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Tiefe Einblicke ins Gestern und Heute

 Am 1. Dezember 2018 feierte Rumänien das hundertjährige Bestehen des
modernen rumänischen Staates. Ein historisches Ereignis. Mihai Măniu
ţiu, Direktor
 des Klausenburger Nationaltheaters und dessen künstlerische Leiterin Ştefana Pop-Cur
şeu
nahmen dies zum Anlass, der achten Ausgabe des Klausenburger Treffens das Motto
"Visionen" voranzustellen. Hierzu fanden zeitgenössische Theaterstücke sowie Jahrhunderte
alte Meisterwerke der rumänischen Literatur wie das Roma-Epos Die Ţiganiada
oder die Legende vom Meister Manole ihren Weg auf die Bühne.

Von Irina Wolf
(23. 11. 2018)

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Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.



(c) Nicu Cherciu

"Meister Manole
"
(Regie:
Andrei Măjeri)



(c) Nicu Cherciu

"M.I.S.A. Părut"
(Regie:
Alexa Băcanu)



(c) István Biró

"Der Bürger als Edelmann"
(Regie:
Mihai Măniuţiu)


 

Linktipp
teatrulnationalcluj.ro

   Besonders visionär zeigte sich Andrei Măjeris Mammut-Inszenierung von Meister Manole. Der Gründungsmythos des Klosters Curtea de Argeş in der Walachei, der angeblich ein menschliches Opfer für den Kirchenbau verlangte, diente als Inspirationsquelle für zahlreiche Schriftsteller. Auch der Philosoph und Wissenschaftler Lucian Blaga schrieb ein Theaterstück gleichen Namens, das seine Uraufführung 1927 in der Schweiz feierte. Andrei Măjeri versteht es sehr gut, Blagas schwierigen Text für die Bühne zu adaptieren. Der junge Regisseur, der auch für die musikalische Untermalung verantwortlich zeichnet, vereint auf beeindruckende Weise Tradition und Moderne. Daher ist es nicht verwunderlich, dass in der ansonsten feudalen Welt die Boten des Herrschers von Frauen mit Maschinengewehren verkörpert werden oder die Einmauerung der Frau des Bauarchitekten Manole durch Projektionen von QR Codes dargestellt wird. Auch die von Lucian Broscăţean entworfenen Kostüme unterstützen die Wirkung der visionären Inszenierung.

Eine von Ştefana und Ioan Pop-Curşeu kuratierte Ausstellung unter dem Titel "Visionen und Zeugnisse aus dem Ersten Weltkrieg" versetzte den Betrachter um hundert Jahre zurück. Diese umfassende Sammlung von Büchern, Dokumenten, Briefen, Militäruniformen und -objekten ermöglichte es, ein Bild der Kriegserfahrung der Menschen aus Siebenbürgen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Dass die Ausstellung einen Widerhall in der berührenden szenischen Lesung Briefe von der Front fand, spricht für das gut durchdachte Konzept der Festivalintendanten. Die zwischen den Zuschauern an einem langen Tisch agierenden Schauspieler brachten die Gedanken der Soldaten aus den beiden Weltkriegen sowie Passagen aus den Briefen der in Afghanistan eingesetzten rumänischen Kämpfer in einer herzbewegenden Collage.

   Einen erheiternden Beitrag leistete die Produktion Liebesgeschichten auf den ersten Blick. Basierend auf Texten von bekannten rumänischen Schriftstellern wie Gabriel Liiceanu, Adriana Bittel, Ioana Pârvulescu, Radu Paraschivescu und Ana Blandiana, wurde "das schönste Gefühl der Welt" in den Fokus gestellt. So konnte sich mancher Zuschauer in seine Jugend zurückversetzen und Erinnerungen an das Gefühl der ersten Liebe wachrufen.

Die zum Generalthema ausgerufenen "Visionen" des Festivals fanden einen bemerkenswerten Ausdruck auch in der rumänischen zeitgenössischen Dramatik. M.I.S.A. Părut heißt der Text von Alexa Băcanu, der im "Schöpfungs- und Versuchsreaktor", einer Spielstätte der Klausenburger Off-Szene, gezeigt wurde. Darin wird der sogenannte Transzendentale Meditations-Skandal, der seit Anfang dieses Jahrhunderts rund um Guru Gregorian Bivolaru europaweit für Aufruhr gesorgt hat, behandelt. Mit einfachen Mitteln nähert sich die Inszenierung von Dragoş Alexandru Muşoiu dem ernsten Thema auf zugleich berührende und unterhaltsame Weise.

Dass sich der "Schöpfungs- und Versuchsreaktor" zu einem ernst zu nehmenden Theaterbetrieb gemausert hat, beweist eine weitere dokumentarische Theaterproduktion, die im Festivalprogramm gezeigt wurde. Miracolul de la Cluj (Das Klausenburger Wunder) berichtet auf originell interaktive Weise über das Anfang der 1990er Jahre bekannt gewordene betrügerische Caritas-Pyramidenspiel.

   Zu den denkwürdigen Aufführungen gehörte unter anderem Mihai Măniuţius dynamische Inszenierung von Molières Der Bürger als Edelmann am Klausenburger Ungarischen Staatstheater. In ebenso grotesken wie schwungvollen Tanzschritten zeigt Miklós Bács als Monsieur Jourdain, dass die vor 350 Jahren entstandene gesellschaftliche Satire bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Der riesige Weltglobus, den die Hauptfigur auf ihren Schultern trägt, steht geradezu sinnbildlich für den zeitgenössischen "Menschenflug durch den Sternenhimmel".

Mit zwei aussagestarken Texten – Clown gesucht und Über das Gefühl von Elastizität, wenn man auf Leichen tritt bestätigte Matei Vişniec erneut, dass er der am meisten gespielte zeitgenössische rumänische Dramatiker ist. Außerdem wurde das Festival durch ein umfangreiches Rahmenprogramm ergänzt: Buchpräsentationen, Vorträge und Konferenzen fanden großen Anklang beim Publikum. Das breitgefächerte Angebot präsentierte ein nuanciertes Panorama der rumänischen Kultur.

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