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Hochtrabendes Dingsbums-Imponiergehabe

Zu: "Jörn Rüsen, Zerbrechende Zeit. Über den Sinn der Geschichte."

Von Vasile V. Poenaru
(18. 09. 2021)

...



Vasile V. Poenaru
bardaspoe [at] rogers.com

geboren 1969, zweisprachig
aufgewachsen, Studium der
Germanistik in Bukarest,
darauf Verlagsarbeit und
Übersetzungen. Lebt
in
Toronto.

 

 

 

 

Making sense of history?
Nichts weniger hatte der
g'schätzte Autor, so er-
hoffte ich es mir,
im Sinn.

 

 

 

 

 

Jörn Rüsen.
Zerbrechende Zeit. Über
den Sinn der Geschichte.
Lit Verlag, 2019. 376 S.
ISBN:
9783643145192.

 

 

 

 

 

 

Diese im akademischen
Gewand zum Besten ge-gebene Hokuspokus-Philo-
sophen-Blase legt keinen
Sinn und keine Weisheit,
keinen Weg Richtung Räson
bzw. Diskurs frei, sondern
bloß ödes akademisches
Imponiergehabe.

 

 

 

 

 

 

 

"Dieses Buch ist dem Ver-
such gewidmet, Kultur als
Geschehen von Sinnbildung
und dessen Resultate zu be-
greifen und im Umgang
mit Zeiterfahrungen zur
Geltung zu bringen, die
sich auf den ersten Blick
als sinnwidrig darstellen."

 

 

 

 

 

 

 

Was im Prozess des Zusam-
menklebens dieser eher
schlecht gealterten Texte
völlig übersehen wurde:
Ein neues Zeitalter ist längst
angebrochen. Alles steht
längst im Zeichen der quan-
tum state of mind
. Davon
spürt man in diesem Buch
ganz und gar nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

Titel und Untertitel ver-
sprechen viel, halten
das Versprechen aber
nicht ein.

Woin ma a Buch rezensieren?
– Ja, passt. Moch'n ma!

(Big mistake)

   Eins vorweg: Shame on me! In meinem unverbesserlichen Optimismus in Sachen "Vivat Academia, Vivant Professores" hatte ich ja eigentlich insgeheim angenommen, es mit einem doch wenigstens in etwa aktuellen und/oder originellen Werk zu tun zu haben (vor allem, weil ich mich vom Titel verführen ließ und es – "Gut so! Immer nur weiter! Es lebe die wissenschaftliche Solidarität! Werde ich nun als Gegenleistung meinerseits gelobt? …" – gerne mal wieder auf eine kleine Gefälligkeitsrezension ankommen lassen wollte).

Gefällt mir. Gefällt mir. Gefällt mir. Klick'n ma's an!

Making sense of history? Nichts weniger hatte der g'schätzte Autor, so erhoffte ich es mir, im Sinn. Und ich erhoffte mir eben nun auch, in diesen Seiten über eine zerbrechende Zeit ein leidlich durchdachtes Werk vorzufinden. Dass hier die Sätze sitzen, ja dass sie wo hinführen und dem lieben Leser einen möglichst erbaulichen Sinn erschließen, hatte ich mir dabei, doch dies bleibt unser kleines Geheimnis, ebenfalls erhofft.

Es ist dem nicht so.

   Wurde das Buch dann wenigstens halbwegs angemessen, kohärent und folgerichtig geschrieben bzw. gescheit aus vorliegendem Material zusammengereimt? Auch nicht. Diese im akademischen Gewand zum Besten gegebene Hokuspokus-Philosophen-Blase legt keinen Sinn und keine Weisheit, keinen Weg Richtung Räson bzw. Diskurs frei, sondern bloß ödes akademisches Imponiergehabe. Die armen Studenten und die armen Studententinnen, denen das Zeug als Höchstes der Gefühle aufgezwungen wird, können einem nur leid tun.

"Bitte schön! Swallow it all. No returns."

Außerdem entbehrt der Band einer begrifflich soliden Grundlage. Und dies macht seine gravierendste Schwäche aus. Denn schließlich werden hier ja beträchtliche Ansprüche auf Wissenschaftlichkeit erhoben. Nach dem Motto: "Platz da! Beugt euch vor dem Geschnörkel, das wir Kulturwissenschaft nennen! Guat san ma net. Do gehn woin ma a net."

A twisted Brecht.

   Doch lassen wir den Verfasser höchstpersönlich zu Wort kommen: "Es bedarf also einer Rückbesinnung darauf, was Sinnbildung über historische Erfahrung ist."

"Sinnbildung über (…)?" Really?

(Gutes Deutsch, wo bist du?)

Und dergleichen mehr. So beginnt etwa das erste Kapitel mit der gewiss als imposante Aporie gemeinten, doch ehrlich gesagt ausgesprochen unglücklichen Überschrift "Sinnloser Sinn der Geschichte". Doesn’t make any sense. Das ergibt keinen Sinn.

