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Die Dracula-Legende
...
Der im siebenbürgischen Sighişoara/Schäßburg geborene Schriftsteller Dieter
Schlesak beleuchtet als intimer Kenner der Orte in Siebenbürgen und der Geschichte
Siebenbürgens die wahren Hintergründe, die Fälschungen, aber auch den tieferen Sinn
des Dracula-Mythos. Er berichtet über viele interessante Details, die von anderen
Berichten zum Thema "Dracula" gerne ignoriert werden und damit zu einem
falschen Siebenbürgen-Bild in der Welt beitragen.


Von Dieter Schlesak
(01. 01. 2007)

...


    In Berlin erzählte mir noch zu Ceauşescus Zeiten eine befreundete Kollegin, sie sei oft nach Transsylvanien gefahren, in das sie sich verliebt hatte. Es sei richtig "draculös" gewesen! Dort im fernen Transsylvanien habe sie endlich auch das "Schloss Draculas" besuchen können. Jede andere Legendenbildung hätte die scharfzüngige Berlinerin mit Hohn und Spott bedacht. Als ich diese Anekdote Revue passieren ließ, lag die Schwarze Kirche in Kronstadt (mit Orgelmusik) bereits hinter uns, das Mittagessen im "Karpatenhirsch" hatten wir eingenommen, die Tartlauer Burg (die Kreuzkirche mit doppelseitig bemaltem Flügelaltar aus dem Jahre 1450), wo Ingmar Bergman mit Liv Ullman die "Päpstin" gedreht hatte, war besichtigt. Und nun: Das Dracula-Schloss, mit wild fotografierenden Touristen; enormer Andrang, alle suchten Dracula. Einige Jugendliche trugen zum Spektakel stilechte T-Shirts, von denen Blutstropfen rannen, andere Pullover mit Vampirzähnen oder bizarren Aufschriften. Jemand hatte ein Tonband laufen lassen.

In Wirklichkeit gibt es Draculas Schloss gar nicht; das Schloss des Vampirs wurde vom englischen Romancier Bram Stoker erfunden und nicht in den Südkarpaten, sondern 200 Kilometer nördlich, in der Nähe der Stadt Bistritz am Borgo-Pass mit Romanmitteln aufgebaut; das war 1897. Bram Stoker, der schon 1912 an Syphilis starb, ist nie dort gewesen. Doch der Wunsch, Dracula wirklich kennen zu lernen, scheint unermesslich zu sein. Es muss dieses Schloss also unbedingt geben! Ersatzweise wurde den Fans der einträgliche Gefallen erwiesen: Ceauşescus Kulturfunktionäre ließen die auf einem Felsen gelegene Burg Bran (Törzburg) einfach zum Dracula-Domizil erklären.

    Es ist ein stolzes Gemäuer, und die Burg ähnelt tatsächlich dem Klischee des Geisterschlosses. "Denn das Schloss ist auf dem Ende eines Felsmassivs errichtet, so dass es von drei Seiten aus unzugänglich bleibt. Hier sind auch ganz große Fenster eingelassen...", so Bram Stoker, der Erfinder. Von den Dracula-Touristen wird dankbar registriert, dass sogar ein großes Rokoko-Himmelbett, natürlich in "Draculas Schlafzimmer", besichtigt werden kann. Und man spielt Film: "Ich habe Draculas Bett gesehen!" Auch liegt die Burg – ähnlich wie in Stokers Beschreibung – in einer wild zerklüfteten und nachts unheimlichen Gegend.

Nicht nur Touristen, auch Autoren und Filmer treten mit Vorliebe zum schönen Gruselspiel an, ohne je hier gewesen zu sein. So heißt es schon in Jules Vernes kleinem Roman "Das Karpathenschloss":

"Einzig in Transsylvanien (Siebenbürgen), einer Landschaft, wie geschaffen für Geisterbeschwörungen und Geistererscheinungen, blüht noch der Aberglaube frührer Zeiten ... So wurde der bärtige Rübezahl Frick als ein solcher Hexenbruder, der Geister hervorzaubern kann, betrachtet ... ihm gehorchten die Vampire und Feen..."

Als der künstlerisch hervorragende Francis-Ford-Coppola-Film "Bram Stoker’s Dracula" (1992), der auch "historisch" authentisch sein will, im Fernsehen gezeigt wurde, kam im Vorspann Transsylvanien / Siebenbürgen als zeitloses Geisterland daher. Diese alte mitteleuropäische Kulturlandschaft, die ich seit meiner Kindheit kenne, wurde nicht nur durch Filmausschnitte, sondern auch durch andere Bild-Montagen für die Masse der Fernsehzuschauer ganz im Ernst als ein Gnomen- und Magierland vorgestellt: mit primitiven Schafhirten und zerklüfteten Felslandschaften, merkwürdigen Dörfern aus einer archaischen Zeit und abenteuerlich gekleideten Menschen, unheimlich von Lager- oder Kaminfeuern beleuchtet; eine pittoreske, geschäftstüchtig zurechtgemachte Grusel-Unheimlichkeit, die wohl vom Zuschauer als Realität, nicht etwa als Fiktion angesehen werden sollte! Als wäre Siebenbürgen eine Erfindung kranker Hirne.

