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Ja, Brigitte, Ja! Ja! Ja!

Wenn die Organisation perfekt, die Stimmung großartig ist, fragt man sich am Ende:
Sind es die Themen oder das Ensemble, die den Zuschauer immer wieder ins
Wiener TAG-Theater locken? Beides macht süchtig!

Von Irina Wolf
(06. 03. 2012)

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   Drama Slam, Sport vor Ort, Der Prozess, Hamlet sein – das sind nur einige der Höhepunkte des abwechslungsreichen Repertoirespielplans der Saison 2011/2012 im TAG-Theater an der Gumpendorfer Straße. Die Wiener Mittelbühne, Nachfolgerin der "Gruppe 80", bietet ein breit gefächertes Programm von hauseigenen Produktionen über spannendes Improvisationstheater bis zu äußerst gelungenen Gastproduktionen.

Herzstück der TAG-Arbeit sind jedoch die Werktage. Seit 2009 werden einmal im Jahr TheatermacherInnen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum eingeladen, ihre Konzepte und Ideen zu einem gemeinsamen Thema einzureichen. Bis zu vier Projekte werden ausgesucht und in mehreren Phasen zusammen mit dem TAG-Team verwirklicht. Nach den Themen "Zukunftsperspektiven" und "Lügen/Scheinwelten" waren in dieser Spielzeit Schlagwörter wie "Held", "Ikone", "Vorbild" an der Reihe. Im vergangenen Dezember stand das Theater ganz im Zeichen der Werktage-Schau Rohbau 3, in dessen Rahmen aus 94 Einreichungen zum Thema "Sei mein Held!" die ausgewählten Projekte vorgestellt wurden. Zu sehen waren in viermal 30 Minuten sehr unterschiedliche und anregende Aufführungen.

   Den Anfang machte Esther Muschols Inszenierung von Hard Edge, die tragikomische Geschichte eines Superhelden, der sich im selbstgestrickten Kostüm aufmacht, die Stadt vom Bösen zu befreien. In einem rasant-humorvollen Spiel um die mediale Populärkultur stellte Autor Daniel Wild den Kampf der Figuren gegen ihre Bedeutungslosigkeit in den Vordergrund. Eine frische Darbietung mit viel Witz und flotten Gags.

Auf schnellstem Wege ging es nach einer fünfminütigen Umbauzeit des Bühnenbildes zu The Monkey Wrench Gang, der energiegeladenen Adaption des gleichnamigen amerikanischen Kultromans von Edward Abbey aus dem Jahr 1975. Darin wird die Geschichte von vier fanatischen Öko-Terroristen, die für eine unberührte Natur kämpfen, erzählt. Christian Himmelbauer bezeichnet seine hochkomische Inszenierung als "lustvolles Experimentieren mit den Mitteln, die die Bühne auf der Bild- und Tonebene bietet". Eingesetzt wurde dazu eine reichliche Vermischung von Bild- und Ton-Elementen, was zu mancherlei Verwirrung und Unverständlichkeit der Handlung beitrug.

   Mittels einer schwungvollen Darstellung des berühmten griechischen Heldendramas vom Spartanerkönig Leonidas als unterhaltsame "Kriegscomic" ging es nach der Pause dann zum nächsten Theater-Rohbau. "Wie viel konsequenten Heroismus vertragen wir heute? [...] Wie gefährlich sind große Geschichten?", stellt Katrin Hiller ihr Projekt Dreihundert vor. In einem minimalen Bühnenbild schaffen es vier SchauspielerInnen, den Zwiespalt, die Tragik und die Diabolik der spartanischen Ideologie aufleben zu lassen. In Hinblick auf die gegenwärtige politische Entwicklung fragt die Regisseurin auch: "Ist Leonidas Saddam Hussein oder eben doch Obama?"

Zum Abschluss gab es noch einmal einen heiteren Leckerbissen: Ja, Brigitte, Ja! Ja! Ja! Hierbei ging es um Brigitte, die unabsichtlich ihr Portemonnaie vor der Nationalbank ausschüttet, von einem Passanten gefilmt und durch das allgegenwärtige Medium Internet unversehens zur Antikapitalismus-Ikone wird. Aus diesem Handlungsstrang entwickelt Joanna Praml das Bild einer stark medienorientierten Gesellschaft, die Instant-"Persönlichkeiten" zu Symbolfiguren erhebt. Katja Hensels Idee wurde durch die derzeitige Entwicklung in Griechenland mit einer ganz besonderen Aktualität aufgeladen. Nicht nur im anspielungsreichen, mit griechischen Fahnen bestückten Bühnenbild, sondern auch durch den Einsatz von Sirtaki-Musik.

   Was diesen Abend neben den modernen, kurzweiligen und temporeichen Inszenierungen so außerordentlich machte, war das grandios wandlungsfähige Ensemble, mit acht Schauspielern in zahlreichen Rollen (allein Maya Henselek, Julian Loidl, Georg Schubert und Agnieszka Wellenger spielen je drei davon). Am Ende durfte sich das Publikum wünschen, welches der Theater-Rohbauten es gerne in der nächsten Saison als endgültige Spielfassung sehen wollte. Die Mitbestimmung mittels Fragebogen stellte sich als schwierige Aufgabe heraus, denn sowohl die Handlung der meisten Projekte war durchaus interessant als auch der inszenatorische Stil überaus ansprechend.

Im Anschluss an die Vorstellung gab es eine kostenlose Jause und das Publikum konnte den Abend bei einem Glas Sekt gemütlich ausklingen lassen. Anzumerken sei noch: Die Organisation war perfekt, die Stimmung großartig. Und am Ende fragt man sich: Sind es die Themen oder das Ensemble, die den Zuschauer immer wieder ins TAG locken? Beides macht süchtig!
 


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