Dass Rüsen ja u. a. mit dem auch andernorts oft genug im Kontext unstimmigen, irreführenden und pauschal unreflektiert hingeschmissenen Begriff "Meistererzählung" vorliebnimmt, ist für sein Wischiwaschi-Bravourstück symptomatisch. Da hilft kein Weh und Ach, um es mal mit dem Geheimrat zu sagen. Wer den englischen Begriff narrative systematisch unreflektiert durch Erzählung übersetzt, ist nun mal leider Gottes weit weg vom Sinn der Sache – und plappert leicht allerlei Blödsinn.

"Die Texte dieses Buches sind knapp 20 Jahre alt", schreibt der Autor im Vorwort zur zweiten Auflage. Doch immer noch, so die mehr oder weniger zwischen den Zeilen versteckte mehr oder weniger geheime Botschaft, durchaus in good shape. Was sie aber eigentlich nie waren.

   Schon im Vorwort versucht sich der Autor wichtig zu geben – und jongliert mit Begriffen, von denen er wohl hofft, dass sie von allein zu einem zumutbaren Sinn finden. Gewidmet sei der Band "einem Versuch". Möglicherweise hatte der Autor eigentlich schreiben wollen, dass er, der Band, einen Versuch ausmacht. Doch – selbst wenn der breitspurig aufwartende Professor (O mei! Schaut mal her, wen ich so alles zitiere! Does this make me a great man?) sich sehr angestrengt haben mag – herausgekommen ist dabei nichts.

"Dieses Buch ist dem Versuch gewidmet, Kultur als Geschehen von Sinnbildung und dessen Resultate zu begreifen und im Umgang mit Zeiterfahrungen zur Geltung zu bringen, die sich auf den ersten Blick als sinnwidrig darstellen. Mit dieser Absicht dürfen seine Überlegungen auch für die gegenwärtigen Diskurse der Kulturwissenschaften über ein Verständnis der menschlichen Welt aufschlussfähig sein." No kidding.

   Inwiefern (bzw. ob) diese eher wichtigtuerisch nichtssagend von der recht wilhelminisch anmutenden Höhe des Katheders auf die unschuldige Studentenschaft hingeschmissene Aneinanderreihung von Texten tatsächlich überarbeitet bzw. aktualisiert worden sein mag, kann man sich aus dem Ende des Epilogs zusammenreimen. "Der Wechsel zum Jahr 2000 könnte ein Anlass [zur Deutung der Ereignisse] sein, sonst wäre er wirklich nicht besonders wichtig."

Kommt das Jahr 2000 denn bald wieder? Oder wurde das Buch, Stichwort Copy and Paste Copy and Paste Copy and Paste, sozusagen nicht voll und ganz aus der Perspektive des schönen Jahres 2020 überarbeitet?

Was dabei im Prozess des Zusammenklebens dieser eher schlecht gealterten (und, Hand aufs Herz, von Anfang an eher schlecht geschriebenen) Texte völlig übersehen wurde: Ein neues Zeitalter ist längst angebrochen. Alles (und nicht zuletzt eben gerade der Begriffskonglomerat "Sinn" und "Sein") steht längst im Zeichen der quantum state of mind. Davon spürt man in diesem Buch ganz und gar nichts. Es ist eine wohl als Unterwerfung gegenüber starren, ja leblosen akademischen Hierarchien und althergebrachter Weisheit-Jonglier-Tausendsassa-Dingsbums-Philosophie gequälte, unzeitgemäß und unnütz verkomplizierte Wiederholung dessen, was war.

Es ist eine ungelenke Erzählung. Wir brauchen aber keine Erzählung, Wir brauchen ein Narrativ.

Publish or perish!, heißt es freilich von alters her. Da zieht die Qualität nun mal oft den Kürzeren. Denn wenn erst mal alle untertänig gedankenlos Beifall klatschen, kommt es nur mehr selten auf den Inhalt an.

   Ein Verlag ist keine Krämerei, das versteht sich von selbst. Und doch will es eher schon fast den Anschein haben. "Zerbrechende Zeit. Über den Sinn der Geschichte." Titel und Untertitel versprechen viel, halten das Versprechen aber nicht ein. Es ist dies ein Versuch, anhand ziemlich ungeschickt zusammengebastelter, schlecht gealterter Texte aus dem vorigen Jahrtausend die ja längst tote Mentalität von vorgestern wieder zu beleben, was aber nicht gelingen will und nicht gelingen kann. Sprachlich ungeschliffen sind diese Texte auch noch oft genug.

Let’s recap.

Dieses Buch wurde vor der Jahrtausendwende geschrieben und zunächst 2001 herausgegeben. Es gibt einigermaßen Aufschluss über den damaligen Stand der Forschung. Mehr nicht.

Man gewinnt aus diesem Buch keine Einsichten. Das Vorwort wirkt ebensowenig überzeugend und ungeschickt wie der Epilog. Blöderweise lobt der Autor als Erstes einen Gefälligkeitsrezensenten, der ihn seinerzeit gelobt hatte (Sollen wir lachen? Sollen wir weinen?). Ganz nach dem althergebrachten, nicht nur in deutschen Landen und nicht nur in den Geisteswissenschaften bewährten Prinzip "Lobst du mich, dann lob ich dich".

O mei …

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