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Vom blinden Genuss betäubender Düfte
...

Dem Geruch hat Thomas Mann sein allerletztes vollendetes Werk gewidmet,
Die Betrogene (1953). Zu diesem regte ihn eine Klatschgeschichte an, die er so in sein
Tagebuch notierte: "eine ältere […] Aristokratin, die sich leidenschaftlich in den jungen
Hauslehrer ihres Sohnes verliebt“ und deshalb eine durch Krebs hervorgerufene
"Blutung“ als "Auferstehung“ ihres "Weibtum[s]“ missversteht.

Von Yahya Elsaghe
(01. 09. 2007)

...



Prof. Dr. Yahya Elsaghe
yahya.elsaghe [at]
germ.unibe.ch

geboren 1960, ist Ordinarius für Neuere Deutsche Literatur am Institut für Germanistik der Universität Bern.

 

 

Linktipp

http://de.wikipedia.org/
wiki/Die_Betrogene

 

 

 

Thomas Mann
(1875–1955)

 

 

 


(c) zvg

Psyche, Amor mit
der Lampe betrachtend
.
(Johann Heinrich Füssli,
1761–1825)

 

 

 


(c) Unibibliothek Basel

Johann Jakob Bachofen,
1815–1887. Mit seinem
Versuch über die Gräber-
symbolik der Alten beab-
sichtigte er "Breschen zu
schießen in die Granitmauern
eines versteinerten histor-
ischen Rationalismus“.
(Brief vom 5.12.1854 an
Heinrich Meyer-Ochsner)

 

 

 



"
Das Zurücktreten der Geruchsreize scheint [...]
Folge der Abwendung des
Menschen von der Erde, des
Entschlusses zum aufrechten
Gang [...].“ (Sigmund Freud,
Das Unbehagen in der Kultur)
(Bild: Sigmund Freud, 1856-
1939, von Benedikt Dolbin,
undatiert.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bedeutung, welche
Thomas Mann in seinem
letzten vollendeten Werk
dem Geruch verliehen hat,
lässt sich auf die Formel
einer Marginalie bringen,
mit der er selber Bachofen
einmal glossiert hatte:
"Reaktionärer Pferdefuß"

 

 

   "Die Betrogene", die sich in einen Mann verliebt, der ihr "Sohn sein könnte" – das gibt ihr ihre Tochter ausdrücklich zu bedenken –, trägt einen sprechenden oder gewissermassen den duftenden Namen Rosalie:

"Die Rosenzeit war ihre ganze Wonne. Sie zog die Königin der Blumen […] in ihrem Garten, […] und immer standen […] auf den Etagèren und Tischchen ihres Boudoirs Sträuße von wohlerquickten Rosen […]. Sie konnte lange, mit geschlossenen Augen, ihr Gesicht in solchem Strauße bergen und, wenn sie es wieder daraus erhob, versichern, das sei Götterduft; als Psyche sich mit der Lampe über den schlafenden Amor beugte, habe sein Hauch, hätten seine Locken und Wangen ihr Näschen gewiß mit diesem Wohlgeruch erfüllt […]."

Angespielt ist hier auf das Märchen von Amor und Psyche, wie es Apuleius von Madaura in seinen Metamorphosen (2. Jh. n.Chr.) erzählt oder wie es Apuleius vielmehr gerade nicht erzählt.

Denn genauer gesagt ist hier auf Psyches Verstoß gegen das ihr auferlegte Verbot angespielt, den zu sehen, der bisher immer nur im Dunkeln und identitätslos mit ihr schlief. Zwar könnte man sonst bis in die Details aufzeigen, dass Die Betrogene eine einzige Nach-Erzählung, Parodie oder Travestie des hier für einmal sogar namentlich aufgerufenen Märchens ist. Aber ausgerechnet die eine Szene, in der das Märchen ausnahmsweise bei den beiden Namen genannt wird, hat in diesem keine Entsprechung. Nach "Wohlgeruch" und "Götterduft" sucht man im Märchen von Amor und Psyche ganz vergebens.

