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Eine Hommage an Liebe und Tod

Als europäische Kulturhauptstadt 2015 besticht das belgische Mons durch zahlreiche
Veranstaltungen und Events. Zu den Bühnenhöhepunkten des Sommers zählt dabei das
Stück Wassergeräusch des italienischen Autors und Regisseurs Marco Martinelli. Die bereits
2010 uraufgeführte und für Mons adaptierte Inszenierung dringt mit
beeindruckender
Menschenführung tief in die menschliche Seele und löst starke Gefühle aus.
So gelingt ein
überwältigender, beeindruckender Theaterabend,
der noch Wochen später nicht loslässt.

Von Irina Wolf
(06. 08. 2015)

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   Aussehen tut sie wie der Eiserne Vorhang. Eine mit einer Flut von Zahlen beschriftete Container-ähnliche Wand trennt die Bühne vom Saal. "Da soll einer was lesen? Man kapiert rein gar nichts. Ein einziges Durcheinander", lauten auch die ersten Worte des in einem Militärkostüm davorstehenden Mannes. Die zahlreichen Medaillen auf der Jacke zeugen von seiner Tapferkeit. Er trägt hellblaue Handschuhe und eine extra dunkle Sonnenbrille. Die Ähnlichkeit mit Muammar al-Gaddafi ist auffallend. Kein Wunder, hat doch Marco Martinelli die Hauptfigur von Wassergeräusch, seinem international gefeierten Theaterstück, in Anlehnung an den libyschen Diktator geschrieben.

Es war 2008, als Autor und Regisseur Marco Martinelli und Bühnen- und Kostümbildnerin Ermanna Montanari – Gründer des Teatro delle Albe – in Mazara del Vallo, in der südlichsten Gemeinde Siziliens, die Geschichten von Verzweifelten, die ihren Traum von einem besseren Leben verwirklichen wollten, zusammengetragen haben. Fast ein Jahrzehnt später ist kaum ein Thema so aktuell wie die Tausenden im Mittelmeer ertrunkenen Bootsflüchtlinge, die tagtäglich für Schlagzeilen sorgen. Doch überrascht Wassergeräusch durch eine ungewöhnliche Dramaturgie. Denn Martinelli erzählt nicht die Ereignisse, sondern stellt die Figur eines teuflischen Generals in den Mittelpunkt, der von einem Phantom-Ministerium beauftragt ist, die Toten der Überfahrten zu katalogisieren und zu "archivieren". Es war die Besonderheit dieser Dramaturgie, die Daniel Cordova, künstlerischer Leiter des Théâtre le Manège und des Festivals au Carré, dazu bewegt hat, Martinellis brisantes Stück aufzugreifen und in das Veranstaltungsprogramm von Mons, Kulturhauptstadt Europas 2015, in einer Chorversion zu integrieren.

   So entstand eine zweiteilige Produktion, dessen symbolischer Titel, Le c(h)oeur montois de Marco Martinelli, auf ihre Herzlichkeit einerseits, andererseits aber auf ihre Originalität verweist. Denn ein aus 65 Bürgern aller Altersgruppen zusammengesetzter Chor verkörpert die Seelen der Verstorbenen. Die von 8 bis 93 Jahre alte Chormitglieder belagern im ersten Teil, einer Inszenierung von Wassergeräusch, den General. Der zweite Teil heißt Irrglaube des Glücks und ist ein fröhliches Ereignis, das die Tragödie der Bootsflüchtlinge in die utopische Welt des Wladimir Majakowski versetzt.

Einmalig ist auch das Bühnenbild. Denn im Théâtre Royal sind die Räume vertauscht: Während die Zuschauer auf einer Tribüne mitten auf der Bühne sitzen, ist der Spielraum in den großen Theatersaal versetzt worden. Über den roten Sesseln erheben sich drei Podeste, womöglich mehrere 'Inseln' im blutigen Mittelmeer. Mittig erstreckt sich eine lange Plattform, rechts und links davon zwei kleinere. "Die Produktion in verschiedenen Räumen zu schaffen, begeistert mich! Der Ort inspiriert mich. Ich spüre sofort seine Energie und hole nur noch das Hauptmerkmal des Raumes ein", erzählt Ermanna Montanari die Entstehungsgeschichte des Bühnenbildes. Zweifelsohne zählt die Ausstattung in Mons zu den gelungensten ihrer Kreationen.

