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Lust auf Vielfalt

Aufbruchstimmung in der Temeswarer Theaterlandschaft

Ob experimentell, elitär, modern oder unterhaltend: die Temeswarer Theaterhäuser
vibrieren vor Spielfreude und Lebendigkeit und haben für fast jeden
das passende Angebot im Programm. 

Von Alina Mazilu
(01. 11. 2008)

...





Alina Mazilu
mazilu.alina [at] gmail.com

geboren 1981; Studium
der Germanistik und Roma-
nistik in Temeswar;
Doktor-
atsstudentin an der West-
Universität Temeswar; frei-
schaffende Kulturjournalistin;
Mitarbeiterin der Zeitschrift
"Orizont"; Veröffentlichungen
in rumänischen und
deutschen Medien.

 

 


Das Temeswarer
Kulturpalais

 


Das zurzeit wohl wichtigste
Theaterevent der Stadt
ist das vom Temeswarer
Nationaltheater organisierte
"Festival der rumänischen
Dramatik". Das Festival
existiert bereits in der XIV.
Auflage und fördert seit
drei Spielzeiten konse-
quent die rumänische
Gegenwartsdramatik.




 


(c) Radu Afrim

"Die Krankheit der
Familie M." (Fausto
Paravidino), inszeniert von
Radu Afrim am National-
theater Temeswar.



 

Das Repertoire des
Deutschen Staatstheaters
Temeswar (DSTT) besteht
aus deutschen Klassikern,
Kinder- und Jugendtheater,
Liederabenden und
Gegenwartsdramatik.

 


 

Historische Aufnahme
des Kulturpalais um 1900:
In diesem (nach einem Brand
später teilweise neu
errichteten) Gebäude
befinden sich heute die
drei nebenan beschriebenen
Theater sowie die Temes-
warer Nationaloper.


 



Schild am Eingang
zum DSTT


 


Seit einigen Jahren hat
das Deutsche Staatstheater
Temeswar ein theater-
pädagogisches Angebot,
das rumänienweit einzigartig
ist. Außerdem ist es, was
Gastspiele und Tourneen
betrifft, das aktivste
Temeswarer Theater.

 


 

Das Nationaltheater
Temeswar und die Temes-
warer Nationaloper:
Großer Saal

 


Linktipps

www.tntimisoara.com

www.dstt.ro

www.theater-csiky
gergely.ro

 



"Cymbelin"
(William Shakespeare),
inszeniert von Alexander
Hausvater am Deutschen
Staatstheater Temeswar.
Im Bild: TNT-Schauspielerin
Claudia Ieremia als
Imogen und DSTT-Schau-
spieler Georg Peetz
als Cymbelin.


(c) alle Bilder:
Irina Wolf & DSTT &
Nationaltheater

   Was die im Westen Rumäniens liegende Stadt Temeswar für Theaterliebhaber besonders attraktiv macht, ist die Existenz von gleich drei staatlichen Theaterhäusern, die Aufführungen in ebensovielen Sprachen auf die Bühne bringen: Rumänisch, Deutsch und Ungarisch. Diese Mehrsprachigkeit mag manchen gepusht und etwas künstlich erscheinen, doch ist sie für die Temeswarer eine Selbstverständlichkeit und leicht erklärbar durch das Jahrhunderte währende Zusammenleben mehrerer Ethnien im Banat.

Das imposante Kulturpalais, in dem diese drei Spielstätten und nebenher auch noch die Temeswarer Nationaloper untergebracht sind, befindet sich im Zentrum der Stadt. Die Geschichte dieses Gebäudes lässt der Fantasie freien Lauf: 1875 von den berühmten Wiener Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer im italienischen Renaissancestil errichtet, wurde es durch zwei Brände zerstört, sodass die Fassade und der Theatersaal 1920 in neubyzantinischem Stil neu errichtet werden mussten. Das Resultat ist aus ästhetischen Gesichtspunkten eher zweifelhaft. Trotzdem wurde das Gebäude nach der '89er Revolution zu einem Symbol der rumänischen Freiheit, da vom Balkon des Kulturpalais aus die ersten Reden gegen den Diktator Ceauşescu gehalten wurden.

Temeswar ist folglich eine an Theatertradition reiche Stadt. Wie sieht es aber im Jahr 2008 aus? Was bietet die Temeswarer Theaterlandschaft ihrem Publikum gegenwärtig an?

Spielstätten

   Das Nationaltheater teilt sich einen Saal von beachtlicher Größe (Kapazität: 680 Plätze) mit der Oper. Experimentelles Theater lässt sich hier schwer inszenieren. Erst seit dem Frühjahr 2008 verfügt das Nationaltheater, zum ersten Mal in seiner Geschichte, über einen eigenen, den sogenannten "2. Saal", eine ehemalige Kaserne, die früher als Manege und schließlich als Sporthalle verwendet wurde. Diesen Saal hat das Bürgermeisteramt in verfallenem Zustand und erst nach langem Zögern nunmehr für 49 Jahre dem Nationaltheater zur Verfügung gestellt. Er soll saniert und als Studiosaal neu gestaltet werden. Zurzeit präsentiert das Nationaltheater manche seiner Inszenierungen an Alternativschauplätzen: im Club "Porto Arte" am Ufer des Bega-Kanals und im Shopping Center "Bega". Dies reflektiert auch das Interesse der Intendantin Maria-Adriana Hausvater. Sie will die Beziehung zwischen dem Theater und der Stadt stärken und dieses dem Publikum näherbringen.

