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Trends im zeitgenössischen rumänischen Theater

In seiner 32. Ausgabe zeigte das Nationaltheaterfestival Bukarest (NTF) vom
5. bis 13. November die besten Produktionen der letzten Saison sowie mehrere
aus dem Ausland eingeladene Performances.

Von Irina Wolf
(25. 11. 2022)

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Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.



(c) Istvan Biro

"Hamlet"
(Regie: Tompa Gábor)


(c) Cosmin Ardeleanu

"Der Vater"
(Regie: Cristi Juncu)


(c) Zsolt Barabas

"Bilderbuch für Brave Kinder"
(Regie:
Máté Hegymegi)


(c) Irina Artenii

"Die Möve"
(Regie:
Eugen Jebeleanu)


(c) Adi Bulboaca

"Waste"
(Regie:
Gianina Cărbunariu)


(c) Dorothea Tuch

"Sinfonie des Fortschritts"
(Regie:
Nicoleta Esinencu)


(c) Adi Bulboaca

"Leg auf, Anrufe warten"
(Regie:
Adina Lazăr)

   Das Kuratorenteam um Mihaela Michailov, Oana Cristea Grigorescu und Călin Ciobotari brachte frischen Wind ins Programm zum einen mit der Sektion "Fragile Grenzen", in deren Fokus die Thematisierung hybrider Ästhetiken stand: Vermischung verschiedener Genres, Integration von Technologien, Verschneidung ästhetischer Territorien sowie die Realisierung einer dynamischen und mutigen Poetik. Hingegen umfasste die Sektion "Fließende Übergänge" Veranstaltungen, die die Beziehung zur Vergangenheit neu beleuchteten und die Gegenwart in Frage stellten. Dabei wurden kollektive und familiäre Geschichten aus subjektiven Blickwinkeln betrachtet und kontroverse Episoden der offiziellen Geschichte hinterfragt. Performative Installationen, Online- und Virtual-Reality-Kreationen wurden verstehbar als Reaktion auf den Wandel des künstlerischen Sprachausdrucks während der Pandemie.

Mikro- und Makrogeschichten

   Mit zwei Großproduktionen überzeugte das Ungarische Staatstheater Cluj in der Untersektion "Makrogeschichten. Fragmentierte Gesellschaften". Beide Stücke hätten nicht unterschiedlicher ausfallen können. Tompa Gábors moderne Inszenierung von Hamlet (seine vierte in seiner Karriere als Regisseur) zeigte ein ausuferndes Angebot an Regieeinfällen. Als Spiegel unserer heutigen Welt ist Hamlet nicht nur ein Rebell, sondern ein stoischer Mensch, der in einer Bibliothek lebt. Kultur dient jedoch nicht mehr der Wiederherstellung der moralischen Ordnung. Aus der Neuinterpretation des Regisseurs gibt es scheinbar für keine Figur ein Entkommen. Die einst attraktiven Barkeeperinnen Rosencrantz und Guildenstern verwandeln sich später in Eliteschützinnen. Und am Ende wird Ophelia ermordet. Dagegen präsentierte sich Silviu Purcăretes klassische Inszenierung von Ionescos Macbett als hochkarätiges Theater. Das während des Kalten Krieges geschriebene Stück verwandelt Shakespeares "Macbeth" in eine tragikomische Geschichte über Ehrgeiz, Korruption und Feigheit. Das insgesamt hervorragende Ensemble spielte vor einem begeisterten, ausverkauften Haus.

Währenddessen wurden in den "Mikrogeschichten" persönliche Konflikte untersucht. In Florian Zellers Familiengeschichte Der Vater wird die Welt mit den Augen eines Demenzkranken betrachtet. Cristi Juncus Inszenierung war hochemotional, umso mehr, als sie dem 90-jährigen Hauptdarsteller Victor Rebengiuc in seiner letzten Rolle huldigte. Familienthemen fanden sich auch in anderen Produktionen wieder. Das Bilderbuch für brave Kinder, eine Adaption von Máté Hegymegi des Musicals von Phelim McDermott und Julian Crouch (basierend auf Geschichten von Heinrich Hoffmann und vertont von The Tiger Lillies) entpuppte sich als eine bissige und bitterböse Junk-Oper voll schwarzen Humors. Das Groteske erwies sich als ideale Formel, um die Klischees eines Bildungssystems, das Persönlichkeiten standardisiert und Kreativität unterdrückt, ad absurdum zu führen.

In der Kategorie "Fragile Grenzen. Hybride Bereiche" tat sich besonders Die Möwe hervor. Eugen Jebeleanus Filmtheater-Interpretation von Tschechows Meisterwerk am Nationaltheater Bukarest thematisiert Probleme der rumänischen Theaterszene und den Generationenkonflikt. Ein frischer Ansatz, der darauf abzielt, Stereotypen zu durchbrechen.

