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Land der vielen Gesichter

Schneebedeckte Viertausender, faszinierende Wüstenlandschaften und surreale
Ölfelder, paradiesische Gärten, jahrtausendealte Felsreliefs, märchenhafte
Moscheen mit detailreichen Kachelornamenten. Willkommen im Iran!

Von Irina Wolf
(11. 10. 2018)

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   Und zurück ins 14. Jahrhundert. Denn ich befinde mich im Jahr 1396. Im Gegensatz zu anderen Ländern richtet sich die Islamische Republik Iran nach dem persischen Sonnenkalender. So müssen für die Umrechnung vom gregorianischen Kalender 622 Jahre abgezogen werden. Ebenfalls in frühere Zeiten zurückversetzen lassen kann man sich bei dem Besuch von Susa, Tschoga-Sambil, Bischapur, Nain, Shiras, Yazd, Isfahan, Pasargadae und natürlich der Ruinen-Stadt Persepolis. Mit seinen siebzehn Unesco-Weltkulturstätten blickt das Land heute auf mehr als siebentausend Jahre Geschichte zurück.

Einzigartige Diamant- und Edelsteinkronen, prachtvolle Zepter und Schwerter, ein Pfauenthron und eine vierunddreißig Kilogramm schwere Weltkugel aus purem Gold, deren Kontinente aus Smaragden und Rubinen bestehen. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus! Solch atemberaubende Schmuckstücke befinden sich gut gesichert hinter meterdicken Panzertüren in den Räumen der Teheraner Zentralbank. Das iranische Juwelenmuseum ist zusammen mit dem Golestan-Palast, der mit seinen prunkvollen Spiegelmosaiken zu unzähligen Selfies einlädt, eines der eindrucksvollsten Attraktionen, die ich auf meiner zweiwöchigen Rundreise durch den Iran erlebt habe. Doch das Aufregendste in Teheran bleibt für mich die U-Bahn-Fahrt. Einmalig sind die eigenen Frauenabteile, auf denen "women only" ganz deutlich zu sehen ist. Trotz der überfüllten Waggons herrscht darin ein basarähnliches geschäftiges Treiben. Denn während der Fahrt drängeln sich Frauen in schwarzen Umhängen zwischen den Fahrgästen durch, die Ohrringe, Armbänder, Halsbänder und Haarschmuck verkaufen. Die U-Bahn-Fahrt wird nie langweilig.

   Nur dreihundert Kilometer westlich von Teheran entfernt, wirkt Hamadan im Vergleich zu der von Abgasen maßlos geplagten Hauptstadt wie eine grüne Oase. Schon bei der Einfahrt in die zu Füßen des Zagros-Gebirges gelegene Ortschaft wird deutlich, dass ich mich in einem Skiort befinde. Ein Kreisverkehr mit einer Skisprungschanzen-Miniatur-Skulptur, ein anderer mit einer lächelnden Schneemann-Figur auf Skiern. Auch Doppelmayr lässt grüßen. Im Zentrum liegt eine sorgfältig gepflegte Grünanlage, üppig mit Turngeräten ausgestattet. Darauf üben sich in Tschador gehüllte Frauen in sportlichen Aktivitäten. Sie sind zu sehr in ihre Bewegungen vertieft, um unserer Reisegruppe Aufmerksamkeit zu schenken.

Im Gegensatz dazu werden wir auf dem Hauptplatz von einer Schulgruppe wortwörtlich überfallen. Kreischend stürzen sich die sechsunddreißig Mädchen in rosafarbenen Schuluniformen auf uns. Ob es an unserer Bekleidung liegt? Eine Iranreise bedeutet auch für Touristinnen immer Kopftuch, knöchellange Hosen und langärmelige, nicht körperbetonte Oberbekleidung zu tragen. Wie erwartet, ergreifen unsere männlichen Begleiter die Flucht. "Welcome to Iran. Where are you from? What is your name? Do you like Iran?" Diese Fragen sollten wir als (offensichtliche) Ausländer mehrmals am Tag zu hören bekommen. Jung oder alt, die Iraner und Iranerinnen sind herzliche und weltoffene Menschen. Sie suchen den Kontakt, wollen Fotos machen, scheuen sich nicht, den einen oder anderen zu einer Tasse Tee oder einem Brettspiel im Park einzuladen. Mit solch einfachen Mitteln bemühen sie sich, das schlechte Image des Iran in der westlichen Welt zu verbessern.

