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Guantanamo, Abu Ghraib, az-Zarqawi und zurück
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Beschämung und Ehre in der muslimischen Rezeption

Wenn wir über das Internet, den Cyberspace nachdenken, wird häufig in Kategorien
wie dem inhärent demokratisierenden Charakter des Cyberspace reflektiert. Die Video-
und Textbytes, mit denen wir im Folgenden konfrontiert werden, dementieren solche
Vorstellungen in erschreckender Weise, zeigen uns den Cyberspace
als Sphäre der Propaganda des Grauens.

Von Rüdiger Lohlker
(02. 10. 2007)

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   Eine Vorbemerkung erscheint notwendig: Wenn wir auf einer Tagung über "Scham und Blick" über die im Titel angesprochenen Themen reden, bewegen wir uns im Felde von öffentlichen Diskursen, die eher als eine soundscape denn als eine visuelle Landschaft konstituiert werden. Audiokassetten, aber auch Audiodateien, sind für die Konstitution von Bewusstsein, von ethischen Codes u.a. in zeitgenössischen arabischen Gesellschaften weitaus bedeutsamer als es in Europa wahrgenommen wird. Nichtsdestotrotz, visuelle Eindrücke sind gleichfalls bedeutsam.

Wenn wir über das Internet, den Cyberspace nachdenken, wird häufig in Kategorien wie dem inhärent demokratisierenden Charakter des Cyberspace reflektiert (à la The Well). Die Video- und Textbytes, mit denen wir im Folgenden konfrontiert werden, dementieren solche Vorstellungen in erschreckender Weise, zeigen uns den Cyberspace als Sphäre der Propaganda des Grauens. Zustimmen könnten wir angesichts dessen diesen Worten: "Eine gleichermaßen starke wie anfechtbare Definition des Cyberspace wäre: 'Alles, was vorstellbar ist, kann realisiert werden.'" Die Anfechtbarkeit der Definition mag als Zeichen für Hoffnung aufrecht erhalten werden.

   Dieses globale Medium wird – auch in dieser Form – lokal angeeignet. Diese lokale Aneignung ist im transkulturellen Vergleich interessant. Gerade im Bereich transkultureller Forschung kann das Internet als Instrument der Forschung dienen, das Einblicke in die unterschiedliche Konstruktion von Wirklichkeit ermöglicht. Ein Beispiel werden wir im Folgenden sehen. Zuerst gilt es allerdings, den Konzepten Scham, Beschämung und Ehre nachzugehen.

Bei der Konstruktion der Beschämungsakte, mit denen wir uns zu beschäftigen haben, ist die gender-Dimension von Bedeutung:

"Vorwiegend junge Männer fühlen sich durch die Machtpolitik Israels und der USA gedemütigt und um ihre Zukunft beraubt. Der Verlust von Land, Respekt vor dem Islam und vor ihrer eigenen Männlichkeit werden oft vermengt." Diese Verwirrung der Geschlechterrollen wird nun in spezifischer Form genutzt, um Scham zu erzeugen:

"Das Spiel mit den Geschlechterrollen wurde von westlichen Besatzungsmächten in der Region immer wieder betrieben. So versucht man in den amerikanischen Gefängnissen ... die Männer des arabisch/islamischen Raumes durch 'gender decoys' (geschlechtliche Lockvögel), die sowohl die ethnische wie die geschlechtliche Identität verwirren, in den Griff zu bekommen. Braunhäutige Männer dienen weißen Frauen, oder sie werden von ihnen sexuell erniedrigt. Das Spielen mit homosexueller Symbolik stellt arabisch/islamische Männer mit bis dorthin intakter gesellschaftlicher Stellung unter weiße Frauen und braune Schwule. Diese Opfer sollen ihre Ehre und Identität vollkommen verlieren."

Besonders gravierend wirkt dies angesichts der Konstruktion von Sexualität im arabischen Raum, die der libanesische Soziologe Hisham Sharabi so beschreibt:

"Wie ich bereits erwähnt habe, werden sexuelle Angelegenheiten in der Familie mit einem Geheimnis umgeben, mit Furcht und einer strengen Verborgenheit. ... Das Thema Sexualität wird mit Scham umgeben ..."