   Dass hier in Duft überführt wird, was Psyche dort nur sieht ("videt […] genas […] crinium globos"), entspricht dem Verhältnis, in das Sehen und Riechen im unmittelbar folgenden Textabschnitt geraten. Rosalie möchte, dass ihre Tochter, eine abstrakte Malerin, die visual art dem Geruch dienstbar macht und "Düfte in Farben" umsetzt. Im hieran wiederum unmittelbar anschließenden Passus aber, der im Tagebuch den Arbeitstitel "Düfte der Natur" erhielt, integriert der Erzähler das Motiv der von der Protagonistin eben noch so hoch geschätzten Gerüche dem eigentlichen, im Titel schon genannten Thema des 'Betrugs', indem er die "zweideutige Übergänglichkeit und Ambivalenz" selbst des Wohlgeruchs vor Augen führt: "Aber auf einem Spaziergang" ist die "Aus-dünstung" von "Tierexkremente[n]" und "Kadaver […] schon nicht mehr Gestank zu nennen, sondern ohne Zweifel als Moschusgeruch anzusprechen".

Die Funktion des in der namentlichen Anspielung auf das Märchen privilegierten, hier 'aber' so trüglichen Geruchssinns lässt sich anhand dessen bestimmen, was in dieser Anspielung zu Gunsten des Geruchs ausgeblendet, doch befremdlicherweise als Ausgeblendetes immerhin noch benannt wird. Denn obwohl Rosalie selber in dem der Märchenszene entsprechenden oder eben gerade nicht entsprechenden 'Augenblick' die Augen ausdrücklich geschlossen hält und obwohl sie ihren Selbstvergleich mit Psyche ja nur um des Wohlgeruchs willen zieht, erwähnt sie darin dennoch Psyches Lampe. Dem Erklärungsbedarf, den diese prima vista ganz überflüssige Erwähnung erzeugt, kann man über die Interpretationsgeschichte des Märchens abhelfen, genauer gesagt über die Bedeutung, die Johann Jakob Bachofen in seinem Versuch über die Gräbersymbolik der Alten (1859) der Lampe, dem Licht und dem Blick der Frau auf den Mann gab.

   Bachofen hatte das Märchen von Amor und Psyche im Rahmen seiner dreistufigen Kulturgeschichte bzw. der darin vorherrschenden Metaphorik interpretiert, durch die er jede der drei von ihm postulierten Makroepochen mit einem Himmelskörper assoziierte. Diese drei Epochen, der 'tellurische' Hetärismus, das 'lunarische' Mutterrecht und das 'solarische' Vaterrecht, sind durch den Grad bestimmt, in welchem sie Licht ins Dunkel der väterlichen Herkunft bringen und die Ungewissheit der Vaterschaft beseitigen. Den im Kunstlicht der Lampe ermöglichten Blick der Frau auf den jetzt identifizierbar gewordenen Mann verstand Bachofen nun als Überwindung des finsteren Hetärismus, d.h. einer totalen Promiskuität, bei der es Väter gar nicht geben kann. Lampe, Licht und weiblicher Blick stehen nach Bachofen somit für den Durchbruch zum Mutterrecht. Dieses habe die monogame Ehe etabliert, habe die Identität der Kinder aber noch matrilinear bestimmt und sei deshalb seinerseits nur "Durchgangspunkt" zum Vaterrecht, der "höchsten" aller Kulturstufen – ein Superlativ, den Thomas Mann unterstrichen und mit einer Bände sprechenden Randglosse versehen hat: "also doch".

Wenn nun in seiner Anspielung auf "Psyche […] mit der Lampe" der Blick der Frau fehlt und durch Riechen verdrängt wird, so entsprechen dem sehr genau die anderweitigen Anleihen bei Bachofen. Rosalie besitzt z. B. ein feines Sensorium "für alles weibliche Leben"; sie hat die Fähigkeit, "[e]ine Schwangerschaft […] im alleranfänglichsten Stadium" auszuwittern (in der älteren Schicht der Handschrift sogar "die Reinigungstage der Damen ihrer Bekanntschaft"). Wie ihre Tochter lebt sie in Ehelosigkeit; denn der Gatte und Vater starb einen fadenscheinigen "Heldentod", "ganz zu Anfang des Krieges, nicht im Gefecht, sondern auf recht sinnlose Weise durch einen Automobilunfall, doch konnte man trotzdem sagen: auf dem Felde der Ehre". Ihrer Tocher ist Rosalie ungleich näher verbunden als ihrem Sohn, dem sie in kaum verhohlener Gleichgültigkeit begegnet. Diese – von Bachofen so genannte – "Auszeichnung der Schwester vor dem Bruder" zeigt sich besonders auch in einem offenen Austausch über das weiblich Intime der Menstruation. Deren Tabuierung übrigens lässt Sigmund Freud, ein anderer Bachofen-Leser, kulturgeschichtlich mit der "Entwertung der Geruchsreize" zusammenfallen: "Deren Rolle" habe an dieser absoluten "Schwelle der menschlichen Kultur" der Blick "übernommen".

