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Theater als Eingriff in den Alltag

So unglaublich es klingt, es gibt im Rumänien des Jahres 2008 Theatermanager,
die um die Anzahl aller "unanständigen Ausdrücke" in einem Text feilschen, weil sie ihnen zu
unorthodox für den "heiligen Raum" der Bühne vorkommen. Doch zum Glück gibt es auch das
Gegenteil: Ein Theater, das frei ist von Zensur und blockierenden Kräften. Ein Theater des Aufbegehrens
und der Schlagfertigkeit, das Stellung bezieht und prompt reagiert wenn es darum geht, Missstände
anzuprangern. Ein Theater, wo Texte nicht mehr wie sprachliche Monolithen behandelt werden,
sondern wo
jede Aufführung ein Gemeinschaftswerk ist, das ganz selbstverständlich die Mitwirkung
von Autor, Regisseur, Bühnenbildner, Schauspieler und ja, auch von seinen Zusehern fordert.
Ein Theater, das unmittelbaren Kontakt mit der Realität und Anschluss an die
internationale Szene sucht. Kurzum: Modernes rumänisches Theater!

Von Mihaela Michailov
(01. 12. 2008)

...


   Vor 1989 war das rumänische Theatermodell von der Ausklammerung der Realität als ästhetischem und ethischem Prinzip bestimmt. Der Preis für das Überleben bestand in der Zurückweisung, Verkleidung oder geschickten Verleugnung von Realität. Die Herrschaft der Anspielung, die Einführung subversiver Symbolik, die Verwendung einer Gestik und bestimmter Codes, die im kollektiven Bewusstsein ein politisches Ventil aktivierten, wurden zu Hauptquellen des theatralischen Schaffens. Um zu sagen, was gesagt werden musste, ohne die Aufmerksamkeit blockierender Kräfte auf sich zu lenken, bediente man sich der Hintertürchen. Worte und Handlungen waren einer Strategie der Umgehung des anvisierten Sinns unterworfen. In den Texten und Vorstellungen ging der "böse Blick" der Zensur umher. Die sprachliche Äußerung wurde durch die Zensur, die einen linguistischen Totalitarismus aufzwang, kastriert. Jede Abweichung von den von der Partei aufgestellten Normen der Diskurspolitik wurde mit Sanktionen geahndet.

Nach 1989 wandten manche Regisseure, die sich um die Weiterentwicklung des zeitgenössischen rumänischen Theaters bemühten, ihre Aufmerksamkeit dem Alltag zu. Dem sprachlichen Ausdruck wurde das Recht auf Zugehörigkeit zur Realität und auf Erkundung wiedergegeben, und das ohne jedes absichtliche Drapieren der unmittelbaren Umwelt. Der Sprache wurde die Angst vor dem eigenen Dasein, vor der Beschreibung und der Verurteilung des Unmittelbaren genommen. Und ihr wurde das zurückgegeben, was ihr jäh genommen worden war: das Recht auf Entgegnung. Ihre Wahrnehmung ist allerdings noch immer durch eine der Zeit hinterherhinkende Anpassung an sozio-semantische Wandlungen beeinträchtigt. Der Regisseur muss um jeden zeitgenössischen Text kämpfen. So unglaublich es klingt, es gibt im Rumänien des Jahres 2008 Theatermanager, die um die Anzahl aller "unanständigen Ausdrücke" in einem Text feilschen, weil sie ihnen zu unorthodox für den "heiligen Raum" der Bühne vorkommen. Es gibt aber auch Theater, die keine Mühen scheuen und zeitgenössische Texte konsequent fördern: Teatrul foarte mic (Das sehr kleine Theater) in Bukarest, das Nationaltheater Mihail Eminescu in Timisoara, das Theater Toma Caragiu in Ploiesti. Das Bekenntnis zum zeitgenössischen Theater schlägt hierbei besonders bei den unabhängigen Häusern wie Teatrul LUNI im Green Hours (Theater MONTAG in einem Lokal namens Green Hours) oder Teatrul ACT (Theater AKT) voll durch.