   Als ich mich entschloss, auf Bram Stokers Spuren in meine ehemalige Heimat zu fahren und zuerst nach Bistritz, in die Geburtsstadt meines Großvaters, kam, war ich dem Gruseln nah: In Bistritz – genauer gesagt: in der "Goldenen Krone" – übernachtet ja Jonathan Harker, der junge Rechtsanwaltsgehilfe, der im Roman von London aus zum Vampir geschickt wird, um harmlose Maklergeschäfte abzuschließen. Die "Goldene Krone" hat es zu Stokers Zeiten hier allerdings nie gegeben.

Den Weg, den Harper genommen hatte, fuhr ich mit meinem Auto nach. Meine Frau war dabei. Und sie war erstaunt, eine liebliche Landschaft vorzufinden: sanfte Hügel, Almen, Schafe, verstreute Gehöfte am angeblich wilden Borgo-Pass. Ich war zuvor noch nie am Borgo-Pass gewesen, da ich mich, ebenso wie alle Einheimischen, überhaupt nicht für das Gespenst interessiert hatte. Hier an diesem Pass, den es – oh Wunder – auch wirklich gibt, wird Harker von einem geheimnisvollen Kutscher mit großem schwarzem Hut, der sein Gesicht verdeckt, abgeholt. Der hartgeschnittene Mund mit den überroten Lippen und den scharfen elfenbeinweißen Zähnen des angeblichen Kutschers ist noch erkennbar: Es ist in Wahrheit der Vampir selbst, der Harker vom Borgo-Pass abholt.

    Im realen Rumänien kannten die Einheimischen nie einen "Dracula", auch Vampire wurden bisher keine gesichtet. Selbst der Nationalheld Vlad Ţepeş Drăculea (sprich: Wlad Tsepesch Dröculea), genannt "der Pfähler" und Stokers Dracula-Vorbild, hat sich hier in den letzten Jahren nicht die Ehre gegeben; schließlich ist er schon seit 500 Jahren tot. Für Stoker und die Filmwirtschaft bleibt er jedoch stets der transsylvanische Ahasverus, der nicht sterben kann.

Überhaupt sind die Dracula-Filme Legion. Es gibt über 200 davon, manche behaupten, es wären sogar 400. Filme von Murnau, Herzog, Polanski, Warhol, Coppola gehören dazu. Und eine Literaturtradition wie keine zweite, auch in Deutschland: Von Goethes "Braut von Korinth" über Novalis, Heine bis zu Stefan George und Johannes Bobrowski; vom Griechen Phlegon bis zu Gogol oder Tolstoj, von Byron bis Ingeborg Bachmann. Nachhaltig hat der Vampirismus in der Kunst, in Kirche und Wissenschaft mit "vitalen Menschenleichen" und "aufhockenden Toten" die Gemüter beschäftigt. Von den vielen Gespenstergeschichten, die oft "jenseitige" Liebesgeschichten sind, ganz zu schweigen. Und die Touristen suchen den Nichtexistenten als gäbe es ihn wirklich, als wäre er ein echtes Phantom. Sie suchen in der ganzen Gegend das Schloss oder zumindest eine Ruine, samt Wolfsgeheul. Vergeblich.

    Das Einzige, was die meisten Westeuropäer und Amerikaner von Transsylvanien wissen, ist, dass es die Heimat Draculas ist. Schauergeschichten werden zu Fertigteilen der Kulturindustrie und der Werbung: Stereotypen, die an alte Ahnungen appellieren, um neue Lüste zu verkaufen. Kleine Plastikdraculas im Kaufhaus für Kinder. Es gibt sogar ganz reale Reiseführer, die den Wahnsinn mit Methode und harter Währung betreiben. Ein englischer, reich illustrierter Reiseführer (gedruckt in Hongkong), ein wahres Kunstwerk, sei hier hervorgehoben: "The Tourist´s guide to TRANSSYLVANIA" – Transsylvania in Blockschrift! Eine mittelalterliche Karte im Hintergrund, darüber die Maske mit dem Draculadarsteller Christopher Lee, aufgerissene Augen, Wildschweinzähne, Blut. Auf dem Titelblatt das Gleiche, dazu noch vier weiße Hunde, die im fahlen Licht des Mondes aus der Erde steigen. In der Einleitung heißt es, die Bewohner des Landes seien Nachkommen der Ostgoten, Petschinegen, Gepiden, Magyaren, ihr Aussehen erinnere an Tiere und Figuren von Bosch. In den Karpaten hausen noch Harpyien und Wolfsmenschen. In der Ortschaft Vatra-Jiu steigen Strigoi (Gespenster) aus den Gräbern, mit Grabsteinen auf den Köpfen. Das "Orakel vom Berg Albac": Hier reden und prophezeien noch die Waldgeister dem geneigten Besucher. Ein spektakulärer Kitsch, wie man ihn billiger und geschmackloser nicht erfinden kann; aber, wie gesagt, ganz real: ein Reiseführer.

