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"Gutes Theater soll provozieren"

Beim diesjährigen Theaterfestival in Bukarest hatten neben den hochkarätig besetzten
Auslandsgästen vor allem die eigenen Spielgruppen bei den Zusehern einen Stein im Brett.
Rodrigo Garcias No dogs allowed, eine Uraufführung des Nationaltheaters "Mihai
Eminescu" Temeswar, war dabei das unbestrittene Highlight der Festspiele.

Von Irina Wolf
(18. 01. 2011)

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   Bereits zum zwanzigsten Mal fand vom 30. Oktober bis 7. November 2010 das Nationaltheaterfestival in Bukarest statt. Im dritten und letzten Jahr der Intendanz von Cristina Modreanu wurde der Weg der Internationalisierung der Festspiele fortgesetzt. Anlässlich des Jubiläumsjahrs waren hochkarätige Gastspiele aus dem Ausland zu sehen: Hey Girl! von Romeo Castelucci (Italien), Stereoscopic Trilogy von Billy Cowie (Schottland) und Dybuk von Szymon Anski und Hanna Krall, inszeniert von Krzysztof Warlikowski (Polen). Obwohl diese Produktionen schon seit Jahren in Westeuropa bekannt und geschätzt sind, wurde damit dem rumänischen Publikum erstmals die Möglichkeit gegeben, aktuelle und innovative Trends der europäischen Theaterszene kennenzulernen.

Lebensnotwendige Sauerstoffquellen

   Zu den eindeutigen Höhepunkten des Festivals zählten die Premieren. Zwei Neuproduktionen trugen die Handschrift der Regisseure Matthias Langhoff und  Rodrigo Garcia. Eröffnet wurde das Festival mit Langhoffs Inszenierung von Shakespeares Maß für Maß am Ungarischen Staatstheater Klausenburg. Garcias No dogs allowed, eine Uraufführung des Nationaltheaters "Mihai Eminescu" Temeswar, war jedoch das unbestrittene Highlight der Festspiele. Durch die Kooperation zwischen international anerkannten Künstlern und rumänischen Theaterhäusern verwirklichte die engagierte künstlerische Leiterin ihr Anliegen, die rumänische Szene an das europäische Theaterleben anzuknüpfen. Laut Cristina Modreanu ist die Zusammenarbeit mit ausländischen Regisseuren "eine lebensnotwendige Sauerstoffquelle für das rumänische Theater". Dass aber auch rumänische Kunstschaffende im Ausland erfolgreich sind, bewies das von Silviu Purcărete in Paris für die Bühne adaptierte Stück Der König stirbt von Eugène Ionesco, eine glanzvolle Koproduktion von Theatern aus Frankreich, Slowenien, Luxemburg und Mazedonien, die den Abschluss der Festspiele krönte.

Romanian Showcase

   Den Schwerpunkt des Festivals bildete die Sektion "Romanian Showcase 3". Diese sollte den aus dem Ausland angereisten Journalisten und Theaterleuten ermöglichen, die rumänische Theaterszene zu entdecken und zu fördern. Bei der dritten Auflage wurde diesmal nicht zwischen staatlichen und unabhängigen Theaterproduktionen differenziert. "Ich habe beschlossen, die Produktionen der alternativen Szene in die offizielle Sektion einzubinden, da sie sich aus künstlerischer Sicht von den staatlichen nicht unterscheiden", erläutert die Intendantin ihre Entscheidung. "Dazu kommt, dass sich das unabhängige System in den letzten Jahren auf eine dynamische und positive Art entwickelt hat, worauf ich besonders aufmerksam machen möchte", ergänzt sie.

Innerhalb von neun Tagen wurde eine Auswahl der landesweit besten und interessantesten Inszenierungen präsentiert. Zwanzig rumänische Spielgruppen aus zehn Städten, darunter die unabhängigen Theater "Yorick Studio" und "Teatrul 74" aus Târgu Mureş/Neumarkt, das "M Studio" aus Sfântu Gheorghe/Sankt Georgen, das "Green Hours" Theater und das "La Scena Club", beide aus Bukarest, sorgten zusammen mit den Nationaltheatern für ein vielfältiges und spannendes Programm.

   Die Palette der Themen umfasste sämtliche Bereiche, sowohl Improvisations- und Dokumentartheater als auch Musical und Tanz. Im Repertoire fanden sich neben Stücken klassischer und zeitgenössischer Autoren (u.a. Euripides, Homer, Dostojewski, Tschechow, Beckett, Dorst, Mamet, Liebrecht, Bogosian, Srbljanovic), auch einige für die Theaterbühne erfolgreich adaptierte Filme wie Schreie und Flüstern von Ingmar Bergman, Breaking the Waves / The blessed life of Bess von Lars von Trier und Thomas Vinterbergs Das Fest. Mehr als zwanzig Inszenierungen trugen die Namen arrivierter Regisseure und des jungen Nachwuchses, so etwa Mihai Măniuţiu, Alexandru Tocilescu, Alexandru Dabija, Vlad Massaci, Radu Afrim, Radu-Alexandru Nica, Gianina Cărbunariu, Theo Herghelegiu, Cristian Ban und David Schwartz. Ergänzt wurden diese von den Newcomern Andreea Tănăsescu und Alexandru Măzgăreanu, die in der von Modreanu 2008 initiierten Sektion "Debüt" mit ihren gelungenen Produktionen Exile to the Land of Oblivion von Shakespeare und Die Büroangestellten von Tschechow überzeugten.

Etliche Konferenzen, für die unter anderem Lee Breuer (eine lebende Legende des amerikanischen avantgardistischen Theaters), Michal Kobialka (der Spezialist von Kantors Werk), George Banu und David Esrig gewonnen werden konnten, bereicherten das Festival. Daneben gab es eine Fülle von Buchpräsentationen (nicht weniger als siebenundzwanzig!), die den rumänischen Theaterschaffenden helfen sollen, die Jahre der kommunistischen Isolation aufzuholen. Diskussionsrunden, persönliche Begegnungen mit Regisseuren und Theoretikern, Filmvorführungen und Ausstellungen rundeten das Programmangebot ab.

   "Während meiner dreijährigen Intendanz habe ich versucht, durch die Auswahl, die ich getroffen habe, das Klischee-Denken zu entmutigen und den Widerstand dem Neuen gegenüber, der leider zu oft im rumänischen Theater zu spüren ist, zu untergraben", sagt Modreanu. Ihrer Meinung nach ist ein qualitativ hochwertiges Theater dazu bestimmt, "zu provozieren". Mit Spannung wird der von der neuen Intendantin eingeschlagene Weg erwartet.
 


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