Ein Pakt mit dem Theater

   Eine besondere Unterstützung erfuhr das Gegenwartstheater durch die Gründung der Gruppe dramAcum (ungefähr: dramaJetzt). Ins Leben gerufen wurde dramAcum am 25. Januar 2002 im Rahmen der UNATC (Nationale Universität für Theater- und Filmkunst), von einer Gruppe, die sich praktisch und inhaltlich eine Langzeitinvestition in das rumänische Theater der Gegenwart als Ziel gesetzt hatte. Die Gründungsmitglieder der dramAcum – Radu Apostol (Regisseur), Alexandru Berceanu (Regisseur), Gianina Carbunariu (Dramatikerin, Regisseurin), Andreea Valean (Dramatikerin, Drehbuchautorin, Regisseurin) und Professor Nicolae Mandea – haben von Beginn an unterstrichen, dass das rumänische Theater an das internationale anzuschließen sei. Dies wiederum könne nur durch Konzentration auf das Gegenwartstheater geschehen. Anschluss zu finden an eine Art des Schreibens, das einen Querschnitt der Realität abbildet, nicht in Metaphern erstickt und auch nicht am politischen Haken hängt – das war das Ziel, das von jenen Regisseuren verfolgt wurde, die in Rumänien eine grundlegende Wandlung des Theaters bewirkt haben. Die Emanzipation der Beziehung zwischen Autor und Regisseur, die Tatsache, dass beide zusammen an einem sich in Bewegung befindlichen Text arbeiten (wobei der Autor direkt an der Entstehung der Aufführung beteiligt ist), haben Konzepte wie die organische Zusammensetzung der Inszenierung, die Streuung der Autorenrechte und eine auf Konsens basierende Vision zur Diskussion gestellt. Der Text ist kein abgeschlossenes Manuskript mehr, sondern wird zur veränderlichen Performance, die zusammen mit der Aufführung eine darstellerische Gemeinschaft bildet. Die zwei Aktionsrichtungen, die von dramAcum eingeschlagen wurden, sind einerseits die Einrichtung eines rumänischen Dramatik-Wettbewerbs für alle Autoren unter 26 (hier wurden zuweilen auch Ausnahmen gemacht) und die Übernahme von Texten in "kleinen" Sprachen (Irisch, Schwedisch, Mazedonisch, Bulgarisch, Serbisch etc.) in den heimischen Theaterzirkus. Zeitgleich mit diesen Unternehmungen, die den direkten Bezug zum Theater sprengen, da sie durch den Inhalt und die Beschäftigung mit den betreffenden Texten eine wichtige soziale Komponente aufweisen, hat dramAcum versucht, eigene Räumlichkeiten zu finden, in denen es seine Projekte verwirklichen kann. Leider sind alle Bemühungen an den Vertröstungen und der Ablehnung der Behörden gescheitert, wobei es in Rumänien kein Forschungs- und Förderungszentrum für zeitgenössische Dramatik gibt, das nicht unter der Schirmherrschaft eines Theaters steht.

Das Theater des Unmittelbaren

   Das Dokumentieren der rumänischen Realität unter der Mitwirkung all jener, die an der Inszenierung beteiligt sind – Autor, Regisseur, Bühnenbildner, Schauspieler – ist eine der grundlegenden, von dramAcum verwendeten Methoden. Das Theater des Unmittelbaren wird angestrebt und als Hauptquelle des Schreibens anerkannt. Die Mottos zu den dramAcum-Wettbewerben – Hast du eine Idee? Wir verwirklichen sie!; Überschreitet die Grenze!, Schreib, was du siehst!, Inszeniere dich, wenn wir dich inszenieren sollen! – reflektieren das doppelte Performance-Ziel der Regisseure (zu denen sich inzwischen auch Ana Margineanu als Dauermitglied gesellt hat), nämlich das Interesse für ein Theater des unmittelbaren Kontakts mit der Realität und der Reflex, die Vorstellung als Team zu gestalten. Die von dramAcum entdeckten Dramatiker (Stefan Peca, Nicoleta Esineanu, Vera Ion, Gabriel Pintilei, Bodgan Georgescu, Maria Manolescu etc.) werden in wichtigen Theatern in Rumänien und im Ausland gespielt und sind in Übersetzung in Anthologien zu finden, die bei Verlagen in der ganzen Welt erscheinen. Für die Ausgabe 2008 des dramAcum-Wettbewerbs wurden rund 100 Texte eingereicht, was einerseits von einem wachsenden Interesse für das zeitgenössische Theater zeugt, andererseits die Glaubwürdigkeit beweist, die sich die Gruppe in der Zwischenzeit erarbeitet hat. DramAcum hat ein kohärentes System der theatralischen Erforschung und Praxis erarbeitet, das auch eine sichtbare Langzeitwirkung zeigt. Das rumänische Theater hat Texte übernommen, die durch die dramAcum-Projekte entstanden oder übersetzt worden sind. Dadurch wurden Autoren und Kritiker sich verstärkt auch der Schlagartigkeit bewusst, mit der das Theater in unsere unmittelbare Wirklichkeit interveniert, erkannten aber auch die Notwendigkeit, das theatralische Phänomen organisch – die Aufführung als Gemeinschaftswerk – zu begreifen.

DramAcum legte den Grundstein für ein sozialkritisches Behandeln der Alltagsinhalte durch kundiges theatralisches Filtern. Das künstlerische Potenzial der Ereignisse, mit denen wir täglich konfrontiert werden, fand dadurch die beste Umsetzung. Die Relevanz des Phänomens dramAcum geht freilich über den Einfluss von Texten und Aufführungen hinaus, indem es einen sozialen Einsatz ins Spiel bringt, der die Alltagsdarstellung umformatiert.

