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Nationaltheaterfest Bukarest 2021

Eigentlich hätte die 31. Ausgabe des rumänischen Nationaltheaterfestivals Ende Oktober
endlich wieder mit Publikum stattfinden sollen. Doch die Pandemie machte erneut
einen Strich durch die Rechnung. Mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen haben die
Organisatoren im Eiltempo eine Online-Ausgabe auf die Beine gestellt, die sich als großer
Erfolg entpuppte. Zum zweiten Mal in Folge wurden die Festspiele ins Internet
verlegt, sodass Zuschauer aus aller Welt die Möglichkeit hatten, dem
Festival vom 6. bis 14. November beizuwohnen.

Von Irina Wolf
(24. 11. 2021)

...



Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.
 



Pascal Jacob.
"O istorie a circului".
 



George Banu.
"O lumină în inima nopţii".
 



Cristina Modreanu.
"A History of Romanian
Theatre from Communism
to Capitalism
".

   Das Programm war ein bunter Reigen aus Theater, Tanz, performativen und visuellen Installationen, Radiosendungen, Ausstellungen, Buchpräsentationen und vieles mehr. Das vom künstlerischen Leiter-Trio (bestehend aus den Theaterkritikern Oana Cristea Grigorescu, Cristina Rusiecki und Claudiu Groza) vorgeschlagene Konzept lautete "Kreation. Entspannung. Neuschöpfung" (Creation. Recreation. Re-Creation).

Den Regeln entsprechend wurden nur Produktionen ausgewählt, die ihre Premiere in der Saison 2020-2021 gefeiert hatten. Trotz der Pandemie erwies sich die Theaterszene in diesem Zeitraum als äußerst produktiv und kreativ. So gaben 38 bemerkenswerte Inszenierungen einen vertieften Einblick in den Status quo des rumänischen Theaters. Traditionsgemäß gehörten zum Programm auch diesmal mehrere ausländische Produktionen. Der Zugang zu allen Streams war kostenlos, die meisten Aufzeichnungen mit englischen Untertiteln für 48 Stunden auf fnt.ro verfügbar.

   Als außerordentlich produktiv erwies sich auch die Publikationssparte: Bücher bekannter rumänischer Regisseure, Schauspieler und Theaterhäuser, Theatertexte, Zeitschriften und Romane. Nicht weniger als 45 Neuerscheinungen wurden im Rahmen des Nationaltheaterfestivals in einem durchaus innovativen und attraktiven Konzept präsentiert: In einem kurzen Video von wenigen Minuten Länge stellten die Autoren ihre Bücher selbst vor. Die Themen reichten von einer Geschichte des Zirkus, vom Clown als Bewahrer der Theatralität bis zu pädagogischem Theater und dem Kronleuchter als emotionsweckendem Gegenstand. "Marketing der darstellenden Kunst" und "Leben und Theater auf der Weltbühne" sind weitere Titel, die von einer großen schriftstellerischen Vielfalt zeugen. Besonders nennenswert ist die Trilogie "Diskurs der Theaterkritik im Kommunismus" von Miruna Runcan, ein wichtiges Nachschlagewerk für Studierende und Erforscher der rumänischen Theaterszene von 1950 bis 1989.

"Visuelle Einrichtungen" hieß das Modul, das neben der Online-Komponente auch live erlebt werden konnte. Ohne Zweifel war sowohl für Passanten als auch für die virtuellen Zuschauer die Präsentation des "Multimedia Wörterbuches des Rumänischen Theaters" (DMTR) ein besonderes Ereignis. Das spektakuläre Videomapping, kreiert von der Regisseurin Carmen Lidia Vidu an der Fassade des zentral gelegenen Odeontheaters, brachte die Zuseher zum Staunen. Das von der Theaterkritikerin Cristina Modreanu ins Leben gerufene DMTR ist eine digitale Plattform, die spezialisierte Inhalte vermittelt, gleichzeitig aber auch die bereits online vorhandenen Informationen über wichtige rumänische Künstler und Produktionen vereint. Alle Künstler- und Inszenierungsprofile werden von einem Team von über 50 Personen, bestehend aus Theaterfachleuten und Studierenden der Theaterfakultäten, erstellt. Derzeit umfasst das Projekt 100 Wörterbucheinträge, in denen man auf dmtr.ro schmökern kann. Auch eine englische Version ist in Planung und wird abhängig von den Finanzierungsmöglichkeiten umgesetzt werden.

   Sind die Bühnenbildner die von der Pandemie am stärksten betroffenen Künstler? Dieser Meinung scheint Cristina Rusiecki zu sein: "Ermüdet von der Filmperspektive, bei der die Projektion manchmal schwer von dem Bühnengeschehen abzugrenzen ist, wollten wir wieder in den dreidimensionalen Raum der Bühnenbildner eintauchen", sagt die Theaterkritikerin und -kuratorin. Aus diesem Grund wurde die von Adrian Damian koordinierte Konferenz "NEXT ON STAGE. Perspektiven in der Szenografie" online organisiert. Die gut besuchte Veranstaltung hatte zum Ziel, die aktuelle Situation der Bühnenbildnerei in Rumänien zu analysieren, Aspekte der Position des Bühnenbildners innerhalb des Kreativteams hervorzuheben und seine Beziehung zu anderen Künstlern zu besprechen.

"In gewisser Weise versucht die Auflage 2021 des Nationaltheaterfestivals, die Verluste des letzten Jahres mit den lebenswichtigen Energien des Fortbestehens und der Neuschöpfung auszugleichen", behauptet Oana Cristea-Grigorescu. Ob das gelungen ist, werden Sie im nächsten, den ausgewählten Produktionen gewidmeten Beitrag erfahren!

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