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Der fremde Blick

Setzen wir die Geburtsstunde des neuen rumänischen Theaters mit der
Rückkehr der Exilanten Anfang der 1990er Jahre an, so ist es im Moment ungefähr
15 oder 16 Jahre alt, also mitten in der Pubertät. Und wie ein pubertierendes Kind muss
es sich die eigene Identität noch schaffen, muss es neue Wege ausprobieren,
Scheitern und eine eigene Persönlichkeit finden. Viel wurde schon
erreicht, noch viel mehr ist zu erhoffen!

Von Susanne Rehm
(01. 12. 2008)

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Foto: Lutz Keiss

Susanne Rehm

ist freiberufliche Kultur-
managerin und Regisseurin.
Sie studierte Theaterwis-
senschaft in Bochum und
Dublin. Seit über zehn Jahren
arbeitet sie für diverse Theater-
ensembles und Kulturinitiativen,
viele davon aus dem Bereich
des freien Theaters. Seit
2003  ist sie vermehrt im
internationalen Kontext tätig.
Die ersten Kontakte mit
rumänischem Theater hatte
sie Festival für rumänische
Dramatik 2007 in Temeswar.

 

 

 

In Rumänien spielt der
Text (und mit ihm der
Dramatiker) noch immer
eine zentrale Rolle bei
der Theaterarbeit.

 

 

 

Buchtipp

Hans-Thies Lehmann.
Postdramatisches Theater.
Verlag der Autoren, 2005,
506 S. ISBN: 3886612848.

 

 

 


Ist die Ehrfurcht vor
oder die Verliebtheit in
den Text zu groß, vertraut
das Ensemble zu sehr
darauf, dass der Text
schon alles zum Ausdruck
bringen mag, bleiben
vielleicht sogar die
szenischen Ideen aus?

 

 

 

Buchtipp

Günther Jeschonnek.
Freies Theater in
Deutschland.
Klartext, 2007, 518 S.
ISBN:
389861767X.

 

 

 

Überhaupt habe ich
das Gefühl, dass das
Theater in Rumänien
durch starre Förder- und
Finanzierungsstrukturen
daran gehindert wird,
sich zu bewegen.

 

 


 

Buchtipp



Christel Hoffmann,
Annett Israel (Hg.).
Theater spielen mit
Kindern und Jugendlichen:
Konzepte, Methoden
und Übungen.
Juventa, 2008, 280 S.
ISBN: 3779910616.

 

 

 

Auch das Deutsche
Staatstheater in Temes-
war hat seit einiger Zeit
einen Theaterpädagogen,
ein Schritt, der hoffentlich
von vielen anderen
Theatern und kulturellen
Institutionen nachge-
ahmt wird.

 

   Anders als die anderen Autoren dieses Schwerpunkts bin ich keine Insiderin oder Kennerin des Theaters in Rumänien, meine Kontakte mit rumänischen Theaterkünstlern und Inszenierungen waren bisher eher punktuell und haben mir nur einen ersten Einblick ermöglicht. Mein Ausgangspunkt beim Betrachten der Produktionen ist vom zeitgenössischen Theater geprägt, so wie wir es in Deutschland antreffen.

Die Inszenierungen und Begegnungen, die ich erleben durfte, haben mich anfangs oft fragend zurückgelassen. Ich sah einige herausragende Inszenierungen, in der Mehrzahl von jungen Regisseuren und Ensembles. Aber auch eine große Anzahl von Stücken, die auf mich ästhetisch uneinheitlich wirkten. Oft hatte ich das Gefühl, die Produzierenden wollten innovative Elemente nutzen, wollten sich szenisch den Tendenzen und Strömungen annähern, die auch in anderen Ländern auf der Bühne vorherrschen. Dabei blieben sie jedoch bei der Imitation stecken und fanden keinen eigenen Zugang, so als hätten sie kein wirkliches Anliegen, das sie mit der gewählten Form zum Ausdruck bringen wollten.

