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Frau Hamlet, charmant und mehrdeutig

"Es ist ein Versprechen, das ich mir selbst gegeben habe, als ich Hamlet
zum ersten Mal inszenierte, nämlich diesen Klassiker alle zehn Jahre neu zu betrachten,
um zu verstehen, wo ich stehe, nicht nur in Bezug auf Shakespeares Text, sondern auch
auf meinen Beruf als Theaterregisseur." Mit diesen Gedanken ging Antonio Latella ans Werk,
Hamlet zum dritten Mal in seiner Karriere auf die Bühne zu bringen. Der international bekannte
italienische Regisseur wählte einen philologischen Ansatz und wagte es, das Stück in seiner
vollen Länge zu inszenieren. Dabei wurde er von einer originalgetreuen und zugleich
modernen Übersetzung von Federico Bellini und der Dramaturgie von Linda Dalisi
unterstützt. Das Ergebnis ist ein komplexes Werk, das es
schafft, Shakespeares Geist wiederzugeben.

Von Irina Wolf
(20. 01. 2023)

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Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.


 


(c) Masiar Pasquali


(c) Masiar Pasquali


(c) Masiar Pasquali


(c) Masiar Pasquali


(c) Masiar Pasquali


(c) Masiar Pasquali


(c) Masiar Pasquali


(c) Masiar Pasquali


"Hamlet"
(Regie: Antonio Latella)

   Nachdem die Aufführungen im Sommer 2021 aufgrund der Pandemie wenige Tage nach der Premiere unterbrochen werden mussten, wurde Latellas Hamlet vom 1. bis zum 30. Oktober 2022 in der Sala Melato des Piccolo Teatro in Mailand wieder gezeigt. Schon beim Betreten des kreisförmigen Saales wird klar, dass das Publikum auf Balkonen in verschiedenen Stockwerken 270 Grad um die Bühne herumgesetzt ist. So kann die Inszenierung aus allen Perspektiven gleich richtig betrachtet werden. Schauspieler nehmen die Zuschauer im Parkett wahr und wenden sich oft interaktiv an sie. Dies ist in der Tat typisch für das Shakespeare-Theater, in dem das Publikum als Vertreter der Bürgerschaft in einem Amphitheater-ähnlichen Raum positioniert ist und häufig mit den Schauspielern interagiert.

Eine Fülle von Regieeinfällen, mal ernst und nachdenklich und dann wieder völlig überraschend komisch, lassen die sechseinhalb Stunden wie im Fluge vergehen (die zwei Teile der Aufführung konnten entweder an zwei aufeinanderfolgenden Abenden oder als Gesamtvorstellung am Wochenende genossen werden). Das minimalistische Bühnenbild verweist auf ein mittelarmes Theater, dessen wahrer Reichtum die Stimmen und Körper der Schauspieler sind. Auf der fast nackten Bühne befindet sich im Vordergrund ein Betstuhl, auf dem Hamlet kniend seinen vorgetäuschten Wahnsinn und seine Qual zeigt. Die dahinter platzierten Holzbänke erinnern an das Innere einer Kirche. Es ist ein heiliges Gegenteil zum religiösen Konformismus der Macht. Darüber hinaus gibt es wenige spektakuläre Effekte. Dabei ist der Einsatz von Farbe von zentraler Bedeutung. Die einzige Ausnahme ist die Szene, die Hamlets langem Monolog gewidmet ist und in der er über die Arbeit des Schauspielers spricht. Tatsächlich scheint Latella dieser Reflexion über das Theater viel Bedeutung beigemessen zu haben, vielleicht gerade um sein Engagement als Regisseur und seine Beteiligung an dem Text aus professioneller Sicht zu unterstreichen.

Auch die Kostüme setzen in ihrer nur scheinbaren Ernsthaftigkeit ein starkes Zeichen. Sie sind nüchtern und modern. Hamlets Drama erscheint zeit- und raumlos. Schwarz und Weiß sind die dominierenden Farben: Trauer und Schuld scheinen neben Unschuld und Reinheit der Seele bestimmende Charakteristika von Shakespeares Meisterwerk zu sein. Damit erweist sich Latellas Hamlet als Allround-Show. Vor allem zum Anschauen, aber auch zum Fühlen und Wahrnehmen. Die Inszenierung ist um einen Zeremonienmeister und zugleich Interpreten von Horatio herum strukturiert. Er ist der Einzige, der einen blauen Anzug trägt. Alle anderen sind am Anfang in Weiß gekleidet und befinden sich gleichzeitig auf der Bühne, auch wenn sie nicht wirklich als Charaktere agieren. Einige von ihnen besetzen den von den Zuschauern frei gelassenen Teil des Parketts und betreten von dort aus die Bühne. "Wir wollten damit deutlich machen, dass wir alle Hamlet sind, ich meine die Hamlet-Figur", sagt Latella. Die weißen Kostüme sind nicht nur der Widerruf eines Geistes, sondern auch für viele Schauspieler eine Nummer zu groß. "Die Erklärung liegt im 'Scheitern' eines Kostüms, das nicht getragen werden kann, also eines Textes, dem wir niemals nachkommen können", begründet der Regisseur seine Wahl. Im zweiten Teil der Aufführung, nach dem Tod von Polonius, tragen alle schwarze Trauerkleidung mit hohem Kragen, Mieder und weitem Rock im elisabethanischen Stil.

