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"
Realität auf der Bühne ist unmöglich.
Ich will Wahrhaftigkeit erzeugen."

Nikolaus Habjan ist Theater- und Opernregisseur, Puppenspieler und -designer und
genießt auch als Schauspieler und Kunstpfeifer hohes Ansehen. Der 1987 gebürtige Grazer
studierte Musiktheaterregie an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Im Alter
von fünfzehn Jahren sammelte Nikolaus Habjan bereits erste Erfahrungen im Bereich des Puppen-
theaters. Vom australischen Puppenspieler Neville Trantner erlernte er den Umgang mit sogenannten
Klappmaulpuppen, die er in seinen Inszenierungen verwendet. Erste Puppentheater-Produktionen
entstanden 2008 im Schubert-Theater in Wien. 2012 debütierte er am Burgtheater mit Fool of Love,
eine Produktion nach Shakespeares Sonetten. Habjan wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Mit seinen Inszenierungen mit Puppen und Schauspielern war er an zahlreichen großen Bühnen zu
Gast, unter anderem am Wiener Volkstheater, am Schauspielhaus Graz, am Münchner
Residenztheater, im Schauspielhaus Zürich, an der Oper Dortmund, an den Bayreuther
Festspielen. Nikolaus Habjan tritt mit verschiedenen Musikern – darunter der Musikbanda
Franui und der Pianistin Ines Schüttengruber – im In- und Ausland als Kunstpfeifer
auf. Seit 2019 unterrichtet er an der Kunstuniversität Graz, Institut
für Schauspiel, das Fach Puppenspiel.

Von Irina Wolf
(30. 06. 2023)

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(c) Sebastian Fröhlich

Nikolaus Habjan

 

 

 

 

Ich war dreizehn Jahre
alt, als dann auf dem La-
Strada-Festival eine englisch-
sprachige Produktion von
Hamlet zu Gast war, die
mich wahnsinnig beein-
druckt hat.

 

 

 

 

 

 

 

Da die Klappmaulpuppen
lebensgroß sind, kann man
auch sehr große Bühnen
bespielen. Und sie ermög-
lichen es einem, unglaub-
lich spontan zu sein und
auf das Publikum in einem
Maße zu reagieren, wie
es etwa mit Marionetten
nicht möglich ist.

 

 

 

 

 

 

 

Gute Gesichter findet
man überall, aber die U-
ahn in Wien ist schon
ein Highlight.

 

 

 

 

 

 

 

Ich habe immer ein Notiz-
büchlein bei mir, um Skiz-
zen anzufertigen. Manch-
mal muss ich sofort ins
Atelier, um diese Puppe
zu bauen, manchmal lie-
gen diese Skizzen auch
Monate. In der Regel
verbinde ich mit dem
Aussehen bereits den
Charakter.

 

 

 

 

 

 

 

 

Denken Sie an die Proble-
me im Nahen Osten und
nehmen Sie das Stück
Nathan der Weise als Bei-
spiel, das noch genauso
aktuell wie zu seiner
Entstehungszeit vor
200 Jahren ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Eltern waren große
Fans von Helmut Qualtin-
ger und Georg Kreisler.
Das hat sichtbare Spuren
in meiner Psyche hinter-
lassen.

 

 

 

 

 

 

 

Ein Stück muss mich bewe-
gen, ärgern oder amüsie-
ren. Und es stellt sich im-
mer die Frage, ob ich
mit oder ohne Puppen
arbeite.

 

 

 

 

 

 

 

Am Anfang dachte ich,
das Stück über Friedrich
Zawrel würde ein Flop
werden, in den ersten Vor-
stellungen hatten wir im
Schubert-Theater, das 72
Plätze zählt, nur vierzehn
Besucher. Nach einem
Monat wurde es ein tota-
ler Erfolg; ich spiele es
nach elf Jahren noch
regelmäßig und das in
der Regel bei ausverkauf-
ter Vorstellung im In-
und Ausland.

 

 

 

 

 

 

 

In Österreich gibt es bis
heute keine Ausbildungs-
stätte für Puppentheater.
Vielmehr verstand und
versteht man darunter
Kasperl für Kinder.

