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Die Sinne als Problem in der Philosophie
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Menschliche Wahrnehmung in Antike und Gegenwart

Die menschlichen Sinne und ihre Funktionen wurden keineswegs zu allen
Zeiten und allerorts gleich gedeutet. Den Philosophen der klassischen Antike waren
diese Organe, die auf jeden Bereich des Lebens einwirken, manche Überlegungen
wert, die durchaus nicht einheitlich waren. Doch auch heute noch hat sich, neue
medizinische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse hin oder her, die Philosophie
nicht auf eine einheitliche Deutung dieser Organe und ihres Einflusses
auf die menschliche Existenz festgelegt.

Von Andreas Graeser
(01. 09. 2007)

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   Begriffe dienen in der Philosophie der Sondierung unseres Gedankenhaushalts. Zu diesem gehören auch "Sinnlichkeit", "Verstand", "Geist", "Körper" usw., Elemente unserer Selbstauslegung und Weisen, ein Verständnis unserer selbst zu artikulieren. Dabei ist das Wort "Sinn" ebenso wie das lateinische "sensus" notorisch vieldeutig. Gleiches gilt auch für das griechische Wort aisthesis. Doch scheint klar, dass das Wort "Sinn(e)" im hier relevanten Kontext Körperorgane meint, die mit einer bestimmten Funktion bzw. Wahrnehmungs- bzw. Empfindungs-Leistung verbunden werden. Dass wir seit Langem, wohl seit den Zeiten eines Aristoteles, von den "fünf Sinnen" sprechen, ist vielleicht weniger selbstverständlich. Denn offensichtlich gab es auch gänzlich andere Auffassungen. So finden sich z.B. im chinesischen Denken u.a. auch Vorstellungen bezüglich "Sieben Öffnungen des Kopfes". Im indischen Denken – vor allem in den Upanishaden, jenen religiös-philosophischen Werken, deren älteste etwa in der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends anzusiedeln sind – begegnen wir Auffassungen, wonach die in Rede stehenden Organe sowohl anatomisch als auch kosmisch charakterisiert sind. Warum sich das vertraute "Fünfer-Modell" durchsetzte, ist eine interessante Frage. Vielleicht war es neutral genug, um in unterschiedlichen Kontexten Anwendung finden zu können.

Was "tun" die Sinne?

   Die Frage, was die Sinne eigentlich tun, hat kontroverse Beantwortungen erfahren. Konkurrierende Auffassungen bestimmen nicht nur die Einschätzung der in Rede stehenden Organe etwa in Begriffen von Aktivität bzw. Passivität. Manche Denker erklärten die Funktion der Sinne nämlich als rein passives Aufnehmen von Eindrücken usw.; andere billigten ihnen eine Art von Aktivität bzw. Spontaneität zu.

Aber auch die Frage, wie die besondere Beziehung zwischen Sinnesorgan und Sinnesobjekt zu deuten sei, erfuhr unterschiedliche Antworten. Theophrast (341 bis 387 v. Chr.), dem wir die erste Abhandlung über Auffassungen von Sinneswahrnehmung verdanken, berichtet, dass manche Autoren glaubten, von der Annahme polarer Gegensätzlichkeiten ausgehen zu müssen ("heiß"/"kalt" usw.), während andere wiederum meinten – und hier ist besonders auf den griechischen Politiker, Arzt und Philosophen Empedokles (ca. 495–435 v. Chr.) zu verweisen –, diese Beziehung unter dem Prinzip "Gleiches durch Gleiches" subsumieren zu sollen. Im einen Fall geht es um den Gedanken, dass wir in der Regel etwas nur dann beispielsweise als heiß wahrnehmen, wenn wir uns selber nicht in einem heißen Zustand befinden. Im anderen Fall war vielleicht die Überlegung maßgebend, dass Licht in der Pupille des Auges reflektiert wird und Helligkeit somit irgendwie im Auge residiere.

   Ein besonders berühmtes Beispiel letzterer Art finden wir in der Farbenlehre Goethes – "Wär nicht das Auge sonnenhaft, Die Sonne könnt’ es nie erblicken", – der nachweislich vom Begründer des Neuplatonismus, Plotin (ca. 205–270 n. Chr.), zehrte. Plotin wiederum gilt als Exponent einer Richtung, die von einer sogenannten konsubstanziellen Identität von Erkenntnisinstanz und Erkenntnisobjekt ausging. Dies bedeutet, dass "Innen" und "Außen" in einer denkbar engen Beziehung gesehen wurden.

