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Spürnasen riechen besser
...

Hercule Poirots Nase ist durch einen mächtigen gezwirbelten Schnurrbart
versperrt, Lilly Steinfests Riechorgan hat die Form einer Klingonennase. Man könnte
geradezu ein umgekehrt proportionales Verhältnis zwischen der Funktionalität der Nase und
dem detektivischen Vermögen vermuten. Egal. Beide Ermittler sind Meister ihres Faches,
Lilly ist aber bedeutend sexyer. Sie beweist in Heinrich Steinfests neuestem
Krimi einen sensationellen Riecher für das Verbrechen.

Von Kristina Werndl
(01. 09. 2007)

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Kristina Werndl
kristina.werndl [at] gmail.com

ist Redakteurin des
Aurora-Magazins.

 

 

Heinrich Steinfest.
Die feine Nase der Lilli Steinbeck. Kriminalroman.
Piper, 2007, 352 S.
ISBN:
3492271375

 

Zitate

Aber nicht Baby Hübner lag
in dem breiten Hotelbett, sondern ein wesentlich
jüngerer Mann, dem die
hellbraunen Haare schräg ins
Gesicht hingen. Ganz so jung
war er wohl auch wieder nicht.
Um seine Hüften klebte ein
wenig Fett. Er trug Boxer-
shorts, die ihm eine Nummer
zu klein waren. Er hatte unre-
gelmäßig verteilte Bartstop-
peln, hübsche Rehaugen,
einen sentimentalen Blick und
sah einigermaßen verbeult
aus. Über seine rechte
Wange zog sich ein
rotblauer Strich.


"
Jetzt hör aber auf. Mein
Mann verschwindet, und ich
habe nichts Besseres zu tun,
als es mir von einem Dreißig-
jährigen besorgen zu lassen.
Wenn das die Polizei erfährt,
wird sie zum Nachdenken
anfangen und sich irgend-
einen Schwachsinn
zusammenreimen."
 

"Auch Schwachsinn muss
man erst beweisen. – Jetzt
komm endlich her! Ich brauch
dringend ein bisschen Liebe."
 

"Ja, das sieht man dir an.
Wer hat dich denn so zuge-
richtet?"
 

"Das ist eine verrückte
Geschichte. Aber erst will
ich, dass du mich lieb hast."
(S. 193)

   Heinrich Steinfests siebter Krimi führt in sämtliche Sphären: ins Erdinnere, auf die Erdoberfläche und in die Lüfte, und das mit einem Spin, der einen schwindelig werden lässt. Den Ausgang nimmt die Geschichte allerdings beschaulich in einem adretten Einfamilienhaus vermutlich in Wien, wo sich der Zoologe Georg Stransky fragt, wie er eigentlich zu seinem Glück gekommen ist und warum er eine Saat ernten darf, die er nicht gesät hat. Die Frage hat ihre Tücken. Ausreichend Zeit, eine Antwort zu finden, bleibt ihm nicht, denn ein Apfel, der durch die Fensterscheibe segelt, verpasst der Idylle ein Ende.

Der Apfel ist – wie man seit Schneewittchen weiß – natürlich vergiftet und der frugale Tod damit zum Beißen nah. Stransky verleibt sich die verbotene Frucht ein, die Anästhetika tun ihre Wirkung und die Vertreibung aus dem Paradies nimmt ihren Lauf: Stranksy wird entführt und das Spiel kann beginnen.

   Gamemaster ist bei Steinfest nicht Gott, womit die Moral als Spielregel ausgedient hat. Die Fäden im Spiel mit realen Charakteren ziehen zwei gleichstarke Frauen, die selbst im Bösen Züge einer Maria lactans tragen und im Guten an den barmherzigen Samariter erinnern. Männer spielen eine untergeordnete Rolle. Frauen haben das Sagen: Mit magischen Eigenschaften wie Kochen oder Denken ausgestattet, schlagen sie selbst bis an die Zähne bewaffnete Spezialeinheiten des Militärs in die Flucht.

Heinrich Steinfest hat ein ausgesprochenes Händchen für Figurenzeichnung, was er etwa bei seiner Ermittlerin Lilli Steinbeck beweist, die die Männerwitze aus den Amtsstuben vertreibt. Über verbissene Feministinnen heißt es, dass sie "emanzipiert wie versteinerte Eier [sind], die man also nicht mehr auszubrüten braucht". Über die überforderte Mutter eines Schrei-Babys ist zu lesen: "In der Mitte dieser häuslichen Ordnung, vor dem Hintergrund eines schwach errötenden Morgenhimmels, stand eine junge Frau, eine weiße Windel über die eine Schulter, das schreiende Kind über die andere gelegt. Eine Gewichtheberin des Lebens."

   Was einem Steinfest nicht bietet, ist eine tarierte psychologische Realistik. Dazu ist sein Erzähler, der mit aberwitzigen philosophischen Einschüben aufwartet und in einer Fußnote auch einmal die Figuren korrigiert, viel zu mundfertig und unverfroren. Gemäß der inneren Logik des Buches sind die meisten Figuren auf eine Eigenschaft fokussiert: Unverwundbarkeit, Spürsinn, Undurchschaubarkeit.

"Die feine Nase der Lilli Steinbeck" ist – wenn solche Parallelisierungen erlaubt sind – 3D-animierten Kampf- und Strategiespielen nachempfunden, wo es gilt, eine Aufgabe zu bewältigen, ein Menschenleben zu retten. Spiele wie Tomb Raider werden im Text auch tatsächlich erwähnt. Die klassische Ausgangsposition hierbei lautet: Gut gegen Böse. Es gibt verschiedene Welten und die Figuren haben wechselnde Tools, die sie situationsbedingt nützen: Hubschrauber, Segelboote, Flugzeuge, verschiedene Waffen und Verkleidungen. Es gibt wichtige Spieler und bloße Randfiguren ("Für die zwei Männer im Flugzeug freilich war das Spiel vorbei. […] Sie zählten nicht, diese Figuren") – da erübrigt sich auch die im realen Leben unabkömmliche Ethik des "Jeder ist gleich". Die Charaktere selbst befragen ihren Fiktionalitätsstatus und empfinden sich als Teil eines Spiels.

   Je weiter man mit der Lektüre voranschreitet, desto mehr fühlt man sich an Filme wie "eXistenZ" erinnert, wo man einem Mindfuck erliegt, das heißt allmählich nicht mehr weiß, auf welcher "Wirklichkeits-"/Virtualitätsebene man sich befindet. Es wird immer toller, immer skurriler, immer globaler, wie die exotischen Schauplätze, die Waffen mit internationalen Dichternamen (Verlaine, Pessoa) zeigen. Die Erde ist ein Spielbrett einer very happy few, die ohne ersichtlichen Grund eine Schnitzeljagd im Reality-Format initiiert.

Souverän und immer überraschend spannt Steinfest den Bogen von den plumpen Dodos bis zu einem geheimen französischen Marsprogramm, überzeugt im Großen wie im Detail. Die Figuren gewinnen aus dem Plot und der Plot wiederum aus den Figuren, und das Ergebnis ist wirklich lesenswert, temporeich und sprachlich sehr originell. Und gerade weil hier so untertourig gefahren wird, erweist sich manche Bemerkung über den Sinn des Lebens auch für den Leser als weiterführend. Und sei es nur, dass man sich zu überlegen beginnt, ob der eigene Beruf der richtige ist oder das Heil nicht doch eher in der Zoologie, in der Giftkunde oder im Polizeidienst liegt.
 

Zuerst erschienen im Online-Buchmagazin
des Literaturhauses Wien.

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