Das Deutsche Staatstheater Temeswar (DSTT) – ebenfalls im Kulturpalast situiert – teilt einen kleineren Aufführungssaal (Kapazität je nach Inszenierung um die 100 Plätze) mit dem Ungarischen Staatstheater "Csiky Gergely". Dieser Saal befand sich bis Mitte 2008 in einem kritischen Zustand und wird in der zweiten Hälfte des Jahres saniert. Dazu besitzt das Ungarische Theater ein improvisiertes Studio mit einer Kapazität von ca. 50 Plätzen: ein Saal, der früher dem Orchester als Probenraum diente. Das DSTT musste sich wegen der langwierigen Bauarbeiten in andere Spielräume retten: dem Militärkasino und dem Shopping Center "Bega". Eine Umbruchphase also, speziell wenn man daran denkt, dass die Intendantin des Nationaltheaters erst seit drei Spielzeiten und die beiden Intendanten des Deutschen bzw. des Ungarischen Theaters erst seit Ende 2007 im Amt sind.

Das Nationaltheater "Mihai Eminescu" Temeswar

   Das Temeswarer Nationaltheater (TNT) ist seit drei Spielzeiten vor allem auf Gegenwartsdramatik, experimentelles Theater und junge sowie namhafte Gastregisseure fokussiert. Autoren wie David Mamet, Neil LaBute, Hanoch Levin, Botho Strauß, Igor Bauersima kamen in den letzten Jahren hier zur Geltung. Ferner soll der erfolgreiche Regisseur Radu Afrim in der Spielzeit 2008/2009 einen Text der deutschen Autorin Dea Loher inszenieren. Zu den Spielleitern, die dem Nationaltheater neue Impulse gegeben haben, gehören in erster Linie Alexander Hausvater, Radu Apostol, Alexandra Badea und Radu Afrim. Afrims in der Spielzeit 2007/2008 entstandene Inszenierung "Die Krankheit der Familie M." von Fausto Paravidino wurde zum Nationaltheaterfestival nach Bukarest eingeladen und für den Kulturpreis Europa nominiert.

Das zurzeit wohl wichtigste Theaterevent der Stadt ist das vom TNT organisierte "Festival der rumänischen Dramatik". Das Festival existiert bereits in der XIV. Auflage und fördert seit drei Spielzeiten konsequent die rumänische Gegenwartsdramatik. Neben aktuellen Theatertexten und neuen Konzepten des Regieführens bietet es seinen Besuchern auch die Möglichkeit, Konzerte und Workshops zu besuchen sowie an Diskussionen teilzunehmen. Fakt ist, dass der Verschiedenartigkeit keine Grenzen gesetzt werden: gewagtes experimentelles Theater, elitäre Inszenierungen, aber auch viel Unterhaltungs- und Konsumtheater treffen hier aufeinander. Jedem Geschmack wird etwas Passendes geboten. Das TNT hat, soviel steht fest, in den vorangegangenen Spielzeiten rumänienweit an Sichtbarkeit gewonnen. Es wird auf Festivals eingeladen und gelegentlich entstehen gewagte Projekte und Produktionen von beachtlicher Qualität. Und das nach Jahren, in denen das schwerfällige Mammut TNT von der rumänischen Theaterszene beinahe übersehen wurde. Nebenbei erwähnt: Wer gegenwärtig mehr über anstehende Projekte und über die Künstler des Nationaltheaters erfahren will, kann dafür die hauseigene Zeitschrift "atent" nutzen.

Das Ungarische Staatstheater "Csiky Gergely" Temeswar

   Ebenso wie das Deutsche Staatstheater Temeswar besteht auch das Ungarische Theater seit 1953 als selbstständige öffentliche Kultureinrichtung mit festem Ensemble. In seine jungen, talentierten und engagierten Künstler setzen das Haus, aber auch die Temeswarer Theatergänger große Hoffnungen. Zu den größten Fürsprechern des Ensembles gehört naturgemäß auch der neue Intendant Attila Balázs, selbst ein äußerst begabter Schauspieler, der zuvor jahrelang fest am Theater angestellt war.

Das Ungarische Theater richtet sich vorwiegend an die ungarische Minderheit, bietet jedoch auch dem rumänischen Publikum die Option einer Übersetzung mittels Kopfhörern. Im Ungarischen Theater trifft sich ein bunt gemischtes  Publikum, fast alle Alters- und Gesellschaftsschichten sind vertreten. Aus diesem Grund besteht das Repertoire aus Texten der ungarischen Dramatik, Kindertheater, Klassikern der Weltliteratur, aber auch aus Musicals. Vor allem ungarische Regisseure inszenieren hier. Ein für das Ungarische Theater sehr wichtiger Name ist mit Sicherheit Victor Ioan Frunză, der jahrelang am Theater inszeniert und das Ensemble stark geprägt hat.

