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Klausenburger Festspiele

Auf den Bühnen des führenden Theaterhauses Siebenbürgens fand vom 3. bis
zum 9. Oktober die sechste Ausgabe der "
International Meetings in Cluj" statt. Das prächtige,
1906 von dem berühmten altösterreichischen Architektenduo Helmer & Fellner errichtete
Gebäude, bot den würdigen Rahmen für
ein Zusammenkommen von Künstlern aus aller
Welt. Frische, mutige Produktionen und die Erschließung neuer Performance-Räume
und Perspektiven für das Publikum standen im Fokus eines spannenden und
abwechslungsreichen Festivalprogramms.

Von Irina Wolf
(02. 11. 2016)

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   "Im Vergleich zum restlichen Europa sind in Rumänien die Theatersäle voll besetzt – so auch jetzt. Und das an einem Sonntag um 11 Uhr vormittags! Das überrascht mich immer wieder", stellt Rodrigo Garcia erfreut fest. Er sollte es wissen, immerhin ist der argentinische Autor und Theaterregisseur seit drei Jahren Direktor des Centre Dramatique National de Montpellier. Tatsächlich ist im prächtig angelegten Konferenzraum des Nationaltheaters kein Platz mehr frei. Mit einem Dialog mit Rodrigo Garcia beginnt der letzte Tag der International Meetings in Cluj.  Moderator ist Mihai Măniuţiu, Regisseur, Autor und Essayist, Leiter des Nationaltheaters im siebenbürgischen Klausenburg und zugleich Intendant des Festivals.

Konzipiert als ein Zusammenkommen von Künstlern aus aller Welt, legen die Festspiele großen Wert auf Vernetzung und Zwischenmenschlichkeit. Sieben Tage lang werden hauptsächlich Produktionen des Klausenburger Nationaltheaters gezeigt. Waren die früheren Ausgaben der Konfrontation zwischen West- und Osteuropa oder etwa der Persönlichkeit von George Banu – gerade wegen seiner Verwirklichung der Ost-West-Verbindung – gewidmet, stand in der diesjährigen sechsten Auflage die "Suche nach dem Autor" im Fokus. "Autoren dramatischer Werke sollen inspirierende und innovative Experimente ermöglichen und viele Zuschauer in die Säle des Nationaltheaters bringen", sagt der Intendant in einem Interview.

   So sind zu den heurigen Meetings, die vom 3. bis 9. Oktober stattgefunden haben, neben Rodrigo Garcia auch der amerikanische Universitätsprofessor, Theaterdirektor, Dramatiker und Kritiker Robert Cohen und der französisch-rumänische Dramatiker Matei Visniec eingeladen worden. Zwei von Cohens Stücken, Bzzap! und Die Möbiusschleife, zwei Werke von Garcia, Agamemnon und Tod und Wiedergeburt als Cowboy, sowie Richard der Dritte wird nicht mehr gezeigt oder Szenen aus Meyerholds Leben von Matei Visniec standen auf dem Festivalprogramm. Dabei zeichneten zwei Regisseure für alle fünf Inszenierungen verantwortlich.

Überraschenderweise hat sich der junge Andrei Măjeri (geb. 1990) für beide Garcia-Stücke entschieden, in der der Autor auf seine radikale Art und Weise mit der Konsumgesellschaft abrechnet. Obwohl es sich um zwei ältere Werke des Dramatikers handelt, sind beide heute noch brandaktuell. Bekannt für seine performance-artigen und extremen Inszenierungen, musste sich Garcia in Klausenburg mit konventionellen Bühnenumsetzungen begnügen. Jedoch wirkten Măjeris im Studiosaal Euphorion gezeigten Inszenierungen frisch, mitreißend und waren sehr gut durchdacht, was dem Regisseur auch das Lob des Autors einbrachte.

Geschichten des Grauens

   Răzvan Muresan heißt der Spielleiter, der sich der Stücke von Cohen und Visniec angenommen hat. Mit Richard der Dritte wird nicht mehr gezeigt oder Szenen aus Meyerholds Leben ist ihm ein großer Wurf gelungen. Im Studio Art Club, dem kleinsten Saal des Nationaltheaters, sind alle Plätze besetzt. Rund 40 Zuschauer (auch ich) sitzen mit dem Rücken zur Wand und versuchen festzustellen, woher eine Stimme kommt, als sich der Sessel unter mir seltsam zu bewegen beginnt. Aus seinem mit Leintuch getarnten Versteck bemüht sich Richard III. hervorzukriechen. Trotz Helm und purpurrotem Umhang wirkt die Figur ängstlich, fast wie eine Karikatur. Denn in Visniecs Stück sind der Diktator Josef Stalin und sein totalitäres Regime die Verkörperung des Bösen schlechthin. Die Handlung dreht sich um Wsewolod Meyerhold, einen der bedeutendsten Theaterregisseure des 20. Jahrhunderts, der 1939 als Spion verhaftet und schwersten Folterungen unterworfen wurde. Ein Jahr später wurde er in Moskau hingerichtet.