   Gastfreundschaft wird groß geschrieben. Dass dabei auch Fallen auf den europäischen Reisenden lauern, konnte ich mir nicht vorstellen. Ta'arof heißt die besondere Form der iranischen Höflichkeit. Oder einfacher: Es bedeutet Nein zu sagen, obwohl man Ja meint. Eine eigenartige Benimmregel, die besagt, alle Einladungen zwei Mal höflich abzulehnen und erst beim dritten Mal anzunehmen, wenn der Gegenüberstehende weiterhin auf seinem Angebot besteht. Dass uns der sympathische Busfahrer das Leben doch einfacher machte, sei hier sehr gelobt. Gekleidet in sein pilotenähnliches Outfit bereitete er uns mehrmals täglich ein Picknick zu. Käse, Tomaten, Oliven, Fladenbrot, Ajwar-entsprechender Brotaufstrich, Melonen, Datteln, Granatapfelsaft, Kekse, Tee und Kaffee sind nur einige der Köstlichkeiten, die wir uns schmecken ließen.

All das spielte sich tagtäglich unter dem eindringlichen Blick zweier bärtiger Männer ab. Die Porträts von Ayatollah Khomeini und seinem Nachfolger Khamenei, dem jetzigen religiösen Führer, begegnen einem auf ungezählten Häuserfassaden, auf Plakaten im Getreidefeld, einfach überall. Dazu kommen noch die zahlreichen Märtyrer-Abbildungen. Entlang unserer dreitausend Kilometer langen Reiseroute brachten sie uns pausenlos den achtjährigen Irak-Iran-Krieg der achtziger Jahre in Erinnerung.

   Mein persönliches Highlight bleibt die Wüstenstadt Yazd. Auch als Hochburg der Zoroaster bekannt, bietet sie eine Fülle von kulturellen Schätzen: eine Altstadt in Lehmbauweise, eine wunderbare Freitagsmoschee, die Türme des Schweigens und ein einzigartiges Wassersystem: die Qanate. Einen faszinierenden Einblick ins Vorgenannte gibt insbesondere das Wassermuseum, das auf bemerkenswerte Weise den Bau der unterirdischen Kanäle dokumentiert. Schon vor etlichen tausend Jahren nämlich erfanden die Perser hier ein ausgeklügeltes System, welches die Wüstenstadt mit Trinkwasser beliefert. Dabei liegt die Quelle Kilometer weit entfernt, tief im Innern der trockenen Berghänge. Doch nicht nur die modern anmutende Wasserversorgung beeindruckt. In vielen Gebäuden finden sich zusätzlich die so genannten "Windtürme" – in die Häuserdecken eingelassene, vergitterte Öffnungen, die letztlich nichts anderes sind als ein Vorgänger der neuzeitlichen Klimaanlage: Während durch das Gitter die heiße Luft im Hausinnern nach oben ins Freie geführt wird, findet die kühle Luft aus dem "wassergekühlten" Keller ihren Weg in die Wohnräume. Was für eine segensreiche Erfindung!

Eine mehr zeitgemäße Seite des Iran fand sich schließlich in der "modernsten Raststätte der Welt". So lobte der Reiseleiter den letzten Stopp vor unserer Rückreise. Tatsächlich entspricht das einstöckige Gebäude auf der Autobahn allen westlichen Standards. "Touch Burger" heißt das iranische Äquivalent des McDonald’s Restaurants. Und doch liegt mir das Picknick auf den am Straßenrand ausgebreiteten Decken mehr am Herzen.
 


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