Zu den erfolgreichsten Produktionen der letzten zwei Spielzeiten gehören die Rockoper "István, der König" (Regie: Vas-Zoltán Iván), "Was geschah mit der Frau?" von Kiss Csaba nach Tschechow (Regie: Mátyás Zsolt Imre) und "Die Zeit kommt" von Line Knutzon (Regie: László Sándor). Im Frühjahr 2009 veranstaltet das Ungarische Theater ein "Euroregionales Theaterfestival" in ungarischer Sprache, das 2008 bereits seine zweite Auflage erlebt hat. Kürzlich wurde auch eine Partnerschaft mit dem "Jászai Mari" Theater aus Tatabánya unterzeichnet.

Das Deutsche Staatstheater Temeswar

   Das DSTT, das 2008 sein 55. Jubiläum feiert, verfügt ebenfalls über ein vielfältiges Publikum: Schüler (vor allem der deutschsprachigen Schulen in Rumänien), Studenten, Vertreter der deutschen Minderheit ebenso wie rumänischsprachige Besucher (da die Vorstellungen mittels Kopfhörer simultan ins Rumänische übersetzt werden). Der neue Intendant, Lucian Vărşăndan, ist bemüht, alle Publikumsschichten zufriedenzustellen. So besteht das Repertoire des DSTT aus deutschen Klassikern, Kinder- und Jugendtheater, Liederabenden und Gegenwartsdramatik. Zu den wichtigsten Spielleitern, die das Ensemble und den Geist des Theaters in den letzten Spielzeiten stark geprägt haben, zählen Alexander Hausvater und Victor Ioan Frunză. Ihre Inszenierungen wurden auf zahlreiche Festivals eingeladen und erhielten verschiedene Preise. Für Theaterliebhaber sind zurzeit "Das Urteil" von Barry Collins, (Regie: Alexander Hausvater) und "Feuergesicht" von Marius von Mayenburg (Regie: Radu Alexandru Nica) zu empfehlen.

Gegenwärtig besteht dank der Unterstützung durch das Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart sowie durch die Donauschwäbische Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg (die die Projekte des Theaters konsequent fördern), eine enge Verbindung zu Deutschland. So wird beispielsweise eine Partnerschaft mit der Badischen Landesbühne Bruchsal ermöglicht, die bereits seit 2004 besteht. Im Rahmen dieser Partnerschaft konnte 2007 die Produktion "Kamikaze" entstehen, ein beeindruckendes Stück der rumänischen Gegenwartsdramatikerin Alina Nelega, das von Gavril Cadariu inszeniert wurde.

   Seit einigen Jahren hat das Deutsche Staatstheater Temeswar ein theaterpädagogisches Angebot, das rumänienweit einzigartig ist. Außerdem ist es, was Gastspiele und Tourneen betrifft, das aktivste Temeswarer Theater. So werden jährlich mehrere Tourneen in Siebenbürgen und Abstecher nach Arad, Lugosch und Reschitza unternommen, also vor allem zu Städten, wo es noch Vertreter der deutschen Minderheit und deutschsprachige Schulen gibt.

Deutsch ist für die meisten Schauspieler des DSTT nur Zweitsprache. Dies stellt ein Problem dar, weil so mehr Arbeit für die korrekte Aussprache aufgewendet werden muss. Zum Teil kann dies aber durch konsequente sprecherzieherische Betreuung wettgemacht werden. Daran anknüpfend hat die Theaterleitung kürzlich damit begonnen, Workshops für das Ensemble zu organisieren, sodass die Schauspieler sich auch angemessen weiterentwickeln können. Einen beträchtlichen Gewinn stellt für das auffallend junge Ensemble  die Verpflichtung des erfahrenen deutschen Schauspielers Georg Peetz dar, der seit 2004 in Temeswar lebt und zahlreiche Hauptrollen in den meisten Glanzinszenierungen des DSTT spielte. Er übernahm auch eine wichtige Rolle in Hausvaters vielsprachiger Inszenierung "Athénée Palace Hotel" am Nationaltheater. Derartige Kooperationen zwischen den drei Theaterhäusern entstanden in den letzten Spielzeiten immer wieder: Öfters agierten Schauspieler der einen Einrichtung in Produktionen des anderen Theaterhauses, was spannende, verlockende Konstellationen entstehen lässt.

Alternative Angebote

   Neben den bislang vorgestellten Häusern gibt es in Temeswar noch das staatliche Kindertheater "Merlin" sowie einige freie Gruppen. Von diesen sei hier nur das "Auăleu – Teatru de Garaj şi Curte" ("Auăleu – Garage und Hoftheater") erwähnt, das seit 2005 besteht und seine Projekte durch Eigenfinanzierung realisiert. Alles in allem verfügt die Stadt jedenfalls über ein abwechslungsreiches, vibrierendes Theaterangebot, und eins steht fest: Die Temeswarer Theaterszene lebt!

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