   Auf dem links errichteten kleinen Podest sitzen die aus Sizilien stammenden Brüder Mancuso. Ihre leidenschaftlichen Stimmen gehen unter die Haut. Durch den zauberhaften Klang ihrer traditionellen Instrumente sorgen sie für die passende musikalische Untermalung. Musik und Erzählung verschmelzen miteinander. Die Geschichten von Yusuf, Sakina, Jasmin und dem kleinen Jean-Baptiste scheinen den Zahlen Gesichter zu geben. Symbolträchtig ist die dritte, mit Kohlen bedeckte Plattform. Obwohl während der gesamten Vorstellung unbenützt, ist sie eine Hommage an die ehemalige Zechen- und Grubenstadt Mons und an die vulkanische Insel Ferdinandea.

Mit einer ausgefeilten Lichtregie wofür Enrico Isola verantwortlich zeichnet und der klug eingesetzten Livemusik wird jede Emotion verstärkt. Die grellweiße Beleuchtung der zentralen Plattform hebt die Figur des Generals hervor. Ansehnlich die Leistung des belgischen Schauspielers Karim Barras! Das von ihm an die Wände geworfene Schattenbild zeugt von seiner dämonischen Ader. Der Kontrast zu den in Schwarz gekleideten Chormitgliedern ist gewaltig. Geräuschlos irren die Seelen zwischen den roten Sitzen herum, fallen und erheben sich wie Wellen eines stürmischen Meeres (Chorleiterin Michela Marangoni). Die Interaktion des Militärs mit den 'Toten' ist gekonnt gelöst: "3389 nicht identifiziert, 569 nicht identifiziert, 16781 nicht identifiziert". Die als Zahlen Verkleideten behaupten ihr Recht auf Anerkennung. Die Aufgabe des Generals ist dennoch zum Scheitern verurteilt. Schlussendlich bedecken die Opfer mit ihrer schwarzen Kleidung die zentrale Plattform. Währenddessen wiederholt der Protagonist vom Balkon des Theatersaals mit fast nicht vernehmbarer Stimme: "Ich kann nicht lesen, ich kann nicht lesen...".

   Im Gegensatz dazu beruhigen sich im zweiten Teil die "Wassergeräusche". Irrglaube des Glücks findet seinen Ursprung im non-scuola-Labor, das vor zwanzig Jahren von Martinelli initiierte informelle Bildungsprojekt. Ziel war es, "Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, die Kraft des dionysischen Theaters zu entdecken". Nach einer kurzen Pause sind die Spielräume wiederum getauscht. Schon beim Betreten des Saals fallen die gelben Hemden des auf der Bühne stehenden Chores auf. Mit großer Überzeugung und Begeisterung rezitieren die Chormitglieder Verse aus Majakowskis Gedichten. Ihre intensiven Töne schaffen die Illusion einer idealistischen Welt und das auf Französisch, Flämisch, Deutsch und Italienisch. Kontinuierlich und prägnant als Hintergrundmusik eingesetzt erklingt die Internationale. Unter der sorgfältigen Leitung von Martinelli starten die nichtprofessionellen Darsteller zarte Berührungs- und Umarmungsversuche und laden schließlich das Publikum zum Tanzen ein. Erst dann hat die Liebe gewonnen.

Fazit: Mit beeindruckender Menschenführung dringt Martinellis Inszenierung in die menschliche Seele und löst starke Gefühle aus. Le c(h)oeur montois ist ein überwältigender, beeindruckender Theaterabend, der jeden Zuschauer unmittelbar anspricht und noch Wochen später nicht loslässt.
 


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