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Synästhesie und Sünde

Wie die Sinne unser Leben regieren

September 2007

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Vorwort

Wir hören Musik, lauschen dem gesprochenen Wort, sehen Buchstaben auf Papier, riechen Zimt und Vanille. Wie leicht es uns gewöhnlich fällt, der Welt über unsere Sinne Bedeutung abzugewinnen, merken wir oft erst, wenn einer dieser Sinne fehlt. Oder mehrere. Traurige Bekanntheit erlangte in dieser Hinsicht die US-Amerikanerin Laura D. Bridgman (1829-1889). Als Zweijährige hatte sie durch eine Scharlacherkrankung ihr Seh- und Hörvermögen und schließlich auch noch ihren Geruchs- und Geschmackssinn verloren. Ihre letzte Möglichkeit, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen, blieben taktile Reize. Nach vielen gescheiterten Versuchen und geduldiger Anleitung durch ihre Erzieher wurde ihr endlich klar, dass bestimmte Berührungen für spezifische Dinge in der Außenwelt standen, und von diesem Moment an war der Bann gebrochen: Sie lernte atemberaubend schnell, konnte bald lesen und schreiben und wurde in fortgeschrittenem Alter selbst zur anerkannten Autorität in Sachen Sprache: Das von ihr verwendete Fingeralphabet gebrauchte eine ihrer Schülerinnen Jahre später als wirksames Instrument im Kampf gegen die Sprachlosigkeit eines anderen taubblinden Mädchens, das zuletzt noch größere Berühmtheit erlangte als Bridgman selbst: Helen Keller. Die Lebensgeschichten dieser beiden Frauen machen deutlich, welchen immensen Wert jeder einzelne unserer Sinne besitzt; doch gleichzeitig wird klar, dass wir auf Grund der unglaublichen Leistungen unseres Gehirns die Welt um uns auch noch auf eine andere, symbolisch-abstrakte Weise interpretieren können. Sinnvoll deuten lässt sich unsere Umwelt später aber nur, wenn wir sie zunächst auf die eine oder andere Art "be-greifen" lernen auch wenn es oft nur ein Zipfel jener Totalität ist, die da draußen vor unseren Augen, Ohren, Nasen und Händen existiert.

Franz Wagner und Kristina Werndl
(13. 09. 2007)


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Manfred Kern
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Moribunde Synästhesien
Sinnlichkeit und Sinnverwirrung im Liebestod Tristans und Isoldes.
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s ist ein altes Klischee, dass Liebe und Tod, Eros und Thanatos wesensverwandt seien. Die Wahrheit ist, dass sie von der Poesie zusammengedacht und -gereimt werden. Um synästhetische Exzesse geht es in beiden Fällen. (
01. 09. 2007)
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Andreas Graeser
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Die Sinne als Problem in der Philosophie
Menschliche Wahrnehmung in Antike und Gegenwart.

Die menschlichen Sinne und ihre Funktionen wurden keineswegs zu allen Zeiten und allerorts gleich gedeutet. Den Philosophen der klassischen Antike waren diese Organe, die auf jeden Bereich des Lebens einwirken, manche Überlegungen wert, die durchaus nicht einheitlich waren. Doch auch heute noch hat sich, neue medizinische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse hin oder her, die Philosophie nicht auf eine einheitliche Deutung dieser Organe und ihres Einflusses auf die menschliche Existenz festgelegt.
(01. 09. 2007)
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Peter Jakobeit
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"Das Auge bringt den Menschen in die Welt, das Ohr die Welt in den Menschen"
Wer keine Zeit oder Lust hat zu lesen, der kann auch hören: Thomas Manns "Zauberberg", Schnitzlers "Fräulein Else" oder Sven Regeners Bestseller "Herr Lehmann" bilden nur einen winzigen Bruchteil aus dem vielfältigen Angebot an sprechenden Büchern, das aktuell mehr als 6.000 Titel (CDs und Kassetten) umfasst. Trotz einzelner Tonraritäten aus dem frühen 20. Jahrhundert gibt es das Hörbuch im deutschen Sprachraum noch nicht allzu lang: Vor nicht einmal 30 Jahren gründete Erich Schumm den ersten deutschen Hörbuchverlag. (
01. 09. 2007)
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Albina Colden und Benedikt Mandl
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Empathische Synästhetik
Maria Lassnigs Bilder von der Inneren Welt.
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ie Fähigkeit, die Sinne über das Sehen hinaus zu stimulieren, zählt zu den prominentesten Eigenschaften von Maria Lassnigs Gemälden. Ihr Strich ist geladen und voll Spannung. Ihre  Farben sind Gift. Die losen Falten ihrer Haut verströmen Geruch, und unbeseelte Objekte, die manchmal Figuren bloß begleiten, vibrieren und glühen mit spürbarer Energie. (
01. 09. 2007)...
 

