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Super-Karpaten-Kartenspiel

Eine Großschlemm auf der Alm

Ja, gepokert wurde auch mal gerne. Aber nur so zum Spaß. Um symbolische
Einsätze. Der Stimmung wegen. Und möglicherweise wenigstens zum Teil auch der
guten alten Wahrscheinlichkeitslehre zuliebe, was sich jetzt aber – nach all den vielen Jahren –
freilich kaum mehr mit unerschütterlicher Bestimmtheit feststellen ließe, wenn man's recht
bedenkt. Ja, möglicherweise; oder besser gesagt: wahrscheinlich. Aber – Hand aufs Herz –
was kann einer heutzutage, wo es ja bekanntlich eh zunehmend einzig und allein aufs
Approximieren ankommt, Aleia iacta est, geschehen ist’s, so sei’s getan, falsch Gebild
und Wort, seid hier und dort
, denn überhaupt noch mit Bestimmtheit behaupten
bzw. eruieren? Was darf heutzutage wirklich als "gecheckt" gelten?

Von Vasile V. Poenaru
(10. 06. 2022)

...



Vasile V. Poenaru
bardaspoe [at] rogers.com


geboren 1969, zweisprachig
aufgewachsen, Studium der
Germanistik in Bukarest,
darauf Verlagsarbeit und
Übersetzungen. Lebt
in
Toronto.

 

 

 

 

   Ich erlaube es mir, die Frage angesichts ihrer Dringlichkeit (und eines einschlägigen kaiserlichen Erlasses, den ich der g’schätzten Leserschaft auf Wunsch gerne vorzeigen kann (eine beglaubigte Kopie liegt der Redaktion vor) selbst zu beantworten:

FIX IS NIX.

Let me explain. Des is wia a Kitzel in Kitzbühel. Wia a Zwicker in Zwickau. Wia a I in I hob recht. Alles schön oberösterreichisch gefärbt, versteht sich. Sine qua non dialektal verfeinert … ‘cause you can take the girl out of Upper Austria, but you cannot take Upper Austria out of the girl.

Alles klar? Yep, yep, yep! That’s what they say.

In diesem Sinne: Chicago. The Kansas Mob. Las Vegas. We smoked them all. Ach! Die guten alten Zeiten! Vor allem spielten wir allerdings Whist und Bridge. Mit meinem Bruder Robert gewann ich einst das Große Bridgeturnier der Cabana Piatra Arsă, und mit meinem Bruder Toni das Große Bridgeturnier der Cabana Bolboci. Dieses spielte sich im Winter, jenes im Sommer ab.

Wanderers Logbuch: alles säuberlich über ollen Gipfeln and in ollen Wipfeln verzeichnet. Properly logged.

BRIDGE AM BERG: TEAM PLAYER EVER AFTER

   Und es ist denn nun auch das kollaborative Moment des Bridge, vornehmlich während des Reizens, das mit unserem Verständnis gelungener Wanderschaft immer wieder in wundersamer Art und Weise in Resonanz trat. Bei jedem Ausflug verteilte der Berg gleichsam die Karten aufs Neue, und es lag am Einzelnen (oder eben am Team bzw. an der Gruppe), die jeweilige Hand im gegebenen Kontext optimal auszuspielen: to play the hand we were dealt.

DER REIZ DES REIZENS? O MEI! ZWICKTS MI WACH!

Der Bolboci-See war tiefgefroren, was den Zugang zur Cabana Bolboci erleichterte. Wir querten einfach den See. Vom Bucegi-Plateau (Vorentlastung: per Seilbahn von Busteni bis Babele) waren wir zu viert runtergelascht: Toni, ich, Julică und Gogoasă. Ein kalter Wind wehte übers Bergland. Den meisten jagt sowas Angst ein. Wir jedoch waren guter Dinge. Um uns herum? Die Super-Karpaten der Eiszeit! Doppellutscher, Twinny, Jolly und Cornetto für jedermann! Aus kaiserlichem Befehl. So stellten wir es uns jedenfalls vor. Den Kaiser kann ich leiden.

Nicht einmal der dicke Dichter aus dem dichten Dickicht, ja, genau, der von denen, hätte die gefrorene Zeitlichkeit dieser eideutig geilen Instanz des Erhabenen an sich und am Berg besser erfassen können. Einbildungskraft pur. Kraftkerl-Demokratie ohne Obergrenze. Yapadapadu! Koa global warming weit und breit. What’s not to like?