Wer aber ist Dracula wirklich, wenn er nicht nur eine Romanfigur sein soll?

"Er war nicht sehr groß, aber untersetzt und muskulös. Sein Auftreten wirkt kalt und hatte etwas Erschreckendes. Er hatte eine Adlernase, geblähte Nasenflügel, ein rötliches, mageres Gesicht, in dem die sehr langen Wimpern große, weit-offene, grüne Augen umschatteten; schwarze buschige Brauen gaben ihnen einen drohenden Ausdruck. Er trug einen Schnurrbart. Breit ausladende Schläfen ließen seinen Kopf noch wuchtiger erscheinen. Ein Stiernacken verband seinen Kopf, von dem schwarze gekräuselte Locken hingen, mit seinem breitschultrigen Körper."

So beschreibt ihn Nikolaus Modrussa, der im 15. Jahrhundert Legat des Papstes am ungarischen Hof war und Vlad Ţepeş (der rumänische Iwan der Schreckliche) gut kannte. Stoker hat diese Beschreibung in seinen Roman übernommen. Jener grausame walachische Fürst Vlad Ţepeş diente ihm als Vorlage für seinen "Dracula". Das historische Vorbild wird im Roman jedoch weniger deutlich als in den Filmen: Vor allem in Francis Ford Coppolas "Dracula", aber auch bei Dan Curtis oder schon bei Tod Browning – mit dem berühmten Bela Lugosi als Vampir – agiert auch der echte Vlad. Und es gibt sogar Dokumentarfilme, die diesen Hintergrund ausleuchten wollen, etwa "Die blutig ernste Geschichte des Grafen Dracula, erzählt von Vincent Price" (Canada 1984). Hier werden auch Schlacht-Sequenzen des historischen Schinkens "Vlad Ţepeş" (The True Life of Dracula, 1978) eingeblendet, den Ceauşescu bestellt hatte: Ţepeş sozusagen als getürkter Ceauşescu-Vorgänger, grausamer Patriot und Volksheld. Bei Coppola wiederum stellt sich der Vampir der Mina tatsächlich als "Prinz Vlad" vor. Sogar Vlads bekanntes Porträt eines anonymen Malers blendet Coppola einmal ein. Meist aber ergeben sich heillose Vermischungen und Verwechslungen.

    Ein gutes Beispiel dafür liefert Bram Stoker selbst. Schon bei ihm finden wir eine irre Mixtur aus geografischen und historischen Berichten, verknüpft mit einer Vampirsage aus Siebenbürgen. Vieles hat der Autor aus anderen Büchern plagiiert. Seit der Entdeckung eines Stoker-Archivs in Philadelphia weiß man es: Es gibt die Reisebeschreibungen des britischen Gesandten in den rumänischen Fürstentümern aus dem Jahre 1822, ein Transsylvanienbuch der Emily Gerard, die Vampir-Erzählung "Carmilla" des Sheridan Le Fanu, und ein Buch der Sabine Gould "Cartea pricolici", wo auch die Geschichte der Mädchenmörderin Elisabeth Báthory vorkommt. Die Blutgräfin, die zur Verjüngung in Blut badete, diente Stoker mit als Blutmonster-Modell. Eine Reihe dieser und anderer Plagiate nutzte später auch Coppola und montierte sie für "Bram Stoker’s Dracula" so, dass es am Ende wieder ein heilloses Durcheinander gab.

Noch komplizierter wird die Sache übrigens durch die Vermischung aus Fiktion und realer Geschichte des walachischen Fürsten Vlad Drăculea: Im Jahr 1963 deckte der rumänische Gelehrte Grigore Nandriş (sprich: Nandrisch) auf einem Kongress in New York den "historischen Dracula" und dessen Identität auf. Im Anschluss daran kam es zwar zu einer Demythisierung, so etwa durch die Professoren McNally und Radu Florescu 1972 in ihrer Untersuchung "Search of Dracula". Doch insgesamt fehlte eine faire Auseinandersetzung, und Konzessionen an Publikumsgeschmack und Sensationsgier blieben bestehen.