   Das alles weist auf eine 'hetärische' Kulturstufe hin. Für diese, so Bachofen an einer von Thomas Mann wieder angestrichenen Stelle, seien "Mythen von der Mischung des Sohnes mit der Mutter" typisch. Und der natürliche "Prototyp des ehelosen Muttertums" sei die "wilde [ ] Sumpfvegetation".

Das Bild oder vielmehr der Geruch des Sumpfs, der in seiner Zwanghaftigkeit keinem Bachofen-Leser entgehen kann, spielt denn auch in jenen Passus "Düfte der Natur" hinein. Der "Genuß" solcher "mit Feuchte" "getränkt[er]" "Düfte" wird explizit mit "feucht-warme[r]" Witterung und unterschwellig, aber ziemlich unmissverständlich mit dem weiblichen Genital assoziiert: Die Gerüche dringen aus dem "Schoße" "der Natur" und "eine[r] gestreckte[n]", "dicht bewachsen[en]" "Bodenfalte".

Eine "Sumpfzypresse" sodann, die an einen "feuchten Wiesenweg" zu stehen kommt, findet sich als einziger unter allen aufgezählten Bäumen in keinem der für die Ausarbeitung der Erzählung herangezogenen Texte. Und die Schwäne in einem Teich, für Bachofen kultursymbolisch bedeutungsträchtige "Tier[e] der Sümpfe" und "Sumpfgewässer", sind in einem dieser Texte zwar schon vorgegeben, schwimmen hier aber, anders als dort, in gleichsam versumpfendem, nämlich auf "schleimige[m] Gewässer".

   Auf die "Sumpfstufe" des Hetärismus weist bereits die zeitlebens notorische Promiskuität des jetzt toten Vaters. "[D]essen öftere Abweichungen von der Richtschnur ehelicher Treue" werden gleich im ersten Abschnitt vermerkt und dort eigens als "Merkmal" "nur" eben "überschüssiger Rüstigkeit" und also keiner jemals innigeren Bindung gewissermaßen entschuldigt. Auf dieselbe "Sumpfstufe" deutet auch die Blume, die Rosalie im Namen führt: "Die schnell verriechende Rose" figuriert bei Bachofen, in unmittelbarem Zusammenhang mit den Mythen "von der Mischung des Sohnes mit der Mutter", als "Sinnbild" des Hetärismus (auch diese Stelle hat Thomas Mann angestrichen). Und auf den Hetärismus spielt vollends der kultische Aufwand an, den Rosalie mit dieser "Königin der Blumen" betreibt – eine im Kontext matriarchaler Phantasien natürlich ihrerseits vielsagende Metapher –; und zwar betreibt sie solchen Aufwand im "Boudoir" als einem Männern per definitionem verschlossenen Bereich. Den deutlichsten Hinweis aber auf den Hetärismus gibt die unmittelbar zuvor erwähnte "Windbestäubung"; handelt es sich dabei doch um "eine Art der Befruchtung", bei der die 'Paarung' von "Blütenstaub[ ]" und "weibliche[r] Narbe" gänzlich dem Zufall überlassen bleibt und welche so das Prinzip aller Vaterschaft ausschließt: "eine Art der Befruchtung, die ihr, Rosalie, "besonders anmutig schien".

Weil sich im Motivarsenal der Betrogenen so viele 'hetärische' Elemente finden und weil Thomas Mann andererseits die eminente Wichtigkeit des Lichtmotivs in der Rezeptionsgeschichte des Märchens von Amor und Psyche genau kannte, muss der 'blinden' Stelle in der Anspielung auf dieses Märchen ein hoher Bedeutungswert zukommen. Dieser ergibt sich aus Bachofens ideologischen Voraussetzungen. Denn Bachofens Kulturtheorie lässt nicht einfach nur Männerphantasien und -ängste erkennen, sondern ineins damit auch etwas von der sozialen Identität des Autors. Bachofen stammte aus dem Basler Teig; und aus einer tief sitzenden Revolutionsangst dieser so schmalen wie hoch privilegierten Oberschicht scheint schon die Grundvoraussetzung seiner Kulturstufenlehre gespeist zu sein: "Jeder Wendepunkt in der Entwicklung des Geschlechterverhältnisses" sei "von blutigen Ereignissen umgeben, die allmähliche friedliche Fortbildung viel seltener als der gewaltsame Umsturz".

