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Richtige Antworten, falsche Fragen
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Rumänien wird von einer Drift in die Rechtsradikalität bedroht, aber auch von der
mafiosen Unterminierung. Wie gut diese beiden Entwicklungen miteinander konvergieren,
nämlich die Sündenböcke benennende Ideologie der Großrumänischen Partei und die
darob ungestört fortschreitende Verluderung, das zeigt sich allenthalben.


Von Martin A. Hainz
(01. 02. 2007)

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Mag. Dr. Martin A. Hainz
martin.hainz@univie.ac.at

geboren 1974, arbeitet am Institut für Germanistik der Universität Wien.

 

 

 

"Gab es eine Revolution oder gab es keine?" Diese Frage ist heute letztlich nicht nur sinnlos, sie ist auch gefährlich.

 

 

 

 

 

 

Dringlicher ist es, nach den Versäumnissen der Gegenwart zu fragen.

 

 

 

 

 

Rumänische Hochhäuser verrotten oft von oben.

 

 

 

 

 

Unternehmen, die "zigeunerisch" sind, werden kaum beauftragt, und damit die Roma teils tatsächlich in jene Kriminalität gedrängt, die man ihnen hier nachsagt.

"Dass das Richtige nicht doch fehl am Platz ist."
(Karl Rahner)

    Gegenwärtig wird in Rumänien etwas diskutiert, das offensichtlich ist: die Fragwürdigkeit der Revolution von 1989. Anstoß dieser nach den Ereignissen nur zögerlich diskutierten Frage ist ein Film Corneliu Porumboius. In den deutschsprachigen Kinos 12:08 östlich von Bukarest betitelt, fragt er in rumänischen Lichtspielhäusern noch deutlicher: A fost sau n-a fost? Also: Gab es eine oder gab es keine?

Es ist naheliegend, welche Antwort der Film gibt. Und diese Antwort ist wohlbegründet zu geben, alles spricht für lokale Unruhen, die Putschisten zu einem exakt choreographierten Aufstand nutzten. Kaum anders waren die perfekten Fernsehdirektübertragungen aus einem maroden Land im Moment des Aufstandes zu erklären, auch war bezeichnend, welcher Stil hernach die Regierung prägte – und wer dieser angehörte. Damals wäre darum auch die nun endlich beim Volk angelangte Frage breit in Rumänien zu diskutieren gewesen; ehe das Staatskapital in abenteuerlicher Weise zum Privatkapital hoher Parteibonzen wurde, ehe die junge Demokratie so mit dem mafiosen Gebaren der ehemals Herrschenden jedenfalls kontaminiert wurde ...

    Heute dagegen ist die Frage letztlich nicht nur sinnlos, sie ist auch gefährlich. Denn die Wahrheit, die dann zutage tritt, ist die falsche. Darum das Motto des Textes, wonach Rahner als Exempel ein Haus imaginiert, das "in 12 Stunden [...] mitten in einer Hochwasserflut stehen wird" – was dessen Bewohnern mitzuteilen aber falsch wäre, wenn man zugleich weiß, "dass der Dachstuhl ihres Hauses brennt und es geraten ist, sich aus dem Haus zu entfernen."

Durchaus analog stimmt gewiss der Befund, dass es die Revolution in Rumänien allenfalls in Ansätzen gegeben habe, aber auch diese Ansätze schließlich in einem taktischen Manöver der Putschisten aufgingen. Aber dringlicher ist es, nach den Versäumnissen der Gegenwart zu fragen, wobei man sich auf etwas stützen wird müssen, was die sozusagen falsche Wahrheit untergräbt: nämlich so etwas wie einen Verfassungspatriotismus. Denn Rumänien wird von einer Drift in die Rechtsradikalität bedroht, aber auch von der mafiosen Unterminierung, die sich nun, da die Geburtsstunde der Republik ja schon mafios gewesen sei, fast schon im Recht wähnt. Und wie gut diese beiden Entwicklungen miteinander konvergieren, nämlich die Sündenböcke benennende Ideologie der Großrumänischen Partei und die darob ungestört fortschreitende Verluderung, das zeigt sich allenthalben.

