|
......
Er ist 78 Jahre alt, hat zwei erwachsene Kinder und drei
Enkelkinder. Körperlich und geistig ist
Von Irina Wolf |
|
... |
|
Der prominente deutsche Strafverteidiger und bekannte Autor von Bestsellern lässt Herrn Gärtners konkreten Fall von Experten aus verschiedenen Blickwinkeln untersuchen: moralisch-ethisch, medizinisch, rechtlich und religiös. Am Schauspielhaus Graz adaptieren Regisseur Bernd Mottl und Dramaturg Daniel Grünauer Schirachs Stück, indem sie die Rechtslage in Österreich einbeziehen. Einer nach dem anderen bringen die Hausärztin (Steffi Krautz), eine Juristin (Birte Leest), ein Mediziner (Fredrik Jan Hofmann) und ein Theologe (Clemens Maria Riegler) ihre Argumente vor. Befragt werden sie abwechselnd von dem Mitglied einer fiktiven Ethikkommission (Evamaria Salcher) und von Herrn Gärtners Rechtsanwalt. Moderiert wird das Ganze von der Vorsitzenden der Kommission (Susanne Konstanze Weber). Akribisch recherchierte Argumente zur Situation in Ländern mit liberalen Sterbehilferegelungen wie den Benelux-Staaten, der Schweiz, dem US-Bundesstaat Oregon, ja sogar weit zurückreichend bis zum Römischen Reich werden ebenfalls berücksichtigt. Beispielhaft sind auch die Daten der Statistik Austria zu Todesursachen und Suizidmethoden in Österreich, die auf einer großen Leinwand gezeigt werden. Im Allgemeinen spielt die Bildfläche auf der schlicht in weiß-türkis gehaltenen Bühne (Friedrich Eggert) – das Ganze spielt sich vor dem Vorhang ab – eine nicht unwichtige Rolle: Jeder der Experten wird darauf durch Kurzfilme präsentiert und die besorgten Kinder per Video eingespielt (Fotos & Video: Jörn Hartmann). Langfristige Veränderungen in der Gesellschaft werden der Selbstbestimmung des Menschen gegenübergestellt. Betrachtet man nur die Daten, Zahlen und Fakten, bilden diese eine eher trockene Angelegenheit. Gekonnt umgeht Regisseur Mottl diese Gefahr und weiß auch Emotionen zu wecken, sei es mit dem zeitweise prozessähnlichen Ablauf der Expertenbefragung, mit einer emotionalen Rede von Herrn Gärtner – beeindruckend Gerhard Balluch – oder mit dem ironischen, leicht humorvollen Ton seines Rechtsanwalts – großartig Mathias Lodd. Wie auch im Fall von Friedrich von Schirachs erstem Theaterstück TERROR (2015) bildet die Publikumsbeteiligung den spannendsten Teil des Konstruktes. Denn am Ende werden die Zuschauer gebeten, über eine brisante Frage zu urteilen: "Halten Sie es für richtig, dass Herr Gärtner das tödliche Medikament bekommt, um Selbstmord zu verüben?" Im Schauspielhaus Graz wurden dafür noch am Eingang Stimmgeräte verteilt. Es gab zwei Abstimmungsphasen. Zunächst sollten die Zuschauer angeben, ob sie grundsätzlich für oder gegen Sterbehilfe sind: Bei der Premiere im bis zum dritten Rang gefüllten Haus sprachen sich 77 Prozent dafür aus. Umso auffallender das Ergebnis nach der umfangreichen Befragung der Experten: Nur mehr 57 Prozent stimmten für Herrn Gärtners assistierten Suizid. In seinem "Abschlussplädoyer" lässt Herr Gärtners Rechtsanwalt einen bedeutsamen Satz fallen: "Wem gehört unser Leben?" Dass dies zum Nachdenken und zu Diskussionen führt, wurde nach dem tosenden Schlussapplaus sichtbar, als etliche Zuschauergruppen noch in ihren Sitzen tief involviert in Gesprächen verweilten. Eine äußerst gelungene Inszenierung! Und ein guter Beweis dafür, dass sich das Theater als demokratischer Dialog- und Erfahrungsort wie kaum eine andere Kunstform eignet, Debatten um Sterbehilfe so breit wie möglich anzulegen und in die Gesellschaft hinauszutragen. Die
Reise von GOTT geht weiter. Es folgen Bühnenumsetzungen in Wien,
Linz, Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt. Inzwischen kann man in die
Abstimmungsergebnisse in Theatern des gesamten deutschsprachigen Raums auf
der Webseite "gott.theater" Einsicht nehmen. |