Konfrontieren wir diese Beschämungsvorgänge mit Ehrvorstellungen im arabisch-türkischen Raum. Geben wir noch einmal Hisham Sharabi das Wort, der das Charakteristikum gängiger Ehr- und Schamvorstellungen arabischer Gesellschaften so beschreibt:

"Dieses Charakteristikum steht in Verbindung mit den moralischen Gebräuchen. Unser Interesse gilt aber nicht den moralischen Aspekten sondern den praktischen Konsequenzen, die sich aus dem Verbergen im täglichen Verhalten ergeben. Ein Beispiel: Wenn die Mutter zu ihrem Kind an einem öffentlichen Ort (z.B. einem öffentlichen Park) sagt: Es gibt kein Hindernis hier zu urinieren, weil 'man es nicht merkt', dann bringt sie ihm tatsächlich bei, [Dinge] zu verbergen und zu verheimlichen, indem sie ihm sagt, dass es nicht untersagt ist, etwas zu tun, das verboten ist, solange die Augen der anderen es nicht sehen. Deshalb kann das Kind verbotene Handlungen nicht ernsthaft wahrnehmen. In dieser Hinsicht nimmt dann die Unterscheidung zwischen äußerem und innerem Verhalten einen rein praktischen Charakter an ..."

Werner Schiffauer beschreibt diesen pragmatischen Begriff der Ehre und Scham im türkischen Kontext:

"Hier muß ich auf einen zweiten Zug des bäuerlichen Denkens eingehen, nämlich seine Situationsgebundenheit. Regeln gelten nur in bestimmten Situationen. Dieser Zug bestimmt den Wert der Achtung ebenso wie den der Ehre. ... Die Regeln, die das Handeln bestimmen, hängen von den Beziehungen ab, in der man zu den jeweils Anwesenden steht, sei sind außerdem abhängig von Ort und Zeit des Zusammentreffens ... Das Handeln ist bestimmt von dem, was in einer bestimmten Situation als angemessen gilt; die Situation wiederum von Ort, Zeit und Position der Anwesenden. So behandelt man eine Person je nach Kontext unterschiedlich ... Allgemein gesagt: Die Identität eines Handelns, liegt in der Außenwelt, die in sich geschlossen ist und die das Individuum mit Aufgaben konfrontiert, denen es gerecht zu werden versucht. Der Einzelne empfindet sein Verhalten als konsistent, weil die Situationen, in denen er sich bewegt, konsistent sind, und nicht, weil er sich in den unterschiedlichen Situationen gleich verhält. Die Identität des Einzelnen liegt außerhalb von ihm, in dem Kontext, in dem sich die Situationen ergeben, und nicht in ihm als Person. Die Kategorie der Person ist im Dorf irrelevant. Entsprechend unterliegen Situationen und nicht Personen der sozialen Kontrolle. ... Diese Form äußerer Kontrolle macht verständlich, weshalb die türkische Kultur mit gewissen Zuschreibungen so schnell bei der Hand ist: Wer sich in eine bestimmte Situation begibt, wird sich ihr entsprechend verhalten ... Sowenig die Persönlichkeit oder der Charakter des Einzelnen bei diesen Zuschreibungen von Bedeutung ist, so wenig gelten sie bei der Erklärung eines Vorfalles: Auch hier wird auf die Situation verwiesen ... So führt ein Regelbruch eher zu Scham- als zu Schuldgefühlen; anders als Scham bezieht sich Schuld auf Werte, die allgemein, d. h. für jeden und jede Situation gelten. Ihre Verletzung weckt Schuldgefühle selbst dann, wenn niemand davon erfährt oder es gar bei der bloßen Absicht geblieben ist. Scham dagegen ist an Öffentlichkeit geknüpft. Ein Handeln, das in einer bestimmten Situation durchaus am Platz ist, kann in einer anderen als schamvoll empfunden werden. ... Scham wird auch empfunden, wenn Situationen vermengt, die Grenzen zwischen ihnen verwischt werden. ... Die Beispiele zeigen, daß das Wort 'schämen' ... sich nicht nur auf ein Gefühl bezieht, sondern zugleich in einer Bedeutung verwendet wird, die sich bei uns im bayrischen Wort 'gschamig' erhalten hat. Junge Frauen, heißt es, schreien nicht, 'weil sie sich schämen' ... Sich schämen bedeutet hier also, daß sich jemand 'sauber' verhält. Scham ist in diesem Zusammenhang mehr ein Wert als ein Gefühl."

Kommen wir nun zu dem Material, in dem wir sehen können, in welcher Form sich die Situationen gestaltet haben, in denen solche Scham empfunden wird.