   Robert sollte sich aus Zeitmangel erst zwei Tage später zu uns hinzugesellen. So genossen wir denn zunächst das leise Säuseln des Windes und die stimmungsvollen Facetten der winterlichen Bilderbuch-Landschaft rundherum und unsere lockeren Ausschweifungen über das tiefere Wesen der Schneeflocken wie des Kartenspiels und dessen unser inwendiges Weltgebilde weiterführenden Bedeutungskonstellationen naturgemäß ohne ihn.

GENAU: RUNDUMADUM

Es hatte geschneit und geschneit und geschneit. Dem Yeti sollte es recht sein. Ein rumänisches Wintermärchen aus alten Zeiten lockte uns ins Reich der Schneepoetik. Das lag auf der Hand. Zwei offensichtlich recht kundige Feen, die wir im Zwielicht deutlich zu vernehmen meinten, zeigten uns auf Anweisung des allgegenwärtigen freundlichen Karpatengeistes den zumutbaren Weg in die nahe Zukunft. Und sie fragten (da bin ich mir fast ganz sicher): "Are you IN or are you OUT?" Und man spürte es durch alle Poren: Jetzt werden die Karten gemischt. Der kurze Jänner-Tag neigte sich seinem bestmöglichen Ende zu. Jede Monade eine Schneeflocke, nein, ein Schneekristall. Wir hatten keine Angst. In unseren Lungen? Pure Karpatenluft!

Und in der Hosentasche? A deck of cards.

"Auf dass uns das Schicksal hold sei!" Iulicăs Stimme klang ein bisschen heiser. Die Sonne war schon längst untergegangen. Im Tal hörte man die Wölfe heulen. Gott sei Dank von weit weg. Der Mond, die Sterne, der Schnee, das ferne Licht der Berghütte jenseits des Sees, die unsere jodelnde Bande dann ein paar Stunden später denn schließlich auch in der Tat heil und intakt erreichen sollte. Ein besinnliches Aufgehobensein des Städtischen, des Allzustädtischen, aus dem wir mal wieder kurz geflüchtet waren, um soweit möglich einigermaßen zu uns selbst zu finden. Zu einem erweiterten Selbst, das wir anstrebten und erahnten. Out there. And deep inside.

ES WAR STOCKFINSTER. NEIN, ES WAR SCHNEEHELL.

   Gogoasă bahnte den Weg. "Mir nach, Leute! Let’s do this!" Er war der Größte – oder doch jedenfalls der Massivste – von uns. "Wenn das Eis nicht unter deinem Gewicht bricht, schaffen wir’s alle safe and sound durch", postulierte Iulică. Toni und ich stimmten ihm bei. Iulică war gut im Postulieren. Bei minus 20 Grad a no-brainer.

Alles lief paletti. Bis zum Aufstieg gen Berghütte, that is. Der Hang war nämlich recht glitschig, und manchmal rutschte Gogoasă jeweils so an die 20-30 Meter zurück. Da wir anderen ihm nun aber im Gänsemarsch folgten, riss er uns jedesmal allesamt zwingend mit, wenn’s schon wieder mal soweit war. Talk about a slippery hill.

ODER AUF GUT DEUTSCH:

Jack and Jill went up the hill
to fetch a pail of water.
Jack fell down and broke his crown
and Jill came tumbling after.

Und dann merkten wir, dass sich die Berghütte wie in der Befangenheit eines übergeordneten Magnetismus des mutmaßlich besten Berg-Konstrukts von karpatischer Art und Kunst immer weiter entfernte, wie sich unser anfangs aller Welt doch so real dünkendes Ziel zunehmend ins schöne imaginäre Reich des Konjunktivs zu einem winzigen Als-Ob der Einbildungskraft destillierte. Und die malerischen Sterne des unwahrscheinlich poetischen Karpatenhimmels stürzten auf uns Indikativ-Burschen mit beschränkter Einbildungskraft hernieder, und wir schlitterten und rutschten und purzelten den Hang hinunter und mussten uns jedes Mal erneut zu Tode lachen. Das perfekte Scheitern.