Und die Fälschungen nehmen kein Ende. In einem Buch über Dracula-Filme wird Siebenbürgen-Transsylvanien als "rumänisches Land jenseits der Berge" beschrieben, und so heißt es zum Beispiel: In Sighişoara / Schäßburg "lebte Dracula in einem Haus mit massiven Mauern, das heute noch steht". In Wirklichkeit war Schäßburg eine siebenbürgisch-sächsische Stadt, die damals zu Ungarn, später zu Österreich-Ungarn gehörte; erst seit 1918 ist sie rumänisch! Zu Vlads Zeiten war sie eine freie Stadt, lag im sogenannten "Königsboden" im Fürstentum Siebenbürgen und war nicht rumänisches Land, gehörte nie zur Walachei.

    Während unseres Besuchs in Schäßburg aßen wir mittags im Dracula-Restaurant, das touristisch günstig im Paulinus-Haus, dem angeblichen Geburtshaus Vlads, eingerichtet worden war. Vorher bestaunten wir noch den Schwibbogen über dem Pfarrgässchen und den Blick auf die schiefen, alten Häuser, den Pfarrhof und – oben, wie eine Steinglucke thronend – die alte Bergkirche, die es schon zu Vlads Zeiten gegeben hat. Geboren ist er mit ziemlicher Sicherheit hier; sein Vater Vlad Dracul hatte nach der Rückkehr von Nürnberg von 1431 bis 1435 in der Stadt Asyl gefunden, bevor er 1436 auf den Thron der Walachei kam.

Rückblende: Vlads Vater, Vlad II. Dracul, auf dem Reichstag zu Nürnberg. Irgendwo brannte rot die Jahreszahl 1431, er kniete vor Sigismund von Luxemburg, König von Gottes Gnaden der deutschen, böhmischen und ungarischen Lande. Vater Vlad wurde gerade zum Fürsten der Walachei erhoben und zum Ritter des Drachenordens geschlagen. Von jetzt an, kam die tiefe Stimme des Königs, trägst du den Namen Dracul. Dracul – und man sah aus dem Wort einen Teufel auffliegen, alle bekreuzigten sich. Denn "Dracul", das heißt auf Rumänisch: Der Teufel! Aus dem Ehrennamen also wurde aus Unkenntnis ein Höllenname. Auch hier eine Verballhornung! Drăculéa, wie der Sohn genannt wurde, Vlad III.
Ţepeş der Pfähler erbte von seinem Vater Vlad II. Dracul den Namen, aber dieser Name geht zurück auf den Drachenorden "Societas Draconis", einen Kampfbund gegen die Türken. Der in Nürnberg so hoch geehrte Vater kehrte dann 1431 nach Schäßburg zurück, wo er sein Hauptquartier hatte und auch das Recht zur Münzprägung besaß (es gibt noch heute solche Münzen mit dem Drachen in Ringform, dem Uroborus, der ein Kreuz hält).

    Wir aßen. Wir schwiegen. Ich erinnerte mich, dass die Ungarn meine Geburtsstadt an der Wende zum 17. Jahrhundert nach einer schrecklichen Kriegsverwüstung Nemesvár genannt hatten. Das ganze Land nun ein Niemandsland? Ich erinnerte mich: Bukarest, Snagovsee und das Inselkloster, wo uns früher einmal, als ich noch hier lebte, ein schmuddliger Mönch das Grab des Vlad
Ţepeş gezeigt hatte ... das freilich verschlossen war: 1931, zum 500. Geburtstag von Vlad, war es geöffnet worden, und – es war leer!

Vlad ist tatsächlich verschollen, verschwunden. Woher die Historiker heute den wirklichen Toten, also die Knochen, nehmen wollen, ist schleierhaft. Er kam in einer Schlacht gegen die Türken ums Leben. Und es heißt, sein Kopf sei nach Istanbul, sein zerstückelter Körper aber nach Snagov gebracht worden. Doch beides hat sich wie bei einem Phantom in Nichts aufgelöst, ist nirgends zu finden. Und die Geburtslegende des Vlad Ţepeş hier in Sighişoara / Schäßburg ist Legende geblieben.