 

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Manfred Flieser
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Slow Food Genießen mit allen Sinnen
Der Slow Food-Gedanke entstand im Herbst 1986 – just an jenem Tag, an dem McDonald's seine erste Filiale in Italien eröffnete. Global einheitlich schmeckendes Fast Food im Herzen Roms – das empfanden der Journalist Carlo Petrini und eine handvoll Gleichgesinnte nicht nur als Zumutung, sondern als Attacke auf die Esskultur. Sie deckten eine mehrere Meter lange Tafel vor der US-Schnellimbissbude und luden alle Vorbeikommenden ein, gemeinsam mit ihnen typisch regionale Hausmannskost und guten Wein zu genießen. Nach und nach wuchs der Kreis bewusster Genießer, der gegen die Vereinheitlichung des Geschmacks und für das Recht auf Genuss kämpft, zu jener beachtlichen internationalen Slow Food Bewegung von heute. (01. 09. 2007)
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Christoph Buggert
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Vom Sendespiel zur nomadischen Radiokunst
In keiner anderen Kunstgattung dürfte die Vielschichtigkeit und Zerrissenheit des digitalen Zeitalters so authentisch abgebildet werden wie im zeitgenössischen Hörspiel. Um so unverständlicher ist es, dass der kulturelle Diskurs die Aktualität und Relevanz der Radiokunst nach wie vor vernachlässigt. Hans-Jürgen Krugs "Kleine Geschichte des Hörspiels" wird hoffentlich dazu beitragen, den für die gesamte Kunstszene abträglichen Zustand zu ändern. (
01. 09. 2007)
 

 

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Kristina Werndl
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Spürnasen riechen besser
Hercule Poirots Nase ist durch einen mächtigen gezwirbelten Schnurrbart versperrt, Lilly Steinfests Riechorgan hat die Form einer Klingonennase. Man könnte geradezu ein umgekehrt proportionales Verhältnis zwischen Funktionalität der Nase und detektivischem Vermögen vermuten. Egal. Beide Ermittler sind Meister ihres Faches, Lilly ist aber bedeutend sexyer. Sie beweist in Heinrich Steinfests neuestem Krimi einen sensationellen Riecher für das Verbrechen. (
01. 09. 2007)
 

 

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Andreas Seimer
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Aspekte der Hör- und Sprachentwicklung
Hören verbindet Menschen und ermöglicht und die verbale Kommunikation. Neben den Worten hören wir den Klang der Stimme und die Emotionen, die darin mitschwingen. Schlecht zu hören schafft Missverständnisse, Misstrauen, verunsichert und trennt von der Welt der Hörenden. Musik berührt uns. Akustische Signale warnen und helfen, uns zu orientieren. Geräusche sind allgegenwärtig. (
01. 09. 2007)
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Teresa Präauer

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Empirie eines Tages
Unter vielen Experimenten diese beiden: Versuchen, zwischen den Regentropfen durchzulaufen, ohne nass zu werden. Versuchen, sich so schnell zu drehen, dass im Spiegel noch das Abbild meines Rückens zu erahnen ist. (
01. 09. 2007)
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Hanno Millesi
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Handgreiflich
Eine der stärksten und zugleich entscheidenden Gesten in Hermann Nitschs Orgien Mysterien Theater ist der Griff ins rohe Fleisch, das Betasten und Betatschen blutig-feuchten Gewebes. Eine Geste, die alle frühen bildnerischen Experimente und erste auf Text basierende Arbeiten in ein synästhetisches, alle Sinne beanspruchendes Ganzes verwandelt. (
01. 09. 2007)
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Franz Wagner
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Tödlicher Lufthauch
Im ausgehenden 18. Jahrhundert versetzt das Miasma, das "faulige Molekül" die Menschen in Angst und Schrecken: Giftige, vom Boden aufsteigende Dämpfe schwängern die Luft und bedrohen Leben und Gesundheit der Stadtbewohner. In dieser Situation schlägt die Stunde der Nase: Geschätzt als Wachposten im Erkennen schlechter Gerüche, gerät sie zum vorzüglichen Analyseinstrument, das vor krank machenden Ausdünstungen und giftigen Substanzen warnt. Mit Hilfe der Nase lässt sich die Umwelt chemisch erforschen. (
01. 09. 2007)
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Katharina Körting
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Von der Diskretion des Glücks
Stinkende Windeln, vollgesabberte Blazer, geplatzte Abend-Termine und durchgekotzte Nächte ja, auch das bedeutet es, Kinder zu kriegen. Aber da gibt es auch diesen Geruch auf dem Babykopf, auf der Haut unterm Flaum, ein Duft direkt aus dem Paradies, sinnlich und rein, nach dem absoluten Zuhause, vertraut und süß, als hätte man das vor Menschengedenken gerochen und erinnerte sich wieder daran. (
01. 09. 2007)
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Irina Wolf

