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"Jeden Morgen findet die Familie sie tot auf und glaubt ihr
nicht. Jeden Morgen
Von Irina Wolf |
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"Mord ist die letzte Stufe, […] die am wenigsten interessante, die es zu erforschen gilt", erklärt Emma Dante in einem Interview. Die Ehefrau ist der "Engel des Herdes". Selbst nach dem Tod kann sie ihren Verpflichtungen nicht entfliehen. Die Regisseurin und Autorin interessiert die Frage der Aufrechterhaltung häuslicher Gewalt und letztlich auch die emotionale Unfähigkeit der in patriarchalischen Kulturen geborenen Individuen, sich zu emanzipieren. Auf diese Weise werden die Motive eines täglich innerhalb der Familie wiederkehrenden Rituals und schließlich auch das menschliche Universum ergründet. Trotz des äußerst sensiblen Femizid-Themas setzt Emma Dante ihre grotesk-surrealistische Schreibweise fort und zeigt einen anderen Zugang zu dem Problem auf, jenseits der Nachrichten. Im Programmheft lesen wir außerdem: "In einem vom Redaktionsteam des Corriere della Sera betriebenen Blog wurden zwischen 2012 und 2025 in Italien 1421 Femizide gezählt. Betroffen waren Frauen jeden Alters und aus allen Gesellschaftsschichten, sowohl Italienerinnen als auch Nicht-EU-Bürgerinnen." Die Inszenierung beginnt mit dem bereits begangenen Verbrechen. Der Leichnam der Ehefrau liegt ausgestreckt auf dem Boden der leeren Bühne. Langsam füllt sich diese mit Gegenständen, die von den übrigen Familienmitgliedern – der Schwiegermutter, dem Sohn und dem Ehemann – gebracht werden. Es sind gewöhnliche Haushaltsgegenstände: ein Sessel, eine Lampe, ein Bett, ein WC (in dem Männer typischerweise stehend mit dem Rücken zum Publikum urinieren), ein Kleiderbügel mit Männerkleidung, ein Tisch in der Bühnenmitte, dahinter eine Wäscheleine und ein Bügeleisen, das als Mordwerkzeug dient. Besonders am Anfang gibt die Komik den Ton an und geht in Grammelot (einen mit Dialektwörtern gespickten Jargon) über. Am Ende zählt nicht das Gesagte, sondern der Unsinn dieser Tirade, geboren aus Vorurteilen und gestörten Beziehungen. Manchmal halten sich alle Familienmitglieder an den Händen fest, in einem Griff, aus dem sie sich aber nicht befreien wollen oder können. So wird die Bühnenbewegung oft zur Sprache, bis hin zu einer ausgesprochenen Komik der Choreografie, als einziges Mittel die unausweichliche Banalität des Bösen darzustellen. Worte haben keinen Kommunikationszweck, obwohl die Produktion mit italienischen und englischen Übertiteln geboten wird. Selbstverständlich ist das Monster der Ehemann, den Ivano Picciallo durch die beeindruckende Ausdruckskraft seiner Mimik meisterhaft verkörpert. Sein Machismo wird durch das symbolische Unterwäsche-Outfit – weiße Unterhosen und -hemd sowie Badeschlappen – wirkungsvoll symbolisiert. Dasselbe Outfit trägt auch sein Sohn, der talentierte David Leone, der schließlich ein Kleid anzieht, das seine eigene Persönlichkeit widerspiegelt, weit entfernt von der seines Vaters. Er kann nicht dieselbe Macht demonstrieren. So schwankt er zwischen Ausbrüchen von Dominanz und fast kindlichen Momenten – die Szene, in der die Großmutter Süßigkeiten für ihn aussucht, ist entzückend. Die Schwiegermutter (Giuditta Perriera) ist nur scheinbar eine Nebenfigur. Denn alle wenden sich an sie, um das zu bekommen, was sie brauchen: Der Ehemann, das Geld, der Sohn, die Süßigkeiten und Komplizenschaft. Und so wird das Matriarchat hinter dem zur Schau gestellten Patriarchat vor Augen geführt. Es mag kein Zufall sein, dass nur im Fall der Ehefrau ein Hass zu herrschen scheint. Doch gerade die alte Frau wird ihrer Schwiegertochter gegen ihren eigenen Sohn beistehen. Sie wird auch diejenige sein, die die Trauernde bei der Totenwache verkörpert. Und schließlich die Protagonistin Leonarda Saffi, die Ehefrau, deren Gesicht von Anfang an blutüberströmt ist, die aber großzügig niemals aufgibt und so zum "Engel des Herdes" wird. Emma Dantes Kunst zählt zu den raffiniertesten. Sie fasziniert durch ihre akribische Regiepräzision und die sorgfältig ausgewählte Besetzung, wobei jeder Schauspieler mit großer Meisterschaft auf der Bühne agiert. Die Dialoge sind in der charakteristischen Sprache der Autorin gehalten und oszillieren zwischen emotional und grotesk, bieten viele heitere Momente. Selbst in den dramatischsten Situationen des Alltags findet sich Raum für die befreiende Komik, um die verheerende Realität zu erhellen. Der hypnotische Rhythmus während der gesamten 65-minütigen Aufführung lässt keine Zeit zum Nachdenken. Emma Dante zögert jedoch nicht, die Inszenierung auf ihre eigene Weise zu beenden: Im letzten Tanz sieht sich die in Weiß gekleidete Frau als die Sechzehnjährige, die dem Mann begegnete, der sie heiraten und damit zu einem Leben voller Leid verdammen sollte. Zur symbolischen Musik "Alla fiera dell'Est", in der der Herr am Ende sogar über den Todesengel triumphiert, entflieht sie in eine andere Welt. Und es ist kein Zufall, dass die anderen Schauspieler das Bühnenbild der Reihe nach abbauen. "Alla fiera dell'est" (Auf dem Osterfest. freie Bearbeitung eines jüdischen Pessach-Liedes) ist das dritte Musikalbum (erschienen 1976) des italienischen Sängers Angelo Branduardi. Auf dem Jahrmarkt im Osten, für zwei Groschen |