 

 

 

 

 

 

 

 

Puppenspiel ist an sich
schon sehr musikalisch.
Es hat viel mit Technik
und Timing zu tun.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Puppe ist ein leblo-
ses Objekt, das nur durch
die Spieler zum Leben
erweckt wird, sie wird
animiert. In diesem Wort
steckt "Anima", die Seele.

Irina Wolf: Herr Habjan, wie kam es zur "Puppenliebe"?

Nikolaus Habjan: Mein erstes Theatererlebnis war mit vier Jahren, als ich in der Grazer Oper Mozarts Zauberflöte gesehen habe. Von da an war für mich klar, dass ich diese Oper wiedersehen muss. Als wir dann eine Reise nach Salzburg gemacht haben und ich auf dem Spielplan des dortigen Marionettentheaters Die Zauberflöte am Programm gesehen habe, war ganz klar: Ich muss das sehen! Diese Verbindung von Oper und Puppentheater, das war’s dann für mich! Ich hab’ das gesehen und wusste: Das ist meins!

Irina Wolf: In Ihren Inszenierungen verwenden Sie eine ganz besondere Art von Puppen: die Klappmaulpuppe. Was hat Ihr Interesse an dieser Puppenart geweckt?

Nikolaus Habjan: In Graz gibt es das Sommertheaterfestival La Strada, das, wie der Name schon sagt, in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt stattfindet. Als ich ein Kind war, lag der Schwerpunkt dieses Festivals noch auf dem Puppenspiel. Und so war die ganze Stadt voll mit Puppen und lebensgroßen Figuren. Ich hatte seit meinem Zauberflöten-Besuch in Salzburg begonnen, Marionetten zu sammeln, um mein eigenes Puppenensemble aufzubauen und meine ersten eigenen Inszenierungen zu realisieren. Ich war dreizehn Jahre alt, als dann auf dem La-Strada-Festival eine englischsprachige Produktion von Hamlet zu Gast war, die mich wahnsinnig beeindruckt hat. Und als dann im nächsten Jahr ein Workshop mit Neville Tranter angeboten wurde, habe ich mich angemeldet. Diese Begegnung war für uns beide prägend. Ich habe in den folgenden Jahren mehrere Workshops bei ihm absolviert und das Handwerk des Klappmaulpuppenbaus und -spiels erlernt. Da die Klappmaulpuppen lebensgroß sind, kann man auch sehr große Bühnen bespielen. Und sie ermöglichen es einem, unglaublich spontan zu sein und auf das Publikum in einem Maße zu reagieren, wie es etwa mit Marionetten nicht möglich ist.

Irina Wolf: Sie entwerfen und bauen die Puppen selbst. Worauf achten Sie da besonders? Aus welchem Material sind die Puppen? Und was sind die Inspirationsquellen für Ihre Puppen?

Nikolaus Habjan: Die Puppen sind aus den verschiedensten Materialien. Manche sind genäht, so wie die Zawrel-Kinderpuppe, manche aus einem Damenstrumpf mit Watte gefüllt und mit Latex modelliert. Manchmal schnitze ich einen Kopf aus Schaumstoff, überziehe ihn mit Latex, schnitze die großen Furchen und die Nase und verpasse ihm Glasaugen oder Kunstkristalle. Manche Puppen modelliere ich in Ton, dann mache ich einen Silikon-Negativabdruck, gieße das anschließend mit einem ganz leichten Kunststoff aus und schäume den Kopf aus. Ich versuche immer zu experimentieren, ich habe keine spezielle Methode. Gute Gesichter findet man überall, aber die U-Bahn in Wien ist schon ein Highlight. Das Gesicht allein ist es aber nicht. Es geht auch um die Träger und ihre Ticks. Manchmal springt’s mir direkt aus dem Kopf, manchmal gärt das so. Ich sehe eine Frisur, eine Nase oder irgendeine Eigenheit und das formt sich dann immer mehr. Ich habe immer ein Notizbüchlein bei mir, um Skizzen anzufertigen. Manchmal muss ich sofort ins Atelier, um diese Puppe zu bauen, manchmal liegen diese Skizzen auch Monate. In der Regel verbinde ich mit dem Aussehen bereits den Charakter.

