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Ole, Ole Ceauşescu ade!
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Ein kleiner, feiner rumänischer Film fühlt der (post)revolutionären
Befindlichkeit der Rumänen auf den Zahn.


Von Kristina Werndl
(01. 01. 2007)

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    Wenn man weltweit alle Splitter, die vom Kreuz Christi als Reliquien verwahrt werden, zusammenzählt, ergibt des mehrere Kreuze. Wenn man all die Widerstandskämpfer in Deutschland und Österreich während des zweiten Weltkriegs addiert, wundert man sich, wie sich Hitler so lange an der Macht halten konnte. Wenn man vor 89 die Intensität des Wunsches nach einem Ende der Ceauşescu-Herrschaft (1965–89) berücksichtigt, verwundert es nicht, dass sich viele an seinem Fall beteiligt haben wollen. Jeder will an großen Ereignissen mitnaschen, Held sein, und dafür verdreht man schon einmal die Geschichte zu seinen Gunsten, schreibt sie im Erzählvorgang neu, verwandelt sie in Geschichten, die nicht mehr der historischen Wahrheit, sondern dem eigenen Ego und einem ruhigen Gewissen verpflichtet sind. Von diesem Phänomen handelt Corneliu Porumboius (Jg. 1975) Spielfilm "12:08 östlich von Bukarest (A fost sau n-a fost?)".

Mit wenig Personal und kaum Plot zeichnet der Regisseur ein Bild der gegenwärtigen rumänischen Gesellschaft: Ein Talk-Show-Moderator lädt sich zwei Gäste in seinen privaten TV-Sender, um 16 Jahre nach der Flucht Ceauşescus mit dem Hubschrauber vom Dach des Präsidentenpalastes zu klären, ob es in seinem Städtchen eine Revolution gegeben habe. Haben die Stadtbewohner schon vor 12:08, vor der Flucht Ceauşescus also, am Hauptplatz demonstriert? Dann könnte man erst von einer Revolution sprechen ...
Der Sendeverlauf macht deutlich, dass die Stadtbewohner die in Temeswar entsprungene Revolution nur von ihren Fernsehsesseln aus verfolgten. Allein einer der Sendegäste, der dem Alkohol zugeneigte Manescu – ironischerweise ein Geschichtslehrer! –, hält an seiner fragwürdigen Version der Ereignisse fest: Er habe mit einer eingeschworenen Truppe schon vor 12:08 die Revolution in seiner Stadt losgetreten.

    Mit skurrilem Witz, der auch in der musikalischen Gestaltung des Films seinen Niederschlag findet, erzählt Porumboiu eine Geschichte, in der er geschickt die großen gesellschaftlichen Probleme und die große Politik im Privaten bricht: In der Erinnerung des Sendegastes Piscoci ist der Tag der Revolution, der 22. Dezember 1989, jenes Datum, an dem er für seine Frau Versöhnungsblumen aus dem botanischen Garten klaute. Nach der Fernsehübertragung sei er auf den Platz gegangen, um Maria zu zeigen, "dass ich ein Held bin" – "Wir haben Revolution gemacht, wie wir konnten, wir haben sie auf unsere Art gemacht."

Schon die Figur des Moderators sagt viel über Übergangsphänomene aus: Vor der Revolution Textilingenieur, hat er sich danach wie viele andere (mehr oder weniger sauber) neu orientiert und sich eine berufliche Identität als Fernsehboss verpasst. Während der Talk-Sendung trumpft er mit vorab angelesenen klassischen Zitaten auf – ein kritischer, zugleich aber auch liebenswürdiger Blick auf Menschen, die improvisierend und dilettantisch das Neuerworbene ausstellen. Wenn er sich vor der Sendung bekreuzigt, von der Provinz aus Bukarest beschimpft, sich mit revolutionsmüden und reaktionären Anrufern konfrontiert sieht, wenn sich seine latente Fremdenfeindlichkeit Bahn bricht, sein Nationalismus das Weihnachtsfest von Latino-Klängen bedroht sieht – dann hat das alles jenseits des szenischen Witzes Aussagewert über die rumänische Gesellschaft. In dieser wird seit dem Umsturz darüber diskutiert, um was es sich bei der "revoluţia" genau gehandelt habe. Meist wird von einer Kombination aus spontaner Volkserhebung und geplantem Staatsstreich gesprochen; eine ausländische Beteiligung wird als drittes Element ebenfalls ins Spiel gebracht.

    Kaum ein osteuropäisches Land hat sich in den letzten Jahren – mit bedingt durch die Öffnung des Securitate-Archivs – auf so ernsthafte und zugleich originelle Weise wie Rumänien im Kino mit der eigenen Geschichte konfrontiert; als Beispiele seien Cristian Mungius Film "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (4 luni, 3 saptamâ ni si 2 zile)"  und Radu Munteans "Hartia va fi albastra (Das Papier wird blau sein") genannt. Porumboius Filmsatire ist ein weiteres gelungenes Beispiel dafür. Sie sei jedem nicht zuletzt für eine Hinterfragung seines Geschichtsverständnisses und der Winkelzüge seiner Erinnerung empfohlen. Bei den Filmfestspielen von Cannes 2006 erhielt "12:08 östlich von Bukarest" die Caméra d'Or für den besten Erstlingsfilm.


 

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