Ich fragte mich, wie dieser Eindruck bei mir entstand. Im Folgenden möchte ich Ihnen einige meiner Antworten vorstellen:

Und immer der Text

   Seit den 60er Jahren zeichnete sich in Deutschland eine Tendenz ab, das Drama nur noch als Teil einer Inszenierung zu betrachten, der gleichberechtigt neben den Komponenten Zeit, Raum, Material und Körper steht. So manche Theater-Produktion verzichtet bis heute ganz bewusst auf den für die Bühne konzipierten Dramentext und greift stattdessen auf epische, wissenschaftliche oder journalistische Texte zurück. Durch diese Entwicklung verliert auch die Person des Dramatikers an Gewicht und Wichtigkeit. Das Prozesshafte, das Performative ist sowohl auf als auch hinter der Bühne in den Vordergrund gerückt.

Ganz anders in Rumänien. Der Text (und mit ihm der Dramatiker) spielt noch immer eine zentrale Rolle bei der Theaterarbeit. Die neuen Autoren, die die rumänische Geschichte und Gegenwart angriffslustig und pointiert beschreiben, werden (zurecht) international gefeiert. Auch bei den Umsetzungen für die Bühne dreht sich weiterhin alles um den Text, um das, was der Autor sich wohl beim Verfassen der Zeilen gedacht haben mag.

Bei einem solchen Ansatz rücken jedoch die Interpretation des Regisseurs und des Ensembles, aber auch Raum-, Zeit- und Inszenierungskonzepte, die die Vorgänge auf der Bühne strukturieren, automatisch in den Hintergrund. Ist die Ehrfurcht vor oder die Verliebtheit in den Text zu groß, vertraut das Ensemble zu sehr darauf, dass der Text schon alles zum Ausdruck bringen mag, bleiben vielleicht sogar die szenischen Ideen aus, die auch ein guter Text braucht, um zu einem Knüller auf der Bühne zu werden.

Mir als Rezipientin mit geringen Rumänischkenntnissen, die sich den Zugang zu den Aufführungen über die Bildsprache und Handlungen auf der Bühne erschließt, bleibt das Verständnis bei solchen Inszenierungen automatisch verwehrt.

Und immer das Geld

   In der Bundesrepublik bildete sich seit den siebziger Jahren neben den Stadt- und Staatstheatern eine vielfältige freie Theaterszene aus. Hier wurden neue ästhetische Ansätze und Arbeitsweisen erprobt, die mit der Zeit in den Kanon der institutionalisierten Theater Einzug hielten. Über viele Jahre forderten diese Ensembles eine Unterstützung durch die öffentliche Hand ein. Heute gibt es fast überall in Deutschland freie Theaterkompanien, die über vielfältige Wege gefördert werden. Freie Theatergruppen sind Ergänzung zu, Konkurrenz von und in manchen Orten auch kostengünstiger Ersatz für die festen institutionalisierten Theaterhäuser.

Der grundlegende Unterschied zwischen freiem und institutionalisiertem Theater sind heute die flachen Hierarchien und die wechselnden Zusammenarbeiten. Denn nicht nur die Schauspieler auf der Bühne werden meist stückbezogen engagiert, nein, auch Bühnenbildner, Kostümbildner und Techniker werden nach Bedarf gebucht. Darüber hinaus besteht eine rege Fluktuation von Künstlern vom freien Theater zu festen Bühnen und zurück. Oder Projekte freier Gruppen werden von festen Häusern engagiert. Bekanntestes Beispiel derzeit sind sicherlich die Künstler von Rimini-Protokoll.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Freies Theater ist nicht vom Prinzip her besser, es belebt nur das Geschäft und hat in Deutschland und anderen Ländern so manche Innovation vorangetrieben, die in den Strukturen der Stadttheater nicht möglich gewesen wäre.