Frauen- und Männerrollen

   Die Inszenierung beruht auf dem intensiven körperlichen und emotionalen Einsatz der Schauspieler. Bereichert wird das Ganze um eine Huldigung von Giorgio Strehlers Theater, so etwa in der Szene, in welcher die Bühne mit den Kostümen des Piccolo-Archivs in einer kreisförmigen Anordnung gefüllt wird. Das wichtigste Merkmal der Inszenierung ist aber die Rollenvergabe. Während in der viktorianischen Ära sogar weibliche Charaktere Männern anvertraut wurden, werden hier einige männliche Figuren von Frauen gespielt.

Zunächst Hamlet, der von der jungen Schauspielerin Federica Rosellini verkörpert wird. Eine charmante und mehrdeutige Frau Hamlet, die es mit ihrer Energie und szenischen Stärke schafft, die Zuschauer in ein neues Universum zu entführen, jenseits aller Geschlechterstereotypen. Denn für Antonio Latella geht der Hamlet des 21. Jahrhunderts über Sexualität und über den Geschlechterunterschied zwischen Frauen und Männern hinaus. Nicht umsonst ist Rosellini Gewinnerin des Ubu-Preises 2021: "Beste Schauspielerin unter 35 Jahren". Federica Rosellini ist nicht die einzige spezielle Frauenfigur in dieser Inszenierung. Es gibt auch die hervorragende Anna Coppola, die sowohl den Geist von Hamlets Vater als auch den Totengräber-Clown darstellt. Der Geist wirkt respektlos spöttisch, denn die Schauspielerin ist von einem Laken bedeckt, auf das ein "Ghostbusters"-Gesicht gezeichnet ist; fast eine Blasphemie. Shakespeares Klassiker wird mit der Gegenwart in Einklang gebracht.

Auch durch die Mehrrolleninterpretation der Schauspieler wird die Komik der Inszenierung hervorgehoben. Dies ist der Fall bei Andrea Sorrentino, der sowohl Rosencrantz als auch Guildenstern verkörpert, ein Paar identischer Individuen; ein Element, das der Regisseur offenbar unterstreichen wollte, indem er die lächerliche Seite ihrem unvermeidlichen tragischen Ende gegenüberstellte.

Wasser und Erde

   Latella wählt den Tod des Polonius (entsprechend dem Ende des dritten Aktes) als Element der Zäsur, um die beiden Teile des Abends zu trennen. Die Wahl ist tatsächlich effektiv, denn im zweiten Teil erleben wir eine unglaubliche Rhythmussteigerung. Durch den stärkeren Einsatz von Musik und Mikrofon fügt der Regisseur viel mehr Pathos und Emotion in das Geschehen ein.

Was das Bühnenbild betrifft, so spielt eine Falltür in der Mitte der Bühne eine wirkungsvolle Rolle. Es ist ein von Hamlet enthülltes quadratisches Loch, das durch Heben jedes einzelnen Brettes freigegeben wird. Diese Grube nimmt unterschiedliche Funktionen ein: Zuerst ist es Aufführungsort für die Schauspieler, die Gonzagos Ermordung auf der Bühne darstellen. Danach wird das Loch mit Wasser gefüllt. Denn Latella entscheidet sich dafür, Ophelias Tod auf eine nüchterne und elegante Weise darzustellen: Die Schauspielerin springt in das Wasser und beginnt wie eine Tote zu treiben. Im letzten Akt ist die Grube jedoch mit Erde gefüllt: Es ist ein Friedhof, der Ort, an dem die Selbstmörderin begraben wurde, und Schauplatz der berühmten Totengräberszene. Wasser und Erde sind die charakteristischen Elemente der beiden letzten Akte der Tragödie.

   Die Entscheidung, das Ende der Tragödie zu erzählen anstatt darzustellen, ist besonders wirkungsvoll. Der finale Dialog zwischen Hamlet und Horatio ist nur zu hören: Horatio rezitiert am Rednerpult die entsprechende Passage. Es sind die Geister, die in der Luft schweben, die uns an die Anwesenheit der Figuren erinnern; die Magie des Theaters erlaubt es, sie darzustellen. Horatio erinnert sehr an einen Priester, der eine Messe feiert. Und die Szene ähnelt einer Beerdigung. Latella inszeniert eine letzte Salbung. Andererseits ist es auch Hamlets Massaker. So wandern die in Trauer gekleideten Figuren durch den Raum auf der Suche nach ihrer Bühnenidentität.

Dem Gesang (sowohl Hamlet als auch Ophelia singen Lieder) und der Musik wurde ebenfalls viel Gewicht beigemessen. Anfangs trägt Laertes Ophelias Musik in sich. Er sitzt am Klavier, kann aber nicht spielen: Er schlägt nur kurz auf die Tasten, die keine Töne erzeugen. Die Melodie wird erst explodieren, wenn die Schauspieler am Hof ankommen und den Wahnsinn mit sich bringen, der nicht nur Ophelia, sondern alle befällt. Während sich der Wahnsinn ausbreitet, fallen die Noten wie Regentropfen.

   Antonio Latellas Hamlet – Gewinner des 2021 Ubu-Preises für "Beste Produktion" – ist ein absolutes Theatererlebnis. Die höchst originelle, texttreue und zugleich erhellend-visionäre Neuinterpretation von Shakespeares Meisterwerk wird zu einer tiefgründigen kognitiven Erfahrung, an die man sich lange und gerne zurückerinnert.

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