Vlads gewaltsame Lebensgeschichte

    Vater Vlad, Ritter des Drachenordens und gewählter Fürst, fand Hilfe bei König Sigismund und beim Vetter am moldauischen Hof. Er zog von Schäßburg aus 1436 in die Hauptstadt Tîrgoviste in der Walachei ein. Schon als Kind, nach der ersten Thronbesteigung seines Vaters, begleitete Vlad, der Sohn, seinen Vater auch in den Krieg. 1444 etwa an die türkische Pforte, wo der Alte seine beiden Söhne, Vlad und Radu (den Schönen) als Geiseln zurücklassen musste. Hier erlebte der halbwüchsige Vlad Grauenhaftes im Kerker Egrigötz in den anatolischen Bergen. Dort folterte ihn der Gefängniswärter Gugusyoglu, ließ ihn hungern, gab ihm Menschenfleisch zu essen und Kot, dann Tierhoden, sodass er gequält wurde von Begierden. Und der Aufseher zwang den damals erst 14-jährigen Jungen ihm zu Willen zu sein. Fader Gestank in der Zelle nach dieser schweißigen Gewalt. Der junge Vlad sann auf Rache. Gugusyoglu sollte ein spitzer Holzpfahl vorbehalten sein.
Vlad Dracul, der Vater, wurde dann vom ungarischen König Johann Hunyadi geschlagen, der älteste Sohn, Vlads Bruder Mircea, getötet. Vater Vlad floh. Der Geisel, dem Sohn Vlad, erzählte man Gräuelgeschichten über den Tod seines Bruders und Vaters: Diese seien von Vladislaws Henkern gezwungen worden, ihr eigenes Grab zu schaufeln, und sie seien in Stücke geschnitten worden. Was nicht stimmte. Es war Rache, die Vlad zum Blutfürsten werden ließ.

Der Vater entkam. Damals machten Gräuelnachrichten die Runde. Es gab ja kaum Zeitungen. Und so waren es auch Chroniken und tendenziöse Flugblätter, die Vlad zum "argen Wüterich" und Vampir machten, der er nicht war. Der Vater also entkam. Mircea allerdings wurde tatsächlich lebendig begraben.

Acht Jahre lang war Vlad auf Wanderschaft, Reisender in Sachen Macht, Versprechungen, Taktik, Lügen. Er war gleich alt wie der Sultan Mehmed, er kannte den Hof, die türkischen Wesire. Er sah viele Städte und Höfe, Rom, Stambul, Nürnberg, das Prag des Alchemistenkaisers Rudolf II. Er konnte viele Sprachen, hatte ein solides Wissen. Hunyadi söhnte sich mit Vlad aus, die Sachsenstädte sprachen für ihn. Vlad hatte den Rücken frei, und er marschierte in der Walachei ein.

    Aber was hat all das mit dem Film- und Romanhelden Dracula zu tun? Es ist die Idee, die immer wiederkehrt, schon in Stokers Roman, aber auch in vielen Filmen, bei Curtis, Corman, Polanski, Herzog oder Coppola: nämlich dass es sich bei Dracula um eine wirkliche Fürstengestalt handelt, die 500 Jahre überlebt; um einen historischen Wiedergänger also, einen Un-Toten, der weder leben noch sterben kann, doch ausgestattet ist mit einem ungeheueren Lebensdurst aus ungestillter Liebe eines ungelebten, unfertigen Lebens. In Coppolas Film wird Vlad durch die Liebe von Harkers Verlobter Mina erlöst. Sie tötet ihn und er darf endlich zu Staub zerfallen.

In Stokers Roman wird es betont: Dem pedantischen Rechtsanwaltsgehilfen Jonathan Harker wird im verfallenen Schloss des Vampirs eine Geschichtslektion in Form einer falschen Familiengeschichte der Drăculeas zuteil:

"Wir Szekeler sind mit recht stolz, denn in unseren Adern fließt das Blut manchen tapferen Volkes, das kämpfte, wie es der Löwe tut – um die Herrschaft nämlich. Hierher ... brachten die ukrainischen Stämme von Island herunter den Kampfgeist, den Thor und Wotan ihnen verliehen hatten und den ihre Krieger an den Küsten von Europa, ja, an denen von Asien und Afrika so wütend austobten, dass schließlich die Leute glaubten, es seien keine Menschen, sondern Werwölfe."

Die Verballhornung ist verwirrender gar nicht möglich, ein grausiges Gemisch. So kommen später etwa die Hunnen vor, auf die diese "Werwölfe" stießen, auf Attila. Wahr ist, dass die Székler, nicht Szekeler wie im Roman, ein ganz normaler madjarischer Stamm und dass die Dráculesti Walachen sind, nicht Székler. Vlad Ţepeş gehört in die Walachei und nicht nach Transsylvanien, wo er nur zufällig geboren wurde, weil sein Vater zeitweilig dort im Exil lebte. Aber alle Filme plappern diese Fälschung nach. So wird etwa in John Badhams Film "Dracula" (1979) Vlad vom Irrenarzt Dr. Seward in London gebeten, ein Buch in ungarischer Sprache zu übersetzen. Das könne er nicht, meint er, da er Székler sei und kein Madjar. Ein Blick ins Lexikon hätte genügt: Székler sind ein madjarischer Volksstamm, die natürlich Madjarisch sprechen. Coppola wiederum lässt Dracula mit starkem ungarischen Akzent sprechen, was völlig falsch ist. Im "Spiegel" wurde sogar von einem "unverkennbaren transsylvanischen Akzent" gesprochen.