Beide Prinzipien sind natürlich spekulativer Art und ursprünglich im Kontext kosmologischer Erwägungen beheimatet. Von da aus wurden sie auch zum Zwecke der Erklärung partikularer Phänomene herangezogen. Derartige Auffassungen sollten übrigens auch das mittelalterliche Denken bestimmen. Hier wurden die Sinne mit bestimmten Elementen korreliert, und für den Geist ist sogar die berühmte Quinta Essentia (d.h. der Äther) in Anspruch genommen worden. Dabei spielen Momente der spezifisch christlichen Weltdeutung eine wichtige Rolle; und in ihnen, wenn überhaupt, wird auch deutlich, wie sogenannte Sachfragen im Horizont übergeordneter Orientierungen wie Theologie und Anthropologie ein neues Gesicht annehmen.

Sinne und Kognition

   Der philosophisch eigentlich interessante Punkt liegt freilich in der Frage, wie die Erkenntnisart der Sinne konkret vorgestellt wurde. Dabei fällt auf, dass das Bild des Greifens, des Erfassens dominiert. Empedokles sprach von den Sinnen buchstäblich als Greifern (wörtlich: palamai, Handflächen), die Stoiker wiederum prägten mit ihrem Begriff der katalepsis (Erfassen) die für die Philosophie der Neuzeit maßgebliche Vorstellung des Erkennens als Fassen, Packen. Hinter der hier gemeinten "Handgreiflichkeit" verbergen sich nicht nur Ideen von Sicherheit, Evidenz und Bestimmtheit; sie vermittelt auch ein Bild von der typisch neuzeitlichen Auffassung des Subjekts als Wesen, das sich selbst behauptet. Freilich blieb diese Vorstellung auch in weiten Bereichen der Philosophie des 20. Jahrhunderts lebendig, z.B. beim Engländer George Edward Moore (1873–1958) – "to grasp the meaning of a proposition" – oder vor ihm beim Deutschen Gottlob Frege (1848 bis 1925) – "ein Urteil fassen".

Dabei sind Verbildlichungen dieser Art insofern riskant, als die korrespondierenden Gegenstände als dingartige Gebilde konzeptualisiert werden, zu denen wir in eine Art von Bekanntschaftsbeziehung treten; und diese Auffassung birgt irreführendes Potenzial. Zwar wurde diese Deutung dessen, was Erkenntnis sei, bereits von G. W. F. Hegel (1770–1831) kraftvoll attackiert. Er machte sich über die Vorstellung lustig, dass man sozusagen mit "Spießen und Stangen" auf die Wahrheit "losgehe". Doch erst im 20. Jahrhundert scheint diese Auffassung wirklich unter Druck zu geraten. Dies geschieht in William James' (1842–1910) Programm des Radikalen Empirismus, laut dem die Wahrnehmung des Individuums allein Garant der Erkenntnis ist, ebenso wie in John Deweys (1859–1952) Vorstellung interagierender Organismen, welche statische Naturmodelle ablehnt und in Fragen der Psychologie und Wissenschaftstheorie die Interaktion zwischen dem menschlichen Organismus und seiner Umgebung ins Zentrum rückt.

Sinne als Tore zur Welt

   Die Philosophie westlicher Prägung artikulierte sich in Konkurrenz zum Mythos und verrät von vornherein eine starke erkenntnistheoretische Prägung. Dies erklärt auch ein Stück weit, weshalb philosophische Beurteilungen der Frage nach der Reichweite unserer Erkenntnis immer schon zwischen zwei extremen Positionen schwanken. Da ist einmal die Auffassung des "Empirismus", wonach alle Erkenntnis aus der Erfahrung stamme und damit letztlich von den Sinnen her rühre; und da ist, auf der anderen Seite des Spektrums, die Auffassung des "Rationalismus", dass die Vernunft bzw. Ratio eine (oder sogar die) eigenständige Quelle der Wahrheit darstelle. Dass die Sinne so etwas wie "Türen" zur Welt bzw. "Tore" nach "Draußen" sind, gehört zu den leitenden Einsichten bereits der frühen Philosophie.

