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Stille Orte des Grauens

Noch immer haben viele Menschen in der Republik Moldau keine Ahnung davon,
welche Verbrechen von ihren Eltern und Großeltern im Zweiten Weltkrieg an den Juden
verübt wurden. In Moldawien hat der Holocaust bis heute keinen Eingang in die
Geschichtsbücher gefunden. Eine Theatergruppe aus
Chişinău will das
Schweigen der Alten nun endlich brechen.

Von Irina Wolf
(20. 01. 2013)

...


   "Ostaşi, vă ordon: treceţi Prutul!" (Soldaten, ich befehle euch: Überquert den Pruth!). So lautete der am 22. Juni 1941 an die rumänische Armee gerichtete Befehl des Generals Ion Antonescu. Diese sollte den Fluss namens Pruth, der Rumänien vom damaligen Bessarabien (der heutigen Republik Moldau) trennt, überqueren und das benachbarte Gebiet "vom bolschewistischen Joch" befreien. Heute noch wird Antonescu, der selbsternannte "Marschall" Rumäniens,  als Nationalheld in den moldawischen Geschichtsbüchern gefeiert. Dass der obige Befehl auch einen Holocaust in Bessarabien zur Folge hatte, wird in der moldawischen Gesellschaft freilich verschwiegen.

Um das öffentliche Bewusstsein für dieses Schicksal zu wecken, wurde die Performance Clear History ins Leben gerufen. Die Produktion des Theaters Spălătorie, eines der zwei Theater der alternativen Szene der moldawischen Hauptstadt Chişinău, wurde erstmals in Deutschland Mitte Dezember 2012 im Rahmen des rumänischen Theaterfestivals "Many Years After ..." gezeigt. Autorin und Regisseurin der Performance ist Nicoleta Esinencu, eine der Gründerinnen des Theaters Spălătorie. Übersetzt heißt dies "Wäscherei" (weil sich der Spielort im Keller einer Wäscherei befindet). "Über den Holocaust in Bessarabien habe ich während eines Stipendienaufenthaltes in Deutschland erfahren", begründet Esinencu, die derzeit im Ausland bekannteste moldawische Dramatikerin, die Entstehungsidee von Clear History, und fügt hinzu: "Dieser Teil der Geschichte ist in den Lehrbüchern nicht vorhanden und wird dementsprechend in der Schule nicht unterrichtet".

   Esinencu schafft es, mit nur drei Schauspielern (Veaceslav Sambriş, Doriana Tălmăzan und Irina Vacarciuc, alle drei überzeugend) eine bemerkenswerte Inszenierung zu kreieren. Einen wesentlichen Baustein davon bildet das einfache, aber umso wirkungsvollere Bühnenbild: nur zwei Sessel und zwei Mikrofone. Dazu auf der Rückwand Videoprojektionen von Archivfilmszenen deportierter Judenkolonnen oder Überschriften von Zeitungsartikeln in rumänischer Sprache (zum Beispiel: "vom Führer mit Orden ausgezeichnete Rumänen"). Das umfangreiche Archivmaterial aus Rumänien und dem Holocaust-Museum in Washington, die Daten aus der Volkszählung von 1930 (in denen etwa der jüdische Einwohneranteil in Prozent  der Bevölkerung ersichtlich ist. In moldawischen Dörfern betrug dieser damals bis zu 88,9%), die Tonaufnahmen von Interviews mit Zeitzeugen und Überlebenden aus Chişinau, Odessa und den moldawischen Dörfern. Alle diese Daten ergeben ein schockierendes Bild des Massakers, das in Bessarabien stattgefunden hat: mehr als 250.000 aus ihren Häusern vertriebene, beraubte, gefolterte und in den damaligen KZs nach Transnistrien deportierte "überreiche" Juden.

Die Entdeckung, dass die Bevölkerung geschwiegen, ja sogar mitgemacht hat, war für die Schauspieler das stärkste Erlebnis. "Es war schockierend herauszufinden, dass dies in unseren Nachbardörfern passiert ist. Alle schweigen auch heute noch. Sogar unsere Eltern waren verzweifelt, dass wir dieses Projekt durchziehen wollten, und haben versucht, uns zu überzeugen, dass es besser wäre, klassische Stücke zu spielen", gestehen Veaceslav Sambriş und Doriana Tălmăzan.

   Während Sambriş und Vacarciuc die aus den Interviews erfassten Geschichten erzählen, verfällt Tălmăzan, die General Antonescu verkörpert, in eine nationalistische Suada. Dabei wechselt die Sprache oft zwischen Moldawisch, Rumänisch, Russisch und Ukrainisch. Äußerst einfallsreich ist Esinencus Idee, die zwei Erzähler auf Sesseln sitzen zu lassen, während der "General" stehend die Bühne beherrscht. Eindeutiger Höhepunkt der Vorstellung ist die Aufforderung Tălmăzans, das Publikum die Worte Antonescus nachsprechen zu lassen. Totale Überraschung im Berliner Hebbel-am-Ufer Theater. Viele rumänischsprachige Zuschauer folgen dem Aufruf! Manche kichern noch dabei! "Das hat mich am meisten beeindruckt", bemerkt verblüfft meine Berliner Freundin, die mit mir die Vorstellung besucht hat, "wie viele tatsächlich, ohne zu reflektieren, nachgesprochen haben". Nach anderthalb Stunden verlassen die Schauspieler fast unbemerkt die Bühne. Minutenlang gibt es keinen Beifall. Andächtige Stille herrscht im Publikum. Die Zuschauer starren auf die leere Bühne. Zögernd beginnen die ersten zu klatschen. Jedoch kommen die Schauspieler nicht mehr heraus, um sich zu verbeugen, sondern erscheinen erst später zum Publikumsgespräch. Eine symbolische "Verbeugung" vor den Opfern?

Nicoleta Esinencu und das Theater Spălătorie haben hervorragendes Dokumentartheater geschaffen. Eine Performance, die mehrere mögliche Schlüsse zulässt, aus denen das Publikum frei auswählen kann. Dennoch bildet die einzige positive Geschichte den tatsächlichen Vorstellungsschluss: Ein Jude wird von einer Moldawierin als "ihr Sohn" aufgenommen. Dies ist seine Rettung. Um die düstere moldawische Vergangenheit aufzuarbeiten, wird jedoch mehr als Clear History notwendig sein.
 


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