Abu Ghraib

   Das irakische Gefängnis Abu Ghraib ist durch eine Vielzahl von Videofilmen, Videostills und Fotos zu einem Symbol der Unterdrückung des irakischen Volkes durch die USA und ihre Alliierten geworden. Darüber sind die Misshandlungen und Tötungen unter dem Baath-Regime im Irak an den Rand gedrängt worden. Diese Untaten sind – und das dürfte für uns von Bedeutung sein – nicht in der Form bildlich dokumentiert worden, in der es unter US-Ägide geschah.

Einige Beispiele, die wir in arabischsprachigen Onlinemedien finden können, machen sich zum größten Teil das Bildmaterial westlicher Medien zunutze:

http://majdah.maktoob.com/vb/showthread.php?t=1997

www.wlamen.com/vbb/showthread.php?t=5041

http://iraqii.jeeran.com

www.swalif.net/softs/swalif12/softs148600

www.alanbaaalalamia.com/mlf56.htm

www.ramadan2.biz/Royaa9.htm

Betrachten wir eine dieser Bildsequenzen im Detail:

www.albasrah.net/images/iraqi-pow/iraqi-pow1.htm

Diese Sequenz zeigt, neben dem Neuigkeitswert anderen Bildern gegenüber, die Behandlung eines irakischen Gefangenen durch US-Soldaten. Die offene Gewaltsamkeit, in den Blutspuren zu erkennen, wird kombiniert mit der gezielten Entblößung des Gefangenen in der Öffentlichkeit, dem Treten mit Füßen auf ihn, selbst dem Sitzen auf den Gefangenen – und das Ganze im triumphalistischen Gestus. Wir bemerken also schon hier ein in der arabischen Öffentlichkeit völlig unangemessenes Zeigen von Nacktheit.

Diese Sequenz wird übergeleitet in Bilder, die die politisch und militärisch Verantwortlichen zeigen. Die folgenden Sequenzen konzentrieren sich auf Aspekte wie offene Gewaltanwendung, Nacktheit, entwürdigende Positionen, die u.a. Bereitschaft zu homosexuellem Verkehr signalisieren sollen, auch Animalisierung der Gefangenen und folgerichtig auch den Einsatz von Hunden. Zwar wird in entsprechenden US-Handbüchern, geschöpft aus afghanischen Erfahrungen, der Einsatz von Hunden gegen muslimische Gefangene empfohlen, allerdings scheinen angesichts der Wirkung wild gewordener Hunde auf alle ihnen ausgesetzten Menschen solche Essentialisierungen nur der Konstruktion des orientalischen 'Anderen' der westlichen/US-amerikanischen Männer und Frauen zu dienen. Beachten müssen wir insbesondere den orangefarbigen Overall, Standardbekleidungsstück für Gefangene, der immer wieder auftaucht. Die folgenden Sequenzen heben sexuelle, insbesondere wieder homosexuell konnotierte Bilder hervor. Bekannt geworden sind auch die Haufen nackter Menschen mit dazu posierenden WächterInnen.

Besonders herausragend in der Rezeption der Ereignisse von Abu Ghraib war die Rolle der Protagonistinnen, die als Gefängniswächterinnen tätig waren (Lynndie England, Sabrina Harman), auf diesen Bildern. Eine völlige Umkehrung der etablierten Geschlechterrollen, die als besonders massiver Akt der Beschämung wahrgenommen wurde. In welch hohem Maße dies wirkt, zeigt die Häufigkeit einschlägiger Szenen in einem video- und bildorientierten Forum:

www.watein.com/4images/thumbnails.php

Wir sehen auch gegen Genitalien gerichtete Aggression auch außerhalb des Gefängnisses, was uns zeigt, dass sich der visuelle Komplex Abu Ghraib auch über andere Bilder schiebt.

Gerade die Rolle von Soldatinnen führt zur Aufnahme entsprechender Bilder in Onlineforen. Die bereits gezeigten Sequenzen werden in anderer Bildauswahl immer neu belebt – selbst noch einige Jahre später. Gesteigert wird dies in in Textform wiedergegebenen Geschichten, in denen berichtet wird, dass eine amerikanische Soldatin (!) einen der älteren (!) Gefangenen gezwungen habe, Frauenkleider anzulegen.

أبو غريب والشرف السليب


Titel des Artikels: Abu Ghraib und die gestohlene Ehre

Dreifache unangemessene Handlungsweise: 1.) Eine Frau als Unterdrückerin eines Mannes, 2.) eine Missachtung eines älteren Mannes, 3.) ein Mann wird in eine Frauenrolle gezwungen. Das integrierte Bild verweist auf religiöse Dinge als Bezugnahme: eine Gebetskette – die zudem häufig von älteren Männern ostentativ benutzt wird.