In diesem Kontext gewann auch die Vorstellung Gestalt, dass die Phänomene (d.h. "das sich Zeigende") als "Antlitz" bzw. "Sicht" (opsis) des Nicht-Offenbaren zu gelten haben (Anaxagoras ca. 500–428 v. Chr., Frag. 21a: "Die sichtbaren Dinge bilden die Grundlage der Erkenntnis des Unsichtbaren").

   Diese Vorstellung war weit verbreitet und bedeutete seinerzeit einen Meilenstein in der Genese wissenschaftsphilosophischer Reflexion. Doch gab es immer auch Stimmen, die davor warnten, dem Zeugnis der Sinne zu trauen. Zu ihnen gehören Autoren wie Parmenides (ca. 540–480 v. Chr.) und Platon (428–348 v. Chr). Sie hielten dafür, dass uns die Sinne ein buchstäblich falsches Bild der Wirklichkeit präsentieren, das im Namen der Vernunft korrigiert werden müsse. So hielt Parmenides dem alltäglichen Bild einer Vielfalt heterogener Dinge das Portrait der Wirklichkeit eines homogenen Seienden entgegen.

So trifft schon in der Antike der Anspruch des Rationalismus auf den des Empirismus, revisionäre Metaphysik auf die deskriptive Metaphysik. Nun hat diese Situation noch andere Facetten. So mag man sich fragen, wie eigentlich ein perfektes Wesen aussehen müsste, das den Beschränkungen durch die Sinne nicht unterworfen wäre? Xenophanes (570–480 v. Chr.), einer der ersten Aufklärer überhaupt, beantwortet diese Frage folgendermaßen: "Gott ist ganz Auge, ganz Geist, ganz Ohr." Und Epicharmos (550–460 v. Chr.), der griechische Komödiendichter und Philosoph, generalisiert: "Verstand [nous] nur sieht, Verstand nur hört, das andere: taub und blind." Doch hat diese Beurteilung ihre Tücken. Das Bewusstsein der hier virulenten Problematik kommt wohl nirgendwo deutlicher zum Ausdruck als in einer Überlegung Demokrits (460–371 v. Chr.), von der der Arzt und Wissenschaftler Galen mehr als 500 Jahre später zu berichten weiß: Nachdem Demokrit sein Misstrauen gegen die Sinneswahrnehmungen in dem Satz aussprach "Der gebräuchlichen Redeweise nach gibt es Farbe, Süßes, Bitteres, in Wahrheit aber nur Atome und Leeres", lässt er die Sinne gegen den Verstand reden: "Armer Verstand, von uns nahmst du die Beweisstücke und willst uns damit niederwerfen? Ein Fall wird dir der Niederwurf."

Klärungen

   Offensichtlich bestehen hier echte Probleme, die uns weiterhin quälen. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass Philosophen zwischen Sinneswahrnehmung (stricto sensu) und Wahrnehmung zu unterscheiden begannen – so erstmals Platon im Dialog Theaitet – und damit auch auf jene Distinktion zuarbeiteten, die im 20. Jahrhundert als Unterscheidung zwischen sensation und perception auf der einen und non-propositional und propositional perceiving auf der anderen Seite thematisch werden sollte. Zwar ist die Berücksichtigung der Differenz zwischen urteilshafter und nicht-urteilshafter Wahrnehmung wichtig. Bei der Ersteren handelt es sich um Gebilde, die wahr oder falsch sind, bei der Letzteren hingegen um etwas, was nicht irrtumsfähig ist.