    Stokers Ignoranz wird auch heute noch weitergetrieben. Sein Gewährsmann in Sachen Transsylvanien, der Budapester Orientalist Arminius Wanderbey, der auch als Figur im Roman auftaucht, hatte Stoker sicher richtig informiert. Stoker lernte Wanderbey, der ihm Erstaunliches aus Transsylvanien berichtete, an einem Abend des Jahres 1890 kennen. Transsylvanien war schon damals ein Zauberwort. Jules Verne, aber auch James Frazer in "The Golden Bough" (1890) hatten behauptet, dass in Transsylvanien / Siebenbürgen wie in keinem anderen Land Material für Vampire zu finden sei.

Warum haben Stoker und Jules Verne Transsylvanien zum Handlungsort gewählt? Vermutlich weil sich da ohne Realitätskontrolle wild drauflos phantasieren lässt. Doch Harker wie auch der mit hineingezogene Leser haben im Buch selbst keine Chance, die Wahrheit zu erfahren. Stoker hetzt sie von einem Schrecken zum andern, keine Realität darf die hysterische Geschichte stören, die Märchen-Spannung mindern. Alles muss aus der Welt fallen, Aufklärung soll nicht sein. Harker entdeckt den Vampir und Wiedergänger als tagschlafenden Untoten im Sarg, also bleibt die reichhaltige Schlossbibliothek unkonsultiert; in Budapest ist´s das Nervenfieber, das den Besuch der Nationalbibliothek verhindert; in London die Blässe der ihm nahestehenden, nun mit dem Vampirvirus infizierten Frauen Mina und Lucy. Und in der Mythenherstellung sind die Geübtesten Dracula selbst und der Irrenarzt Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Van Helsing, Gegenspieler des Vampirs und Vampirbekämpfer.

Dracula zeigt etwas von der Irrengeschichte unserer Zivilisation. So ist ein Teil des Schlosses mit den vergitterten Fenstern tatsächlich ein privates Irrenhaus. Und bei Professor Van Helsing, Vampirologe und Irrenarzt in Amsterdam, ist der Vampir (oder der Irre) schon im Psychiater selbst angelegt, beim Essen eines Roastbeefs leckt er sich genüsslich die blutigen Finger ab. Diese Metapher der Heilanstalt – die übrigens viele Vampir-Filme durchzieht – ist voll auf unsere Zivilisation übertragbar. In Tod Brownings "Dracula" aus den dreißiger Jahren mit dem berühmten Vampir-Darsteller Bela Lugosi, einem Ungarn aus Siebenbürgen, der in einem schwarz-roten Umhang als Dracula beerdigt werden wollte, ist ein Großteil der Handlung sogar in eine englische Schloss-Klinik verlegt.

Aber auch die blutige Geschichte Vlad Drăculeas des Pfählers spiegelt im Kleinen den Kern der gesamten Historie: ihren Blutfaden. Krieg. Grausamkeit. Kannibalismus. Mehr noch: Vlad ist unser Zeitbild: Die Zivilisation hält sich rückblickend als blutiges historisches Verbrechen nur durch Gewalt, durch Grausamkeiten, Raubbau, Blutsaugen an der Natur und dem Menschen am Leben.

    Aber Stokers Buch ist ungewollt auch Spiegel des Spiegels. Der geschichtliche Betrug und die Verfälschungen beginnen schon bei der historischen Darstellung des Stoker-Vorbildes Vlad Drăculea, dem Todes- und Blutfürsten der Chroniken – die eigentlich tendenziöse Flugschriften meiner Vorfahren, der Siebenbürger Sachsen, sind. Ihre hasserfüllten Berichte an den ungarischen und deutschen Hof bildeten die Grundlage für die Dracula-Legende. Vlad war besser als sein Ruf. In rumänischen und russischen Chroniken ist er Patriot und Held. Die deutschen Chroniken sind Tendenzschriften, und es ist anzunehmen, dass sie auch Inspirationsquelle Stokers waren, als er sie im Britischen Museum las.

Kehren wir zurück zur Realität. Am Anfang stand der Handelskrieg. Vlads Land war unvorstellbar arm, Staat und Gesellschaft korrupt. Und abhängig. Der rabiate und intelligente Mann brauchte Geld, Waffen, Söldner. Sein sogenanntes Stapelrecht schröpfte den Transithandel der Sachsenstädte in den Fernen Osten, der über seine Donauhäfen lief. Die Krämerseelen versuchten deshalb, Vlad zu stürzen: sie unterstützten je einen feindlichen Thronprätendenten. Vlad rächte sich. Er verwüstete ihr Land. Frauen und Kinder wurden getötet, die Männer gepfählt. Ein Kaufmannszug, der das Stapelrecht nicht beachtete, wurde aufgespießt, ein anderer in einen Saal gesperrt und lebend verbrannt.

