und seine Zeitgenossen, ästhetische und stilistische Überlegungen" in der Aula des Nationalmuseums George Enescu teilgenommen. In einem Exklusivinterview mit der Deutschen Welle, einem der traditionellen, internationalen Medienpartner des Festivals, betonte Laura Manolache, Generaldirektorin des Museums, dass der Zustrom an Gästen aus der ganzen Welt bereits spürbar gewachsen sei. Ein besonderes Augenmerk wurde auf die innovative Themenwahl der wissenschaftlichen Vorträge gelegt. Unter den Buch- und Albenveröffentlichungen ragte insbesondere dasjenige zum Gedenken des zehnten Todestages Yehudi Menuhins, Enescus engstem und erfolgreichstem Schüler hervor.

"Was Enescu mich lehrte – durch Beispiel, nicht durch Worte –, war die in lebendige Botschaft verwandelte Note, die gestochen scharfe, bedeutungsbeladene Phrase, die zum Leben erweckte Musikstruktur. Er hatte ein Vibratio, dessen Ausdruck unbegrenzt variabel war, und die herrlichsten Triller, die ich von einem Geiger je gehört habe." (Yehudi Menuhin über Enescus Unterricht)

Das heutige Nationalmuseum George Enescu befindet sich im ehemaligen Palast der fürstlichen Familie Cantacuzino. Das prachtvolle Jugendstilgebäude an der Hauptstraße Calea Victoriei beherbergt eine Dauerausstellung, ausführliche Dokumente und Fotos über das Leben und Schaffen Enescus sowie dessen Totenmaske und Händeabdrücke und ist zusammen mit dem Haus im Hinterhof, in dem Enescu und seine Frau, Maruca Cantacuzino, wohnten, ein Geheimtipp für jeden Besucher Bukarests.

   Obwohl er zahllose weltweite Tourneen unternahm, kehrte Enescu immer wieder in sein Heimatland zurück und trug zur landesweiten Entfaltung des Musiklebens bei. Es wird kein Zufall sein, dass das Festival mit der Brahmschen Symphonie Nr. 2 endete. Neben Wagner prägte der Einfluss von Brahms – Mentor, Vorbild und Freund Enescus aus dessen Wiener Studienjahren das Schaffen des charismatischen rumänischen Musikers bis an sein Lebensende. Ebenjene Brahmsche Symphonie, auch als "Pastorale" bekannt, erinnert an die moldawischen Wurzeln von George Enescu und würdigt seine unendliche Liebe zur Natur und zur Heimat.

"Ich habe meinem Land nur mit meinen Waffen gedient: der Feder, der Geige und dem Dirigentenstab." (George Enescu über sich selbst)


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