Irina Wolf: Die von Ihnen inszenierten Werke im Theaterbereich sind, unter anderem, Das Missverständnis, Faust. Der Tragödie erster Teil, Nathan der Weise, Am Königsweg, Der Leichenverbrenner, Die Blendung. Wie entscheiden Sie sich für einen Text bzw. wie wählen Sie die Texte aus? Die meisten der oben erwähnten Werke bringen das Böse im Menschen heraus. Wieso dieses Interesse für die "böse Seite"?

Nikolaus Habjan: Es geht nicht um das Böse schlechthin, sondern um Menschen, die sich über andere stellen, und um die Unterdrückten, denen ich eine Plattform geben möchte. Ich beschäftige mich mit dem Menschen an sich und seiner Umwelt und verarbeite in meinen Stücken das, was einen umgibt. Es ist meine politische Haltung. Ich bin stets am Tagesgeschehen interessiert. Denken Sie an die Probleme im Nahen Osten und nehmen Sie das Stück Nathan der Weise als Beispiel, das noch genauso aktuell wie zu seiner Entstehungszeit vor 200 Jahren ist. Das gilt für alle meine Stücke, sie sind hochpolitisch und trotz ihrer frühen Entstehungszeit aktuell.

Wenn Sie unter der bösen Seite den bösen Humor verstehen, so bin ich seit meiner Kindheit damit versorgt worden. Meine Eltern waren große Fans von Helmut Qualtinger und Georg Kreisler. Das hat sichtbare Spuren in meiner Psyche hinterlassen. Aber es ist mir auch wichtig, dass man als Zuschauer lachen kann. Theater muss verführen! Egal, ob es um Unterhaltung geht, oder darum, dem Publikum einen kritischen Spiegel vorzuhalten, am Anfang muss eine Verführung stattfinden.

Irina Wolf: In Die Blendung, Ihre Inszenierung, die ich vor Kurzem im Landestheater NÖ sehen durfte, sind nur die Nebenfiguren durch Puppen gestaltet. Wie fällt die Entscheidung, welche Figuren von Schauspielern gespielt und welche von Puppen dargestellt werden?

Nikolaus Habjan: Das ergibt sich bei mir ganz intuitiv. Wenn ich ein Stück lese oder mich ein Stoff "anspringt", weiß ich, das muss ich machen. Ich sage immer "wenn das Kopfkino losgeht". Es muss mich bewegen, ärgern oder amüsieren. Und es stellt sich immer die Frage, ob ich mit oder ohne Puppen arbeite. Puppen sind mein Markenzeichen geworden, aber ich setze sie nur ein, wenn ich davon überzeugt bin, dass sich dadurch ein Mehrwert oder neue Ebenen ergeben.

Irina Wolf: Eines Ihrer Hauptprojekte ist F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig. Wieso war es Ihnen wichtig, sich mit dem Leben von Friedrich Zawrel zu beschäftigen? Erzählen Sie uns bitte mehr über dieses dokumentarische Figurentheater, von dem auch eine DVD erhältlich ist.

Nikolaus Habjan: Ja, das ist mein wichtigstes Stück, weil ich mit Friedrich Zawrel einen unglaublichen Menschen kennenlernen durfte, der mir sehr viel an Lebensphilosophie mitgegeben hat. Er hat mir sein Leben erzählt und gemeint: "Mach was G'scheits draus". So entstand dieses Stück, das eines der schwärzesten Kapitel der österreichischen Geschichte behandelt: Friedrich Zawrel kam als Kind in die Fachabteilung Spiegelgrund für Kinderpsychiatrie in Wien, er wurde verhaltenstechnischen und medizinischen Versuchen ausgesetzt. Er konnte 1944 fliehen. Dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus begegnete er dem damaligen Oberarzt Heinrich Gross wieder, der nun als Gerichtsgutachter aktiv war und ihn als schweren Psychopathen diagnostizierte. In der Folge wurde Zawrel für sechs Jahre inhaftiert. Erst 2004 wurde er rehabilitiert. Sein Schicksal ist symptomatisch für das NS-Unrechtsregime, dessen Opfer er war, und für die Probleme der Vergangenheitsbewältigung auch im Justizbereich. Die Geschichte hat mich so gepackt, dass es gar nicht möglich gewesen wäre, das Stück nicht zu machen. Am Anfang dachte ich, es würde ein Flop werden, in den ersten Vorstellungen hatten wir im Schubert-Theater, das 72 Plätze zählt, nur vierzehn Besucher. Ich war trotzdem froh, es gemacht zu haben, für mich und für Friedrich Zawrel, der das Stück auch noch gesehen hat. Nach einem Monat wurde es ein totaler Erfolg; ich spiele es nach elf Jahren noch regelmäßig und das in der Regel bei ausverkaufter Vorstellung im In- und Ausland. Es hat den Nestroypreis 2012 in der Kategorie "Beste Off-Produktion", den Schweizer Kulturpreis "Grünschnabel" 2014 und 2016 den Wolfgang Swoboda-Preis für "Menschlichkeit im Strafverfahren" bekommen.