Rumänische Künstler in Europa

   Einige der aufregendsten Aufführungen des Festivals lieferte die neue Generation angehender rumänischer Künstler. Wie nie zuvor inszenierten zahlreiche Regisseure in der letzten Saison im Ausland. Das ist der Fall bei Millennial History in der Regie von Catinca Drăgănescu (produziert von Resonate Productions Niederlande). Was als Podcast begann, für den Andrea Voets und der Komponist Luke Deane Hunderte von Musikstücken und Interviews kombinierten, wurde zu einem spannenden Live-Dokumentarkonzert, in dem mehrere Geschichten zu einer überzeugenden Einheit verschmelzen. Das musikalisch-filmische Konzept behandelt den Konflikt in Nordirland, die sizilianische Mafia, Ostdeutschlands Wandel nach der Wiedervereinigung und Ceauşescus berüchtigte "Kinder des Dekrets".

Gianina Cărbunarius Waste!, produziert am Schauspiel Stuttgart, ist ein dokumentarisches Märchen, in dem sich Realität und Fiktion ständig vermischen. Basierend auf der echten Geschichte eines rumänischen Dorfs, in dem der aus dem Westen nach Osteuropa ausgelagerte Müll in Zementfabriken verbrannt wird, verknüpft Cărbunariu Menschen mit Fischen, Bären und Pfauen, um zu zeigen, dass die europäische Solidarität angesichts der wirtschaftlichen Ungleichheiten schwer vertretbar ist.

Die Ausbeutung durch das kapitalistische System wurde auch von der aus der Republik Moldau stammenden Nicoleta Esinencu und ihrem Kollektiv "teatru spalatorie" in Sinfonie des Fortschritts dem Publikum schmerzlich vor Augen geführt. Ein Sprachkonzert, das die westeuropäische Selbstgewissheit, eine demokratische und fortschrittliche Gesellschaft zu sein, auf bissig-humorvolle Weise demontiert. Drei Performer, ausgestattet mit Bohrmaschinen, Straßenbauarbeiter-Klamotten, einem Mischpult und Mikrofonen, erzählten – konsequenterweise in moldawisch-rumänischer und russischer Sprache – die Geschichten von Saison- und Wanderarbeitern. Die Produktion des Hebbel-am-Ufer-Theaters wurde zum diesjährigen Berliner Theatertreffen nominiert. Nicht zuletzt soll hier ein weiteres Gastspiel Erwähnung finden. Für Der blinde Fleck, produziert vom Serbischen Nationaltheater in Novi Sad, schrieben die Autoren Ionuţ Sociu und Cosmin Stănilă die Geschichte der Antigone in eine Seifenoper um, die während der Pandemie spielt. Regie führte Andrei Măjeri.

   Doch auch Produktionen aus Rumänien überraschten durch mutige Themenwahl und starke Bühnenumsetzung. Geschrieben von Alexandra Felseghi und inszeniert von Adina Lazăr ist Leg auf, Anrufe warten (eine Produktion des Nationaltheaters Cluj) eine Anklage gegen den rumänischen Staat und seine Unfähigkeit, Frauen zu schützen. Der Titel erlangte eine finstere Berühmtheit: Er steht für den Satz, mit dem ein Polizist die entführte Teenagerin Alexandra Măceşanu 2019 von der europäischen Notrufnummer 112 abwies, bevor sie ermordet aufgefunden wurde. Bekannt für ihr Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte zeigte Carmen Lidia Vidu im Dokumentartheater Menschen. Zu verkaufen (eine Produktion des Deutschen Staatstheaters Temeswar) auf, wie das kommunistische Rumänien seine deutsche Minderheit – insbesondere in den Jahren von 1969 bis 1989 – der Bundesrepublik Deutschland verkaufte.

Neben Theater bot das NTF auch Tanzproduktionen. Hinzu kam ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm bestehend aus szenischen Lesungen, Debatten, Ausstellungseröffnungen und eine Theaterbuchmesse, auf der nicht weniger als 23 Neuerscheinungen vorgestellt und Begegnungen mit ihren Autoren möglich wurden. Zum ersten Mal widmete das NTF der Präsenz der darstellenden Künste in Schulen und Gymnasien besondere Aufmerksamkeit, einschließlich Workshops und Treffen für Studenten von Universitäten und Kunstschulen.

   Zum Abschluss gab es eine zweite Inszenierung von Silviu Purcărete. Die Cenci Familie ist ein poetisches Stück nach P.B. Shelley und Stendhal, das Artauds Theorie mit der Grausamkeit des Grafen Francesco Cenci gegenüber seiner Familie und insbesondere seiner Tochter Beatrice verbindet. Die Produktion des Nationaltheaters Iaşi entpuppte sich als ästhetisches "Markenzeichen" von Purcărete. Ein prächtiger Abschluss des Festivals!

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