"Es war sein Lust und gab ihm Mut,
wenn er sah fließen Menschenblut."

So Martin Beheim, der ein großes Epos über den Blutfürsten Vlad geschrieben hat. Geschichtsschreibung beruht recht oft auf Phantasie, auf nicht nachprüfbaren Berichten von längst Toten, oft auf Fälschung. Ereignisse werden durch Sprache gelenkt, ja schließlich postum erfunden. Wie etwa Vlads Geschichte in dem berühmten Straßburger Druck von 1500: Vlad der Pfähler speist unter den Gepfählten, vor ihm ein Henkersknecht, der Leiber zerstückelt und siedet, als äße Vlad dann diese Gekochten. Darüber die Schrift:

"Hie facht sich an gar graussamliche erschröckenliche hystorien von dem wilden Wütrich Dracole wayde. Wie er die leut gespiesst hat. vnd gepraten. und mit den häuptern in einem kessel gesoten."

Auf diesem Druck ist ein Wald von Gepfählten zu sehen, die in den unmöglichsten Körperhaltungen aufgespießt sind. Im Hintergrund wohl das siebenbürgisch-sächsische Kronstadt. Der Überlieferung nach geschah dies einsame Mahl des Grauens bei einem erneuten Einfall des Pfählers in Siebenbürgen, einer Strafaktion.

Man muss sich vorstellen, was Pfählen heißt – Stephanus Gerlach, ein Zeitgenosse Vlads, schildert diese Folterart in seinem Türkischen Tagebuch.

"... die Spieße von Holtz mit Unschlitt oder Talk ... man bindt solchen Übeltätern Sailer an die Füße, stößt ihnen den Spieß zu dem hinteren Leib hinein... Zuerst aber kniet der Delinquent mit in den Staub gedrücktem Haupte nieder, die angezogenen Oberschenkel gekreuzt; ... und die Bahn hinreichend eingefettet, der Pfahl, aber nicht angespitzt, sondern abgestumpft, ... die Organe beiseiteschiebt, und wird fünfzig bis sechzig Zentimeter in den Mastdarm eingeführt, dann mit dem Delinquenten senkrecht aufgerichtet. Und der Körper mit seiner Schwere drückt Mann oder Weib hinab, und langsam dringt der Pfahl durch den Körper, sucht den tödlichen Weg."

    Erst seit einigen Jahren ist erforscht, dass die Dracula-Legende auch zur deutschen spätmittelalterlichen Literatur gehörte. Sie beruht auf den Pamphletschriften "Die histori von dem posen Dracol". Es gibt zwölf Drucke, der früheste stammt von 1488, er wurde bei Marcus Ayrer in Nürnberg hergestellt. Außerdem existieren Drucke in Colmar, Lambach, St. Gallen, Augsburg, Bamberg und Nürnberg. Die überlieferten Anekdoten in den deutschen Tendenzschriften widersprechen anderen historischen Berichten über Vlad, sie sind bunt und voller Grausamkeiten: Behinderte und Arme werden von ihm zum Gastmahl eingeladen. Wieder wird der Saal mit den vielen Männern, Frauen und Kindern niedergebrannt. Dem entsetzten Gefolge erklärte Vlad, er wolle nicht, dass in seinem Land jemand arm und krank sei. Den Zigeunern erging es noch schlimmer:

"Item es komment in sin land by drie huntert Ziginer, da nahm er die besten ... und ließ sy braten, die mußten die ander Ziginer essen ..."

Geschichte war und ist blutig. Aber die (meist erfundenen) Scheußlichkeiten des Vlad Drăculea sind grausame Fiktion. Dazu kam das tierische, pathologische Ergötzen des Volkes an Hinrichtungen und Folter in Buden- und Jahrmarktsatmosphäre. Es war die sadistische Phantasie nicht nur jener Zeit!

In den russischen und rumänischen Chroniken hat Vlad wohl gepfählt, jedoch nur als strenger, aber gerechter Richter wider Reiche und Korrupte zur Abschreckung. Und gegen die Türken als Kampfmittel. Mittels seiner "Methoden" wird die Walachei ein starker und organisierter Staat. Es gibt ein gut instruiertes Heer, das er selbst unterweist. Weil die Macht eines Fürsten im Inland schwach ist, liquidiert er Ostern 1459 den Kronrat. Etwa 500 Großbojaren und Kleriker lässt er mitsamt ihren Frauen durch den Spieß ziehen. Ihre Ländereien verteilt er an Kleinadlige und freie Bauern, die ihm dafür gewogen sind, doch müssen sie auch Kriegsdienste leisten.