   Den im Rahmen solch einer Katastrophentheorie scharf eingrenzbaren Kulturepochen ordnete Bachofen bestimmte politische Systeme zu: dem Vaterrecht z.B. das römische Kaisertum und dem Hetärismus mit seiner "Abwesenheit jedes Eigentums" und seiner "allgemeine[n] Brüderlichkeit aller Menschen" den "Fluch der Demokratie". Diese Gleichung wiederum, neben die Zeichen der Zeit gehalten – Bachofen und Marx gehörten ein und derselben Generation an –, drohte das ganze Konzept der Stufenlehre zu widerlegen, die optimistische Vorstellung eines irreversiblen Fortschritts vom Hetärismus zum Prinzipat der Patriarchen und Patrizier. Den Widerspruch zwischen den Tendenzen der Zeitgeschichte und seiner Kulturtheorie bewältigte Bachofen, indem er den für seine Theorie grundlegenden Fortschrittsgedanken gegebenen Orts, und auch diese Stelle hat sich Thomas Mann angestrichen, kurzerhand durch die fatalistische Konzeption eines zyklischen Geschichtsverlaufs ersetzte: "Das Ende der staatlichen Entwicklung gleicht dem Beginn des menschlichen Daseins. Die ursprüngliche Gleichheit aller kehrt zuletzt wieder. Das mütterlich-stoffliche Prinzip des Daseins eröffnet und schließt den Kreislauf der menschlichen Dinge."

Dass die Privilegierung des Geruchssinns in der Betrogenen vor genau diesem Hintergrund zu sehen ist, lassen schon die ersten Worte der Novelle vermuten, die als einziges Werk des Autors mit einer Zeitangabe beginnt: "In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts". Die 'hetärische' Anwandlung der deutschen Aristokratin wird auf die aus dem verlorenen Krieg hervorgegangene Republik festgelegt, die deutschen Frauen z.B. das Wahlrecht brachte und welche hier in gewissermaßen ursächlichen Zusammenhang mit der unwiderruflichen Abwesenheit der Vaterfigur, mit Rosalies rechtlicher und ökonomischer Selbständigkeit zu stehen kommt. Die Leidenschaft der Frau für einen viel jüngeren und sozial tieferstehenden Mann bricht im Zeichen einer historischen Periode aus, die Bachofen als Rückfall auf "[d]as mütterlich-stoffliche Prinzip" bezeichnet hätte.

   Die Blendung des Blicks und die Privilegierung des 'primitiven' Geruchssinns stehen also nicht nur in Zusammenhang mit dem Betrug und Selbstbetrug der "Betrogene[n]", welche das "Tageslicht" ausdrücklich als "ein so falsches, so gänzlich irreführendes Licht" denunziert und sich weigert, der Aufforderung ihrer Tochter zu folgen und ihren sehr durchschnittlichen Geliebten auch "nur einen Augenblick" in diesem "Tageslicht" "zu sehen". Über die sozusagen negative Anspielung auf das Märchen von Amor und Psyche und dessen Bachofensche Deutung geraten Geruch und Duft in eine prägnante Beziehung zur Zeit des Geschehens. Der 'blinde' "Genuß" "betäubend[er]" Düfte erscheint als Regression in den Hetärismus. Er gewinnt dadurch eine Bedeutung, die bei Bachofen so zwar eben nur ansatzweise vorgegeben ist, die sich aber aus Bachofens Apuleius-Interpretation ganz von selbst ergibt. Die Bedeutung, welche Thomas Mann in seinem letzten vollendeten Werk dem Geruch verliehen hat, lässt sich so gelesen auf die Formel einer Marginalie bringen, mit der er selber Bachofen einmal glossiert hatte: "Reaktionärer Pferdefuß."
 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: "UniPress" (Universität Bern).
www.kommunikation.unibe.ch/publikationen/unipress.html

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