Kunst vor Ort

   Durch ein Weiterführen der Initiativen und Arbeitsmethoden des dramAcum- und ein Erweitern der angewandten Dokumentationsprojekte in den Gemeinden mittels einer Kunst vor Ort, begründete die Gruppe tangaProject eine ausgeklügelte dramaturgische Methodik. TangaProject entstand 2005 durch die Initiative von Miruna Dinu (Regisseurin), Bogdan Georgescu (Dramatiker und Regisseur), Vera Ion (Dramatikerin und Regisseurin), Ioana Păun (Regisseurin) und David Schwartz (Regisseur). Die Gruppe praktiziert ein Theater als Diskussionsplattform, in dem die akute Problematik von Gemeinden zur Sprache kommt. Also ein Theater der Implikation und Reaktion, in dem jeder der Beteiligten zum Autor der Aufführung wird. Die Kundigen und die Kundigmachenden genießen gleiche Rechte bei der Entstehung einer prompten, editorial-ähnlichen Vorstellung über aktuelle soziale Anomalien. TangaProject hat das Theatergeschehen mitten in der Zielgruppe angesiedelt, deren Dynamik und Bedürfnisse darin mitintegriert sind. Theater ist somit der Spielplatz geworden, auf dem Künstler, die an sozialen Entwicklungen und Blockaden interessiert sind, Interessenschwerpunkte definieren. TangaProject hat das Theater auf die Straße hinausgebracht, an die Kreuzung zwischen Alltagsdilemma und behördlicher Gleichgültigkeit, und bringt damit die Gemeinschaft dazu, sich ihre internen Dysfunktionen bewusst zu machen und auf diese zu reagieren.

Die tangaProjekt-Interventionen ermöglichten ein Theater des Aufzeigens und der Reaktion, ein Theater, das unmittelbar funktioniert, ein Theater, das die Realität dazu bringt, ihre schwachen Punkte zu entdecken. Die Künstler der tangaProjekt-Gruppe agieren als Detektoren von kommunitären Problemen, die sie dokumentieren, um sie dann zu hinterfragen.

   In RahovaNonstop – Vorstellungsdauer 25 Stunden (16.-17. Oktober 2006) – wurden die Geschichten des Bukarester Rahova-Viertels integriert und an den öffentlichen Plätzen der Stadtviertel Rahova-Uranus gespielt. Dieses Projekt, in dem die Regisseure, die Dramatiker, die Schauspieler und die Bühnenbildner in Forschungs- und Kreativgruppen gearbeitet haben, wurde im September 2007 von einem Vorstellungspaket abgelöst, das zu "Baue deine Gemeinde" wurde – ein investigatives Projekt, bei dem die Künstler über mehrere Monate in direktem Kontakt zu den Gemeindemitgliedern gestanden sind. Die verschiedenen Gemeinschaften waren: die Bewohner der mit Werbebannern bedeckten Wohnblocks, die Mieter von verstaatlichten Häusern, die Blutspender, die Jugendlichen des Dienstleistungskomplexes für straffällig gewordene Jugendliche im Bukarester Viertel Titan. Zu "Baue deine Gemeinde" gehörten auch eine Kreativwerkstatt für die Kinder aus der Rahova-Uranus Gegend, eine Drama-Werkstatt, die aufgrund der Erzählungen der befragten Gemeinschaften arbeitete, öffentliche Diskussionen, ein visuelles Archiv der Rahova-Uranus-Gegend und Gemeinde-Theatervorstellungen.

TangaProject entwickelte Forschungstechniken und -prozeduren, die dem kommunitären Theater eigen, dem rumänischen Publikum aber weitgehend unbekannt sind. TangaProject hat ein schlagfertiges Theater kreiert, das Stellung bezieht, ein Theater, das auf eine doppelte kommunitäre Konstruktion gesetzt hat: einerseits eine Kreativgemeinschaft (Dramatiker, Regisseure, Schauspieler), die eine Teamanalyse der anvisierten Gruppen voraussetzt, und andererseits eine Gemeinschaft, die sozio-theatralisch erforscht und dargestellt wird.

Am 21. August 2008 hat ein Teil der Künstler der tangaProject-Gruppe eine Performance als direkte Antwort auf die Diskussion und die inkompetenten Kommentare zur Ausstellung Freedom for Lazy People des New Yorker Kulturinstituts geboten, bei der hauptsächlich die Organisatoren der Ausstellung angeprangert wurden. Damit hat tangaProject einmal mehr bewiesen, dass ein prompt reagierendes Theater in Rumänien notwendig ist.
 

Aus dem Rumänischen von Aranca Munteanu
 


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