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Im Labyrinth der 12 Sinne
Der rumänische Künstler Gabriel Stan führt den Leser in seinem Erstlingswerk durch einen Irrgarten von Geschichten aus der repressiven Zeit des Kommunismus und der "freien" Gesellschaft danach ebenso wie durch Verse aus der Bibel, Erzählungen aus der indischen Philosophie und der jüdischen Lehre. (01. 09. 2007)
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Kristina Werndl

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Salat auf Draht
Zu berichten ist von zarten Schösslingen, die in der nährstoffreichen Kieler Erde aus dem Boden sprießen. Eine Saat geht auf, ein Salat der Sorte Wortsalat steht zum Pflücken bereit. Das funktioniert ohne körperliche Anstrengung und gekrümmten Rücken, ohne sich die Hände schmutzig zu machen, man glaubt es kaum: Man wähle einfach die Telefonnummer: 0049 431/9011156.  (
01. 09. 2007)
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Lukas Marcel Vosicky

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Triest liegt nicht am Meer
Wo bereits James Joyce oder Joseph Roth dem Duft des Kaffees erlegen sind: Das Caffè San Marco gehört bis heute zu den bekanntesten Jugendstil-Kaffehäusern von Triest. (
01. 09. 2007)
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Anselm Gerhard

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Nicht fürs Ohr allein
Wahrnehmung von Musik im historischen Wandel.

Hören – von Musik wie von Sprache – wird in unserem mechanistischen Weltbild allzu voreilig auf das Ohr bezogen. Dabei ist die Wahrnehmung von Musik im Wesentlichen eine – bisher kaum erforschte – Leistung des Intellekts. Beispiele aus der europäischen Kunstmusik der letzten 200 Jahre können demonstrieren, wie sehr uns hoch spezialisierte intellektuelle Leistungen als "natürlich" erscheinen.
(01. 09. 2007)
 

 

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Vasile V. Poenaru

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Ganz bei Sinnen sein
Wenn mein Dichter schlafen geht, bin ich allein mit seinen Texten. Alles, was ich will, darf ich mir dann nehmen. Ich darf mir die Gefühle aneignen, die da feilgeboten werden. Ich darf Gedanken hegen, die woanders entstehen. Ich darf sie billigen, verstoßen, verdrehen oder vielleicht sogar vollenden. Ob er wohl träumt, mein Dichter? (01. 09. 2007)
 

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Kristin Teuchtmann

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Wege zur Verständigung
Ein Plädoyer für das Sprechen- und Artikulierenlernen von Gehörlosen. Lautsprachliche Kommunikation öffnet Gehörlosen die Tore zu Berufen auch in nicht geschützten Umfeldern und ermöglicht so eine bessere und leichtere Integration. (01. 09. 2007)
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Yahya Elsaghe

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Vom blinden Genuss betäubender Düfte
Dem Geruch hat Thomas Mann sein allerletztes vollendetes Werk gewidmet, "Die Betrogene" (1953). Zu diesem regte ihn eine Klatschgeschichte an, die er so in sein Tagebuch notierte: "eine ältere […] Aristokratin, die sich leidenschaftlich in den jungen Hauslehrer ihres Sohnes verliebt" und deshalb eine durch Krebs hervorgerufene "Blutung" als "Auferstehung" ihres "Weibtum[s]" missversteht. (01. 09. 2007)
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Rüdiger Lohlker

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Guantanamo, Abu Ghraib, az-Zarqawi und zurück
Beschämung und Ehre in der muslimischen Rezeption
Wenn wir über das Internet, den Cyberspace nachdenken, wird häufig in Kategorien wie dem inhärent demokratisierenden Charakter des Cyberspace reflektiert. Die Video- und Textbytes, mit denen wir in diesem Beitrag konfrontiert werden, dementieren solche Vorstellungen in erschreckender Weise, zeigen uns den Cyberspace als Sphäre der Propaganda des Grauens.
(02. 10. 2007)
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Mario Obersteiner und Klaudia Odreitz

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Sehnsucht nach Liebe
Scham, Nacktheit und Körperbild von Jugendlichen
Die hier aufgeführte Studie an Kärntner BerufsschülerInnen zeigt: Jugendliche im Alter zwischen 15 und 20 Jahren gehen überaus selbstkritisch mit sich um. Sie vergleichen ihre Körper ständig mit dem in unserer Gesellschaft geltenden Idealbild. Dieses künstlich generierte Ideal ist jedoch nicht zu erreichen. (
02. 10. 2007)
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