In Rumänien fließt der staatliche und städtische Etat für Theater noch immer fast ausschließlich in die Stadt- und Staatstheater. Es gibt einige erfolgreiche freie Theatergruppen, die mit sehr guten Aufführungen auf sich aufmerksam gemacht haben. Sie haben, wie ihre freien Kollegen anderswo, Innovationen versucht und sich auf die Suche nach neuen Formen begeben. Nur langsam bekommen diese Gruppen öffentliche Anerkennung und, noch wichtiger, finanzielle Förderung. Allzu oft reiben sich die engagierten Künstler dieser Kompanien zwischen Broterwerb und künstlerischer Arbeit auf.

Ich habe mir sagen lassen, dass es eine ganze Weile dauerte, bis die freien Gruppen von den festen Häusern als künstlerisch gleichberechtigt akzeptiert wurden. Dass sie zum nationalen Theatertreffen nach Bukarest eingeladen wurden, spielte hier sicherlich eine wichtige Rolle. Erfolgreiche Regisseure und Schauspieler freier Gruppen kamen bald auch in den Stadt- und Staatstheatern unter. Die Gegenbewegung, dass auch Künstler der großen Häuser zu den freien Gruppen wechseln, ist meines Wissens kaum zu erkennen; ich nehme an, das hat finanzielle Gründe. Für viele Mitarbeiter der Theater ist es bereits mit Festanstellung schwer, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass das Theater in Rumänien durch starre Förder- und Finanzierungsstrukturen daran gehindert wird, sich zu bewegen. Ohne Bewegung aber kann nichts Neues entstehen. Wer ein vitales, kreatives Theater möchte, muss die finanziellen Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Und immer wieder Neues ...

   "Die Kinder sollen ins Puppentheater!". "Die Jugendlichen interessieren sich nicht für das Theater!", "Schulaufführungen gibt es nicht". Solche und ähnliche Äußerungen sind mir in Rumänien immer wieder zu Ohren gekommen.

Was dabei außer Acht gelassen wird, ist, dass jede gesellschaftliche Institution, die überleben möchte, die jungen Menschen braucht. Sie sind nicht nur die Zuschauer der nächsten Jahrzehnte, sondern auch die Macher, die Schauspieler und Regisseure der Zukunft. Wer als junger Mensch den Zugang, die Faszination für das Theater nicht erlebt, wird dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsener nicht mehr nachholen.

In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern ist es das Kinder- und Jugendtheater, das viele Veränderungen und ästhetische Versuche im Theater vorangetrieben hat. Das junge Publikum ist weniger voreingenommen, hat weniger Vorurteile, wie etwas zu sein hat. Die Themen für Kinder und Jugendliche finden sich leicht da, wo sich Künstler auf eine Begegnung auf Augenhöhe einlassen. Dabei geht es nicht um Belehrung, sondern um Verstehen.

Inzwischen gehört es in Deutschland fast schon zum Standard, dass Theater nicht nur FÜR junge Menschen produzieren, sondern die Theaterpädagogen auch Projekte MIT jungen Amateuren realisieren. Kreativität, Kunst und kulturelle Bildung werden dabei in den Dienst der individuellen Entwicklung der Beteiligten gestellt.

Auch das Deutsche Staatstheater in Temeswar hat seit einiger Zeit einen Theaterpädagogen, ein Schritt, der hoffentlich von vielen anderen Theatern und kulturellen Institutionen nachgeahmt wird.

Schlusswort

   An anderer Stelle in dieses Schwerpunkts spricht Irina Wolf vom Urknall des rumänischen Theaters, von dessen Entstehung aus der Asche, einem Phönix gleich. Setzen wir die Geburtsstunde des neuen rumänischen Theaters mit der Rückkehr der Exilanten Anfang der 1990er Jahre an, so ist es im Moment ungefähr 15 oder 16 Jahre alt, also mitten in der Pubertät. Und wie ein pubertierendes Kind muss es sich die eigene Identität noch schaffen, muss es neue Wege ausprobieren, Scheitern und eine eigene Persönlichkeit finden. Viel wurde schon erreicht, noch viel mehr ist zu erhoffen. Mich persönlich fasziniert die rumänische Theaterszene trotz aller Fragen immer wieder von Neuem und ich hoffe, noch viel davon zu sehen und zu hören.

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