    Wer nun vom Putsch von 1989 spricht, der bekommt beides zur Antwort: Dass also das gar nicht das eigentliche Rumänien sei, weshalb man mit "Maschinenpistolen Ordnung schaffen" müsse, wie es Vadim Tudor formulierte, aber auch, dass man es sich ob dieser Umstände eben richten müsse. Beides schwächt die Öffentlichkeit, es bedeutet, Partikularinteressen hemmungslos durchzusetzen; und dort, wo das nicht geht, das Recht zwar nicht zu beugen, aber immerhin ad absurdum zu führen – indem enteignete Häuser vor der Rückgabe von den einstmals darin billig wohnenden Parteigetreuen in Mitleidenschaft gezogen werden, Badewannen und Fenster zerschlagen ...

Rumänische Hochhäuser verrotten oft von oben: Die Bewohner der tieferen Stockwerke finanzieren die Dachreparaturen nicht mit, deren Kosten die Bewohner unterm Dach aber nicht tragen können, weshalb erst das oberste Geschoß unbewohnbar wird, dann aber das Haus sukzessive insgesamt. Die Gesetze, die hier Abhilfe schaffen sollen, greifen darum nicht, weil das Sich-Arrangieren mit der Justiz in der Regel für die zunächst nicht betroffenen Bewohner billiger als ein neues Dach ist. So wie der Mangel an Solidarität hier das Haus von oben zerfrisst, zerfrisst er die Gesellschaft von unten. Sozialverträglichkeit von Investitionen? – ein Fremdwort. Minderheiten sind exponiert, vor allem werden selbst die löchrigen Gesetze wider Diskriminierungen nicht durchgesetzt. Unternehmen, die "zigeunerisch" ("tiganesti") sind, werden kaum beauftragt, und damit die Roma teils tatsächlich in jene Kriminalität gedrängt, die man ihnen hier nachsagt: Das Klischee leistet seiner Erfüllung Vorschub. Auch ökologische Nachhaltigkeit gibt es in Rumänien nur theoretisch. Öl, das aufs Nachbargrundstück fließt, ist hier des Nachbars Problem.

 

 

 

 

All die Positionen in Wissenschaft und Lehre werden auf der Basis von Schmiergeld und gegebenenfalls Unterwürfigkeit vergeben.

    Dafür, dass all das so bleibt, sorgt die zynische Intelligenz, die die Frage A fost sau n-a fost? nicht stellt, sondern gebraucht. Diese Intelligenz zerfrisst gerade auch den Bildungs- und Kultursektor, wo theoretisch wie praktisch die behutsam negative Utopie etwa der gesellschaftskritischen Literatur ausgemerzt wird. So formuliert die Temesvarer Germanistik zu Herta Müller, deren Bilder stünden bloß in der Tradition der Antiheimatliteratur, womit die Schilderungen der Autorin eigentlich schon entwirklicht wären; sicherheitshalber heißt es dann aber noch, die Bilder Herta Müllers zeigten einen "aus der Zeit gefallenen Raum" – diese Ansicht teilt mittlerweile die nächste Generation von Germanisten dieser Universität, namentlich Bogdan Dascalu. Als völlig unbedenklichen Philosophen rezipiert man dafür Otto Weininger, wo nun das, was wirklich allegorisch gedacht sein mag, plötzlich keinesfalls entwirklicht zu denken sein soll, Weiningers Ressentiments wider die Frau und vor allem den Juden werden solcherart schließlich überboten.

Neben dieser sozusagen theoretischen Abwehr der Kritik besteht aber auch die handfestere, dass all die Positionen in Wissenschaft und Lehre auf der Basis von Schmiergeld und gegebenenfalls Unterwürfigkeit, die das Mafiose des Systems jedenfalls nicht gefährdet, vergeben werden. Insofern Universitäten in Rumänien zugleich die Aufgaben des Landesschulrates wahrnehmen, reichen die Tentakel dieses Systems bis zur definitiven Anstellung von Lehrern in entlegensten Kleinstädten ... So wird Korruption zur Erbkrankheit.

    Dies höhlt die Zivilgesellschaft Rumäniens aus, was von jenen, die diese Unterhöhlung betreiben, zugleich als Empfehlung eines Totalitarismus (des, d.h. ihres Kapitals) dargestellt wird. Dem lässt sich nur entgegentreten, wo Demokratie als ständiger Prozess begriffen wird, als etwas, das keiner Historie bedarf, sich also auch durch jenes A fost sau n-a fost? nicht widerlegen lässt, weder im Sinne der einen noch in jenem der anderen, die in ihrer scheinbaren Antithetik doch beide eines nur wollen: dass die Wahrheit die Verlogenheit propagiere.

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