    Jetzt erst ist Vlad zu seinen großen Heldentaten fähig. 1458 schlägt er ein türkisches Heer, 10.000 werden gepfählt. 1459 wird eine Gesandtschaft, die Tribut fordert, gepfählt. Eine Aktion unter der Führung des Beg von Nicopolis Hamza, die Vlad mit List gefangennehmen soll, misslingt. 4.000 Türken werden rings um Tîrgoviste aufgespießt. Doch ist sein Land zu klein, um der Großmacht Paroli zu bieten. So schreibt er an mehrere Fürsten und Könige, auch an Matthias Corvin, den ungarischen König, um Verbündete zu gewinnen. Sie lassen ihn allein. Mohammed II, der Eroberer von Byzanz, greift ihn mit einem Heer von 150.000 Soldaten und vielen Schiffen auf der Donau an. Vlad hat 30.000 Mann. Er führt den ersten Guerillakrieg der Welt. Er legt Hinterhalte und attackiert bei Nacht. Die Osmanen ziehen erschöpft ab. Doch auch seine Kräfte sind aufgebraucht; er muss wieder nach Transsylvanien fliehen. Bruder Radu verrät ihn, er wird Fürst. Sein Freund und Vetter aus der Moldau, Stefan, verrät ihn, greift ihn sogar an. König Matthias Corvin verrät ihn, schickt das versprochene Heer nicht, nimmt ihn auf dem Höhepunkt seiner heroischen Karriere des Abwehrkampfes gefangen und sperrt ihn jahrelang in die finsteren Verliese der Festung Visegrád unter der Donau bei Budapest. Der Grund sind drei gefälschte Briefe, in denen Vlad dem Sultan angeblich Verhandlungen anbot und sich ihm unterwerfen wollte, also ein Verräter war; sie wurden dem ungarischen König (möglicherweise) von den Sachsenstädten zugespielt. Corvin schickt dem Papst über den Legaten Modrussa eine Kopie der gefälschten Briefe und eine Reihe der kursierenden verleumderischen Gerüchte über den "Wütrich". Denn der Ungar muss sich sowohl dem Papst als auch den Venezianern gegenüber rechtfertigen, warum er den großen Türkenkämpfer ausgerechnet jetzt gefangen nimmt, obwohl er Geld für den Türkenfeldzug erhalten hat: Diese Flugschriften sind der Beginn der schriftlichen Dracula-Legende. Pius II publiziert sie in seinen "Comentarii". Hier sind alle Motive der deutschen Chroniken über den "Wütrich" Vlad aufgeführt:

"Ein wunderliche vnd erschröckliche History von einem grossen wüterich genannt Dracol Wayda. Der do so gar unchristeliche marter hat angelegt de meschen als mit spissen. auch die leute zu tod geschliffen."

Einige Jahre später lebt Vlad wieder frei in Buda. Dann folgen neue Schlachten, um den Thron wiederzugewinnen. Doch er ist zu Tode erschöpft und fällt im Kampf. Sein Kopf kommt nach Tzarigrad, der arg zugerichtete und zerstückelte Körper angeblich nach Snagov, in ein Grabmal ohne Namen. Ist Vlad wirklich ein Untoter, ein Phantom? Sein Grab war, wie wir sahen, als es geöffnet wurde, leer ...?

    Stoker und die vielen Filme stellen ihn mit Recht als Wiedergänger und Hasser dar. Ein außerweltliches unheimliches Porträt des Rächers, ein ressentimentgeladenes Ungeheuer der Geschichte, das jede Nacht ein anderes menschliches Wesen anfällt und es infiziert, sodass es auch zum Vampir wird und die tödliche Blutsauger-Krankheit fortschreitet. Was ist Geschichte anderes als Revanche, Rache, Ressentiment, Gemetzel um Gemetzel? Ob nun 1914, 1933 oder als Rachephänomen im Kommunismus, wo die ehemaligen Widerständler ihre früheren Peiniger übertrafen?

Leider bleibt in den Dracula-Filmen die wesentliche historische Tragödie Vlads ausgeklammert. Sie dient nur als pittoresker Hintergrund. Keiner der vielen Filme hat den grausamen Wahnsinn der Geschichte als Irrenstück, als Verrat an der Wahrheit und am einzelnen Menschen in Schreckensbilder übersetzt.

...
Dieser stark gekürzte Beitrag wurde in voller Länge am 12. März 1997 im Süddeutschen Rundfunk in S2 Kultur ausgestrahlt und vom Mitteldeutschen Rundfunk Leipzig am 22. September wiederholt. Er wurde abgedruckt in "Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik", Heft Nr. 1/ 1997. Siehe dazu:
www.halbjahresschrift.homepage.t-online.de


 

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