Doch bleibt die Frage im Raum, wie Sinnes-Wahrnehmungen und Begrifflichkeit zusammengehen. Dieser Punkt harrt weiterer Klärung. Das wird da deutlich, wo Philosophinnen und Philosophen versuchten, Erkenntnis auf sogenannte reine Beobachtungssätze zu gründen. So zeigte der Wissenschaftstheoretiker und kritische Rationalist Karl R. Popper (1902–1991), dass nicht nur sogenannte Protokollsätze wie "Hier steht ein Glas Wasser", sondern selbst die "Konstatierungen" des Neopositivisten Moritz Schlick (1882–1936) von der Art "Hier jetzt Blau" von begrifflichen bzw. theoretischen Elementen durchsetzt sind, die phänomenal nicht ausgewiesen werden können. Mehr als zwanzig Jahre später zeigte der Amerikaner Russell Hanson (1924–1967), den man zu den neuen Wissenschaftsphilosophen zählt, dass Beobachtungen "theoriebefrachtet" sind. Damit musste das Programm radikal empiristischer Begründungen in Bedrängnis geraten. Hinzu kam, dass die Rede von Sinnesdaten, die uns unmittelbar gegeben seien, offensichtlich kaum haltbar ist: Um was könnte es sich bei Gebilden dieser Art überhaupt handeln? Ist die Annahme von Gebilden, die entweder nach der Art von Oberflächen von Dingen zu betrachten wären oder aber als mentale Gebilde gelten müssten, klar genug?

Die vielleicht wirkungsvollste Attacke auf den, wie er sich ausdrückte, Mythos des Gegebenen lancierte der amerikanische Denker Wilfried Sellars (1912–1989). Er erklärte alles zu "linguistischen Affären" und ersetzte Ausdrucksweisen wie "ich habe eine Rot-Wahrnehmung", "mir ist ein Rot-Ton gegeben" durch adverbielle Formulierungen wie "ich nehme rötlich wahr" und nahm ihnen damit ihr ontologisch irreführendes Potential. In anderer Weise relevant erwiesen sich die Vorbehalte des Oxforder Sprachphilosophen John L. Austin (1911–1960) gegen die Annahme der Unmittelbarkeit; Austin zeigte nämlich, dass die Rede von "unmittelbar" und "direkt" bzw. "indirekt" und "mittelbar" im Kontext des Idioms des Sehens beheimatet ist und sich Erweiterungen auf das Vokabular der Sinneswahrnehmung überhaupt nicht rechtfertigen lassen.

Befund

   Seit der sprachlichen Wende der Philosophie in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts üben Philosophinnen und Philosophen hinsichtlich substanzieller Fragen größere Zurückhaltung als früher. So wird es auch kaum verwundern, dass selbst innerhalb der neuen Philosophie des Geistes Fragen wie die nach der Natur der Wahrnehmung usw. kaum thematisch werden. Umso mehr allerdings wenden sich Philosophinnen und Philosophen den Diskussionen zu, die in den Neuro-Wissenschaften geführt werden. Doch gibt es auch andere Orientierungen. So hat z.B. die Frage Aufmerksamkeit auf sich gezogen, ob es so etwas wie "moralische Beobachtungen" gibt und ob sinnliche Evidenz in diesem Bereich etwa analog der Sinneswarhrnehmung im theoretischen Feld als Falsifikator unserer Meinungen gelten können. Hier wird eine unterschwellige Verbindung zur alten "Moral Sense-Diskussion" deutlich, die ansonsten in der neueren Philosophie keine Beachtung findet.


Literatur

- Armstrong, D. M.: Perception and the Physical World, London: Routledge 1966.
 
- Baum, Angelica: Selbstgefühl und Neigung. Ethik und Ästhetik bei Shaftesbury, Stuttgart: Frommann 2001.
 
- Graeser, A.: Philosophie und Ethik. Düsseldorf: Parerga 1999.
 
- Ders.: Positionen der Gegenwartsphilosophie. Vom Pragmatismus bis zur Postmoderne, München: C. H. Beck 2002.
 
- Hamlyn, D. W.: Sensation and Perception. A History of the Philosophy of Perception, London: Routledge 1966.
 
- Laks, A.: Seele, Sinneswahrnehmung und Denken, in: A. A. Long (Hrsg.): Handbuch, Frühe Griechische Philosophie Stuttgart: Metzler 2001, S. 228–246 (orig. Cambridge 1999).
 
- Peacocke, C.: Sense and Content. Experience, Thought, and their Relations, Oxford: Clarendon Press 1983.
 
- D. D. Raphael (Hrsg.): British Moralists 1650–1800, Teil. I, Oxford: Clarendon 1969.
 
- Swartz, R. J. (Hrsg.): Perceiving, Sensing, Knowing. Garden City, N. Y.: Doubleday 1965.

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: "UniPress" (Universität Bern).
www.kommunikation.unibe.ch/publikationen/unipress.html

 


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