Muresans Inszenierung bleibt der Vision des Autors der sich unter den Zuschauern befindet treu. Ziel des Regisseurs ist es, das Potenzial des Raumes optimal auszunützen, denn durch die unmittelbare Nähe der Schauspieler bekommen wir den Terror voll zu spüren. Des Öfteren muss ich die ausgestreckten Beine in Eile zurückziehen, vor allem dann, wenn die als Ratten dargestellte Zensurkommission mehrere Tische auf Rollen hin- und herbewegt. In einer Tischlade befindet sich dann auch der Kopf von Richard III., der als Hauptspeise serviert wird. Mit einfachen Mitteln gelingt es Muresan, eine Atmosphäre des Grauens zu schaffen – ein eindrucksvolles Erlebnis.

   Indessen spielt sich auf der Hauptbühne des Nationaltheaters die Geschichte Polens ab, hin- und hergeworfen zwischen Sowjet- und Naziherrschaft, zwischen Katholizismus und Judentum. Unter dem scheinbar harmlosen Titel Unsere Klasse skizziert Tadeusz Słobodzianek schonungslos die Vielfalt des menschlichen Verhaltens in Extremsituationen. Basierend auf einem reellen Massaker, erzählt Unsere Klasse polnische Biografien von zehn Menschen, die ihre Schulzeit miteinander beginnen und die sich im Lauf der Geschichte des 20. Jahrhunderts gegenseitig verraten, foltern, vergewaltigen, töten, aber auch verlieben, verstecken und beschützen. Regisseur Bocsárdi László schafft eine originelle Inszenierung in Form eines oratorischen Gedichtes, bei dem Boros Csaba als Komponist und Chordirigent zugleich mitwirkt. Dabei entpuppen sich sieben Schauspieler und drei Schauspielerinnen des Nationaltheaters als hervorragende Sänger. Nicht umsonst wurde Unsere Klasse 2016 mit dem hochbegehrten Uniter-Preis der rumänischen Theaterbranche als "Beste Produktion" ausgezeichnet.

Tanztheater- und Kollektivkreationen

   Schon nach dem Fall des Kommunismus 1989 ging es Regisseur Mihai Măniuţiu darum, den Performance-Raum neu zu erfinden und mit jeder Produktion neue Perspektiven für das Publikum zu entwickeln. Gleichzeitig war er einer von wenigen, die sich nach dem Ende der Ceausescu-Diktatur mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen versuchten. Dabei verlagerte Măniuţiu das Gewicht vom Text auf das Visuelle und stellte die Körpersprache in den Vordergrund, indem er mit begabten rumänischen Choreografinnen zusammenarbeitete. So inkludierte das Festivalprogramm auch zwei seiner letzten Tanz-Theater-Produktionen: Zu Befehl, mein Führer!, nach einem Monodrama der österreichischen Schriftstellerin Brigitte Schwaiger, ein Gastspiel aus der benachbarten Ortschaft Turda, bei der neben der Hauptdarstellerin Maia Morgenstern zwanzig Schauspiel-Studenten teilgenommen haben, und Drei Stunden nach Mitternacht, eine Show aus Târgoviste, bei der der Regisseur auch für den Text verantwortlich zeichnet.

Als Hommage an 100 Jahre Dadaismus, zu dessen Gründungsteam auch der Rumäne Tristan Tzara gehörte, umfasste das Programm zwei Vorstellungen, eine davon eine Kollektivproduktion. Unter dem Titel Kollektivkreationen. The Plural Author wurde an einem Vormittag eine Konferenz organisiert, an der unter anderem die jungen Künstlerinnen Alexa Băcanu und Leta Popescu teilnahmen. Sie zeichneten für das Konzept der Kollektivproduktion Call it Art!, die mit theatralischen Mitteln die Problematik der zeitgenössischen Kunst bespricht, verantwortlich. Es ist eine interaktive Performance, bei der das Publikum von Anfang an in das Geschehen miteinbezogen wird. Ironisch und humorvoll zugleich mischt Regisseurin Leta Popescu verschiedene Techniken und Stile, indem sie mit Vorträgen, simulierten Fernsehsendungen und Künstlerinterviews oder Versteigerungen von sonderbaren Gegenständen arbeitet. Letztendlich wird die Suche nach der Antwort auf die Frage "Was bedeutet Kunst heutzutage?" jedem Zuschauer selbst überlassen.

   Eine Vielzahl von Themen und künstlerischen Ansätzen wurde somit abgedeckt, die die Kreativität und Qualität der Klausenburger Künstlergruppe widerspiegeln. Im Allgemeinen verfolgt Măniuţiu die internationale Positionierung des von ihm geleiteten Theaters. Neben dem Unterhaltungs- und Networking-Programm der besonderen Art sind die Internationalen Treffen von einer familiären Atmosphäre geprägt, nicht zuletzt, weil die Möglichkeit geboten wird, den Abend im Foyer des prächtigen Baus des berühmten Architektenduos Fellner & Helmer bei einem Glas Wein oder traditionellem Schnaps und einem außerordentlich guten mehrgängigen Menü ausklingen zu lassen.
 


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