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Ionesco und ich
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Lese ich einen Text, so beschäftigt mich die Geschichte drumherum wenig, wichtig
ist mir  vielmehr, ob die Lektüre mich unterhält, meinen Horizont erweitert, mich etwas entdecken
lässt, mich etwas lehrt, mir zeigt, dass andere ganz ähnlich denken und empfinden wie ich
selber auch. Dazu genügen oft kurze Passagen, Bruchstücke, einzelne Sätz
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V
on Hans Durrer
(01. 06. 2007)

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   Der am 26. November 1909 in Slatina geborene, ab 1938 in Paris lebende, Eugène Ionesco war einer meiner Jugendhelden. Und obwohl mir weder sein Werk noch sein Werdegang besonders vertraut sind und obwohl ich schon lange keine Helden mehr habe, fühle ich auch heute noch eine besondere Sympathie für diesen Mann. Das hat einerseits, so stelle ich mir vor, mit einer Aufführung von 'La cantatrice chauve' in einem Berner Kellertheater (das ist jetzt mehr als dreißig Jahre her), bei der ich Tränen gelacht habe, zu tun und andererseits mit seinen Tagebüchern ('Journal en miettes'/'Présent Passé Passé Présent'), die ich gelegentlich zur Hand nehme, wobei ich immer wieder erstaunt bin, wie gut mir das, was ich damals unterstrichen habe, immer noch gefällt, wie stark ich mich noch immer damit identifizieren kann. Beispiele aus 'Présent Passé Passé Présent', 1968:

"Alles, was Autorität ist, schien mir ungerecht und ist es auch … Ich weiß, dass jede Rechtsprechung ungerecht ist und jede Autorität willkürlich, selbst dann, wenn diese Willkür durch einen Glauben oder aber durch eine leicht zu entlarvende Ideologie gestützt ist. Die neuen Autoritäten sind ebenso ungerecht, ebenso unannehmbar wie die alten, denn sie werden durch Menschen verkörpert, das heißt durch persönliche und subjektive Leidenschaften, deren theoretische Objektivität mich nicht täuscht. Die offizielle Stellung, die Orden, die Ehren, das Verdienst maskieren nur Schandtaten und abgrundtiefe Dummheit."

"Was ich unannehmbar finde, sind die Bedingungen unserer Existenz. Auf der Erde zu sein, ist nicht annehmbar. Nicht verstehen zu können, ist unannehmbar, und wir können nicht verstehen, da die Endgültigkeit in unserem Wesen liegt."

   Zugegeben, die beiden Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissen. Doch Zusammenhänge, die ja schließlich nichts anderes als recht beliebige Konstrukte sind, interessieren mich nicht eigentlich. Und je länger, je weniger. Lese ich einen Text, so beschäftigt mich die Geschichte drumherum (wie das zeitlich und thematisch einzuordnen ist etc., also das, womit an Universitäten Lehrende es schaffen, Geld zu verdienen) wenig, wichtig ist mir vielmehr, ob die Lektüre mich unterhält, meinen Horizont erweitert, mich etwas entdecken lässt, mich etwas lehrt, mir zeigt, dass andere ganz ähnlich denken und empfinden wie ich selber auch. Dazu genügen oft kurze Passagen, Bruchstücke, einzelne Sätze – Shakespeares "The readiness is all", zum Beispiel, begleitet mich schon seit Jahren.

Je subjektiver sich jemand ausdrückt, desto größer die Chance, dass wir uns (da wir viel weniger einzigartig sind als wir gemeinhin annehmen) damit identifizieren können. Hier ein Beispiel aus Ionescos Jugend:

"Ich finde alte Tagebuchseiten, sie stammen aus … reden wir nicht davon. Sie sind so alt, dass mir schwindlig wird. Ich hatte eigentlich noch so gut wie nichts veröffentlicht, noch kein Theaterstück geschrieben, höchstens Dialogfetzen. Ich hatte dieselben Probleme, ich habe immer dieselben Probleme gehabt. Ich bin heute wie damals und wie von jeher unfähig, eine Antwort zu geben. Ich habe nichts gelöst; ich bin immer noch beim Fragen. Im Fragezustand bin ich, wenn das Bewusstsein wach ist. Sonst ist es das Vergessen, der Schlummer der Intelligenz. Hier also sind diese Seiten:

Es kommt vor, dass ich ab und zu aufwache, bewusst werde, merke, dass ich von Dingen und Leuten umgeben bin, und wenn ich sehr aufmerksam den Himmel oder auch die Wand oder auch den Boden oder auch diese Hand betrachte, die schreibt oder nicht schreibt, da kommt es vor, dass ich den Eindruck habe, ich sähe all das zum ersten Mal. Dann frage ich mich oder frage, als sei es das erste Mal: 'Was ist das?' Ich sehe mich um und frage: 'Was sind all diese Dinge? Wo bin ich? Wer bin ich? Was ist diese Frage?' In solchem Moment überflutet ein plötzliches Licht, ein starkes, blendendes Licht alles, lässt die Schatten unserer Sorgen, alle Schatten überhaupt verschwinden, das heißt alle Mauern, die bewirken, dass wir uns Grenzen, Unterscheidungen, Trennungen, Bedeutungen vorstellen und ausdenken. Es gelingt mir dann nicht einmal mehr, mir zum Beispiel die Frage zu stellen: Was ist die Gesellschaft? Oder auch irgendeine andere Frage, weil ich nicht über die erste, fundamentale Frage hinwegkomme, über das blendende, glühende Licht, das aus der Frage geboren ist, ein so starkes Licht, dass es alles umfasst, verbrennt, dass es, möchte man sagen, alle Dinge auflöst. Nur eine irrsinnige Liebe, ohne Objekt, kann dem blendenden Licht der Frage standhalten, und diese irrsinnige Liebe verwandelt sich, wächst, wird zu einer grundlosen Euphorie und scheint das Weltall in Flammen zu setzen." (Journal en miettes 1967).

   Genau diese fundamentalen Fragen (mit der Erfahrung von grundloser Euphorie, doch ohne das Erlebnis dieses brennenden, glühenden Lichts) haben mich letzthin auf langen und meist ereignislosen Busreisen durch den Nordosten Brasiliens intensiv beschäftigt (auch, weil das Licht in den Hotels zum Lesen, das mir nicht zuletzt Halt gibt, nicht geeignet war, ich mich also nicht von dem, was einfach nur ist, ablenken konnte): Wer sich darauf einlässt, "alle Mauern, die bewirken, dass wir uns Grenzen, Unterscheidungen, Trennungen, Bedeutungen vorstellen und ausdenken" für einmal wegzulassen, macht in der Tat Erfahrungen, die einen Fragen wie "Was ist die Gesellschaft?" vollkommen absurd vorkommen lassen. Oder eben ganz einfach: "Es ist sehr einfach. Die Welt muss von denen regiert werden, die es interessiert, sie zu regieren. Wer verdient es, die Welt zu regieren? Diejenigen, die es interessiert, diejenigen, die sich damit beschäftigen wollen. Mich interessiert es nicht." (Présent Passé Passé Présent’, 1968).

Seit Jahren beschäftigt mich, wie die Medien unser aller Wirklichkeit im Namen derer, die das Sagen haben, herstellen. Nicht bewusst war mir dabei lange Zeit, dass all das, was ich dabei erkannte, ich schon vor vielen, vielen Jahren gedacht habe und dass seither kaum eine wesentlich neue Erkenntnis hinzugekommen ist. Wie Ionesco habe ich mein Leben lang dieselben Probleme (und auch immer dieselben Fragen und dieselben Erkenntnisse) gehabt:

"Wie könnte unwahr sein, was in den Zeitungen steht? Es ist fürchterlich zu wissen, dass alles von einer kleinen herrschenden Gruppe bestimmt wird, dass alles, was in den Zeitungen steht, bewusst gelenkt, dann unbewusst von anderen übernommen wird, und dass der Masse das Gift als Nahrung dargeboten wird" ('Présent Passé Passé Présent', 1968).

   Kurz vor seinem Tod gab Ionesco dem deutschen Fernsehen ein Interview: Das Leiden sei ihm ins Gesicht geschrieben, sagte der Moderator der Sendung (der sich offenbar für außergewöhnlich einfühlsam hielt) einmal. Ob er nie an Selbstmord gedacht habe? Ionesco blickte direkt in die Kamera und erwiderte, was er jetzt sage, sei natürlich "strictement entre nous", doch er sei sicher (er schaute gen Himmel), dass solches "ne l‘aurait pas plu au Seigneur."
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