Irina Wolf: Noch während Ihres Studiums haben Sie zusammen mit Regisseur Simon Meusburger das Schubert-Theater in Wien gegründet, ein "Figurentheater für Erwachsene". Wie kam es dazu? Und was ist das Besondere an diesem Theater?

Nikolaus Habjan: Ich habe 2008 begonnen, im Schubert-Theater zu arbeiten. Simon Meusburger hat meine "Herr Berni"-Puppe gesehen und gemeint, dass man da etwas machen solle. So entstand das Stück Schlag sie tot. Das war der Beginn des Figurentheaterschwerpunkts. In Österreich gibt es bis heute keine Ausbildungsstätte für Puppentheater. Vielmehr verstand und versteht man darunter Kasperl für Kinder.

Die ersten Produktionen wie Michael Jackson, Freaks, Der Herr Karl, F. Zawrel – alle mit meinen Puppen waren erfolgreich und machten das Publikum neugierig auf dieses Genre. Einladungen zu Gastspielen, Festivals und auf große Bühnen folgten. So entwickelte sich das Schubert-Theater zu dem einzigen Figurentheater für Erwachsene in Wien. Heute organisiert Lisa Zingerle, die mit Simon Meusburger das Haus leitet, ein eigenes Festival. Das Theater ist zur Heimat von jungen Puppenspielern geworden und gastiert mit seinen Produktionen regelmäßig im In- und Ausland.

Irina Wolf: Sie sind auch Opernregisseur und Kunstpfeifer. Wie unterscheidet sich der Einsatz der Puppen in einer Theateraufführung gegenüber einer Opernvorstellung? Wie "spielen" Opernsänger mit Puppen bzw. Puppenspieler zusammen?

Nikolaus Habjan: Inzwischen inszeniere ich mehr in der Oper als im Schauspielhaus. Puppenspiel ist an sich schon sehr musikalisch. Es hat viel mit Technik und Timing zu tun. In der Oper können sich die Opernsänger am Rhythmus festhalten. Im Theater gebe ich daher bei den Proben Musik vor, die ich dann weglasse, wenn der Rhythmus sitzt. Das ursprüngliche Hobby "Kunstpfeifen" hat mich bereits in viele Konzertsäle, darunter auch in die Elbphilharmonie in Hamburg geführt.

Irina Wolf: Sie bereiten soeben die Premiere von L'Orfeo, der Oper von Claudio Monteverdi, an der Semperoper in Dresden vor. Was ist Ihnen besonders wichtig an diesem Werk? Was wird die Zuschauer da erwarten?

Nikolaus Habjan: Orfeo ist die älteste Oper. Mich fasziniert, die Bedeutung des Lebens und Todes in diesem Werk. Puppentheater ist die Theaterform, die am nächsten an diese Darstellungsform kommt. Die Puppe ist ein lebloses Objekt, das nur durch die Spieler zum Leben erweckt wird, sie wird animiert. In diesem Wort steckt "Anima", die Seele. Meine Philosophie: Realität auf der Bühne ist unmöglich; ich will Wahrhaftigkeit auf der Bühne erzeugen.

Irina Wolf: Und welches sind Ihre zukünftigen Projekte?

Nikolaus Habjan: Mein nächstes Projekt ist Die schöne Müllerin in der Staatsoper Berlin gemeinsam mit Florian Boesch und der Musikbanda Franui. Es gibt Gastspiele im Schauspielhaus Graz (Der Herr Karl am 13. Juni und Ich pfeife auf die Oper am 14. Juni), F. Zawrel in der Josefstadt Wien am 15. Juni und am 20. Juni in Hartheim. Auf meiner Homepage finden Sie alle meine Termine.

Irina Wolf: Vielen Dank!  

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