Was uns jedoch keineswegs störte. Denn mal davon abgesehen, dass wir mit der Zeit immer durstiger wurden (das Wasser war in den Feldflaschen gefroren), strotzten wir nur so vor guter Laune. Es hätte nicht lustiger sein können.

   Und irgendwann verwirklichte sich dann unser Wanderungs-Konjunktiv ungehemmter Potentialität in der konkreten Gestalt eines erbaulichen Indikativs realer Umstände. Wir erreichten die Berghütte Bolboci. Der Wirt zeigte uns die Stelle, wo die Stämme lagen, aus denen wir unser Brennholz schlagen durften. Wir schaufelten etwa zwei Meter Schnee weg und … sieh einer an! Prächtige braune Karpatenstämme, die wir prompt zu anschaulichen Klötzen zersägten. "Sturm und Drang!", sag ich doch immer. Sturm und Drang!

May the force be with you.

Ach! Wie märchenhaft. Wie phantastisch karpatisch! Like in a lumberjack tale. Dann hackten wir die Klötze zu Scheiten – und rein in den Kamin damit! Dass die Fensterscheibe des kleinen Fensters, mit dem unser einfaches, doch stimmungsvollen Stübchen bedacht war, wohl aus irgendwelchen fensterrechtlichen Gründen fehlte(Fensterläden gab’s natürlich auch nicht), machte uns herzlich wenig aus. So gut funktionierte die Heizung!

DENN A STATTLICHER KACHELOFEN IS IMMER NO A STATTLICHER KACHELOFEN. TACITUS.

Es stand in den Sternen geschrieben, dass dies ein kolossaler Ausflug werden sollte. Und die vielen Sterne, die man übrigens bei Nacht sehr gut sehen konnte, sagten immer die Wahrheit, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Von unserem dann noch bald genug errungenen Goldenen Bridge-Pokal hätten wir ganz bestimmt ebenfalls schon im Voraus in den Sternen lesen können, wenn … tja wenn wenn wenn wir halt hätten in den Sternen lesen können.

   Toni und ich vermochten das (ausnahmsweise) nicht. Vielleicht bockten’s ja Julică und Gogoasă …? Wir haben sie aber nicht gefragt. Ob man dazu wohl ein großes Fernrohr bräuchte? Oder ein altes Buch? Oder eine moderne Rechenmaschine? Oder …?

FRAGEN ÜBER FRAGEN. THE ANSWER WAS HERE ALL THE TIME.

"Der Herrgott würfelt nicht", hatte Einstein im Zusammenhang der Quantenphysik und der neuen, unscharfen Ontologien, die sich daraus ergeben, postuliert. Kurz und bündig. Freilich bleibe dabei im großen Ganzen so ziemlich olles weiterhin relativ, besonders time and space.

Den Einstein kann ich leiden.

Außer es liegen mal zufälligerweise zwei Würfel herum … In meinem Essayband "Europe on One Roll of the Dice. My Suspended Stories of Ideas" (PerNi Publishing, Reihe Zeitkritik, Nr. 1) bedenke ich das Zeitgeschehen aus der quantum state of mind und der so durch und durch bedeutungsstiftenden einschlägigen Erscheinungsform des Paradigmenzusammenbruchs heraus. Und das hat auch mit unserem Herum-Latschen in den Bergen zu tun. Als Jugendliche quatschten wir über Heisenberg, Pauli und de Broglie, über Brecht, Dürrenmatt, Antoine de Saint-Exupéry, Victor Hugo und Canetti. All good people read good books, sollte Tanita Tikaram ("Twist in my Sobriety") dann zwei Jahre später singen. Ja. Passt. Und wir hatten leidliches Schuhwerk.

   Die Sterne über dem ausgesprochen philosophisch bestirnten Bolboci-Himmel waren übrigens wie "zum göttlichen Entzücken" so gut zusammengewürfelt worden, dass man, selbst wenn einem die einzelnen Sternbilder nicht hundertprozentig geläufig waren, anhand ihrer leicht tänzelnden Geworfenheit– oder sagen wir ruhig: Gewürfeltheit– halb bewusst und halb im Traum jenem zauberhaften Konstrukt eines beglückenden stroke of luck näher kam, das wir out there und zugleich deep within ahnen, wenn wir uns gelegentlich mal die Frage stellen, warum denn eigentlich gerade dasjenige, was der Fall ist, der Fall sei.

