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Teresa Präauer

Studium der Germanistik in Salzburg und Berlin & Bildende
Kunst in der Malereiklasse am Salzburger Mozarteum.
Lebt als Bildende Künstlerin in Wien.
Ab 1. Oktober 2007 wird ihre Arbeit ein Jahr lang im IFK
Wien in der Reihe "IFK_art" vorgestellt.

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Bild: Teresa Präauer


Empirie eines Tages

Hören: das dicke, volle Brummen einer einzelnen Fliege im leeren Kirchenraum an einem spätsommerlichen Nachmittag.

Nenn es "nostalgisch vor der Zeit", dass ich mir so und sooft darüber bewusst zu sein scheine, dass dies und das einmal gewesen sein wird. (Und dass das trotzdem keine Zugfahrt erspart.)

"Alles vergeht, alles vergeht", wiederholt meine Tante die Formel, aber sie, 78-jährig, weiß, wovon sie spricht.

Sie hat mich nicht sofort bemerkt, als ich mein Rad von der Garage her kommend in Richtung ihrer Terrasse geschoben habe. In ein großes Badetuch gehüllt sitzt sie im weißen Plastiksessel, den vom Schwimmen nassen Badeanzug noch nicht gewechselt, und blickt ruhig geradeaus in den Garten wie auf ihr Lebenswerk: still und für sich.

Schmecken: Schokoladengugelhupf und "Apfelschlangerl", Kaffee mit Zucker und Milch (all die Verwandten!).

Das schmerzt, Menschen wieder ihrem Alleinsein zu überlassen. Noch ein Blick zurück, wie sie das Geschirr aufs Tablett schlichtet, das Tischtuch mit drei Handstrichen von den letzten Bröseln befreit … Fernsehlichterflackern hinter vorgezogenen Gardinen, während es Abend wird und eine über die Hügel von Kirchdorf nach Schlierbach radelt.

Wie ich mit mir selbst beschäftigt bin! – Und so trägt jeder diesen Hut voll eigener Welt mit sich spazieren; kaum vorstellbar (wo hat das Platz?).

Ist das wirklich so, wie die Schauspielerin im Fernsehen gesagt hat: "Um mich zu verstehen, müssten Sie mich genauso lang kennen wie ich mich selbst"? Eben: tagaus, tagein?

Riechen: Die Felder sind tagsüber gedüngt worden.

Die Welt kennen lernen. Wahr ist zum Beispiel, was aus Erfahrung wahr ist: Wie bei Alice im Wunderland, als sie sich, einmal mit ihrem eigenen Tränenmeer konfrontiert, erinnert, dass, wo Wasser ist, auch Kabinen für Badende sein müssen.

Jetzt beim Lesen lässt mir Alice mein Kindheitsdenken wieder näher kommen, als das Kind noch Kind war und die Wörtlichnahme von Worten ein prächtiger Besitz. Und was denkbar, auch möglich.

Unter vielen Experimenten diese beiden: Versuchen, zwischen den Regentropfen durchzulaufen, ohne nass zu werden.
Versuchen, sich so schnell zu drehen, dass im Spiegel noch das Abbild des eigenen Rückens zu erahnen ist.

Sehen: Eine mit Blumentöpfen scheinbar geschlossene Baumstumpf-Wunde (vielleicht als Entschuldigung?).

Notabene, einer schreibt, und das klingt schalkhaft: Er wusste das Empirische vom Wesentlichen zu trennen.

Fühlen: Sonntag nacht.
 

(Teresa Präauer, September 2007)
 

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