Eine Zwischenbemerkung: Die politisch fatalen Folgen zeigen sich, wenn Abu Ghraib als Symbol für die Hohlheit der westlichen Propaganda für Demokratie benutzt werden kann.

الديمقراطية الأمريكية.. أبوغريب نموذجا


Überschrift eines Blogartikels:
Amerikanische Demokratie – am Beispiel Abu Ghraib

Eingeordnet werden die Bilder auch in den Kontext anderer visueller Aggressionen. In einem ägyptischen Artikel wird über neue Bilder aus Abu Ghraib, aber auch über die Veröffentlichung der Muhammad-Karikaturen 2005 gehandelt.

Guantanamo

Das Bildprogramm, das sich mit dem orangefarbigen Overall in Abu Ghraib verknüpfen lässt, setzt sich fort in den Beschreibungen der Lage der Gefangenen in der US-Marinebasis Guantanamo. Auch hier dominierte zuerst die Abbildung von Gefangenen in orangen Overalls.

http://vb.6rbqtr.com/showthread.php?t=15754

http://arabic.cnn.com/2003/world/12/4/hicks.guantanamo/index.html

http://muntada.islamtoday.net/showthread.php?t=4480&page=28

www.marhba.com/forums/showthread.php?t=1969

www.amnestyusa.org/magazine/i/guantanamo.jpg

http://medfan2003.jeeran.com/guantanamo.jpg

Auch über die bloße Dokumentation wirkt das icon des orangenen Overalls:

http://bukah.files.wordpress.com/2007/01/guantanamo.jpg


az-Zarqawi

Gezielt genutzt wird in schrecklichster Weise das in Abu Ghraib begründete Bildprogramm dann in dem von Abu Mus'ab az-Zarqawi begründeten Genre der Köpfungsvideos. Das Opfer wird ebenfalls in einem orangefarbigen Gefangenenoverall präsentiert, bevor er ermordet wird.

http://window777.jeeran.com/Berg_B5.jpg

Nicholas Berg

http://arabi.ahram.org.eg/arabi/ahram/2004/10/16/86.jpg

Ermordung einer koreanischen Geisel

Die somit erzeugte Erniedrigung des nichtmuslimischen Gefangenen durch die Ankoppelung an eine Bildproduktion, die die Erniedrigung und Beschämung von muslimisch-arabischen Gefangenen zeigt, wendet sich aber gegen ihre Urheber. Gerade die Entehrung des Opfers wird von der arabischen Öffentlichkeit als unangemessen, als unehrenhaft rezipiert und führt dadurch zu einem Ende dieser grausigen Videoproduktionen.

Dieser Effekt zeigt uns, dass die skizzierten Videodiskurse ihre Adressaten in der arabischen Öffentlichkeit haben, weniger in der Weltöffentlichkeit. Die urban-medial vorgeprägte Weltwahrnehmung wird gezielt zur Produktion von Beschämung und Gefühlen der Ehrverletzung eingesetzt und kann damit den gewünschten Effekt verstärken, ist aber nicht das Hauptziel des Bildprogramms.

Ein weiterer Aspekt dieser letzteren Videoaufnahmen zeigt sich in der Kopfhaltung des Opfers vor der Enthauptung, die an das Schlachten von Tieren am Ende des Fastenmonats Ramadan gemahnt, eine Codierung, die von der arabischen Öffentlichkeit offensichtlich unbewusst als Entehrung religiöser ritueller Handlungen begriffen wurde. Allerdings wird sie immer wieder aufgegriffen: In einem Posting des in Schweden ansässigen Administrators der Onlineforen von Arab Online vom November 2006, in dem die Ermordung des niederländischen Regisseurs Theo van Gogh bejubelt wird, heißt es: "Man sagt, er wurde abgeschlachtet wie ein Schaf."

www.gn4me.com/gn4me/content_img/party103540.jpg

Vorbereiten auf die Schlachtung

www.abu-hamza.com/?p=269

Der Vorgang des Schlachtens

www.vialls.com/italy/images/sgrena100b.jpg

Die Parallele

Das letzte Bild, das wir betrachten, stammt von einer jihadistischen Website, die inzwischen offline ist. Es zeigt deutlich die Intensität, mit der sich das Bild des blutbefleckten Schwertes/Messers in das jihadistische Imaginäre eingeschrieben hat. M.a.W.: Ein bestimmtes Bildprogramm mag gescheitert sein, die Komponenten sind aber weiterhin vorhanden und aktualisierbar:



 


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