Ach so! … Jetzt ist unser Ludwig da. Mit anem Stamperl. Ein Hoch auf die Hoamat! Sehr anständig. Sehr zeitgemäß. Bruderschaft zum göttlichen Entzücken. Zur Stärkung. "Guys! Olles, wos der Fall is."Let’s do this!

Den Ludwig kann ich leiden.

Dabei hat es jedoch mit dem Schweigen streng genommen nie so richtig klappen wollen – selbst wenn mal keiner was zu sagen hatte. Der Berg war für uns nämlich immer auch ein Ort der uneingeschränkten Debatte. Unsere eigenartige Herzkammer-Musik ertönte in den warmen Arien einer unscharfen Erörterung der Dinge, die, das spürten wir intuitiv, im trauten Irgendwo zwischen dem Möglichen und dem Wahrscheinlichen angesiedelt zu sein schien. Jeder Schritt, jeder Gedanke, jede Formulierung, jede Schneelawine indeed ein grandioser Paradigmenzusammenbruch.

   Kurzum, es war heiß in unseren Herzen. Und das Blut des Braunbären ist noch heißer als dasjenige des Menschen. Und wir wussten: "Es schneit, also gibt’s uns." Ein angewandter Descartes. Das Wetter lud zum Winterschlaf ein. Tagelang wütete der Schneesturm – und ich gewann wie gesagt gemeinsam mit Toni das Große Bridgeturnier am Berg. "Mir ham’s gewonnen, oisa gibt’s uns!"

DANKE. DANKE. DANKE. PIECE OF CAKE.

Nur einmal wagten wir einen gewaltigen Ausflug ins ungefähre Weiße, um die Karten des Winters aus dem Mysterium der unerhörten Tathandlung heraus neu zu mischen. Wir wateten durch den frischen Schnee. Aufs Geratewohl einen steilen Hügel hinauf. Das Erlebnis der Winterwelt, aus dem wir dann nach und nach ein wahrhaftes Spracherlebnis werden ließen, hatte uns fest in Griff. "Erzähl mal, wie’s war! Schieß los!"

PUTTING IT DOWN IN WORDS … ‘CAUSE THAT’S WHAT WE DO.

Es war traumhaft. An der Grenze zur begrifflich in imaginären Zahlen verpackten Irrealität des Elementaren. "Sei ruhig, freundlich Element", meinte übrigens einst ein Teil von jener Kraft. Und nach diesem erbaulichen Imperativ schritten wir voran: immer mit der Ruhe. Keine Trumpfkarte im Ärmel, doch playing our hand with the big picture in mind.

   Nach unten ging es sehr schnell. Zu schnell, würde einer jetzt im Nachhinein sagen. Beim Abstieg verrenkte ich mir das linke Knie. Es tat sehr weh. Am meisten schmerzte dann freilich das Einrenken. Doch was soll’s … Finis coronat opus. Am nächsten Abend schafften wir den Großschlemm. Und dies wiederum gehörte unabdingbar zur kolossalen Realität des Elementaren.

Im Radio? Trio. Herz ist Trumpf. "Da, da da, ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht, aha …"

Robert musste einen Tag früher aufbrechen. Die Route, die er einschlug (und die wir anderen dann am nächsten Tag ebenfalls einschlugen) wurde, wie wir zeitnah in Erfahrung brachten, am Tag seiner Abreise von einer Schneelawine heimgesucht. Doch Robert hatte, so unsere Berechnungen, die brenzlige Stelle bereits gut zwei Stunden vorher passiert.

Es sollte sich bald genug herausstellen, dass unsere Berechnungen der Wirklichkeit entsprachen. Und in diesem einen Falle stimmte die Wirklichkeit mit der Wahrheit überein. Mit der inwendigen Wahrheit des "unserem Berggeschehen" zugrundeliegenden Narrativs, einer nur da, nur dann, nur so voll und ganz einleuchtenden essayistischen Urtümlichkeit par excellence, die schon in jenen – mittlerweile mythisch verklärten – Tagen des sinnstiftenden Super-Karpaten-Kartenspiels à la Bolboci in der ganzen Bande, our old gang, steckte und unseren jeweiligen Lebensweg, jetzt ist’s mir klar, jahrzehntelang weitgehend mitbestimmen und formen sollte.

Ausdrucken?

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